20.09.2007

Und, was denkst du?

Ein ganz gewöhnlicher Vormittag, eine bizarre Begegnung im Zug und ein gewaltiger Rausch der Liebe. Drei unfassbar realistische Kurzgeschichten von Volker Strübing

Mein neues Leben

Es war der vierte Morgen des Programms »Neues Leben«. Schluss mit dem Rumsumpfen!, hatte ich vor ein paar Tagen beschlossen. Schluss damit, um drei betrunken ins Bett zu gehen, den halben Tag zu verschlafen und den anderen halben Tag aus verquollenen Augen verständnislos in die Gegend zu gucken. Von nun an würde ich jeden Tag spätestens um neun aufstehen und aktiv in den Tag starten.

Die ersten drei Tage waren die Hölle gewesen. Ich hatte es noch nicht geschafft, Bettgehzeit und Alkoholkonsum meinem neuen Leben anzupassen. Und in dieser Nacht hatte ich zu allem Überfluss kaum ein Auge zugetan. Erst hatten sich zwei Betrunkene vor meinem Parterre-Fenster geprügelt, ein Spektakel, das ein­schließ­lich Polizeieinsatz und dem Versuch, die Schuldfrage zu klären, 90 Minuten in Anspruch nahm, dann hatten mich Alpträume vom Schlaf abgehalten.

Und jetzt, mein Hirn hatte endlich ein nettes Thema gefunden, um davon zu träumen, riss mich der Radiowecker mit einer dieser hysterischen Morgensendungen aus dem Schlaf, bei denen man nicht erwacht und denkt: »Scheiße, jetzt muss ich aufstehen«, sondern »Scheiße, jetzt muss ich aufstehen und Amok laufen!«

Der Radiowecker war das wichtigste Instrument der Aktion Neues Leben. Wenn ich ihn voll aufdrehte und in der gegenüberliegenden Zimmerecke deponierte, konnte ich unmöglich im Bett bleiben!

Was für ein schrecklicher Morgen. Ich war müde, verschwitzt, hatte Kopfschmerzen, und der Moderator kreischte mich an, dass ich bei ihm richtig sei und mich gefälligst über den nächsten größten Hit aus den siebziger, achtziger und neunziger Jahren und das Beste von heute freuen solle.

Nackt robbte ich durchs Zimmer und langte mit der Hand nach dem gerätgewordenen Morgengrauen. Das Gequake verstummte. Besser fühlte ich mich nicht.

Misstrauisch betrachtete ich den Radiowecker. Kein Wunder, dass mein Kopf weh tat und ich die ganze Nacht unter Alpträumen gelitten hatte: Man musste sich nur mal überlegen, dass dieses Ding die schreckliche Musik und die gute Laune des geistesgestörten Ansagers quasi aus der Luft destillierte. Aus der Luft, die mich umgab, die ich die ganze Nacht eingeatmet hatte, die ich auch jetzt noch einatmete! Aber erst ein­mal musste ich richtig wach werden, dann konnte ich weiter darüber nachdenken.

Ich schlurfte in die Küche, setzte Kaffeewasser auf, dann schleppte ich mich gähnend und ächzend ins Bad, um die Zähne zu putzen.

Die Zahnpasta war alle. Richtig alle. Ich quetsch­te und rollte und fluchte, doch nicht das winzigste Fitzelchen kam mehr aus der Tube. Das war unmöglich! Einen kleinen Rest kriegte man immer raus! Ich wickelte die Tube um die Zahnbürste und versuchte, mit der Faust noch etwas herauszuquetschen. Alles vergeblich. Das hatte ich noch nie erlebt. Eine Katastrophe!

Sind – von einer höheren Warte aus betrachtet – leere Zahnpastatuben nicht eine erschreckende Allegorie auf die Endlichkeit des Lebens, ein Vorbote des Todes? Die unansehnliche, sinn­lose Hülle, die zurückbleibt, wenn Seele oder Zahncreme herausgequetscht wurden … Ich hauchte mir vorsichtig in die hohle Hand und verzog angewidert das Gesicht. Roch das vielleicht nicht nach Verwesung? Und kam dieser Geruch nicht direkt aus meinem Kopf? Und das am frühen Morgen, wo ich mich doch eigentlich wieder ganz dem Leben zuwenden sollte …

Na gut, mit dem Mundgully würde ich erst mal leben müssen. Ich ging zur Wanne, um mir Wasser einzulassen, so viel Zeit musste sein, denn nichts ging über ein heißes Bad und einen Kaffee, um einen verkorksten Morgen zu retten.

Ich drehte die Hähne auf, doch es kam nur kaltes Wasser. Ich blickte ungläubig zum Boiler, der über der Wanne hing. Der Boiler war aus. Häh? Wieso war denn jetzt der Boiler aus? Der war doch nie aus! Der war doch immer auf volle Pulle! Tag und Nacht warteten 80 Liter kochend heißes Trinkwasser darauf, meinen Körper zu reinigen.

Ach nein … Ich hatte ja beschlossen, das ausgedehnte Morgenbad durch eine kalte Dusche zu ersetzen, und den Boiler abgeschaltet, um nicht in Versuchung zu geraten. Das Resultat war, dass ich die Hygiene in den letzten drei Tagen stark vernachlässigt hatte. Jetzt roch ich so, dass ich am liebsten einen großen Bogen um mich selbst gemacht hätte.

Trotzdem: Kalt duschen kam nicht in Frage. Nicht wo’s mir schon so schlecht ging! Aber ich konnte den kleinen, schnell heizenden Boiler in der Küche benutzen und mich am Waschbecken waschen. Nur einen Lappen würde ich improvisieren müssen. Der Geschirrlappen lag steif und stinkend neben dem Becken, und einen Handwaschlappen besaß ich nicht. Ich ging zurück ins Schlafzimmer und nahm ein frisches T-Shirt aus der Wäschetruhe. Nein, das war zu schade, das hatte 20 Euro gekostet. Außerdem stand in großen freundlichen Buchstaben »I AM O.K.!« darauf. So, wie der Tag begonnen hatte, würde ich es wohl nachher zur Selbstsugges­tion anziehen müssen. Aber hier, der olle schwar­ze Baumwollschlüpfer, den mochte ich sowieso nicht, der würde einen prima Lappen abgeben.

Inzwischen kochte das Wasser auf dem Herd. Prima. Ich pfefferte den Schlüpfer ins dunkelbraune Spülbecken und suchte nach einer sauberen Tasse. Das war eher so eine Art Ritual, denn soweit ich mich erinnern konnte, hatte ich noch nie eine gefunden. Überall standen Tas­sen herum, in denen Kaffeesatz vor sich hinschimmelte. Ich entschied mich für eine der frischeren, in denen sich noch einzelne Schimmel­inselchen befanden statt einem einzigen, gut entwickelten Teppich. Für eine Tasse also, bei der ich noch aus dem Kaffeesatz lesen und nicht schon mit ihm diskutieren konnte. Heißes Wasser rein und einen Schuss Spülmittel, und ab mit der Brühe ins Waschbecken – Scheiße! – Da lag ja noch die schwarze Unterhose drin!

Verärgert spülte ich den Schlüpfer unter fließendem Wasser ab, holte mein Duschbad aus dem Bad, drückte einen ordentlichen Flatsch in den Slip und seifte mir beherzt Brust, Bauch, Achseln und Schritt ein.

Dann schaute ich verwundert auf die Duschbadflasche. Da stand »Creme Shower. Extra zart«. Von Peeling kein Wort. Ich blickte an mir herunter und sah viele kleine schwarze Punkte auf meinem Körper. Aber ich hatte den Schlüpfer doch ausgespült!!!

Ich untersuchte das Unterwäschestück und stellte fest, dass es wesentlich mehr Geduld erfordert hätte, einen rauen, mit Eingriff versehenen Schlüpfer von Kaffeesatz zu befreien, als ich aufgebracht hatte. Resigniert schmiss ich ihn in eine Ecke und holte mir einen neuen aus der Wäschetruhe. Mit wutverzerrtem Gesicht friemelte ich die zahllosen Kaffeeflöhe aus Achsel- und Schamhaar.

Als ich endlich das Duschbad in den neuen Schlüpfer drückte, verdunkelte sich die Küche. Verwundert schaute ich zum Fenster, an das die alte Frau Schlibrowski aus dem Nachbarhaus ihre Nase drückte, die Augen entsetzt aufgerissen, dabei das von der Seite einfallende Sonnenlicht mit beiden Händen abschirmend. Parterrewohnungen bringen gewisse Nachteile mit sich.

Ich warf den Schlüpfer ins Waschbecken zurück, streckte der Alten die Zunge raus und floh in mein Zimmer, wo die Rollos noch unten waren. Okay, ich gab auf. Ich hatte es probiert, aber jetzt gab ich auf. Ich würde mich anziehen und stinken.

Als erstes zog ich das T-Shirt über, dessen »I AM O.K.!« mir jetzt sehr hämisch vorkam. Dann wühlte ich mich auf der Suche nach einem trockenen Schlüpfer einmal durch die komplette Wäschetruhe. Ich fand keinen. Die beiden Schlüp­­fer, die ich zum Waschen verwendet hatte, waren die letzten sauberen gewesen.

Meine Fähigkeit, mich zu ärgern, war so gut wie aufgebraucht. Ich zuckte mit den Achseln, stieg direkt in meine Jeans, zog den Reißverschluss hoch und brüllte auf.

Der Schmerz war unvorstellbar: Zwischen den Zähnen des Reißverschlusses, der sich keinen Millimeter mehr nach oben oder unten bewegte, hing ein Stück Haut, welches üppig mit klitze­klitzekleinen, empfindlichen Nervenenden aus­gestattet war, eine Tatsache, aus der ich bei anderer Gelegenheit schon einiges Vergnügen geschöpft hatte; Vergnügen, das ich jetzt mit Zinseszins zurückzahlte. Plus Vorauszahlung für die nächsten zehn Jahre.

Ganz sachte, ganz vorsichtig zuppelte ich am Reißverschluss herum. Jetzt nur nichts falsch machen, dachte ich, nur keine unüberlegten Be­wegungen.

»GUTEN MORGEN MIT DEN GRÖSSTEN HITS DER SIEBZIGER, ACHTZIGER UND NEUNZIGER JAHRE UND BESTEN VON HEUTE!« brüllte mich in diesem Moment jemand von der Seite an. Ich zuckte zusammen und riss den Reißverschluss bis zum Anschlag hoch. Blut spritzte. »Ein Gruß von uns an alle Morgenmuffel. Das nächste Lied wird ihre schlechte Laune bestimmt vertreiben!«

Ich hatte vorhin nur die Snooze-Taste des Weckers erwischt und gerade waren die zehn Minuten Schlummerzeit abgelaufen. Wimmernd trat ich nach dem Folterinstrument, ein Stück der Plastikverkleidung platzte ab und bohrte sich in meinen Fuß.

»Bumm, bumm, bumm«, hämte eine Rummelrave-Bassdrum. Und eine Mädchenstimme trällerte: »Gimme your dick, cause I’m horny.« Ich hob den schwarzen Kasten auf und versuchte, ihn gegen die Wand zu schleudern, aber ein scharfes hervorstehendes Stück der gebrochenen Verkleidung verfing sich in meinem T-Shirt und riss es in Brusthöhe auf zehn Zentimeter Länge auf, dann fiel es mir aus der Hand und direkt auf meinen gemarterten Fuß.

Aber wenigstens hatte ich dabei den Stecker aus der Wand gerissen – das Grauen verstummte. Stöhnend schleppte ich mich zum Spiegel und öffnete vorsichtig die Hose, um die Verheerungen zu betrachten. Doch mein Blick blieb an meinem T-Shirt hängen. Das gesplitterte, scharf­­kantige Gehäuse des Radioweckers hatte einen Buchstaben zerfetzt. Statt »I AM O.K.!« stand da nur noch »AM O.K.!«

Ich wusste, was ich zu tun hatte.

Zwei Stunden bis Frankfurt

Sie erzählte gerade von ihrem Auslandssemester in Amerika, als die Tür des Abteils aufgerissen wurde. Sie brach mitten im Satz ab, blickte auf und erstarrte für einen Moment. Dann kippte sie den Kopf ruckartig nach unten und schaute auf den Boden.

»Ist hier noch frei?« fragte der Mann in der Tür und zeigte mit einer Hand, die in einem weißen Handschuh steckte, auf den Platz neben mir.

»Ja«, sagte ich und nahm meine Zeitung vom Sitz. Er wuchtete einen Rucksack auf die Gepäckablage und setzte sich. Ich gab die Armlehne frei und rutschte ein kleines Stück von ihm ab.

»Ist nicht ansteckend«, sagte er. Ich erschrak: »Nein nein, ich wollte doch nur … «

»Schon gut.«

Die ältere Frau am Fenster starrte angestrengt in den trüben Novembertag hinaus. In ihren Händen hielt sie das Stullenpaket, das sie gerade erst hervorgeholt hatte. Ihr Mann, ein streng wirkender Glatzkopf mit grauer Strickjacke und einer braunen Stoffhose, räusperte sich und griff nach der Zeitung auf der kleinen Ablage unter dem Fenster. Die junge Frau mir gegenüber, mit der ich nach einer guten Stunde Zugfahrt endlich ins Gespräch gekommen war, nahm ihr Buch wieder zur Hand und suchte nach der Stelle, an der ich sie vor gut 20 Minuten unterbrochen hatte. Mit der Hand strich sie sich ihre schwarzen Haare ins Gesicht.

Der neue Fahrgast blickte uns der Reihe nach an. Ich lächelte unsicher, die anderen taten, als hätten sie seinen Blick nicht bemerkt. Schließlich sagte er: »Es tut mir leid. Ich weiß, dass Sie sich unwohl fühlen. Soll ich wieder gehen?« Das letzte fragte er mit einer gewissen Schärfe. Der Mann am Fenster murmelte etwas und schüttelte verneinend den Kopf, ohne den Frage­steller anzusehen.

»Nein, nein«, sagten die junge Frau und ich wie aus einem Munde. »Selbstverständlich nicht«, setzte ich hinzu und ärgerte mich sofort darüber.

»Selbstverständlich?! Aus dem Nachbarabteil musste ich fliehen, weil ein kleines Kind einen Weinkrampf bekommen hat!« Er lachte bitter auf.

Ich konnte das Kind gut verstehen. Es würde heute Nacht sicher Alpträume haben. Das Gesicht des Mannes war schrecklich entstellt. Verbrannt wahrscheinlich. Die Haut war von großen Narben durchzogen, an einigen Stellen schien das Gesicht aufgebläht, an anderen wie mumifiziert. Seinem rechten Ohr fehlte das Ohrläppchen, die Nase sah aus, als hätte jemand die Spitze abgebissen. Er hatte keine Augenbrauen. Seine Haare waren offensichtlich eine Perücke.

»Keine Sorge. Ich weiß genau, was Sie denken. Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als dass ich schnell aussteigen möge; Sie sind hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Abscheu, zwischen Faszination und Grauen. Es ist nicht meine Absicht, jemanden in Bedrängnis zu bringen. Aber ich habe keine Lust, mich die ganze Zeit zu verstecken und die zwei Stunden bis Frankfurt im Klo zu verbringen.«

»Äh ja, natürlich nicht«, sagte ich leise und dachte: Oh Gott … zwei Stunden!

»Aber Sie können sich natürlich gerne ein anderes Abteil suchen«, fuhr er fort. »Ich könnte es Ihnen nicht verdenken.«

»Nein, alles okay«, sagte die junge Frau, blickte ihn kurz an, heftete ihren Blick einen Moment auf mich und schließlich wieder auf ihr Buch. Die Frau am Fenster packte die Stullen wieder ein. Ihr Ehemann hob sich die Bild-Zeitung vor das Gesicht und begann, sie zum zweiten Mal zu lesen.

Die nächsten Minuten vergingen schweigend. Ich drehte den Kopf zum Fenster. Was für eine deprimierende Gegend. Kahle Felder, vereinzelte Gehöfte, ab und zu ein hässliches Gewerbegebiet. Nieselregen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass die junge Frau Probleme hatte, sich auf ihr Buch zu konzentrieren. Immer wieder huschte ihr Blick für einen Moment zu meinem Sitznachbarn. Sie hatte seit wenigstens drei Minuten nicht mehr umgeblättert.

»Entschuldigen Sie«, sagte der Verbrannte. »Star­ren Sie mich nur in aller Ruhe an, das macht mir schon lange nichts mehr aus.«

Sie zuckte zusammen. »Aber nein! Ich will Sie doch gar nicht anstarren.«

»Natürlich wollen Sie das nicht, aber Sie müssen. Sie können gar nicht anders. Das Grauen fasziniert nun einmal.«

»Nein, wirklich … «

»Ach, hören Sie auf! Sie wünschten, ich hätte dieses Abteil nie betreten, aber jetzt, da ich es getan habe, bringt Sie die Neugier und die Lust an der Sensation fast um.«

»Bitte, Sie missverstehen … «

»Sie brauchen sich nicht zu schämen, glauben Sie mir. Das geht allen so.«

Ich schaute ihn von der Seite an und meinte, ein freundliches, leicht spöttisches Lächeln in seinem verwüsteten Gesicht zu sehen. Er beugte sich ein Stück vor. »Ich mache Ihnen ein Angebot: Sie starren mich nach Herzenslust an, studieren jede Narbe, meine zerfransten Ohren, die deformierte Nase, und dafür darf ich Sie ebenso betrachten, mich an Ihrem hübschen Mund, der niedlichen Nase, den schönen Augen erfreuen. Wissen Sie, es gibt nicht viel Schönheit in meinem Leben.«

Die Frau rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her. »Bitte, ich kann es nicht leiden, angeschaut zu werden.«

Sie log. Ich hatte sie vorhin die ganze Zeit beobachtet, bis sie aufgeblickt und mich angelächelt hatte.

»Ach was, Sie können es nur nicht leiden, von einer grauenhaften Fratze angeschaut zu werden. Sie würden mich gerne begaffen, aber in Ruhe, ohne dass ich Ihnen in die Augen schauen kann, so ist es doch, oder?«

»Nein, hören Sie auf. Bitte.«

Ich räusperte mich. »Äh, Entschuldigung, verstehen Sie das nicht falsch, aber ich glaube, Sie gehen da ein bisschen zu weit.« Meine Einmischung brachte mir einen dankbaren Blick des Mädchens ein.

»Jaja, ich weiß. Ich bin schon zu weit gegangen, als ich überhaupt das Haus verlassen habe und unter Menschen gegangen bin.« Er ließ sich in seinem Sitz zurückfallen und stieß mit einem Keuchen den Atem aus. »Ich bin unzumutbar, ein öffentliches Ärgernis. Ich sollte in einem dunk­len Raum leben, bis ich endlich sterbe, nicht wahr?«

Bevor ich etwas entgegnen konnte, meldete sich der Mann am Fenster zu Wort: »Also hören Sie mal, lassen Sie doch mal diese jungen Leute in Ruhe. Die haben Ihnen doch überhaupt nichts getan.«

»Nichts getan! Niemand hat mir etwas getan, natürlich nicht; all die Leute, die mich verhohlen anstarren und dann schnell weg­gucken und vor mir fliehen, haben nichts getan. Meine Freunde haben nichts getan, sich nur von mir zurückgezogen, niemand hat mir was getan!«

Ich versuchte, die Situation zu entschärfen. »Bitte beruhigen Sie sich doch, ich denke, es tut uns allen aufrichtig leid, was Ihnen passiert ist. Und« – ich hob die Hände – »bitte entschuldigen Sie, wenn wir nicht so richtig wissen, wie wir uns Ihnen gegenüber verhalten sollen.«

Er atmete tief ein und antwortete beim Ausatmen – ein einziger langer Seufzer: »Äh ja, natürlich, bitte verzeihen Sie.«

Es herrschte wieder Schweigen, ein unangenehmes Schweigen. Die junge Frau hielt ihr Buch auf dem Schoß und schaute nun ebenfalls aus dem Fenster. Nach ein paar Minuten sprach ich sie an, sagte, ich wolle einen Kaffee im Zugres­taurant trinken, und fragte sie, ob sie nicht mit­kommen wolle.

»Ja, prima Idee!« sagte sie sofort und lächelte endlich wieder.

»Was dagegen, wenn ich mitkomme?« fragte der entstellte Mann, und ihr Lächeln gefror.

»Nur ein Spaß«, wiegelte er ab und kicherte. »Außer Leute zu erschrecken, gibt es nicht mehr viel, was mir Spaß macht. Im Übrigen wissen Sie doch ganz genau, dass dieser Zug kein Bord­restaurant hat.«

Verdammt, das hatte ich vergessen – oder verdrängt?

»Aber gehen Sie nur. Wie schon gesagt, ich kann verstehen, dass Sie nicht mit einem Mons­ter wie mir das Abteil teilen möchten. Vielleicht wollen Sie ja ein bisschen flirten, und ich habe Ihnen die ganze Stimmung verdorben? Gehen Sie nur, gehen Sie.« Seine Stimme wurde boshaft. »Hoffen Sie nur nicht, dass ich gehe. Ich habe dasselbe Recht, hier zu sitzen, wie Sie!«

»Das bestreitet doch niemand. Ich wollte doch nur einen Kaffee … «

»Heuchler! Hauen Sie doch ab, Sie beide, und Sie da am Fenster am besten auch! Keine Sorge, ich werde Sie nicht vermissen. Ich bin das Allein­sein gewohnt. Können Sie sich eigentlich vorstellen«, wandte er sich an die junge Frau, »wie weh mir Ihr Anblick tut?«

»Bitte … «, flehte sie, doch er ließ nicht von ihr ab. »Seit diesem Unfall hat mich keine Frau mehr geküsst. Und mich wird nie mehr eine küssen.«

»Hören Sie auf …«

»Ich glaube, wir sollten jetzt wirklich das Abteil verlassen«, sagte ich. Sie nickte und klappte ihr Buch zu. Ich stand auf. Der Mann redete unbeirrt weiter. »Einmal habe ich eine Frau kennen gelernt, deren Gesicht war ebenfalls verbrannt – ich habe mich vor ihr geekelt, wie ich es vor meinem Spiegelbild tue. Vor dem Unfall hatte ich einigen Erfolg bei Frauen. Garantiert mehr als der da.« Er wies mit seiner behandschuhten Hand auf mich. »Vor zwei Jahren hätten Sie mich vielleicht sogar geküsst, aber jetzt wird Ihnen übel bei dem Gedanken. Und ich würde Sie doch trotzdem gerne küssen, meine Zunge in Ihren Mund stecken, Ihre Brüste berühren, nichts anderes als das, woran dieser Typ die ganze Zeit denkt!«

Die Frau hatte gerade nach ihrem Koffer in der Gepäckablage gegriffen, doch nun ließ sie ihn los, hielt sich die Ohren zu und schluchzte. Ich hatte mich ebenfalls erhoben, stand dumm da und wusste nicht, was ich tun sollte. Nur ein hilfloses »Nana, also … « brachte ich hervor.

»Wissen Sie, wie oft ich davon träume, dass jemand wie Sie mich berührt und … «

In diesem Moment sprang die Frau am Fenster auf und brüllte: »Hören Sie auf, Sie Monster, ich wünschte, Sie wären tot, tot, tot! Das wäre das Beste, auch für Sie. Gehen Sie weg, lassen Sie uns in Ruhe, ich will Sie nicht sehen, ich will Sie nicht hören, ich hasse, wie Sie aussehen und was Sie sagen, ich hasse SIE! Gehen Sie weg, gehen Sie einfach nur weg!«

Sie stand vor dem Fenster, zitternd, die Hände zu Fäusten geballt, eine Frau Ende fünfzig, übergewichtig, in einer geschmacklosen bunten Bluse, Tränen in den Augen. Ihr Mann starrte sie mit offenem Mund an.

Der Verbrannte lächelte. »Kompliment, meine Dame. Wenigstens eine ehrliche Person in diesem Zug.«

Dann stand er auf, holte seinen Rucksack herunter und verließ wortlos das Abteil.

»Naja, das war vielleicht ein bisschen hart«, sagte ich leise. »Ich meine, das kann man doch nicht … « Ich erschrak über meine Scheinheiligkeit und brach ab. Dann sagte ich »Danke« und blickte zu Boden.

Der Rest der Fahrt verlief in Schweigen. In Frankfurt verabschiedete ich mich von der jungen Frau.

»Tschüss«, sagte ich.

»Tschüss«, antwortete sie, drehte sich um und ging. Ich blickte ihr nach. Als sie etwa zehn Meter entfernt war, rannte ich ihr hinterher. »Entschuldige, weißt du, ich kenne mich hier nicht aus. Vielleicht hättest du ja Lust, mir heute Abend oder morgen die Stadt zu zeigen?«

Sie schaute mich an und schüttelte den Kopf. »Lieber nicht. Mach’s gut.«

»Schon okay. Mach’s gut.«

Die große Mauerparkorgie

Roman hasste den Mauerpark. Und dennoch saß er jetzt hier und war glücklich. Er wartete auf sie. Vor vier Tagen hatte er sich endlich ge­traut, sie anzusprechen und auf einen Kaffee einzuladen, und als sie daraufhin vorschlug, sich bei schönem Wetter doch im Mauerpark zu treffen, war er viel zu sehr mit seinem Herzklopfen und ihrem scheuen Lächeln beschäftigt, als dass er sie darauf hätte hinweisen wollen, dass selbst sein Hinterhof attraktiver war als dieser mistige Fleck zwischen Mitte und Wedding, den jeder verantwortungsbewusste Städteplaner sofort mit acht Millionen Quadratmetern leerstehender Bürofläche zugepflastert und verschönert hätte. Mit ihr hätte er sich sogar auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof oder bei Nordsee in den Schönhauser-Allee-Arcaden getroffen.

Bereits eine Viertelstunde vor der verabredeten Zeit fand Roman sich am Treffpunkt ein; irgendwo in der Nähe der Schaukeln wollten sie sich treffen, so war es vereinbart.

Die Abendsonne wärmte angenehm, und der Park war gerammelt voll. Überall saßen Grüppchen junger Menschen auf dem niedergetrampelten, vollgekackten Rasen des künstlichen Ab­hangs und starrten auf ein Materiallager, einen Schrottplatz und ein paar triste Weddinger Neubaublocks. An den Mauerresten, hinter denen bedrohlich die Flutlichtmasten des Sport­sta­dions aufragten, klackerten ein paar Kids mit ihren Spraydosen und übersprühten die Graffiti von gestern mit neuen Scheußlichkeiten. Erwachsene Frauen schaukelten ausgelassen wie Kleinkinder, während Männer mit gepflegten Dreitage-Bärten versuchten, ihnen am höchsten Punkt der Flugbahn unter den Rock zu fotografieren – mit einer Spiegelreflexkamera und im Schwarzweißmodus; man war schließlich kreativ und machte was mit Me­dien.

Die Wege waren betoniert, und die paar mickrigen Bäumchen überragten kaum die Krücken, an denen sie festgebunden waren. Doch kein Platz konnte so trostlos sein, dass er Romans romantische Gefühle gedämpft hätte.

Er fand ein freies Fleckchen zwischen einer Gruppe Hunde, die ihre Punks dabei hatten, und ein paar erregt schnatternden Studenten, die den ersten Joint des Abends kreisen ließen. Nur wenige Meter weiter malträtierte ein Langhaari­ger eine Gitarre, jemand anders ließ alle an seinen Telefongesprächen teilhaben, eine Gruppe Bauarbeiter kloppte zum Feierabend eine Runde Skat, und die Selbsthilfegruppe »Pubertät« eines nahe gelegenen Gymnasiums diskutierte laut die großen Fragen des Seins sowie die körperlichen Vorzüge oder Nachteile der gerade nicht anwesenden Mitglieder. Untermalt wurde der Lärm von einem Dutzend Trommler, die am Fuße des Hanges mit mäßigem Erfolg versuchten, sich auf ein gemeinsames Tempo zu einigen.

Trotz dieser Kakophonie hörte Roman das liebliche Gezwitscher eines Vogels. Seine Sinne waren für schöne Dinge sensibilisiert, und er erfreute sich am Widerschein der roten Sonne auf der Alufolie eines liegen gebliebenen Joghur­t­bechers.

Als sie endlich kam, waren all die Worte, die er sich zurechtgelegt hatte, vergessen. Er wurde rot, kicherte blödsinnig, stammelte einige Belanglosigkeiten über das tolle Wetter und fuchtelte hilflos mit den Armen. Zum Glück schien es ihr ähnlich zu gehen.

Sie setzten sich nebeneinander ins Gras, und Roman öffnete die mitgebrachte Flasche Rotwein. Er hatte sogar an Becher gedacht. Beim Einschenken wehte ihm ein klitzekleiner Windhauch ihren Duft in die Nase. Fast hätte er daraufhin die Flasche weggestellt und sich auf sie gestürzt. Das wäre doch mal was, dachte er, wenn wir gleich hier und jetzt … was für ein Auf­takt! Nicht wieder eine dieser »Gehen wir zu dir oder zu mir«-Bumsereien. Er erinnerte sich noch gut an die erste Nacht mit seiner Ex: Ken­nen­lernen in einer Bar, viel Caipirinha und schließlich ein enttäuschender, besoffener Absturz in seinem Bett.

Das Schönste war noch der erste Kuss gewesen oder eigentlich sogar die Minuten vor dem ersten Kuss, als er den Lärm in der Bar zum Anlass genommen hatte, sich ganz dicht an ihr Ohr zu beugen. Ihr Haar hatte seinen Hals berührt, ihr Atem seinen Nacken gestreift. Mit win­zigen Bewegungen waren sie sich näher gekom­men, Unsinn plappernd hatten sie den Duft des anderen und die erregende Gewissheit genossen, dass sie nur noch ein paar Millimeter und Sekunden davon entfernt waren, das erste Mal wie unabsichtlich ihre Wangen aneinanderzulegen.

Wie schön es gewesen wäre, diesen Moment endlos auszudehnen. Aber irgendwann waren sie sich um den Hals gefallen, hatten sich geküsst, die letzten Hemmungen ertränkt und ein Taxi zu ihm genommen.

Dort hatte er noch eine Flasche Wein geöffnet, und schließlich hatten sie nackt nebeneinander gelegen und sich irgendwie begrabbelt, hier ein bisschen gedrückt, dort ein bisschen gerubbelt, bis er schließlich ein paar Minuten auf ihr herumgezappelt war. Bevor er nach Männersitte schnarchend in Tiefschlaf fallen konnte, hatte sie ihm dann auch noch die Frage gestellt. Die Frage, mit der sich Frauen für die Jahrtausende rächen, in denen Männer sie mit ihrem »Und, wie war ich?« genervt haben. Roman hatte das nie gefragt – obwohl es ihn natürlich interessierte –, und trotzdem musste er büßen: »Und, was denkst du?« hatte sie gefragt und Roman hatte laut aufgestöhnt und sich mit einem vernuschelten »Und, wie war ich?« auf die Seite gedreht.

Irgendwie waren sie dann doch drei Jahre zusammen geblieben. Es war eine schöne Zeit gewesen, auch der Sex hatte irgendwann geklappt. Aber der Zauber des ersten Treffens war nach dessen banalem Ende für immer verflogen.

Das sollte ihm nie wieder passieren.

»Ach, ist das schön!« seufzte die Frau neben ihm und holte ihn in die verheißungsvolle Gegenwart zurück. Sie ließ sich auf den Rücken fal­len. Ihr kleiner Rucksack zwang sie zu einem Hohlkreuz und ihre Brüste zeichneten sich deut­lich unter ihrem T-Shirt ab. Roman konnte sich quälend genau vorstellen, wie es wäre, jetzt die Hand auszustrecken und darauf zu legen.

Er musste sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um sie zu verführen, kein banales, besoffenes Rumgemache diesmal! Lieber wollte er sie gar nicht berühren, sondern diese Spannung auskosten, dieses Begehren, bis es ihn schließlich auf traumhafte Art verrückt machen würde. Er legte sich auf die Seite, stützte seinen Kopf auf die linke Hand und steckte die rechte in die Hosentasche, damit sie nicht auf dumme Gedanken kam.

Er sah sie jetzt im Profil. Sie plapperte vor sich hin, nichts Wichtiges, Roman hoffte, dass sie bloß ihre eigene Verlegenheit und Erregung über­spielen wollte. Er beschränkte sich auf ein paar gelegentliche Einwürfe und beobachtete dabei fasziniert, wie sich ihre glänzenden Lippen bewegten …

Was für eine absurde Idee, sich zurückzuhalten. Das konnte er vergessen. Er musste sie berühren, sie küssen, mit ihr schlafen. Heute noch. Ihm fiel der Gedanke von vorhin wieder ein, dass er sie gleich hier und jetzt, vor aller Augen …

Ohne, dass es ihm bewusst geworden war, hatte er die Hand aus der Hosentasche genommen und langsam über den Rasen geschoben. Als seine Fingerspitzen ihre Hand berührten, zuckte Roman wie von einem Stromschlag getroffen zusammen und zog seine Hand erschro­cken zurück. Bloß um sie gleich wieder auszustrecken. Forscher diesmal, besitzergreifend. Er griff nach ihrer Hand, und sie schloss leise seuf­zend die Augen und drückte ihren Oberkörper nach oben.

Roman wälzte sich direkt neben sie und legte seine Hand auf ihren Bauch. Langsam ließ er sie nach oben krabbeln, bis seine Fingerspitzen sanft an die Rundung ihrer Brüste stießen. Sie keuchte und warf ihren Kopf zur Seite, ihr Gesicht war verzerrt; Roman hielt noch einmal inne, doch sie flüsterte: »Nicht aufhören!« und er steckte zwei Finger zwischen die Knöpfe ihrer Bluse und berührte ihren glühenden Leib. Mit der anderen Hand umfasste er ihren Kopf und drehte ihn ruckartig zu sich. Sich aufbäumend, hob sie ihm ihre offenen Lippen entgegen. Bevor er seine Zunge tief in ihren Rachen stieß, fuhr er mit ihr einmal um ihren Mund und drückte einen kurzen, feuchten Kuss auf ihre Kehle. Mit einem Plopp! sprang ein Knopf von ihrer Bluse, seine ganze Hand rutschte durch die Öffnung und umfasste ihren Oberkörper. Den anderen Arm schob er unter ihrem Kopf durch, dann drehte er sie auf die Seite, so dass ihr Po sich an seinen pochenden Unterleib schmieg­te (3). Romans Hände legten sich um ihre Brüste. Durch den dünnen Stoff ihres Oberteils spürte er ihre harten Brustwarzen. Mit einem Ruck riss er die Bluse auseinander. Als sie aufschrie, biss er ihr zärtlich in den Nacken, seine rechte Hand legte sich auf ihren Schritt. Sie presste ihren Hintern noch stärker gegen ihn und begann zu keuchen. Dann drehte sie sich abrupt um und warf Roman auf den Rücken. Mit einem Satz war sie über ihm, zog sein T-Shirt aus dem Hosenbund und schob es nach oben. Ungestüm drang ihre Zunge in seinen Mund, ihre Fingernägel verkrallten sich in seinen Hüften. Sie rutschte tiefer, küsste seine Brust, liebkoste mit der Zunge seinen Bauch, dann seinen Bauchnabel … Roman schloss die Augen und zitterte. Dann riss sie ihm die Hose auf und zog sie bis zu seinen Knien herunter.

In diesem Moment fiel ihm wieder ein, wo er sich befand, und er schrak auf wie aus einem Traum.

Sie sah ihn lächelnd an und sagte: »Hey, hab’ keine Angst, schau dich mal um!«

Roman drehte ängstlich den Kopf und erblickte ein undurchdringliches Wirrwarr von ineinan­der verknäuelten nackten Körpern. Jeder bumste mit jedem. Kleinigkeiten wie Alter und Geschlecht spielten keine Rolle mehr. Der Typ mit dem Handy kniete auf dem Boden und liebkoste den Schritt einer nackt vor ihm stehenden Frau, während einer der Punks ihm von hinten den Hosenstall öffnete. Zwei Trommlerinnen lagen Bauch an Bauch im Staub und küssten sich stürmisch, zwei Gymnasiasten versuchten gar nicht erst, den beiden so herausfordernd dar­gebotenen Hintern zu widerstehen. Streifenpolizisten verteilten Kondome, bevor sie sich gegenseitig die Uniformen aufknöpften. Die Bau­arbeiter gestanden sich endlich ihre Liebe ein und fielen jauchzend übereinander her. Auf einer Bank, ein paar Meter weiter, entdeckte ein mindestens achtzigjähriges Pärchen, dass es noch längst nicht zu alt für die Liebe war. Der Mann mit der Gitarre masturbierte versonnen lächelnd in Richtung der untergehenden Sonne.

»Siehst du das? Dein Begehren hat alle angesteckt. Du hast sie mit deiner Lust zurück ins Paradies geführt und ihnen die Unschuld wieder­gegeben. Das hier ist das Werk deiner Leidenschaft!«

Sie setzte sich jauchzend auf ihn und begann, ihn zu reiten wie einen starken, wilden Stier, und nach einer halben Stunde oder so kamen sie beide gleichzeitig und mit ihnen alle um sie herum, und Roman war das Epizentrum einer gewaltigen Explosion der Lust, die in ganz Berlin Herzen in tiefer, unerklärlicher Liebe entflammen ließ. Und noch mehr als tausend Kilo­meter entfernt kam es zu plötzlichen Verbrüderungen und verwirrenden Erektionen, und am nächsten Tag mussten viele Bettlaken gewaschen werden.

Die Menschen im Mauerpark aber trugen Roman auf ihren Händen in das große Sportstadion, dessen Ränge sich bis auf den letzten Platz mit glücklichen, nackten Anwohnern gefüllt hatten.

»Und, wie war er?« rief seine Geliebte, und hundert starke Arme warfen ihn dreimal in die Luft. »Toll! Toll! Toll!« tönte es dazu von den Zuschauerrängen, und ein neues Zeitalter begann, das Zeitalter des wiedergeborenen Eros, dessen schelmische Miene Roman wie aus dem Gesicht geschnitten war.

*

»Und, was denkst du?«

Roman öffnete die Augen. Die Sonne schaute nur noch zur Hälfte über die Weddinger Neubaublocks. Das Mädchen sah ihn fragend an.

»Das fragt man erst hinterher«, brummte er und runzelte die Stirn. Aus der Traum, er war zurück in der Wirklichkeit. Der Gitarrespieler neben ihnen verstümmelte »Don’t look back in anger«.

»Hey, was ist denn los? Soll ich gehen?«

»Nein, nein, tut mir leid, ich war nur etwas abwesend.« Seine Hand in der Hosentasche um­fasste noch immer seinen Schwanz. »Hab’ geträumt«, setzte er leise murmelnd hinzu, dreh­te sich auf den Rücken und blickte zum Himmel, an dem bereits die ersten Sterne standen.

Dann waren die Sterne plötzlich weg, und stattdessen tauchten ihre Augen auf. Die blonden Haare hingen von ihren Schultern herab und berührten fast seine Wangen.

»Wovon denn?«

Roman stockte der Atem. Wenn sie nur einen Zentimeter näher käme, dann … tja, was dann? Gar nichts. Er würde sich schon zusammenreißen. Und nachher würde er mit ihr in irgendeine Kneipe oder Bar gehen, und nach drei oder vier Cocktails würden sie sich entscheiden, ob sie zu ihm oder ihr gehen sollten. So lief das nun mal.

Roman biss sich auf die Lippen. Nein, er war kein Gott der Sinnlichkeit, er war Sozialpädagogikstudent, und niemals würde er Berlins hässlichsten Park in einen Garten der Lüste verwandeln.

Ihre Haarspitzen kitzelten sein Gesicht.

Roman schüttelte verwirrt den Kopf: Was für ein egozentrischer Gedanke! Hier ging es nicht nur um ihn, sondern um das Glück der gesamten Menschheit! Sollte er es da nicht wenigstens auf einen Versuch ankommen lassen?

»Was ist?« fragte sie.

»Küss mich«, sagte er.

(3) Falls der Überblick über die genaue Position der einzelnen Körperteile zwischenzeitlich abhanden kommt: Das geht mir als Autor nicht anders …

Volker Strübing ist Autor, Sänger, Vorleser und Mitbegründer der Berliner Lesebühnen »LSD – Liebe statt Drogen« und »Chaussee der Enthusiasten«. 2005 und 2006 gewann er bei den deutschen Poetry-Slam-Meisterschaften. Er betreibt das Weblog www.schnipselfriedhof.de. Die Geschichten werden abgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Volker Strübing: Ein Ziegelstein für Dörte. Verlag ­Voland & Quist, Dresden 2007. 160 Seiten, 13,90 Euro. Das Buch, dem eine Audio-CD beiliegt, erscheint in zwei Wochen.