Eingreifen, aber nicht belehren!

Die Kritik an den Voraussetzungen der eigenen Kapitalismusanalyse ist die Voraussetzung aller Kritik. Es kommt aber auch darauf an, die Kritik in die Tat umzusetzen. von michael heinrich

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Kapitalismuskritik, die mehr sein will als ein bloß moralisches Verurteilen, kommt ohne Analyse nicht aus. Am unbegriffenen Kapitalismus kann man dessen zerstörerische Folgen lediglich beklagen. Diese Destruktion als eine zu kritisieren, die notwendigerweise mit der kapitalistischen Produktionsweise einhergeht, setzt ein Mindestmaß an Einsicht in das Funktionieren dieser Produktionsweise voraus. Kapitalismus­analyse ist aber keine Angelegenheit, die sich von selbst versteht. Sie kann von recht unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen und ganz verschiede­ne Momente ins Zentrum stellen. Daher kommt man um den Streit über die Art und Weise der jeweiligen Analyse nicht herum. Wer solchen Streit von vornherein als »Seminarmarxismus« de­nun­ziert und den wirklichen »Kämpfen« entgegenstellt, schottet lediglich die eigenen Voraussetzungen und Analysen von jeder kritischen Dis­kussion ab.

Wenn im Dezember in Frankfurt ein Kongress über verschiedene Kapitalismusanalysen dis­ku­tieren und der Frage nachgehen will, was sie für eine emanzipatorische Praxis leisten können, so ist dies zunächst einmal zu begrüßen. Nicht zu begrüßen ist die eingeschränkte Perspektive der Veranstalter, die lediglich »Wertkritik« und »(Post-) Operaismus« einander gegenüberstellen und sie derart unkritisch charakterisieren – die eine setzt an der objektiven, der andere an der subjektiven Seite an –, dass damit nahe gelegt wird, es käme nur darauf an, diese beiden Ansätze richtig zu verbinden.

Das Label »Wertkritik« wurde vor allem von Ro­bert Kurz und der Zeitschrift Krisis benutzt. Die­se Position schließt die Betonung der sachlichen Herrschaft des Werts mit einem fragwür­digen Tech­nikdeterminismus zusammen: Die »mi­kro­elektronische Revolution« führe dazu, dass dem Kapital die »Wertsubstanz« ausgehe. Daher sei die unvermeidliche Zusammenbruchskrise schon in vollem Gange, auch wenn man das nicht so richtig sehen könne, da dieser Zusammenbruch immer wieder durch andere Faktoren verdeckt werde.

Mit »(Post)Operaismus« sind vor allem die an Michael Hardt und Toni Negri anschließenden Strömungen gemeint. Dort ist es nicht die Technik, sondern die nebulöse »Multitude«, welche die Entwicklung des Kapitalismus vorantreibt und am Ende auch den Kommunismus bringen soll. Wobei dieser eigentlich schon da, aber – ganz ähn­lich wie die wertkritische Zusammenbruchs­krise – noch nicht so richtig sichtbar ist.

Beide Richtungen gefallen sich in großen theo­­retischen Würfen, bei denen der analytische Ertrag aber eher begrenzt bleibt. Den eigenen Be­haup­tungen wird die Konfrontation mit der empirischen Wirklichkeit des gegenwärtigen Kapitalismus gerne erspart. Für eine emanzipatorische Praxis sind beide Richtungen nicht sonderlich gut zu gebrauchen, sodass man für den Frankfur­ter Kongress nur hoffen kann, dass die Teilnehmer nicht an der allzu eingeschränkten Perspektive der Veranstalter kleben bleiben.

Dass in der kapitalistischen Gesellschaft Klassen existieren und somit auch Klassenkämpfe stattfinden, ist zwar richtig, aber noch keine besonders tiefschürfende Einsicht. Nur im Deutsch­land der »sozialen Marktwirtschaft« und »nivellierten Mit­telschicht« kann ein solcher Befund in den Verdacht geraten, er sei bereits links. Auch Marx hat keineswegs als erster von »Klassen« und »Klassenkampf« gesprochen. Bürgerliche His­toriker und Ökonomen taten dies lange vor ihm. Dass die Existenz von Klassen nicht der unmittel­bare Ausgangspunkt der Analyse sein kann, muss­te auch Marx erst lernen. Im auch heute noch gern zitierten »Kommunistischen Manifest«, das mit den Klassen und ihrem Kampf anfängt, ist der Autor über die bürgerliche Klassentheorie noch längst nicht hinaus. Nicht zufällig ist aber knapp 20 Jahre später, im »Kapital«, die systematische Behandlung der Klassen erst am Ende des dritten Bandes vorgesehen: Über die Kons­titution der Klassen, über Klassenhandeln, Klassenbewusstsein lässt sich erst sinnvoll reden, wenn die spezifischen Formbestimmungen der kapitalistischen Produktionsweise dargestellt sind.

Im Unterschied zu allen vorkapitalistischen Produktionsweisen sind es nicht persönliche, sondern unpersönliche Herrschaftsverhältnisse, die »sachliche« Herrschaft von Wert und Kapital, welche die Gesellschaft strukturieren. Sie machen das historisch Spezifische der bürgerlichen Gesellschaft aus. Die mit den sachlichen Herrschafts­verhältnissen einhergehenden Fetischformen und Mystifikationen bilden den Hintergrund der spontanen Bewusstseinsformen, sie bilden jene »Religion des Alltagslebens«, die Marx unter dem Titel »Trinitarische Formel« abhandelt, auf die dann erst die systematische Analyse der Klassen folgen soll. Blendet man die Analyse dieser »struk­turellen« Bedingungen aus, dann hat man die kapitalistische Gesellschaft auf das reduziert, was sie mit allen bisherigen Gesellschaften gemeinsam hat, auf Herrschaft und Ausbeutung, hat aber von der Spezifik kapitalistischer Herrschaft und Ausbeutung noch nichts begriffen.

Diese analytische Leerstelle wird gerne durch eine idealisierende Bezugnahme auf die Arbeiter­klasse (oder die Multitude) und ihre Kämpfe gefüllt. Wann immer die Arbeiterklasse kämpft – und das tut sie für den Theoretiker des Klassenkampfs ja eigentlich dauernd, nicht nur beim Streik für höhere Löhne, sondern auch beim Krank­feiern oder bei der Verlangsamung des Arbeitstempos –, ist auch der Weg zum revolu­tionären Bewusstsein nicht mehr weit. Lediglich böse Gewerkschaftsfunktionäre und reformis­tische Parteistrategen bringen die Arbeiterklasse immer wieder von diesem revolutionären Weg ab.

Doch das Problem liegt tiefer. Bereits die Form des Arbeitslohns suggeriert, und zwar sowohl dem Arbeiter wie dem Kapitalisten, es werde der Wert der geleisteten Arbeit bezahlt, sodass sich trefflich über einen »gerechten« Lohn streiten lässt und gesellschaftliche »Gerechtigkeitslücken« festgestellt werden können. Auf der Form des Arbeitslohns »beruhen alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen«, hält Marx im »Kapital« fest.

Diese Rechtsvorstellungen und Freiheitsillusionen bilden den Rahmen, in dem die Klassenkämpfe zunächst einmal stattfinden. Das heißt nicht, dass die gesellschaftlichen Kämpfe auf ewig in diesem Rahmen eingespannt bleiben müssen. Ihn zu überschreiten und »ums Ganze« zu kämpfen, ist möglich und wurde in der Geschichte auch im­mer wieder versucht. Irgendeine Notwendigkeit für eine solche Überschreitung existiert jedoch nicht. Und erst recht gibt es keine Gewähr dafür, dass es nach einer solchen Überschreitung nicht doch wieder zu einer Regression kommt. Die bei vielen Klassenkampf­theoretikern verbreitete Vor­stellung eines bereits existierenden revolutionären Subjekts, dem bloß noch das richtige Bewusst­sein über sich selbst fehlt, das es aber in seinen täglichen Kämpfen mehr oder weniger automatisch gewinnen würde, ist ein schlechter Abklatsch Hegelscher Geschichtsphilosophie.

Wenn Menschen sich mit ihren Lebensverhältnissen auseinandersetzen, wenn sie anfangen, den Zumutungen des Kapitalismus Widerstand entgegenzusetzen, dann sind sie im Allgemeinen auch wissbegierig, dann wollen sie etwas über diese Verhältnisse lernen. Das kann zu einer verkürzten Kapitalismuskritik führen, die in »Heuschrecken« und »Spekulanten« die Ursache allen Übels zu erkennen glaubt. Es kann aber auch zu einem Mehr an Einsicht in die gerade nicht an Personen gebundene kapitalistische Form von Herrschaft und Ausbeutung führen.

Die verschiedenen Gruppen und Grüppchen der radikalen Linken haben häufig die Tendenz, sich vor allem untereinander zu streiten. Inzwischen wäre aber eine Debatte darüber angebracht, wie mit der eigenen Analyse und Kritik des Kapitalismus in gesellschaftliche Kämpfe interveniert werden kann, ohne dabei bloß belehrend aufzutreten, aber auch ohne sich in Idealisierungen dieser Kämpfe zu verlieren oder sich gar irgendwelchen »Bündnispartnern« opportunistisch an die Brust zu werfen.