So genannte Generationen

Die Erfindung der Generation dient dem Individuum dazu, sich über ein historisches Datum selbst zu vergewissern, sei es durch die Romantisierung oder durch die Kritik von 68. von diedrich diederichsen

Anzeige

Das erste 68er-Jubiläum, an das ich mich erinnere, war eine Farbanzeige mit leicht bekleideten jungen Mädchen in Transatlantik im Jahre 1986. Ein im gleichen Verlag erschienenes Männermagazin warb für ein Foto-Special mit den damals 18jährigen »Töchtern von 68«. Lange vor Kraushaar, Cohn-Bendit und Cordt Schnibben hatte die unterste Boulevard-Abteilung sich schon sozusagen das ius primae noctis, das Recht der ersten Nacht, für das Thema gesichert. Es gibt nämlich nichts, was es nicht gibt im Zusammenhang mit 68.

Neulich sah ich ein Theaterstück, das den Geist von 68 erklärtermaßen in Erinnerung bringen wollte und dabei zwei Entscheidungen traf: erstens, 68 ja, aber ohne Politik; zweitens, alle Musik kommt von der typischen 68er-Kapelle ­Simon & Garfunkel. Das wiederum harmonierte mit einer Bemerkung von Friedbert Pflüger, an 68 sei nicht alles schlecht gewesen, z.B. die Musik, z.B. Simon & Garfunkel. Man redet also immer über alles und nichts, wenn man über 68 spricht, und verlässt sich zu Unrecht auf schon mal erreichte Begriffsstände und Personenlisten, wenn man dem Zusammenhang von Kulturrevolte und Politisierung in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern nachgeht und der Frage, was man mit diesen Daten und ihren professionellen Deutern heute anfangen kann.

Früher verlief eine tröstende Objektivierung des individuellen Lebens über die kollektive historische Erfahrung. Meistens Krieg. Etwas, das alle betraf und das auch der Einzelne nicht als nicht einschneidend empfinden konnte. Mein persönlicher Platz in der allgemeinen Geschichte. Nicht schön, aber meiner. Später behalf man sich, indem man das eigene Leben einer Abstraktion einer übergreifenden historischen Entwicklung zuordnete, die man nun nicht unbedingt am eigenen Leibe erlebt hatte, aber deren Symptome man im eigenen Leben wiederfinden konnte: Alles wird teurer, oder: die Röcke werden kürzer, oder: Deutschland ist Weltmeister.

Diese Abstraktionen beißen nicht. Man konnte ja auch immer ohne Probleme auf die Hilfestellungen kultureller Produktionen zurückgreifen, die in Spielfilmen, Romanen und zeittypischer Musik Vorschläge machten, wie man die persönliche Zeitgenossenschaft mit kleinen Erlebnissen und Gewohnheiten der eigenen Biographie ein bisschen emotional austapezieren könnte. Diese Vorschläge hatten aber noch Inhalte. Generationen waren skeptisch, verloren, existenzialistisch, ja sogar politisiert. Oder es gab historische Namen und Jahreszahlen: 68, 77, 89. Schließlich, seit gar nichts mehr machbar zu sein scheint in der Welt, ordnet man sich nur noch dem niedrigsten gemeinsamen Objektivum zu: der Generation als Alterskohorte, die sich dann bescheidenerweise auch nur noch nach vergessenen Fernsehserien oder Automodellen nennt. Das ist dann das biopolitische Stadium. Generations­zugehö­rig­keit ist wieder so von außen verhängt und von Natur und Schicksal verordnet wie früher Krieg und NS.

Dazwischen war 68. 68 war die letzte oder vorletzte Bezeichnung einer kollektiven Prägung, die noch auf Historisches rekurrierte. Die große globale Lockerung nämlich. Ihre verschiedenen Ausgestaltungen und Anlässe samt Berührungspunkten mit großer Politik. Ihre Beschwörung dient wie alle Beschwörungen von Generationen­gemeinsamkeit der schmeichelnden Versicherung, ihre Teilnehmer seien bei etwas Großem dabei gewesen. In Fernsehdokumentationen wie »Unsere 60er Jahre« dürfen sie dann noch Jahr­zehnte später berichten, wie lange es genau gedauert hatte, bis die sexuelle Revolution Dinkelsbühl erreicht hat, wann in Dresden die Beat-Welle anschwappte. Man kann sagen, dass alle diese Konstruktionen helfen sollen, real machtlosen Per­sonen das Gefühl zu geben, nicht ganz ohne Verbindung zur historischen Realität gelebt zu haben. Ob man damit nun die politische Macht­losigkeit meint, die nicht verwirklichte Herrschaft der Leute oder die existenzielle Einsamkeit der Seele in leerer kosmischer Kälte, die sich um mich nicht schert. Geburtstage und andere Jahrestage, die eine Verbindung zwischen meinem nichtigen Ego und der brutalen Gleichgültigkeit der Weltläufe kontrafaktisch anmelden, helfen mir. Da, wo die Zeit war, als ich 20 oder 25 war, ist mein warmes Plätzchen in diesem kalten Kosmos.

Nun ist aber 68 nicht nur ein Datum dieser Art unter anderen, sondern sozusagen der Meta-Geburtstag: Hier erinnern sich nicht nur Leute an die Phase ihres Lebens, als der Hauch des Historischen ihr Dasein durchlüftete, sondern das Datum hat selbst den maximalen Einfluss von Subjekten auf ihr Schicksal zum Inhalt. Die Locke­rung erhebt unter dem Namen der Politisierung nämlich den Anspruch, selbst für ihre historische Bedeutung verantwortlich zu sein, das Ergebnis eigenen autonomen Handelns. Der Befreite und der Befreier wollen, im Gegensatz zu 1945, eine Person gewesen sein. Die Geschichte und das Objektive verfügten nun nicht mehr über uns, sondern wir über sie.

Solange man sich nun noch mehr oder weniger innerhalb dieses Prozesses wähnte, hatte man keinen Grund, diesem Bezugspunkt einen Namen zu geben. Unbenannt konnte der Prozess weitergehen. Erst als die Kritik an 68 innerhalb der Emanzipationsbewegungen zu fundamental wur­de und die Sprache der alten neuen Linken an ihre Grenzen stieß, erschienen die Begriffe »68« und »68er«, um diese Grenze zu bestimmen. Diese erste Kritik an 68 basierte aber auf den Einwän­den gegen die nur halbe Befreiung, die abgebrochene, unvollständige Befreiung – oder auch nur Lockerung. Sie sei ins Stocken geraten und habe Kompromisse gemacht – mit der Macht, der Vernunft, der Tradition, der Kulturindustrie – oder aber sie sei von Anfang an zu sehr nur von einem Teil der zu Befreienden betrieben worden: Weißen, Europäern, Männern, Universalisten, Arbeiterbewegten – ja, schließlich: konkreten Akteuren.

So berechtigt viele dieser Vorwürfe waren, so sehr stießen sie sich oft eher an der konkreten Geschichtlichkeit des Mythos, daran, dass er, obwohl er längst seine Kandidatur fürs Mythologische angemeldet hatte, noch nicht ganz zur Religion verdampft war, als eben an dieser überhistorischen Heiligkeit. Natürlich war 68 eine Veranstaltung von ganz bestimmten, nicht heiligen Leuten und diente auch deren weniger universalisierbaren Interessen. Politisch wäre es gewesen, auf diesen Zug politisch hinzuweisen – aber es gab meist nur entweder die Enttäuschung über den gestürzten, gekauften und restlos indiskutabel gewordenen ehemaligen Heiligen, gegen den man nun die Moral mobilisierte, oder den ideologischen Irrtum, gegen den man ja die bessere Wahrheit hatte.

Zum anderen aber waren es gerade die feministischen, universalismuskritischen und postkolonialen Einwände, die vor allem während der späten Achtziger und frühen Neunziger gegen 68 und seine weißen Männer erhoben worden waren, die den langsam verwehenden politischen Gehalt der Bewegung – vorläufig – retteten: insofern sie sich auf die Figur der nur zur Hälfte erfolgten Emanzipation bezogen, stellten sie der anderen Hälfte ja das Zeugnis aus, als Anfang wertvoll und ausbaufähig, nur eben ergänzungsbedürftig zu sein. Auch der romantische Hass des Punks auf die Hippies warf diesen weniger die Grundsätze ihrer Kulturrevolte vor als die Begrenztheit der Ausführung. All die sattsam bekannten nega­tiven 68er-Stereotype – der bekiffte Schlaffie, der verlogene Durch-die-Institu­tionen-Marschierer, der hinter schlecht sitzender Schluffigkeit ver­kappte Macho, der selbstgefällige, zum Toskana-Geschmäckler verkommene Halbhedonist, der tolerant-repressive, überverständnisvolle Lehrer – entstanden während der Achtziger aus den unter­schiedlichen Perspektiven, die eine Vervollstän­di­gung, eine Vertiefung oder Erneuerung der Revolte verlangten.

Davon überlebten in den Neunzigern nur die Ste­reo­type und sie gerieten nun in die Hände von Menschen, die selbst lächerlicher waren, als es der lächerlichste 68er diesseits von Rainer Langhans je sein konnte: in die Hände nämlich der sich seit­dem langsam formierenden neuen Bürgerlichkeit, deren Aggression sich nun weder gegen das historische Datum noch gegen das Mythische am Mythos richtet, sondern gegen die Funktion des Meta-Datums: dass 68 immer noch für einen Begriff von Politisierung steht, der noch in seiner albernsten Karikatur den Angeboten dieser Bürgerlichkeit überlegen zu sein scheint. Der Kampf gegen das Datum und die nach ihm benannte Generation kennt dabei zwei Richtungen: Entweder war die Lockerung zu erfolgreich, findet der neotraditionelle Leitkulturalist, und ist daher für Verwahrlosung, Geburtenrückgang, Kil­lergames, Promiskuität, Faulheit, Aus­länderkrimi­nalität, Kinderschänderei, Satanismus, Aids und in letzter Konsequenz auch für den Vornamen Kevin verantwortlich. Oder, meint sein neoliberaler Freund, die Lockerung war gar nicht wirklich eine, sondern ein einziger maoistischer Steuer­erhöhungsparteitag der Political Correctness, der uns am Reden, wie uns der Schna­bel gewach­sen ist, hindert, gewerkschafts­unab­hängiges Heuern und Feuern und Hochgeschwin­digkeitsautobahnen behindert und uns als Stand­ort international konkurrenzunfähig macht. Diese beiden Positionen der während weiter Teile der Nuller Jahre dominanten Diskurse brauchen aber den Popanz der 68er nicht zuletzt für ihre Einigkeit, für die dynamisierende Selbsteinschätzung als unterworfen, als nicht hegemonial, als jetzt aber endlich am Zuge.

Wer immer sich für links hält, tendiert gern dazu, sich von solchen bedürftigen Bürgerdarstellern ex negativo den eigenen Mythos auffrischen zu lassen. So viel abstoßender Feind gibt viel anziehen­de Ehr’ für das gute alte Datum. Alte Tondokumente in großer Zahl, die einem immer mal wieder die wirklich würdigen Stimmen von – sagen wir – Grace Slick oder Theodor W. Adorno vorspie­len, tragen das ihre zu den nostalgischen Gefühlen auch bei denen bei, die 1968 noch nicht gebo­ren waren oder gerade mal die Grundschule in Brand zu setzen versuchten. Dies hat also weniger mit dem Bedürfnis zu tun, das bereits gelebte Leben an große Daten anzudocken, sondern peilt ex negativo über das gemeinsame 68er-Trauma von traumatisierten Spießern und spaßvogeligen Ausbeutern eher eine aktuelle Perspektive an. Eigentlich eine ganz verständliche Sehnsucht, soll man sie sich von dem Bilder- und Modellverbot einer hyperkritischen Kritiklinken kaputtmachen lassen?

Ja, soll man, bei allem kulturellen und kritischen Reichtum, der sich um die Jahreszahl ja tatsächlich rankt, politisch dann eben vielleicht doch. Aus 68 lässt sich nicht viel für die gegenwär­tige Lage ableiten. Das heute fehlende, große kulturelle Bündnis zwischen den vielen Emanzipationsbewegungen, die damals in statu nascendi alle von 68 ausgelöst geworden zu sein schienen – von den antirassistischen zu den feministischen zu den sexual- und körperpolitischen zu den ökonomisch und sogar den ethnisch begrün­deten –, gab es ja nur zu dem Preis, dass heute offensichtliche Unvereinbarkeiten aus lauter Naivität nicht gedacht werden konnten; bzw. dass auch jedes Aufbegehren eines fernen Potentaten exotistisch zur Emanzipation verklärt wurde. Männer mit Bärten wurden generell überschätzt.

Der heutige Pragmatismus der Komplexitäten ist durchaus historisch und politisch weiter. Macht auch nichts, dass er weniger sexy ist. Die eine, un­geteilte Öffentlichkeit aus Bild-Zeitung und Tages­schau, der man seine nicht besonders niveauvollen Parolen der Verbrüderung mit irgendwelchen realsozialistischen Diktatoren wirksam entgegen­schleudern konnte, ist dem unübersichtlichen, großverblödeten, aber auch nischenreichen Zustand der Gegenwartsöffentlichkeit auch nicht un­bedingt vorzuziehen. Der Vorwurf, 68 habe durch seine kulturelle Lockerungsrevolte nur die Voraussetzungen für immateriell-neoliberales Wirtschaften, Postfordismus und die Ausbeutung nack­ten Lebens und rund um die Uhr zur Verfügung stehender Kreativ-Sexyness geschaffen, ist zwar in seiner gnadenlosen Geschichts-Teleologie über­trieben, die andere Seite der Lockerung gab es schließlich auch. Aber trotzdem sind die satisfak­tionsfähigen unter den heute kursierenden linken Ideen nicht nur von 68, sondern eben auch von der Gegnerschaft zu 68, seinem weitreichenden Sexismus, gelegentlichen Nationalismus, aber auch seinem Intimitätsterror und seiner Kuschel­anthropologie zu Recht geprägt.

Ist das am Ende tatsächlich das generelle Krite­rium heutiger linker Positionen: mit und gegen 68? Nein, denn es trifft ja nicht nur auf sehr verschiedene und einander spinnefeindliche Positio­nen zu. Von 68 nehme ich den Glauben an ein revolutionäres politisches Subjekt, gegen 68 tausche ich das Proletariat gegen die Multitude ein; von 68 nehme ich die um keine Wirklichkeit sich scherende Begriffsradikalität, gegen 68 trenne ich diese von der Arbeiterbewegung und investiere sie in eine fundamentale Fortschritts- und Moder­ne-Kritik, etc. Man könnte sich freuen, wenn man die Gemeinsamkeit derer tatsächlich so einfach hinschreiben könnte, die man im weiteren Sinne für satisfaktionsfähig und diskutierenswert hält, obwohl sie nichts miteinander zu tun haben wollen. Die Redaktion dieser Zeitschrift kennt das Problem vermutlich zur Genüge. In diesem Kriterium steckt aber auch der vulgärdialektische Trick, mit dem, unter Berufung auf das einst über vielen Betten, im Herrgottswinkel der Spontis hän­gende Benjamin-Motto »Immer radikal, niemals konsequent«, die konsequente Verwechslung von spezifischen konkreten, effektiv antidogmatischen Gegenwartsdiagnosen und allgemeinem Opportunismus betrieben wurde. Von 68 nehme ich mir meine habituelle Frechdachsigkeit, gegen 68 mache ich sie zur schroffen Sekundärtugend, mit der ich ein Call-Center ebenso betreiben kann wie ei­ne wirtschaftsliberale Partei.

Darüber hinaus fehlt allen zeitgenössischen Posi­tionen eine besondere Bedingung, die es bis 1989 noch gegeben hat, nämlich die intellektuelle Mög­lichkeit, den Blick auf ein Ganzes von außen nehmen zu können. Auch wer nicht explizit mit dem Realsozialismus sympathisierte, konnte immer denken, dass ein ganz anderes System möglich ist. Nicht die Berechtigung dieser Hoffnung wäre aber heute das Problem, sondern der irre Beobach­terposten, der so gedanklich möglich wurde und auf den man eben heute nicht mehr klettern kann – jedenfalls nicht, ohne das Holz zu thematisieren, aus dem der Hochsitz gebastelt wurde. Solange es das andere System gab, konnte jede kleine Revolte sich als Zelle eines – womöglich weite­ren – komplett anderen Systems denken, die von einem Logenplatz aus einen Blick auf die Widersprüche des hiesigen Systems wirft. Kritik ist heu­te schwieriger geworden, notgedrungen selbstreflexiv. Das nimmt ihr oft die nötige Aggressivität, schützt aber vor den viel beschmunzelten, aber eigentlich unerträglichen Verstiegenheiten, die man nicht nur von den 68ern, sondern auch aus den eigenen achtziger Jahren kennt.