Gespräch mit Mona Körte über Schriftvernichtung und Judenmord

Mona Körte: »Die Vernichtung von Schrift ist so alt wie das Schreiben«

Die Bücherverbrennungen im Jahre 1933 werden oft als Vorboten der Ermordung von sechs Millionen Juden betrachtet. Die Analogisierung von Bücherverbrennung und Menschenvernichtung ist jedoch umstritten. Mona Körte forscht derzeit über Szenarien der Schriftvernichtung, arbeitet am Zentrum für Antisemitismusforschung und ist Mitherausgeberin des im Jahr 2007 erschienenen Buchs »Verbergen – Überschreiben – Zerreißen. Formen der Bücher­zerstörung in Literatur, Kunst und Religion«.

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Wo liegen die dokumentierten Anfänge der gezielten Vernichtung von Schrift, und gibt es Charakteristika dieser Praxis, die sich durchgehalten haben und aufgrund derer sich von einem einheitlichen Phänomen sprechen lässt?

Die Vernichtung von Buch und Schrift ist so alt wie das Schreiben selbst. Bücherverbrennungen durchziehen die gesamte Geschichte der großen religiösen und ideologischen Auseinandersetzungen. Ich plädiere dafür, keine starren Charakteristika aufzustellen, auch wenn es sicher in Antike, Mittelalter und Neuzeit bestimmte Konventionen gab. Denn die Gründe für die Angriffe auf Bücher und die Aggression gegen Geschriebenes sind so vielfältig wie die Formen der Gewalt. Es ist der Hass ebenso wie die Liebe zu Buchstaben und Büchern, der über den aktiven Umgang mit ihnen entscheidet. Von jeher unterliegt deren Produktion und Rezeption verschiedenen Formen der Kontrolle und Disziplinierung; neben möglichen Verfahren wie Verbergen, Abschaben, Zerreißen, ins Wasser werfen und Begraben bedeutet das Bücher-Autodafé einen der Aufsehen erregendsten Angriffe gegen das Buch.

Die christliche, vor allem die katholische Kirche hat besonderen Eifer bei der Vernichtung von ketzerischen, »abergläubischen« und jüdischen Schriften an den Tag gelegt. Lässt sich eine Linie vom christlichen Autodafé zum Opernplatz 1933 und den sich anschließenden »Säuberungen« der Bibliotheken ziehen?

Linien implizieren immer einen teleologischen Verlauf, ein Ansatz, den ich problematisch finde. Der Facetten- und Implikationsreichtum von Schriftvernichtung lässt sich nicht in Chronologien denken. Erstellt man eine Genealogie von Bücherverbrennern, so wird damit meist die These vom Rückfall in die Barbarei, in voraufklärerische Positionen, in die Düsternis der mittelalterlichen Inquisition gestützt, eine These, die nicht haltbar ist, da wir seit Adorno wissen, dass Kultur mit Barbarei im Bunde ist. Wenn man eine Linie ziehen möchte, so liegt sie darin, Schriftver­brennung als Versuch einer Dekanonisierung zu werten. Das wäre ein Ansatz, der jedoch beispiels­weise die Bücherverbrenner von 1933 mit den biblio- und ikonoklastischen Manifesten der Futuristen zusammen denken würde. Bei modernen Bücherverbrennungen hat man es mit einer Verschränkung von Politik und Ästhetik zu tun. Sie zitieren immer schon andere Bücherverbrennungen beziehungsweise nehmen diese in ihre Inszenierung auf.

Was ich mit dem Wort »Linie« bezeichnen wollte, war die veränderte Wiederkehr einer unabgegoltenen Faszination, also gerade keine schlichte Wiederholung, die im Gegensatz zu einer prinzipiellen Fortschrittsgeschichte steht.

Der Begriff einer unabgegoltenen Faszination erscheint mir sehr treffend für ein Ereignis, das sein Faszinationspotenzial aus Untergangs- und Verlustszenarien entwickelt, die sich auch den Qualitäten des Feuers verdanken. Egal ob zur Rechtfertigung kriegerischer Zerstörungen oder zur Inthronisierung philosophischer, religiöser oder politischer Systeme, die sich über Bücherverbrennungen programmatisch als Ersetzung alter Irrlehren inszenieren, immer werden die chemischen Eigenschaften des Feuers von seinen metaphysischen überlagert. Der Scheiterhaufen samt seinen Hinterlassenschaften wie Rauch und Asche ist weit mehr als eine Vernichtungsmaschinerie.

Die weiter gefasste Bezeichnung der »Bücherhinrichtung« verweist auf eine Vertretung von Buchobjekt und menschlichem Körper. Sowohl der Körper wie auch das Buch überbrücken in ihrer Medialität den Körper-Geist-Dualismus. Was halten Sie von dieser Analogisierung?

Der Körper-Geist-Dualismus ist sehr komplex. Er geht unter anderem auf den großen Topos der Paulinischen Rede vom tötenden Buchstaben und auf Platons ambivalente Einwände gegen die Schrift zurück. Die antike Vorstellung des Buches als eines »geistigen Kindes« oder als Verlängerung des Verfassers trug sicher zur Vertretungsfunktion bei. Wie an Praktiken im Umfeld der Inquisition ablesbar, wurden Verdammungsurteile am Buch anstelle des Erzeugers vollzogen. In der Alltagssprache hat sich diese Analogisierung von Buch und Mensch erhalten, der Körper des einen wird zum Bildspender für die Gestalt des anderen: Die Buchseite hat Kopf und Fuß, und der gebundene Band hat Körper, Rücken und Gelenke. Der Gedanke, dass das Buch ein Stellvertreter des Menschen ist, hat vor allem seit 1933 politische Implikationen, da damit das Moment eines sich radikalisierenden Terrors betont wird. In auffälliger Übereinstimmung wird in der Beschreibung und Erinnerung der Bücherverbrennung 1933 und mit Blick auf die Ermordung von sechs Millionen Juden regelmäßig auf das bekannte Zitat von Heinrich Heine zurückgegriffen, dem man eine prophetische Wirkung zuspricht: »Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.« Micha Ullmanns unterirdische Bi­blio­thek auf dem Berliner August-Bebel-Platz wird durch die Verse in diesen kanonischen Zusammenhang eingemeindet. Gegen diese Kommentierung des Denkmals hat sich der Künstler erfolglos gewehrt. Durch den zitierten Vernichtungszusammenhang von Buch und Mensch bringt man das Ereignis lediglich auf eine einprägsame Formel, sagt aber letztlich nichts über die Bücherverbrennung und auch nichts über die Ermordung von sechs Millionen Juden aus.

Dem ritualisierten »Autodafé«, so ließe sich argumentieren, unterliegt eine projektive Struktur. Dem zu vernichtenden Objekt würden dabei zunächst jene Eigenschaften zugesprochen werden, die sich nicht in die eigene Identitätsvorstellung integrieren lassen.

Diese Theorie würde den Projektionsmechanismus, den die Antisemitismus- und Vorurteilsforschung für Feindstrukturen in Gesellschaften, also unter Menschen ausfindig gemacht hat, auf das Buch beziehen. Das ist interessant, würde aber eben die angesprochene Analogisierung auf das Feld der Theoriebildung übertragen. Ich würde Bücherverbrennungen doch eher im Horizont der durchaus auch ideologisch hinterfragten Schriftkultur belassen wollen. Bücherverbrennungen sind insofern sicher projektiv, als sie das Zensur- und Disziplinierungsinstrument zur Unterwerfung und Löschung des Unvereinbaren darstellen und in ihrem inszenatorischen Charakter die Gesellschaft von jeder möglichen »Ansteckung« durch das Andere zu reinigen haben.

Man erklärt uns allenthalben, dass wir in einer »Wissenskultur« leben. Wie schätzen Sie dieses Brimborium ein, angesichts gegenwärtiger Trends im »Bildungssektor«, der Abwicklung ganzer Lehrbereiche, von Ökonomiebindung und zunehmender Elitenbildung?

Ich beobachte, dass das Gedenken an die Büchervernichtung 1933 im Zeitalter der »Wissenskultur« ganz unterschiedliche Menschen auf diffuse Weise vereint, diejenigen, die des Mordes an Büchern und Menschen gedenken wollen, aber beispielsweise auch diejenigen, die angesichts der neuen Medien dem längst beschwichtigten Untergang von Buch- und Schriftkultur entgegentreten möchten. Mich irritiert die Tendenz zur Sakralisierung von Buchkultur und Buchbesitz angesichts der Ökonomisierung an Universitäten und des Rückgangs an Bildungsstandards. Buchpflege einerseits, die in ihrer kulturellen Selbstbespiegelung schon an Lukians gebildeten Büchernarren erinnert, und Lehre und Studium andererseits, in denen aufgrund einer mit Abwicklung und Rationalisierung von Studiengängen einhergehenden Pragmatisierung keine Zeit mehr bleibt für ein grabendes, autarkes Lesen, das Stöbern in Bibliotheken inbegriffen.