Klassenbewusster Queer-Feminismus

Kollektiviert mich!

Linke Kritikdebatten werden zu abstrakter Arbeitskraftverschwendung, wenn sie zu allgemein formulieren und dabei spalten, anstatt das Gegenteil denkbar zu machen.

Treffen sich eine Queer-Feministin und ein Links­radikaler. »Wie läuft der Warentausch?« fragt der Linksradikale. »Wie läuft der Frauentausch?« fragt die Queer-Feministin.

Die Tunte war allein zu Hause und probierte, ihre Arbeit zu verdrängen. Im Fernsehen lief der übliche Scheiß: fordistische Mythen und Minikrisen, repräsentativer Politik-Sensationalismus und Ich-Hype. Doch dann zappte sie zu einer österreichischen Talkshow, in der gerade die Rapperin Lady »Bitch« Ray dem neoliberalen Blender Ulf Poschardt ein Glas Wasser über den Designer-Anzug schüttete. Sie lächelte.
Als die Tunte sich vor ihren rosa Computer setzte, um den Text für die Popfeminismus-Debatte zu beginnen, schauderte ihr. Da alles mit einem Kritiktext voller Stammtischphrasen begonnen hatte, machte sie einen kurzen Moment auf Diva, verweigerte sich dem Weg zum Schreibtisch und lackierte sich erst einmal die Fingernägel. Gab es nicht auch bei Debattierarbeit das Recht, nicht zu arbeiten? Gerade, wenn frau doof angeschrien wird?

Was sie an der Debatte verwirrte, war, dass es um Popfeminismus gehen sollte, aber gar nicht ging. In dem etwas autoritär und sensationalistisch formulierten Text »Arbeit ist keine Party« von Stakemeier/Raether (Jungle World 14/08) ging es auf einmal um eine »queere Kuschel­ecke«. Komisch. Hatte die Tunte gar nicht mitbekommen. Es gab vielleicht ein paar schwule Partys, die langweilig und selbstverliebt waren, aber was hatte das mit den Popfeministinnen zu tun oder zum Beispiel den Lesben? Ja, Nischen sind Nischen. Gibt es queer auch gar nicht so lange und so viel. Wo ist eigentlich der richtige Ort, wo man ausprobieren darf, anders zu leben? Darf frau erst nach der Revolution danach suchen? Wer kümmert sich eigentlich darum, dass es so etwas dann noch gibt? »Hey Leute, kollektiviert mich!« wollte sie eigentlich schreien, wie so oft, wenn sie zu linken Treffen ging, bei denen sie dann aber blöd angeglotzt wurde und oberlehrerhafte Männer wichtigtuerische Reden hielten. War das etwa keine minoritäre Nische, nur ein bisschen steifer und ohne Kuscheln?
»Bei Wiederholung von Haupt- und Nebenwiderspruch: Kieferbruch«, stand auf ihrem T-Shirt geschrieben, das langsam schweißnass wurde. Angestrengt laberte sie ihren Freund Hanjo am Telefon voll, damit dieser Kram nicht den Text zu­klumpte: Dass sie von Texten genervt sei, die aus so allgemein wie flach abstrahierter Lehrerperspektive geschrieben sind, dass die Phänomene reduziert werden oder ganz aus dem Text verschwinden, dass Kollektivierung anders aussehe und dass es so wohl überhaupt nix mehr werde mit einem queeren Kommunismus. Doch diese Logik brachte nichts, klar. Hanjo konnte sie zwar nicht beruhigen, aber sie wusste es ja selbst. Die Lage war: schlecht. Die Waren im Spätkapitalismus waren nicht mehr nur auf maskulines Proletarierhandwerk angewiesen, sondern auch vollkommen verbreitet als: Affekt, Information, Körper, Bild, Subjektivität, Zeit. Repression und Mobilisierung produzieren mehrfach verschobene Anforderungen, dazwischen flirren die hysterisierten Identitäten in Elend und Anomie. Wenn Queers oder Migranten und Migrantinnen jedoch von einem deterritorialisierten Kapitalismus kurzzeitig profitieren, weil sie schon länger dazu gezwungen sind, einen Überlebenskampf für Handlungsfähigkeit und gegen Normalisierung und Essenzialisierung zu führen, kann es sogar sein, dass sie ein paar gute Ideen oder gar kredible Bedürfnisse haben, sich genau in dieser prekären Lage zu vernetzen und die Fluchtlinien des Kapitalismus in ein neues Gefüge zu zwingen. Wenn im Feld der sexuellen Identität sogar einer der Hauptwidersprüche von Macht und Gegenmacht, Entwertung und Aufwertung, Arbeit und Freizeit, Mobilisierung und Repression, Tausch und Armut auftaucht, warum nicht Beobachtungen machen, die strategisch nutzbare Tendenzen affirmieren, anstatt sich zu wundern, dass selbst in den eigenen (Arbeits-)Gruppen nichts alternativ entwickelt wird. Befreiung, um an den Text von Ela Wünsch (Jungle World 18/08) zu erinnern, ist dringlich zu fordern, tritt aber nach der Aussprache der Analyse der Warenform nicht unbedingt direkt ein. Und das nicht nur nicht beim sexualisierten Körper.

»Vielleicht ist es gar nicht so schlecht«, dachte sich die Tunte, die sich mittlerweile Alkopop-Drinks reinschüttete, »Feminismus als begehrenswert zu markieren.« Der bürgerliche Feminismus in Deutschland (der übrigens, konträr zu dem, was Ela Wünsch in ihrem Text schreibt, das repressive Gegenteil eines Pro-Sex-Feminismus war) muss aus seiner Isolation von anderen Generationen, Klassen und Geschlechterkonzeptionen ausbrechen. Wenn er dabei auch in die Popkultur und die Medien gerät und Kritik an Familiarismus, Patriarchat und sexueller Identität zugespitzt wird, umso besser. Feminismus wird wieder sichtbar, und auch diese Debatte, wegen der sich die Tunte ihre Fingernägel schon oft zerkaut hatte, ist ein positives Symptom davon. Dass sexuelle Identität eine der Schnittstellen zwischen Selbst und Arbeit ist, darauf weisen auch viele queere Feministinnen und Feministen hin. Nur erheben sie dafür minoritäre Subjekte nicht zur Metapher für ein neoliberales Gesellschaftsstadium. In dieser Logik, drum macht sie minoritären Subjekten vielleicht nicht so viel Spaß, treten sie entweder nur als isolierte Opfer auf oder als erfolgreich gescheiterte Marktschlampen, für die der Kapitalismus Fun ist.
Mittlerweile war es spät geworden, und die Tunte war erschöpft. Sie wusste nicht genau, wie sie den Text beenden sollte. Sollte sie noch etwas zur Poplinken sagen? Ui, jetzt kamen die Kopfschmerzen wieder. Die Poplinke war gescheitert, zu Recht, ja. Was konnte frau im Pop unter diesen Bedingungen eigentlich anderes tun als scheitern? Erscheinen und verglühen. Und ganz wenige konnten: Geld verdienen. Das haben nach dem Rückzug der Linken vom Pop zum Beispielt Ulf Poschardt, Aggro Berlin oder Mia gemacht. Großartiger Vorschlag. Dort einzugreifen und das Begehren nach dem Queer-Feminismus anzuregen, ist vielleicht die letzte brauchbare Karte im Spiel. Wenn Waren den Queer-Feminismus denkbar machen, ist das nicht schlecht, es sollte nur nicht darüber hinwegtäuschen, dass Waren Waren sind und Ausbeutungsverhältnisse Ausbeutungsverhältnisse. Pop kann auch davon sprechen: über seine Künstlichkeit (was für Gender-Diskurse durchaus nutzbar ist), Utopien und die Unfähigkeit, Ausbeutung zu verhindern. Andere Arbeitsbedingungen und Selbstorganisation, eine weniger hierarchische Gemeinschaft und ein Begehren nach dem Kommunismus werden anscheinend zurzeit nur in kleinen Gruppen produziert, denen auch erlaubt sein sollte, zu ficken und zu stricken, diskursivieren und sich dabei anerkannt zu fühlen erlaubt sein sollte.

Dass die Gruppen, die den Kommunismus begehren, nicht direkt größer werden – dafür können junge Popfeministinnen nichts. Das kriegen ja nicht mal alteingesessene Linksradikale auf die Reihe. Die Frage der Kollektivierung bleibt eine gemeinsame. Schnittstellen liegen dabei auf dem Weg: sinnvolle Kämpfe für Transgender-Rechte und gegen medizinischen Staatskapitalismus, ausbaufähige Utopien wie Engels’ Geilheit auf Charles Fourier und blinde Flecken in der linken Kritik wie die ungenau aufgeblasenen Metaphern­ketten von Weiblichkeit, Schein und Ware, um Verblendung zu beschreiben.
Materialistischer wäre die Frage, wie ein queerer Sex-Arbeiterinnen-Aktivismus aussehen könnte, oder auch, warum Männlichkeit und Weiblichkeit begehrt und nicht gleich abgeschafft werden (können). Eine Kollektivierung diesseits des Kader- und Führerglaubens, bürokratischer Verdächtigung und mikrofaschistischer Gruppenstruktur zu entwickeln, aus der ein lustvolles Begehren nach dem Kommunismus tropft, ist sicher eine der schwierigsten Herausforderungen. Der Kommunismus kann nur aus vielen Situiertheiten entstehen. Reduktionen der politischen Sphäre und Aufrufe zur kuschelfreien Arbeit nach »einer« Formel machen ihn zu keinem leichteren »Projekt«. Klassenbewusster Queer-Feminismus könnte eine Antwort auf eine der mächtigsten Achsen der gegenwärtigen Widersprüche sein. Bei der Kritik an den Widersprüchen des Queer-Feminismus sollte man nicht verpassen, ihn zu radikalisieren, anstatt ihn gleich wieder zu verabschieden.

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