Heike Wiese im Gespräch über »Kiezdeutsch«

»Kiezdeutsch hat eine eigene Grammatik«

Schon längst hat die Kulturindustrie »Kanak Sprak« zu einem Verkaufsschlager gemacht. Seit diesem Jahr ist »Kiezdeutsch« auch ein akademischer Forschungsgegenstand. An der Universität Potsdam leitet Heike Wiese das Sonderforschungsprojekt »Grammatische Reduktion und informa­tionsstrukturelle Präferenzen in einer kon­taktsprachlichen Varietät des Deutschen: Kiezdeutsch«. Ziel des Projekts ist es unter anderem nachzuweisen, dass Kiezdeutsch grammatikalisch korrektes Deutsch ist und eine Bereicherung der deutschen Sprache darstellt.

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Sie wollen mit Ihrem Forschungsprojekt »Kiez­deutsch« gegen die Stigmatisierung derjenigen, die diesen Slang benutzen, vorgehen. Mit welchen Klischees wollen Sie aufräumen?

Zum einen, dass Kiezdeutsch nicht länger als gebrochenes Deutsch bezeichnet wird. Denn Kiezdeutsch ist nicht bloße Reduktion von Grammatik, sondern der produktive Ausbau von Optionen, die das grammatische System des Deutschen bietet. Zum anderen will ich mit dem Projekt das Vorurteil beseitigen, dass jemand, der Kiezsprache benutzt, aggressiv und dumm ist, in Verbindung mit Gewalt und Drohgebärden steht und integrationsunwillig ist.

Was hat man sich unter einem »produktiven Ausbau von grammatischen Optionen« vorzustellen, wenn man beispielsweise an die Formulierung »ischwör« denkt?

Aus »ich schwör« ist das Partikel »ischwör« entstanden, das im Kiezdeutsch zur Betonung von Aussagen benutzt wird. An anderen Partikeln wie »lassma« oder »musstu«, die zur Einleitung von Aufforderungen aus »lass uns mal« beziehungsweise »musst du« abgeleitet sind, kann man sehen, dass hier bereits ein neues grammatisches Subsystem geschaffen wurde. »Lassma« dient zur Einleitung von Aufforderungen, die den Sprecher selbst einbeziehen. »Musstu« leitet dagegen Aufforderungen ein, die nur dem Hörer gelten. »Lass­ma Moritzplatz aussteigen« drückt also den Vorschlag aus, gemeinsam am Moritzplatz aus dem Bus zu steigen, »Musstu Doppelstunde fahren« ist ein Vorschlag an den Hörer, in der Fahrschule eine Doppelstunde zu fahren.

Bei Formulierungen in Ihrer Projektvorstellung wie »Stellenwert informationsstruktureller Präferenzen« und »kontaktsprachliche Varietät des Deutschen« kann man ja nicht gerade von einem produktiven Ausbau von Optionen sprechen. Es lässt sich nur erahnen, was damit gemeint ist.

Wenn Sie wesentlich weniger präzise sein wollen, kann man Dinge auch einfacher ausdrücken. Aber unser Gegenstand sind ja Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, und da möch­te ich nicht ungenau sein, sondern einen genau definierten Begriff benutzen.

Sicherlich steckt nicht hinter jeder Drohgebärde aus dem Kiezdeutsch auch tatsächliche Aggression. Aber führen grammatikalisch reduzierte Redewendungen wie »Ischwör, kriegstu Propellerkick, Alder!« oder »Machstu noch mal, steschischdischab, Alder!« nicht auch zu einer argumentativen Reduktion?

Überhaupt nicht. Eine grammatikalische Reduktion taucht in jeder Sprache immer wieder auf. Das Englische hatte früher auch einen Genus, jetzt hat es keinen mehr. Das heißt nicht, dass Englisch sprechende Menschen plötzlich kommunikativ, geistig, sozial oder kulturell reduziert wären. Das ist von der Entwicklung der Sprache völlig unabhängig. Mit allen grammatikalischen Systemen kann grundsätzlich alles ausgedrückt werden. Das hat nichts mit den sozialen Kompetenzen zu tun, sondern damit, wie ich die Grammatik, die mir zur Verfügung steht, nutze.

Der Sprachgebrauch sagt also nichts über die eigenen Vorstellungen aus?

Doch, aber verkürzte Argumente sind ja keine Frage der Grammatik, sondern eine inhaltliche Frage. Genauso wie im Kiezdeutsch lässt sich auch im Standarddeutschen oder Bayerischen drohen.

Das Wort »Jude« wird aber doch von Kiez­jugend­lichen als offenes Schimpfwort gebraucht. Müs­sen Sie da nicht auch auf die politischen Inhalte der Jugendsprache eingehen?

Mit Kiezdeutsch verbunden sind Wörter wie »lan« oder »wallah«, also Wörter, die Sie in der Art, wie sie benutzt werden, nur in dieser Sprache finden. »Jude« als Schimpfwort hat nichts mit Kiezdeutsch zu tun, sondern mit einer politischen Einstellung. Das hängt nicht davon ab, ob Sie Kiezdeutsch sprechen oder nicht, das hängt davon ab, ob Sie Antisemit sind.

Wenn Sie Kiezdeutsch als rein grammatische Form begreifen, ist das nicht eine Reduzierung auf die reine Funktionalität von Sprache?

Selbstverständlich ist Sprache viel mehr als Gram­matik. Die Grammatik zu untersuchen, ist deswegen wichtig, weil man dadurch in der öffentlichen Diskussion gegen die Meinung argumentieren kann, Kiezdeutsch sei kein korrektes Deutsch oder bedrohe den Verfall der deutschen Sprache. Das stimmt einfach nicht. Auch das Argument, man hätte schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wenn man kein korrektes Deutsch könne, ist scheinheilig. Man muss dafür kein korrektes Deutsch sprechen, sondern einfach einen bestimmten Standard, der ist aber nicht korrekter als beispielsweise Kiezdeutsch. Da wird von Grammatik auf was völlig anderes geschlossen.

Sollten diejenigen, die die deutsche Sprache durch die Kiezsprache bedroht sehen, nicht vielmehr den Einfluss des Jargons aus Politik, Wirtschaft und Reklame für den Niedergang der Sprache verantwortlich machen?

Grammatisch ist das alles nicht entscheidend. Weder die Jugendsprache noch die Politik noch die Werbung. Vielleicht sagen wir in 15 Jahren ganz normal »lan«, diese Integration von Kiezdeutsch ist vorstellbar. Aber grammatische Veränderungen, und die sind ja nun mal relevant, wenn man von der Bedrohung einer Sprache redet, finden nur aus dem grammatischen System selbst heraus statt. Das passiert sehr selten und lässt sich auch kaum verhindern. Eine typische grammatische Veränderung im Deutschen ist beispielsweise die so genannte Klitisierung in der Wackernagelposition. Das ist eine bestimmte Position im Satz, nämlich nach dem finiten Verb, wenn da ein Pronomen steht, wird das klitisiert, das heißt angehängt. Statt »Das weiß ich« wird meistens »Das weißich« gesagt. Eventuell kommt das Deutsche mal dahin zu deklinieren: weißich, weißte, wissenwa, wissense und so weiter. Das wäre eine wirkliche Veränderung, eine grammatikalische Veränderung, die etwas mit dem sprach­lichen System zu tun hat, nämlich damit, dass es also so etwas wie Klitisierung überhaupt gibt.

Inwieweit ist die Kiezsprache ein Ergebnis des Ausschlusses von Migranten oder ein ironischer Umgang mit dem Ausschluss, oder ein Ergebnis der Zuschreibung durch die Mehrheitsgesell­schaft, dass Migranten kein Deutsch können?

Das hat relativ wenig damit zu tun, es ist eher genau andersrum. Die Vorurteile gegenüber den Sprechern werden auf die Sprache geschoben. Wer Vorurteile gegenüber Migranten hat, sollte das sagen, aber es nicht auf die Sprache schieben. Es gibt auch diesen verbreiteten Unsinn von der doppelten Halbsprachlichkeit. Wenn Migranten Türkisch und Deutsch können, ist das plötzlich kein Vorteil mehr, sondern es wird ihnen unterstellt, dass sie beides nicht richtig können. Im Übrigen ist Kiezsprache auch keine Sprache von Migranten, das wäre so etwas wie Türkendeutsch, ein Deutsch, wie es die Türken sprechen, oder ganz einfach Türkisch. Kiezdeutsch entwickelt sich in multiethnischen Kontexten und wird von Migranten und Nichtmigranten gesprochen.

Woran liegt es, dass die Deutschen so resistent gegen den Einfluss migrantischer Sprachelemente sind?

Auch das hat nichts mit der Sprache als solcher, sondern mit der Einstellung der Gesellschaft gegenüber beispielsweise Migrantensprachen oder Sprachen, die sich in multiethnischen Kontexten entwickelt haben, zu tun. Da sind die angelsächsischen Gesellschaften schon sehr viel weiter. In Deutschland ändert sich die Haltung gegenüber Migranten aber auch zunehmend.

Trotzdem würde doch ein Jugendlicher, der in einer Talkshow auftritt und die ganze Zeit »ischwör« sagt, nicht ernst genommen werden.

Es ist eben eine Jugendsprache, eine im Umgang miteinander entwickelte Sprache, und die wirkt außerhalb ihres bestimmten Bereiches natürlich völlig albern.

Werden Kiezdeutsch und »Kanak Sprak« in Deutschland nur dann wahrgenommen, wenn sie in irgendeiner Form vermarktbar sind, also in der Unterhaltungsbranche, als akademischer Forschungsbereich oder als Standort­faktor?

Es kommt darauf an, wen Sie meinen. Im Alltag der Erwachsenen stimmt das sicherlich. Es gibt eine stilisierte Form der Kiezsprache, beispielsweise in Comedyshows, die ist zum großen Teil stark stigmatisierend. Trotzdem wird sie im Alltag der Jugendlichen gesprochen, und als solche sollte man sie auch behandeln.