Serie über Serien: »Carnivale«

Jesus im Zirkuszelt

Serie über Serien. »Carnivale« ist mindestens so mysteriös wie »Twin Peaks«

Auch »Carnivale« ist eine Serie von HBO, dem brillanten amerikanischen Privatsender, der seit mehr als fünf Jahren bessere Geschichten als Hollywood erzählt und große Teile des Independent-Kinos aus den USA produziert. HBO ist bei Serien-Süchtigen für mehrere Meisterwerke bekannt: »The Wire«, »Six Feet Under«, »Sopranos« und »Curb Your Enthusiasm« beispielsweise. Sie alle spielen, im Gegensatz zu »Carnivale«, in der Gegenwart.
»Carnivale« handelt von vergangenen, aber düsteren ökonomischen Zuständen am Anfang der dreißiger Jahre, mitten in der Weltwirtschafts­krise. In einem infolge sozialer und wirtschaftlicher Zersetzung maroden Land tourt ein karnevalesker Jahrmarkt durch die Dörfer, mit Wagen voller Low-Class-Entertainment vom Feinsten. Früher nannte man Derartiges »Freak-Show«.
Angeführt vom kleinwüchsigen Sam (Mi­chael J. Anderson), den man aus »Twin Peaks« kennt, treffen sich hier Wahrsager und Schlangenbeschwörerinnen, bärtige Frauen und Burlesque-Girls. Um eine Konstruktion von Gemeinschaft geht es hier wie in jeder Serie natürlich auch. Nur nicht um eine, die mittels Identifikation stattfindet – bis der süße Jüngling Ben Hawkins (Nick Stahl), dessen Mutter gerade gestorben ist, erschöpft in der Wüste liegt. Und aufgesammelt wird.
Jede Serie, die zurück zur Form der großen Erzählung und des Epos will, hat so eine Figur, mit der wir die Serienwelt betreten. Hier ist es die Justin-Timberlake-Version des unerfahrenen Heilands mit Superkräften. Er kann Leben retten und Wunden heilen, er beherrscht sozusagen das ganze Jesus-Programm. Was er genau leistet und warum in diesem komischen Zirkus, in dem sonderbare Freundschaften und übersinn­liche Kräfte, grotesker Verrat und Performances seinen neuen Alltag bestimmen, weiß er jedoch nicht so recht einzuschätzen.
Kapieren tut man auch als Zuschauer nicht immer viel: »Carnivale« hat keine transparenten Zusammenhänge und folgt einem langsamen Erzählrhythmus, der die ersten Folgen zum Fiebertraum macht.
Allein was in der Folge »Babylon« passiert, ist schierer Wahnsinn: Vor der Stadt, mitten in der Wüste, trifft unsere Zirkustruppe auf einen einsamen Reisenden, den sie nach dem Weg fragt. »Ach, ihr seid der Carnivale, wir haben schon auf euch gewartet«, sagt er und verschwindet im Nichts. Wenig später bauen die Unterhaltungskünstler ihr Zelt am Rande einer menschenleeren Stadt auf. Auch als die Stadt ihre Tore öffnet, bleibt sie ausgestorben. Im Zirkuszelt ist auch nichts los. Bis eine zombiehafte Menge stummer Männer den burlesken Erlebnispark der Zirkusleute betritt. Carnivale-Direktor Sam merkt schon, dass etwas nicht stimmt, und sagt den Stripperinnen: »Bitte lasst eure Höschen heute an.« Wenig später beginnt der Riot eines maskulinen Lumpenproletariats, als doch eine Tänzerin das Höschen herunterlässt. Währenddessen trifft der junge Held Ben Hawkins in der hysterisierten Masse einen Minenarbeiter, der ihm bereits in seinen Träumen begegnet ist. Und am nächsten Tag wird eine am Baum aufgeknüpfte Frau gefunden. Noch Fragen? Oder selbst schon wirre Träume?
Richtige Albträume hat aber vor allem der junge Hawkins selbst. Auch weil ihm im Laufe der Serie irgendwann ein satanischer Gegenspieler, der fanatische Pastor Brother Justin (Clancy Brown), gegenübergestellt wird, der ihm das Leben auch nicht leichter macht. Zwischen paranoiden Verschwörungen und Freimaurermythen, proletarischem Kleinstadtfrust und religiösem Irrsinn entwickelt sich in »Carnivale« so ein ganz eigener Mythos, den sich auch Tolkien auf Tollkirschen hätte ausdenken können. Eine spinnerte Edelkunstkinosuppe bekommt man sozusagen serviert, außergewöhnlich gut garniert.

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