Gespräch mit Edi Finger über Österreich, die EM und den Sieg über Deutschland

Edi Finger: »Gurkerln und ferserln«

Edi Finger ist österreichischer Fußballjournalist und Sohn des verstorbenen legendären Fußballkommentators Edi Finger, berühmt für seinen Ausspruch »I wear’ narrisch« während der Übertragung des WM-Spiels 1978 zwischen Österreich und Deutschland. Finger kommentierte: »Ende! Schluss! Vorbei! Aus! Deutschland geschlagen.«

Was passiert, wenn Österreich das Euro-Finale gewinnt?

Dann schalten die Österreicher die Playstation wieder an.

Was passiert, wenn Österreich gegen Deutschland gewinnt?

Vier Wochen Taumel. Selbst wenn wir unsere Gruppenspiele gegen Polen und Kroatien verlieren, haben wir 90 Minuten lang Zeit, uns die Wiedergutmachung gegen die Deutschen im letzten Gruppenspiel zu holen.

Der österreichische Trainer Josef Hickersberger sagte kürzlich, dass er gegen Deutschland nicht gewinnen will. Warum?

Hickersberger versucht manchmal, einen Schmäh zu machen, was ihm oft nicht ganz gelingt. Er hält wohl einen Sieg über Deutschland für kontraproduktiv, weil er befürchtet, dass die Österreicher nach einem Sieg über Deutschland nichts anderes mehr tun würden als zu feiern. Da kann ich nur sagen: Wenn wir ein Spiel gewinnen, dann gehören alle Spieler abgebusselt.

Der Trainer hat zwei der besten Spieler Österreichs nicht nominiert und wird dafür heftig kritisiert. Möchte er dem Erzfeind damit eine Chance geben, Österreich zu schlagen?

Nein, das Problem liegt woanders. Die österreichischen Trainer berufen seit Jahren nur noch die braven Spieler in den Kader. Ein guter Fußballer ist aber kein Braver. Das ist keiner, der am Abend mit einem Gute-Nacht-Gebet schlafen geht, sondern einer, der immer ein bisschen aus der Reihe tanzt. Aber diesen Fehler machen nicht nur die Fußballtrainer in diesem Land. Diesen Fehler macht die ganze Gesellschaft. Man fördert immer Leute, die nicht von der Norm abweichen. Jeder fürchtet sich vor denen, die aus der Reihe tanzen. Aber für solche Leute, die nett und lieb sind und höflich grüßen, haben wir die Wiener Sängerknaben.

Ihr Vater war auch kein Braver und galt als Linker. Spielte das eine Rolle bei seinem Kommentar anlässlich der WM in Cor­doba 1978?

Mein Vater war weder Mitglied der NSDAP noch Mitglied der KPÖ. Aber er war ein Unangepasster. Die Fußballreportage war sein Ventil, da hat er all seine Kriegserlebnisse und Frustrationen rausgelassen.

Die österreichische Elf steht momentan auf Platz 101 im Fifa-Weltranking. Sollte Österreich auf die Teilnahme an der Europameisterschaft verzichten?

Für die Welt wäre es sicherlich unterhaltsamer, wenn England mitspielt, für die Österreicher nicht. Wir haben uns sportlich sicherlich nicht qualifiziert. Aber Österreich liefert den Schmäh und ist Hoffnungsträger.

Warum gehören in Österreich Fußball und Schmäh zusammen?

Weil der Österreicher kein athletischer Typ ist, hat er immer versucht, Fußball mit Technik, mit Hirn und daher auch mit Schmäh zu spielen. Auch der österreichische Zuschauer ist so geprägt. Der will nicht elf Athleten sehen, die rauf- und runterhirschen und Blutgrätsche machen, sondern gurkerln und ferserln, also Spieler, die tunneln und Hackentricks zeigen.

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