Österreichischer Nationalismus

Kleiner Brauner

Österreichischer Nationalismus speist sich vor allem aus der Gegnerschaft zu Deutschland. Der Österreicher trinkt eben lieber einen kleinen Braunen als ein Kännchen Kaffee.

Einen Tag vor Beginn der Fußballeuropameisterschaft strahlt das österreichische Staatsfernsehen ORF mit dem »Wunder von Wien« eine 45-minütige Dokumentation aus, die aller Wahrscheinlichkeit nach wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben wird: Österreich kickt Deutschland am 16. Juni aus dem EM-Turnier und wird nach einigen weiteren Triumphen schließlich Europameister. Das zentrale Thema des Science-Fiction-Streifens ist die Gegnerschaft zur deutschen Nationalelf, weniger die Europameisterschaft selbst.
Die Gefühlslage der Österreicher sieht so aus: Österreich hat keine Chance, gegen Kroatien zu gewinnen, Österreich hat keine Chance, gegen Polen zu gewinnen, und Österreich hat keine Chance, gegen Deutschland zu gewinnen. Die ersten beiden Fälle sind nicht vermeidbar, der letzte auch nicht, aber der tut den Österreichern richtig weh. Deutschland und Österreich trennt nicht nur die gemeinsame Sprache, die unterschiedlich ausgesprochen wird – es gibt sogar ein deutsch-österreichisches Wörterbuch, das 15 000 Vokabeln enthält: Quarktasche statt Topengolatsche, Brötchen statt Semmel, Marmelade statt Konfitüre, die Wiener beherrschen auch noch jede Menge slawischer Wörter, die sie ganz alltäglich benutzen. Alles schön pomali – alles schön langsam. Darauf legen die Österreicher wert. Und natürlich auf jene Nischen der nationalen Tradition, die nicht blutbefleckt sind. Kaffee zum Beispiel. Österreicher, die auch nur wenige Tage in Deutschland verbringen, einem Land, dessen Gastronomie Scheußlichkeiten wie ein Kännchen Kaffee kennt, lernen die Vielfalt österreichischer Kaffeevariationen zu schätzen. Klischee und Kaffee, das ist das, was die Österreicher zusammenschweißt, wenn sie deutscher Lebensart gegen­überstehen.

Auch wenn sich der Patriotismus der Österreicher zu einem Gutteil aus Schadenfreude an den eigenen Niederlagen und Problemen generiert, kann der gemeine Österreicher gegenüber Deutschland in den vergangenen Jahren ein bisschen so auftreten wie der Wessi gegenüber dem Ossi: grandios großkotzig. In Österreich herrscht Vollbeschäftigung mit einer Arbeitslosenrate um die vier Prozent, die Löhne sind in einigen Branchen höher als in Deutschland, die Kriminalität ist nie­driger. Und kein Kännchen Kaffee trübt das Gefühl, irgendwie auf die Butterseite der europäischen Gegenwart gefallen zu sein. Und auch die so genannten Gastarbeiter kommen mittlerweile nicht mehr nur aus den süd- und osteuropäischen Ländern, sondern auch aus Deutschland.
Es ist wohl die deutsche Akkuratesse, mit der ein gelernter Österreicher wenig anzufangen weiß. Das fing schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg an. Österreichische braune Brühe wurde aus Staatsräson nicht entsorgt, sondern in die Konsensdemokratie eingeleitet. Die Entnazifizierung war in Österreich eben typisch schlampig, denn bevor ein Nazi ein Nazi war, war er zu allererst mal Österreicher und daher für den Aufbau des Landes unentbehrlich. Man hat sie integriert in die sozialistische Partei und in die konservative Volkspartei, und wer sich nicht integrieren ließ, für den wurde der »Verband der Unabhängigen«, heute die »Freiheitliche Partei Österreichs«, gegründet. Bezeichnend ist es für das konsensuale Verständnis von Demokratie in Österreich, dass der große sozialdemokratische Kanzler Bruno Kreisky ausgerechnet die Freiheitlichen stärkte. Bruno Kreisky war Jude und musste den Zweiten Weltkrieg im Exil in Schweden verbringen. Von deutscher Akkuratesse war zumindest bei der Entnazifizierung keine Rede. Man hat sich arrangiert.

Gerade im Verhältnis zu Deutschland aber zeigt sich, dass die Österreicher auch Kantönligeist beweisen. Der Oberösterreicher, der Salzburger, der versteht sich prächtig mit den Bayern, und warum er selbst eigentlich kein Bayer ist, entzieht sich sowieso seinem Verständnis. Der Wiener mit seinen zuweilen verdrängten und gekappten slawischen Wurzeln dagegen entwickelt zuweilen allergische Reaktionen gegen deutsche Lebensart.
Wer in den kommenden Wochen der österreichischen Mannschaft die Daumen drückt, wird auch Spieler anfeuern, die eine neue Dimension in den flauschig-weichen Patriotismus-Schwall bringen könnten. Denn die Nationalspieler sind die Kinder jener Gastarbeiter, die vor ein paar Jahrzehnten nach Österreich einwanderten. Die Kinder deutscher Gastarbeiter sind noch nicht dabei. Aber so weit wird es hoffentlich auch nicht kommen.
Der österreichische Kabarettist Josef Hader hat die österreichischen Befindlichkeiten und die Gruppengegner recht treffend beschrieben: »Die Kroaten sollten mit den Skispringern kommen, die Polen mit dem eigenen Auto, und man darf Deutschland nicht unterschätzen. Der beste Fußball kommt ja bekanntlich aus den ärmsten Regionen.«

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