Eine Reise durch China

Von Mao zu Dao

Es wird esoterisch. Christian Y. Schmidt ist quer durch China gereist. In diesem Dossier erzählt er uns davon, wie er ins Kloster ging und direkt neben dem Wald der Langlebigkeit abhob. In weiteren Rollen: Juli Zeh, Adolf Hitler, Laozi, DJ Fix, DJ Foxi, der Gelbe Kaiser und die Weltraumsonde Voyager 2.

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Mein Zwangsaufenthalt in Chengdu hat auch etwas Gutes. Ich kann in aller Ruhe meinen großen Buddhismus-Daoismus-Vergleich zu Ende bringen. Qingcheng Shan, der Azurstadtberg, einer der heiligen Berge des Daoismus, liegt nur sechzig Kilometer westlich der Stadt, am äußersten Rand eines Gebirges, das sich dahinter immer weiter auftürmt, bis es irgendwann zum Himalaja wird. Hierhin breche ich nach drei Tagen auf, vorläufig das letzte Mal allein. Mit Bart vereinbare ich, dass wir in SMS-Kontakt bleiben. Er soll mir sofort Bescheid geben, wenn er die Papiere hat.

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Allerdings will ich hier gleich einräumen, dass ich nicht völlig unbelastet nach Qingcheng fahre. Ich habe immer noch das »Dao De Jing« des großen Laozi dabei, »Das Buch vom Sinn und Le­ben«, zumindest nach der Übersetzung des Sinologen Richard Wilhelm. Es ist über zweitau­send­fünfhundert Jahre alt und gilt als die Bibel des Daoismus. Seltsamerweise ist es aber kein religiöses, sondern ein philosophisches Werk. Es handelt unter anderem davon, dass das Dao – eine nicht wirklich zu definierende Substanz oder Energie – immer schon da war, vor jedem Gott, vor jeder Materie oder vor jedem Menschen, und alles am Ende zu ihm zurückkehren wird. Ich habe in diesem Buch auf meiner Reise immer wieder gern gelesen, weil man es auch ganz praktisch nutzen kann. Auf dem Jiu-Hua-Berg half es mir bei den schweren Regenfällen, mich zu entscheiden, und wenn ich mich gelegentlich allein fühlte, war es ein echtes Trostbuch. »Der Berufene«, schreibt Laozi, »mag er auch alle Herrlichkeiten vor Augen haben: Er weilt zufrieden in seiner Einsamkeit.«
Im Westen ist diese »Religion« recht unbekannt, in China hat sie weniger Anhänger als der Buddhismus. Auch der zugehörige heilige Berg ist kleiner als der Jiu Hua Shan, wo ich vor zwei Monaten den Buddhismus gründlich testete. Statt der neunundneunzig Gipfel hat er nur sechs­unddreißig. Dafür ist der buddhistische Berg nur eine AAAA-Touristenattraktion (die höchste innerchinesische Wertung), Qingcheng Shan aber Weltkulturerbe. Außerdem wurde auf dem Berg die daoistische Religion begründet. Das ist schon mal ein großer Pluspunkt, denn um zum Ursprungsort des Buddhismus zu gelangen, müsste ich bis nach Indien fahren.
Mein positives Vorurteil wird allerdings gleich einer harten Prüfung unterzogen, als mich der Bus auf dem Parkplatz vor dem Eingangstor zum Berg ausspuckt. Es ist verschlossen. Offensichtlich ist es zu spät, um noch den Gipfel zu bestei­gen. Eigentlich hatte ich geplant, dort billig in einem daoistischen Kloster zu wohnen. Am Fuß des Berges aber sind die Hotels so teuer wie noch nie auf dieser Reise. So lasse ich mich entgegen allen Vorsätzen noch einmal in eine Privatunterkunft abschleppen. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Schlepperin ein junges hübsches Mädchen ist, das ein blaues T-Shirt trägt, auf dem steht: »This movie is presented by: Walt Disney Productions«.
Das kleine Haus, zu dem sie mich führt, steht eigentlich recht malerisch inmitten eines Haines dicker Bambusstauden. Doch das Eternitdach ist vom vielen Regen schon ganz schwarz, und das Zimmer lässt mich meinen Entschluss sofort bereuen. Es ist so feucht wie eine Tropfsteinhöhle. Die Bettwäsche fühlt sich klamm an, und im Bad ist nur ein Loch im Boden, sonst nichts, noch nicht einmal ein Spiegel. »Ich mag das Zimmer nicht«, sage ich dem Mädchen und will am liebsten wieder gehen. »Was willst du eigentlich?« antwortet sie. »China ist schließlich ein Entwicklungsland.« Da gebe ich mich geschlagen.
Ich bleibe auch, weil mir Miss Disney »Leben in einer chinesischen Familie« versprochen hat. Das hatte ich auf dieser Reise noch nicht, sieht man einmal von der kurzen Episode in Frau Colonel Kurtzens Rumpffamilie ab. Und tatsächlich soll ich Familienanschluss bekommen. Am Abend versammeln sich das Mädchen, ihr Freund, die Mutter, der Großvater und zwei Tan­ten auf der Terrasse vor dem Haus und warten Mah-Jongg spielend auf das Essen. Das kocht der Vater, der auf seinem Oberkörper nichts anderes trägt als Hunderte von Mückenstichen. Es gibt Tofu, Bohnen, Zwiebeln, Wintermelonensuppe, Reis und dazu ein Verhör durch den halbnackten Vater. Als er mich auf vierzig schätzt und mir partout mein wahres Alter nicht glauben will, werfe ich meinen Führerschein auf den Tisch. So erfährt er, dass ich Deutscher bin. »Xitele«, schreit der Vater sofort begeistert. Immerhin geht dieses Mal nicht der Arm hoch, sondern nur der Daumen.
Das ist jetzt das vierte Mal auf dieser Reise, dass jemand den Führer hochleben lässt. Erst Xitang, dann Yingshan und Chongqing, dort war in einem Fotoladen, in dem ich mir DVDs brennen ließ, der Arm gar nicht mehr runtergegangen. Und jedes Mal war ich schlecht vorbereitet. Auch jetzt winke ich nur müde ab und sage: »Xitele bu hao«, was so viel heißt wie: »Hitler nicht gut.« Könnte da das Goethe-Institut nicht mal was machen? Zum Beispiel eine Milliarde Flugblätter drucken lassen, auf denen man den Chinesen in einfachen Worten erklärt, dass dieser Herr Xitele nicht nur ein großer Verbrecher war, sondern im Zweiten Weltkrieg auch ein großer Freund und Bundesgenosse der Chinesen metzelnden Japaner? Das wäre sicher sinnvoller, als immer nur Juli Zeh oder DJ Fix und Foxi nach Peking einfliegen zu lassen.
Ich habe jedenfalls bald genug davon, das deut­sche Schneewittchen bei den sieben Hit­ler­zwer­gen zu spielen, und ziehe mich recht früh in meine Tropfsteinhöhle zurück. Hier liege ich lange auf der feuchten Bettwäsche und lausche Milliarden von Zikaden, die draußen im subtropischen Bambuswald vor sich hin kreischen. Nur ab und zu wird dieser Lärm von der durchdringenden Quäkstimme des Hitlervaters unter­brochen, der lautstark das Fernsehprogramm kommentiert. Später setzt starker Regen ein. Of­fenbar ist Regen das Pflichtwetter an allen religiösen Stätten Chinas.

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Der nächste Morgen beginnt unter besseren Vorzeichen. Es nieselt nur noch, und ich kann in aller Frühe aus meiner Gruft entkommen, ohne dass mir der Hitlervater noch einmal über den Weg läuft. Hinter dem Eingangstor zum Berg ist es dann wie in einer chinesischen Märchenwelt. Hohe, dunkle Bäume stehen dicht an dicht, und dazwischen führt ein kleiner Fußweg nach oben, der in eine Treppe mündet. Ich hatte eigentlich einen Shuttlebus erwartet wie in Jiu Hua Shan, und so stehe ich mit meinem knapp zwanzig Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken dumm da. Doch Laozi sagt: »Also auch der Berufene: Er wandert den ganzen Tag, ohne sich vom schweren Gepäck zu trennen«, und also ächze ich schwer beladen die Treppen hoch.
Zum Glück dauert der Aufstieg keinen Tag. Schon nach einer knappen halben Stunde stehe ich auf einer Fähre, die über den Mondstadtsee gleitet; vollkommen lautlos, weil sie an einer Ket­te von einem Ufer zum anderen gezogen wird. Die hohen, nebelumwaberten Berge ringsherum sehen jetzt aus wie auf einer alten chinesischen Tuschezeichnung. Am anderen Ufer besteige ich dann glücklich einen daoistischen Sessellift und schwebe über den Nebelwald ein paar hundert Meter hoch zum Shang Qing Gong, dem Palast der höchsten Reinheit.
Der Palast ist eigentlich ein Kloster, das den »drei Reinen« gewidmet ist, den drei höchsten daoistischen Göttern. Doch man unterhält auch einen kleinen Pensionsbetrieb für Pilger, die wie ich nach dem Daoismus hungern. Hier miete ich mich ein. Das Zimmer ist nicht ganz so prächtig wie das im Buddhismus-Hotel in Jiu Hua Shan. Dafür ist es in die Klosteranlage integriert, und ich kann von dem langen Gemeinschaftsbalkon vor meiner Zimmertür auf vierhundert Jahre alte Ginkgobäume und Zedern sehen, deren Spitzen in die Wolken ragen. Ich bin sofort begeistert und notiere in meinem großen Buddhismus-Daoismus-Vergleichsjournal einen Punkt für den Daoismus.
Es wird an diesem Tag noch ein paar Punkte für den Daoismus geben. So gefällt mir das Klos­ter, das ich am Nachmittag erkunde, besser als das meiste, was ich auf Jiu Hua Shan gesehen habe. Es wurde ursprünglich während der Jin-Dynastie (265 bis 420 n. Chr.) an den Hang gebaut, danach aber wie üblich immer wieder um­gebaut und verändert. In der Form unterscheidet es sich nicht sehr von buddhistischen Klöstern. Aber man geht mit Gold bescheidener um, und es dominieren dunkle Farben. Stütz- und Dachbalken sind mit hübsch geschnitzten Szenen verziert, die viehhütende Bauern zeigen, Rehe, die den Berg hinabspringen, oder Kraniche im Flug. Auch das Taiji, das Yin-und-Yang-Symbol, das die Dächer der Tempel krönt, gefällt mir besser als das Hakenkreuz der Buddhisten. Doch das mag daran liegen, dass ich immer noch unter dem Eindruck des Hitlervaters stehe.
Die daoistischen Mönche im Palast der höchs­ten Reinheit bekommen gleich zwei Punkte. Zwar sind sie mindestens so geschäftstüchtig wie die Buddhisten. Am Laozi-Altar verkauft ein Mönch ein Dreier-Räucherfackelset für stolze zwanzig Kuai, und diese Verehrungsmunition geht so schnell weg, dass er kaum dazu kommt, die Plastikfolie abzureißen. Doch niemand versucht hier, mir Geld abzupressen, oder zerrt gar an mir rum. Den zweiten Punkt gibt’s für die Musik, mit der der Innenhof vor dem Laozi-Altar beschallt wird. Ein DJ-Mönch wechselt regelmäßig die CDs. Die Mönche vom Qingcheng-Berg sind berühmt für ihren daoistischen Ambientsound, der hat es sogar ins Weltall geschafft. Eine CD mit den Kompositionen eines Qingcheng-Mönchs befindet sich seit 1977 an Bord der amerikanischen Sonde Voyager 2, die momentan an der Grenze unseres Planetensystems herumtrudelt. Vielleicht ist der Dao-Sound bereits in irgendwelchen Aliencharts.
Nur die Haartracht der Dao-Mönche ist gewöh­nungsbedürftig. Männer wie Frauen haben extrem lange Haare, aber nur, um sie auf dem Kopf zu einem Dutt zusammenzubinden. So sehen alle mehr oder weniger aus wie Omas. Dafür ist ihre Kleidung sehr viel besser. Statt der ewig gleichen buddhistisch roten Kutten trägt man zu schneeweißen Seidenanzügen schwarze Schuhe und Gamaschen. Das verleiht den Mön­chen eine gewisse esoterische Eleganz. Sie wirken distanziert, sind aber gar nicht überheblich. Man nickt mir kurz zu, wenn ich vorbeigehe, und ein Mönch lächelt mich sogar huldvoll an, während er sich mit einem Fächer aus weißen Federn Luft zufächelt. Unter Buddhisten ist mir das nicht passiert.

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Der Hauptgrund für meine Sympathie für den Daoismus aber ist und bleibt das schlaue »Dao De Jing«. Seinen Autor treffe ich am frühen Abend, als ich noch einmal schnell auf den nahe dem Palast gelegenen Qingcheng-Gipfel steige. In einem hohen Pavillon steht hier eine riesige Laozi-Skulptur, die den Urdaoisten zeigt, wie er auf einem Ochsen reitet. Die Skulptur ist sehr neu und fast buddhistisch golden, monströs und protzig. Doch heute ist der Turm glücklicher­weise in so dichten Nebel gehüllt, dass der übertriebene Glanz angenehm gedämpft wird. Die Legende besagt, dass Laozi vor über zweitausendfünfhundert Jahren auf dem Rücken eines schwarzen Ochsen am Hang-Gu-Pass auftauchte, der damals an der Westgrenze des Staates Chu lag. Der Grenzbeamte erkannte den großen Meister und bat, dieser möge ihm etwas Schriftliches überlassen. Da schrieb Laozi kurzerhand das »Dao De Jing« nieder, gab es seinem Bewunderer und ritt dann auf dem Ochsen weiter Richtung Westen.
Niemand weiß, wo er geblieben ist, denn gesehen wurde er nach dieser Episode nie wieder. Zuvor allerdings wohl auch nicht. Die Wissenschaftler sind sich ziemlich einig, dass es sich bei Laozi um eine Figur der Legende handelt, die nie gelebt hat. Trotzdem möchte ich die Geschichte mit dem Ochsen gerne glauben. Schließ­lich bin ich in derselben Richtung unterwegs. Das macht ihn zu meinem unsichtbaren Reisegefährten, und dafür vergebe ich für heute meinen letzten Punkt an den Daoismus.
Ich will mich zum Gehen wenden, denn es be­ginnt langsam zu dämmern. Da höre ich plötzlich ein unheimliches Geräusch. Es klingt so, als ob ein feiner Regen einsetzte. Und tatsächlich. Allerdings regnet es kein Wasser, sondern lange Stabheuschrecken, die sich zu Tausenden von den Bäumen auf den Boden fallen lassen, wie in einem Horrorfilm. Nur sind diese lebenden Äste harmlos und müssen letztlich selber leiden. Weil sie dicht an dicht über den Boden kriechen, kann ich leider nicht vermeiden, immer wieder einige von ihnen zu zertreten. Was für dumme Kreaturen, denke ich, die hier ohne Sinn und Verstand einen auf Kamikaze machen. Aber dann setzt ein echter, gewaltiger Platzregen zehn Minuten nach dem Insektenregen ein. Die Heuschrecken hatten den Regen offenbar schon vorher gespürt und versucht, sich ins Trockene zu bringen.
Beim Abstieg lässt der Regen wieder nach, und durch den feinen Niesel bewegen sich vier blaue Schmetterlinge langsam auf mich zu. Sie flattern zugleich torkelnd umeinander, wobei jeder Schmetterling genau den gleichen Abstand zu den anderen hält. Die Schmetterlinge sehen aus wie Lichter auf unscharfen UFO-Videos, und kurz glaube ich, sie wollen mich angreifen. Im letzten Moment aber drehen sie vor mir ab und verschwinden spurlos im Wald.

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Das Kloster, die Kleidung, die Philosophie und der ganze verzauberte Berg haben mich auf die Dao-Seite gezogen. Selbst die ausgefallenen dao­istischen Götter ziehe ich den ganzen stumpf lächelnden Buddhas vor. Ähnlich wie die Gottheiten der alten Griechen oder Römer sind sie ziemlich actionorientiert und könnten in jedem modernen Superhelden-Comic oder Videospiel eine tragende Rolle übernehmen. Sie reisen auf Drachen durch den Himmel, gebären Ster­ne, oft waren sie zuvor Menschen, die nach einer Weile fliegen lernten und unsterblich wurden. Der ganze Götterkosmos hat allerdings nichts mit dem »Dao De Jing« zu tun, sondern wurde zum größten Teil von Religionsgründer Zhang Daoling um 140 n. Chr. hier auf dem Berg geschaffen. Dabei bediente sich der Mönch bei der sehr viel älteren chinesischen Volksreligion, in der es von Spezialgottheiten und Heroen nur so wimmelt. Ein paar Jahrhunderte später wurden dann noch etliche, nur grob umgemodelte buddhistische Heilige mit aufgenommen.
Dennoch bleibt der Daoismus die ursprüngliche chinesische Religion mit den chinesischeren Göttern. Der chinesischste ist sicher Huang Di, der Gelbe Kaiser, dessen etwas tiefer gelegenen Schrein ich am zweiten Tag besuche. Er hat das Unmögliche vollbracht, gleichzeitig der Stammvater aller Chinesen zu sein und sie um 2700 v. Chr. geeint und für hundert Jahre regiert zu haben. Auch sonst war der Gelbe Kaiser ein rechter Alleskönner. Er hat ein Medizinbuch geschrieben, das heute noch die Grundlage der traditionellen chinesischen Medizin ist, brachte den Chinesen das Züchten von Seidenraupen bei, erfand den chinesischen Mondkalender und einen magischen Kompass, der ihm half, seine Armeen im Sandsturm zu verbergen. Und als er genug regiert, gelehrt und gekämpft hatte, wurde er unsterblich.
Der große Dao-Hit aber ist die Qi-Sammelplatt­form, die ich kurz vor Sonnenuntergang am schönsten Ort auf dem ganzen Berg entdecke. Die­ser Ort ist der Garten des Palastes der höchsten Reinheit, und die Plattform ist eine kleine, ummauerte Terrasse, die am Rand dieses Gartens zwischen blühenden Rosen, Dahlien und Fuchsien liegt, direkt am Eingang zum Wald der Langlebigkeit, in dem Eichhörnchen von Zeder zu Zeder springen. Vor Hunderten von Jahren, so erklärt ein Schild, hat sie der dao­istische Meister Ma Gu angelegt, um hier das Qi, die daoistische Lebensenergie, in seinen Körper aufzuneh­men. Qingcheng Shan, so heißt es weiter, sei nämlich ein extrem gutes Qi-Gebiet, und genau an der Sammelplattform falle noch einmal extra viel Qi an. Meister Ma Gu muss diese Energie gut genutzt haben, denn er »erlebte dreimal, wie sich ein See in Ackerland verwandelte«, und sah trotzdem noch aus wie ein junger Mann. Von anderen Leuten wird berichtet, dass sich »aller Schleim von ihnen löste«, als sie sich auf die Plattform stellten. Und hinterher waren sie ganz leicht. Das muss ich doch gleich mal ausprobieren.
Ich hüpfe auf die Plattform, stelle mich in die Mitte des in den Boden geritzten Yin-und-Yang-Zeichens, breite meine Arme aus und warte auf das Qi. Nach ein paar Minuten beginne ich tatsächlich etwas zu spüren. Zwar löst sich kein Schleim – wo auch, frage ich mich etwas bang –, aber ich fühle, wie sich meine Muskeln entspannen und mich irgendetwas durchströmt. Als ich zehn Minuten später die Plattform wieder verlasse, fühle ich mich frisch, belebt und um mindestens drei Kilo leichter.
Das Gefühl ist so sensationell, dass ich für mich noch in derselben Minute entscheide: Daoismus, da mache ich jetzt mit. Eigentlich ist es ja auch kein großer Schritt von meinem alten Mao­­ismus zum Daoismus. Nicht nur, weil beides chinesisch ist und man nur einen Buchstaben austauschen muss, um das jeweils andere zu haben. Laozi und Mao sind immer wieder auch inhaltlich gar nicht so weit auseinander, wie man gemeinhin denkt. Das »Dao De Jing« jedenfalls ist voll von revolutionären Stellen: »Werft weg den Gewinn, so wird es Diebe und Räuber nicht mehr geben«, heißt es zum Beispiel oder: »Dass das Volk hungert, kommt davon her, dass seine Oberen zu viele Steuern fressen.« Mao hätte das kaum besser sagen können. Ich frage mich nur, wie ich bei einer Konversion das Frisurproblem lösen soll. Mit meiner Haartracht könnte ich zwar jederzeit ein buddhistischer Mönch werden, aber niemals Daoist. Der Zug ist vor spätestens zwanzig Jahren abgefahren.
Die Frisurenfrage löst sich noch in der Nacht, als ich meine Konversionsidee wieder aufgebe. Schuld daran sind die daoistischen Pilger im Ne­benzimmer. Sie fangen am Abend gegen neun an, Bier zu trinken und Mah-Jongg zu spielen. Da­bei lachen und lärmen sie. Sie knallen ab und an einen Stein auf das Brett, und alle zehn Minu­ten werden die Steine unter großem Geklicker und Geklacker neu gemischt. Ich aber bin erschöpft vom Tag und muss dringend schlafen. Daran ist bei dem Krawall nicht zu denken, und binnen kurzer Zeit entlädt sich meine gerade erworbene Körperenergie wieder. Als ich gegen eins schon deutlich im Minusbereich bin, gehe ich rüber, um mich zu beschweren. Meine Quälgeister sind zwei mittelalte Paare, die in ihren Schlafanzügen stecken und auf den Betten sitzend spielen. Wütend frage ich, ob ich wenigstens die Tür schließen kann, und ohne eine Ant­wort abzuwarten, ziehe ich sie mit einem lauten Knall zu. Das ist ein sehr unchinesisches Ver­halten, und während ich wieder auf mein Zimmer gehe, höre ich die beiden Pärchen kichern. Das bringt mich erst recht in Rage. Was denken sich diese Leute eigentlich? Wir fahren ins Kloster, trinken einen und machen durch bis morgen früh? Nein, bei einer Religion, die solche Pilger hat, kann ich leider doch nicht mitmachen.

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Am nächsten Morgen schäme ich mich ein biss­chen für meine kleinbürgerlich beschränkte Re­aktion. Sie zeigt deutlich, dass ich etwas Prinzipielles im Verhältnis der Chinesen zur Religion nicht verstanden habe. Richtig klar wird mir das am Nachmittag, als ich vor dem Laozi-Altar einen lustigen Zwischenfall beobachte. Zwei junge Frauen fangen hier aus heiterem Himmel an, sich gegenseitig anzukeifen. Ich verstehe kaum ein Wort, bloß, dass es um Geld und Betrug geht. Wie immer bei solchen Gelegenheiten bildet sich sofort eine Traube aus Schaulustigen, die sichtlich vergnügt auf eine gute Show hofft. Doch diese Traube ist besonders. Auch zwei Ausländerinnen sind in der Menge, dem Augenschein nach Spanierinnen in etwas zu knappen Tops.
Die Spanierinnen aber wollen sich nicht an dem Streit erfreuen, sondern Frieden stiften. Sie glauben, das gehe am besten, wenn sie den beiden Streitenden klarmachen, dass sie sich an ei­nem heiligen Ort befinden. Deshalb zeigen sie immer wieder mit betroffenem Gesicht auf die Laozi-Skulptur. Sie falten auch demonstrativ die Hände, halten sich den Zeigefinger vor die zu­sammengepressten Lippen und rollen mit den Augen. Als das alles nicht hilft, packt eine Friedensstifterin eine der Kampfhennen am Arm und zerrt sie Richtung Altar. Doch die Keifende reißt sich sofort los, läuft zu ihrer Gegnerin zurück und knallt ihr überraschend eine. Die umherstehenden Chinesen sind begeistert, die beiden Spanierinnen aber verdoppeln entsetzt ihre pantomimischen Anstrengungen. Am Ende gibt die Geohrfeigte nach, zieht ein Bündel Hundert-Yuan-Scheine aus der Handtasche und zahlt ihrer Angreiferin die verlangte Summe. Dann ziehen beide Hauptakteurinnen ab. Die Men­schen­traube aber diskutiert das Geschehene noch eine Weile. Anders als die Europäerinnen scheint keiner diesen Streit unter den Augen eines Gottes für Blasphemie zu halten. Im Gegenteil: »Wie wahnsinnig schnell sie zugeschlagen hat«, kommentiert eine alte Frau. Es klingt anerkennend.

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Auch diese Geschichte zeigt sehr deutlich, wie pragmatisch die meisten Chinesen mit Religion umgehen. Man betet gerne und viel zu diversen Göttern, um Beistand in Krisen zu erhalten oder um sich Wünsche erfüllen zu lassen. Kommt es aber hart auf hart, verlässt man sich lieber auf sich selbst, und der Gott verwandelt sich in das Stück Holz zurück, aus dem er geschnitzt ist. »Die Chinesen«, habe ich in einem französischen Buch von 1897 gelesen, das ich zufällig im Stadtmuseum von Chongqing an dieser Stelle aufgeschlagen fand, »sind zur gleichen Zeit die abergläubischsten als auch die skeptischsten Men­schen der Welt.« Und das ist sicher besser, als sich und andere aus religiösen Gründen in die Luft zu sprengen oder Kreuzzüge anzuzetteln.
Ich will jedenfalls gleich nach dem Backpfeifenzwischenfall schon wieder Daoist werden. Doch erstens habe ich keine Ahnung, wie das prak­tisch geht, und zweitens bekomme ich am Abend eine Nachricht, die mich alles andere vergessen lässt. Überbringer der Hiobsbotschaft ist eine Gruppe chinesischstämmiger Schweizer, sie sind gerade angekommen, und auf der Treppe vor dem Kloster unterhalten wir uns kurz. »Eigentlich wollten wir«, sagt einer von ihnen mit schweizerdeutschem Akzent, »gar nicht nach Qingcheng. Aber für die Reise mit dem Zug nach Lhasa haben wir keine Permits bekommen. Soll sehr schwierig sein im Moment.«
Mist, das ist genau das, was ich jetzt auf keinen Fall hören will. Ich habe nämlich seit Tagen keine Nachricht von Bart. Ans Telefon geht er auch nicht. Unter diesen Umständen kann ich unmöglich länger hierbleiben. Ich muss zurück nach Chengdu und gucken, was los ist. Auch wenn mir das »Dao De Jing« für solche Situationen zum Gegenteil rät, nämlich hübsch abzuwarten: »Der Berufene«, schreibt Laozi, »macht das Nichtmachen, so kommt alles in Ordnung.«

Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags aus: Christian Y. Schmidt: Allein unter 1,3 Milliarden. Rowohlt Verlag, Berlin 2008, 320 Seiten, 19,90 Euro. Das Buch erscheint Anfang August.