100 Jahre Rowohlt

Der Rowohlt-Clan

Aus der Liebe zum Buch wurde Ernst. Heute ist der Rowohlt-Verlag hundert Jahre alt.

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Einige von ihnen sind nicht mehr im Programm zu finden. Und viele sind nicht einmal mehr lieferbar. Die Rede ist von Büchern. Und vom Rowohlt-Verlag. Unzählige Autorinnen und Autoren wurden von diesem Verlag entdeckt oder lange begleitet, nicht alle sind dem Haus treu geblieben, nicht alle durften bleiben. Kafka etwa, dessen erstes Buch im fünften Jahr des Verlagsbestehens erschien, wechselte früh den Verleger. Bücher von Paul Scheerbart, Hugo Ball, Georg Heym, Wal­ter Benjamin, Arno Schmidt, Friederike Mayröcker, Peter O. Chotjewitz, Gisela Elsner oder Walter Kempowski finden sich schon lange nicht mehr in der Rowohlt-Backlist. Und Romane, Essays oder Stücke von Walter Hasenclever, Carl Einstein, Kurt Hiller oder Renate Rasp sucht man sogar auf dem gesamten heutigen Buchmarkt vergeblich.
Der Rowohlt-Verlag feiert in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag. 1908 verlegte Ernst Rowohlt ohne jede Erfahrung das Buch eines Freundes. Es wurde ein Flop. Das hielt Rowohlt nicht davon ab weiterzumachen. Erst später lernte Rowohlt by doing, was einen Verlag und was einen Verleger ausmacht.
Anlässlich des Jubiläums ist nun eine »illus­trierte Chronik« erschienen, die ihre Leserinnen und Leser zugleich begeistert und frustriert. Man ist begeistert, denn vier Autoren, die allesamt Angestellte des Hauses waren oder sind, haben sich über das Archiv hermachen dürfen und nicht wenige Schätze ans Licht ziehen können – Texte etwa über die teilweise recht merkwürdige Vorgehensweise der Verlagspatriar­chen Ernst Rowohlt und Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, deren legendäre »Bauchentscheidungen« und deren verlegerischer Mut nicht selten einfach nur alkoholbedingt waren. Die Lektorentätigkeit von Fritz J. Raddatz wird ebenso gewürdigt wie die von Kurt Kusenberg oder Franz Hessel. Viel Merkwürdiges kann berichtet werden, ein Zank wegen einer Übersetzung wird ausführlich dokumentiert, Verbotsprozesse in der Weimarer Republik, das Berufsverbot für Rowohlt während der letzten Nazijahre oder der nahezu ruinöse Streit um Propaganda des Kalten Krieges in den sechziger Jahren. Ebenso erfährt man von Querelen um neue Reihen, von der Idee des Taschenbuchs, die Rowohlt nach Deutschland importierte, und von einigen angekündigten, aber nie erschienenen Büchern. Oder von leider erschienenen Büchern wie beispielsweise der dümmlichen »Abrechnung mit Hitler« von dem sich 1948 plötzlich als Opfer der Nazis begreifenden ehemaligen Reichsbank­direktor Hjalmar Schacht. Und selbstredend werden viele Sauf-, Saus- und Brausgeschichten erzählt.
Die gute alte Zeit also. Bibliomane kommen voll auf ihre Kosten. Leider allerdings fällt das Engagement Rowohlts bei den Nazis ziemlich unter den Tisch. Jüngst deckte der Spiegel auf, was man schon hatte wissen können – Rowohlt verhandelte mit der NSDAP, deckte einerseits jüdische Mitarbeiter, spendete der Partei andererseits größere Summen und zog nicht ohne Begeisterung in den Krieg. Man hätte es sich den­ken können – Rowohlts Festhalten an Ernst von Salomon, einem radikalen Rechten, der als junger Mann an der Ermordung Walter Rathe­naus beteiligt war, hatte bereits gezeigt, das Rowohlt kein »Politischer« war, sondern ein trickreicher Macker, der zum Männerbündischen und Soldatischen neigte und auf Partys Weingläser verzehrte, um alle zu beeindrucken. Ernst Rowohlt konnte Tucholsky und zugleich Salomon verlegen, ohne darin einen Widerspruch zu sehen. Er sah ihn nicht, weil ihn der Widerspruch nicht interessierte. Ihn interessierte der Erfolg. Bei aller Liebe zu »seinen« Autorinnen und Autoren.
Auch nach dem Ausscheiden von Ernst Rowohlt blieb der Verlag dieser Idee verpflichtet. Die Chronik zeigt es. Obgleich sich Rowohlt in den fünfziger oder sechziger Jahren als eher lin­ker Verlag begriff, hielt dies die Verleger nicht davon ab, an der Propaganda der Geheimdienste mitzuverdienen. Immerhin galt diese Aktion bei den Lektorinnen und Lektoren im Verlagshaus noch als ein Skandal und hatte scharfe Proteste zur Folge. In jüngster Zeit dagegen ist Rowohlt ein Verlag geworden, der Nichtiges und Wichtiges gleichermaßen verlegt, solange es sich nur verkaufen lässt, das politische Interesse ist gleich null, sogar das kulturpolitische.
Es ist dieselbe Beliebigkeit, die auch auf das Jubiläumsbuch durchschlägt, und so bleibt nach der Lektüre der Chronik ein bitterer Nachgeschmack; allzu deutlich dokumentiert das Buch den Sieg der Gegenwart über die Vergangenheit, vor allem aber den Sieg des Marketings über die Verlagshistoriker. So wird etwa in einem Artikel vom »heute weitgehend vergessenen Carl Einstein« geredet, während er andernorts im Buch zu Recht als wichtiger Autor bezeichnet wird. Zu Ernst von Salomon findet man kaum distanzierende Worte und lässt ihn, wie schon »Väterchen« Ernst Rowohlt, allzu einträchtig neben dem Radikaldemokraten Kurt Tucholsky stehen. Es sind halt alte Bilder aus einer alten Zeit, und Salomon druckt man nur deshalb nicht mehr nach, weil er sich nicht verkaufen lässt.
Vor allem aber ist es das Ziel dieser Chronik, für die Verlagszukunft zu werben, so dass Bestsellerautoren wie Martin Walser und Daniel Kehlmann ebenso viel Platz eingeräumt wird wie modernen Klassikern wie Robert Musil oder Mascha Kaléko. Die Gegenwärtigen sollen ihren Platz in der Geschichte besetzen, und so wird ihnen Platz gemacht.
Das alles geht auf Kosten einer Veröffentli­chungs­liste – der dreibändige »Verlagsalmanach« geht nur bis 1992, ein neuer, vierter Band ist nicht angekündigt. Warum auch? Der Verzicht auf diese objektive Chronik zugunsten einer Selbstdarstellung macht klar: Mit jedem Jahr schwindet Ernst Rowohlts Verlagsvermächt­nis ein wenig mehr, mit jedem Jahr haben die Entscheidungen des Holtzbrinck-Konzerns, dem der Verlag seit 1983 gehört, stärkeres Gewicht. Mit dem Alten will man sich nicht belasten, egal ob es schlecht oder gut war, das Neue muss her.
Die Verleger, die Holtzbrinck eingesetzt hat, waren nicht immer so talentiert wie der jetzige, Alexander Fest, doch niemals wieder wird jemand diesen Verlag wirklich nachhaltig prägen können. Fest übrigens gab den nach ihm benannten Verlag auf, als er zu Rowohlt wechselte. Er wird seinen Namen mit dem Rowohlt-Verlag nicht mehr verbinden können, egal wie gut die von ihm erwirtschafteten Erträge sein werden, und wird nur als Name in einer Firmengeschich­te auftauchen, die wiederum nur erscheint, damit der »Wert der Marke«, wie es der Wirtschaftsesoteriker nennt, »gestärkt« werden kann. Dazu dient der Name Rowohlt. Er ist keine Verpflichtung, weder zu Kritik noch zu einer bestimmten Form von Literatur. Alle Bände des Jubiläumsprogramms sind dementsprechend Neuerscheinungen.

Hermann Gieselbusch, Dirk Moldenhauer, Uwe Naumann, Michael Töteberg: 100 Jahre Rowohlt. Eine illus­trierte Chronik, Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, 383 ­Seiten, 20 Euro