Biografie von Lucie Ceccaldi

Die Mutter der Elementarteilchen

In seiner Abrechnung mit den ­Achtundsechzigern fungierte sie als Hassobjekt Nummer eins: Nun hat die Mutter des Schriftstellers Michel ­Houellebecq ihre ­Lebensgeschichte ­veröffentlicht. ­Bernhard Schmid hat Lucie Ceccaldis ­Autobiografie gelesen

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Es war Winter und (…) der Garten war nackt und leer und weiß vom Schnee, den der Wind verteilte, indem er die Zweige schüttelte, die schon bald wieder blühen würden.« So idyllisch beginnt die Autobiografie von Lucie Ceccaldi, die jetzt ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben und sie unter dem Titel »L’innocente« veröffentlicht hat. Das bedeutet so viel wie »Die Unschuldige«, kann aber – je nach Kontext – auch so etwas wie »Die Naive« bedeuten.
Das kleine Mädchen lebt in Constantine, im französisch beherrschten Algerien. Ihr steht ein großer Umzug in die Gouverneurshauptstadt Algier bevor, wohin ihr Vater, von Beruf Ingenieur, versetzt worden ist. Ab diesem Zeitpunkt wird der Leser Lucie Ceccaldi durch ihr einigermaßen bewegtes Leben begleiten.
Die Lebensgeschichte der inzwischen 83jährigen Frau hätte – so respektabel sie auch sein mag – wohl niemanden interessiert, hätte sie nicht einen berühmten Sohn namens Michel Houellebecq. In seinem Bestseller »Die Elementarteilchen«, der 1998 auf Französisch erschien, ist Janine Ceccaldi, so heißt sie in dem Buch, eine der Schlüsselfiguren und zugleich eine Art Sündenbock.
Der Thesenroman handelt vom »Selbstmord des Abendlands« (suicide occidental), wie Houelle­becq sich ausdrückt. Ein Selbstmord, der daraus resultiert, dass die sozialen Bindungen zwischen den Individuen sich auflösen, die nunmehr auf sich gestellt ins eiskalte Bad des moder­nen Ego­ismus getaucht werden. Das Streben nach sexueller Erfüllung und der häufige Partnerwechsel, die der Autor eng mit den neoliberalen Anforderungen an berufliche Flexibilität und Marktkompatibilität in Verbindung bringt – um beide nahezu unauflöslich miteinander zu verquicken –, spielen dabei eine besonders »zersetzende« Rolle.
Janine Ceccaldi ist die Mutter der beiden Hauptfiguren, Michel Djerzinski, hinter dem unschwer der Verfasser selbst zu erkennen ist, und seinem Halbbruder Bruno. Janine wird als Rabenmutter beschrieben, die ihre beiden Söhne im Stich gelassen hat, um ihrem Glück in einer Hippiekommune nachzujagen. Dort lässt sie sich von einem begüterten, aber seinen Trip auslebenden Amerikaner aushalten und lebt mit ihm in einem nahezu prostitutionsähn­lichen Verhältnis – zwischen Drogenrausch und Guru-Anbetung.
Die Hippiekommune im südfranzösischen Cassis basiert, so ist es im Roman zu lesen, »auf der freien Sexualität und der Verwendung psychedelischer Drogen«. Die Rabenmutter hat in Houellebecqs Schilderung die Funktion einer historisch-gesellschaftlichen »Vorläuferin«, im Sinne jener précurseurs, die »im Allgemeinen nur eine Rolle von geschichtlichen Beschleunigern einer historischen Zersetzung spielen, ohne je den Ereignissen eine neue Richtung verleihen zu können«. Kurz, am Untergang des Abendlands trägt sie die Mitverantwortung.
Seit 2005, so äußerte Lucie Ceccaldi jüngst, habe sie Lust verspürt, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Die Idee dazu, so schildert sie es im Vorwort zu »L’innocente«, sei ihr während des mehrwöchigen Aufenthalts in einem Pa­riser Krankenhaus zwischen zwei Augenoperationen gekommen. Einen direkten Zusammenhang zu den Veröffentlichungen ihres längst pro­minent gewordenen Sohnes zieht sie nicht oder jedenfalls nicht explizit.
»Lucie Ceccaldi ist die Mutter des Schriftstellers Michel Houellebecq. Hier sind die Schlüssel zu seinem Werk.« So lautet der Klappentext des im kleinen Verlag Scali erschienenen Buchs. Die­se Worte prangen auf der Rückseite. Auf der Vor­derseite steht: »Mit Michel Houellebecq, meinem Sohn, werde ich an jenem Tag wieder reden kön­nen, an dem er mit seinen ›Elementarteilchen‹ in der Hand an die Öffentlichkeit geht und sagt: ›Ich bitte um Entschuldigung.‹« So lautet auch der erste Satz in dem Nachwort, das Lucie Ceccal­di zu ihrem autobiografischen Werk verfasst hat.
Die Erwartungen, die der sensationsheischen­de Klappentext weckt, löst das Buch allerdings nicht ein. Über weite Strecken verzichtet die Autorin darauf, mit ihrem prominenten Sohn abzurechnen. Allenfalls vage lässt sich an dessen Darstellung der mütterlichen Romanfigur denken, wenn Ceccaldi daran geht, ihr Leben aus ihrer eigenen Sicht zu schildern.
Ihre Kindheitserinnerungen sind zum Teil lustig, etwa wenn sie sich an ihren Halbbruder erinnert, der eine Reise ihrer Eltern nutzt, um das Ehebett mit seiner Freundin zu »schänden« und den Weinkeller leer zu trinken. Leider kommen die Eltern einige Tage früher als geplant zu­rück und finden ein heilloses Chaos vor. Andere Schilderungen sind weniger spaßig. Ein traumatisches Erlebnis für das Mädchen besteht da­rin, dass ihr Vater unter ihren Augen eine Katze totschlägt, die sich regelmäßig in der heimischen Küche bedient hatte. Damit bekommt die Idylle einen Sprung, und das Bild des Vaters steht in Frage, da sie nunmehr all­abendlich ­einen »Mörder« auf die Wange küsst.
Als sie einige Jahre älter ist, engagiert sich Lucie bei den Jeunesses communistes, dem Jugendverband der Kommunistischen Partei, später nimmt sie ein Medizinstudium auf. Der geschichtliche Zufall will, dass just in jener Zeit der französische Kolonialkrieg in Algerien, das um seine Unabhängigkeit kämpft, beginnt. Viele enge Freunde und Bekannte der Studentin geraten in den Wirbelsturm der Geschichte: Der junge Mathematikdoktorand an der Univer­sität Algier, Maurice Audin, wird von Fallschirm­jägern der französischen Armee zu Tode gefoltert. Der Algerienfranzose Fernand Yveton, ein Arbeiter, versucht, durch ein nächtliches Attentat auf die Gasfabrik von Algier – wo er beschäf­tigt ist – ein spektakuläres Zeichen gegen den Kolonialkrieg, die Unterdrückung und die Folter zu setzen. Er wird vor Ausführung seines Plans gefasst und zum Tode verurteilt. Der französische Justizminister, ein gewisser Fran­çois Mitterrand, lehnt die Begnadigung des jungen Kom­munisten ab, er wird unter der Guillotine hingerichtet. Wir schreiben das Jahr 1957.
Just zu dieser Zeit ist Michel Houellebecq ein Baby. Denn tatsächlich, darauf insistiert Lucie Ceccaldi, erblickte er im Februar 1956 im von Frankreich kolonisierten Algier das Licht der Welt. Der Schriftsteller selbst hatte immer behauptet, er sei 1958 auf der noch heute zu Frankreich gehörenden Insel La Réunion ge­boren worden, wohin seine Mutter in den späten Fünfzigern als Ärztin versetzt worden ist und wo sie noch heute lebt, inzwischen in einer Hütte auf den bergigen Anhöhen der Insel. Ceccaldi wirft ihm deswegen vor, »sogar seine Geburtsurkunde in der Öffentlichkeit zu verfälschen«.
Lucie Ceccaldi hatte noch vor der Geburt ihres Sohns Michel ein außereheliches Abenteuer, das sie ihrem Ehemann auch schnell beichtet. Deswegen gerät die Beziehung schon früh in die Krise. Bei ihrer Trennung lässt der Ehemann den etwa einjährigen Sohn Michel von Armeekollegen, genauer von Fallschirmjägern abholen. Es ist die Zeit der bataille d’Alger (Schlacht um Algier), jener Phase des Kolonialkriegs, in der die spätere algerische Hauptstadt unter militärischer Besatzung steht und die Unabhängigkeits­bewegung sich als Stadtguerilla übt. Michel bleibt drei Wochen in der väterlichen Wohnung, dann wird er seinen Großeltern mütterlicherseits übergeben. Das Paar wohnt in einem gut behüteten Europäerviertel von Algier. Michel besucht eine Eliteschule und macht große Fortschritte. Doch 1961, als der Unabhängigkeitskrieg noch nicht zu Ende ist, sich die Lage in der Stadt Algier aber längst beruhigt hat, lassen die Großeltern väterlicherseits den nunmehr Fünfjährigen zu sich nach Frankreich holen: Es sei »zu gefährlich« in Nord­afrika für den Kna­ben. Gegen den erklärten Willen der Mutter, die selbst während der »heißen Phase« des Kriegs und unter erheblichen Gefahren – als engagierte Kommunistin, die potenziell im Visier der kolonialen Staatsmacht war – ihr Kind besucht hatte. Und auch gegen den Willen ihrer Eltern, die, im Gegensatz zu manchen anderen Europäern, Algerien auch nach der Unabhängigkeit 1962 nicht verlassen werden.
Ab da wächst Michel bei seiner Großmutter mütterlicherseits in einem nordfranzösischen Kaff auf, wo er anfänglich mit seinem Akzent und seinen Manieren zum Gespött der ortsansässigen »Bauernjugend« (Ceccaldi) wird. Auf diese Episode, die zwangsweise »Verpflanzung« aus der Großstadt Algier in ein ihm unbekanntes, ländliches Frankreich, führt die Mutter eine gewisse frühkindliche Traumatisierung ihres Sohnes zurück. Aus dieser Zeit übrigens hat Houellebecq auch seinen Autorennamen entlehnt: Seine eigene Mutter gibt an, zunächst lange in ihrem Kopf nach der Herkunft dieses Familiennamens gesucht zu haben, als Michel unter ihm prominent zu werden begann. Es ist der Familienname der Großmutter väterlicherseits, bei der Michel einige Jahre lang aufwuchs, den Ceccaldi aber längst verdrängt hatte.
Bald beginnt die junge Ärztin zu reisen. Sie durchquert mit ihrem Noch-Ehemann, einem Bergführer, den afrikanischen Kontinent – einmal quer durch, von Kapstadt bis Algier. Ansonsten stürzt sie sich in ihre anspruchsvolle ­Arbeit als Medizinerin, »14 Stunden am Tag«.
In der Nach-Achtundsechziger-Ära wird sie von manchen neuen Bewegungen beeinflusst, wenn­gleich sie eher am Rande mitmacht: Dro­gen­experimente, Hippies, kurzzeitiges Interesse für indische Religionen. Als Reisebegeisterte bricht sie nach Indien auf, in das Weltzentrum des Yoga. Bei ihrer Ankunft ist sie jedoch eher ernüchtert und enttäuscht über das »triste Gebäude«, das sie vorfindet. Im buddhistischen Zentrum Dharamsala macht sie sich kritische Gedanken über die von fernöstlichen Religionen begeisterten Westler, die einem »Amalgam völlig unverdauter philosophischer Weisheiten« anhängen. Nach einiger Zeit beschließt sie, lieber in Goa – am Indischen Ozean – das Meer zu genießen, bevor sie Ende 1976 nach Frankreich zurückkehrt.
Nach ihrer Rückkehr lebt Ceccaldi keineswegs in einer Hippiekommune, sondern arbeitet hart, um neue Diplome für medizinische Spezialisierungen zu erwerben. Unterdessen knüpft sie Ver­bindungen zu ihrem – juristisch betrachtet – Noch-Ehemann wieder an, später verbringt sie 18 Monate auf dessen Landsitz auf Korsika. Am Ende vollzieht sie allerdings einen Bruch: Die Familie des Gatten, die aus ehemaligen europäischen Nordafrikasiedlern besteht, hat das Le­ben in der Kolonie mit marokkanischen Domes­tiken originalgetreu reproduziert. Angeekelt vom Rassismus und den als »natürlich« betrachteten Hierarchien in diesem Milieu, packt Ceccaldi schließlich – Ende 1985 – die Koffer. Ihren Beruf gibt sie Anfang der neunziger Jahre auf La Réunion zwangsweise auf. Nachdem sie sich in Leserbriefen an örtliche Zeitungen kritisch zum Irak-Krieg von 1991 geäußert hatte, wird sie von ihren Vorgesetzten aus dem Krankenhausdienst gemobbt und gegen ihren Willen in Pension geschickt. Frankreich ist damals im Krieg, anders als bei der Invasion von 2003 hat sein Präsident François Mitterrand damals eigene Truppen gegen den Irak ins Feld geschickt. Kritik wird nicht gern gehört.
Kurz darauf trifft sie, in Paris, ihren Sohn Michel zum allerletzten Mal. Die beiden zerstreiten sich, just über den Krieg gegen den Irak. Denn Michel – noch nicht »Houellebecq« – meint, den arabischen Ländern müsse man mal richtig einheizen. Ceccaldi verlässt den Tisch, an dem sie sitzen. Ende 1992 trifft ein Brief von ihm ein: Michel, der ihr vorwirft, ihn im Kindesalter im Stich gelassen zu haben, fordert sie zu finanzieller Unterstützung auf, sie solle ihm für drei Jahre den Lebensunterhalt sichern: »Jeder Brief, der nicht von einem Scheck begleitet ist, landet im Mülleimer.« Sein Brief bleibt unbeantwortet. Er ist zu dem Zeitpunkt 38.
Ein paar Jahre später wird die Mutter entdecken, dass seine beiden ersten Romane – »Ausweitung der Kampfzone« und »Elementarteilchen« – auch von ihr handeln. Von ihr und von Menschen, die sie kennt. Aber alles sei falsch dargestellt, so befindet sie.
Auf den ersten 400 Seiten des Buches hält sie sich mit einer Stellungnahme zu den Thesen ihres Sohnes zurück. Sie konzentriert sich darauf, ihr eigenes Leben nachzuzeichnen. Lediglich im Nachwort antwortet sie auf den Sohn, in geballter Form und durchaus ausfällig. »Mein Sohn soll sich ficken lassen, von wem und mit wem, das ist mir völlig egal«, schreibt sie. Und: »Ob er noch ein Buch schreibt, geht mir völlig am Arsch vorbei. Aber falls er das Pech hat, noch einmal meinen Namen auf irgendein Ding zu setzen, dann kriegt er eine Krücke in die Zähne, so viel ist sicher! Und weder (die Verleger; d. Red.) Flammarion noch Fayard werden mich auf­halten.«
Im Grunde interessierten sich die meisten Kritiker nur für die wenigen dürren Sätze, die in ausnahmslos jeder Rezension auftauchen. Zum Ärger der Lucie Ceccaldi wird sie noch immer über ihren Sohn definiert.

Lucie Ceccaldi: L’innocente. Scali, Paris 2008, 413 Seiten, 19,90 Euro