Menschenrecht und Sport

Schamlose Weiber und verschleierte Frauen

Das Menschenrecht auf Sport kommt in Olympia-Boykott-Debatten nicht vor. Dabei gehört es zur Demokratisierung dazu.

Kann der Sport helfen, die Menschen­rechte zu befördern? Das Urteil der Experten, die vom Deutschen Bundestag und zwei Parlamentsausschüssen geladen wurden, war eindeutig: »Wirkungslos«, sagte der Jurist, die Olympischen Spiele könnten in China von sich aus nichts ausrichten. »Unerfüllbare Erwartungen«, sagte die Politologin, der Westen würde China mit seinen Ansprüchen be­züglich Menschenrechten bloß überfordern. Nur der Sportler, den der Bundestag vorlud, wusste: »Sport ist ein gelebtes Menschenrecht.«
Zugegeben, dass Sport nicht (nur) zur Durchsetzung von Menschenrechten taugt, sondern selbst ein Menschenrecht ist, klingt nicht nennenswert spektakulär. Aber es überrascht doch, dass in allen Debatten, die über einen eventuellen Boykott der Olympischen Sommerspiele in Peking beziehungsweise über dortige Proteste geführt wurden, der Sport selbst so neutral erscheint – wie ein bloßes Medium.
Dabei ist der bloße Umstand, dass Menschen das Recht haben, Sport zu treiben, keine Selbstverständlichkeit. Es musste in dem Teil der Welt, in dem wir leben, erst historisch durchgesetzt werden, was auch hier bislang nicht vollständig gelang. Und in anderen Teilen steht die Durchsetzung dieses Rechts noch bevor, beziehungsweise muss das Recht auf Sport verteidigt werden.
Im 18. Jahrhundert etwa war aufgrund christlicher Leibfeindlichkeit das Baden in Flüssen und Seen weitgehend verschwunden. Im Jahr 1748 beispielsweise bedrohte in Weikendorf im March­feld der Abt Eltern, deren Kinder badeten, mit einer Strafe von einem Pfund und vier Schilling, also einem mittleren Monatseinkommen. Erst mit der Aufklärung, dem Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Hygieneerfordernissen wurde das Schwimmen wieder möglich. Doch in den Vereinen, die im 19. Jahrhundert entstanden, durften Frauen und Mädchen noch lange nicht schwimmen. Auch als Frau­en sich langsam den Schwimmsport eroberten, waren die »schamlosen Weiber« noch Restriktionen ausgesetzt: Erst im Jahr 1920 wurde Frauen das Rückenschwimmen erlaubt – bis da­hin galt es als unzüchtig. Bestimmte Sportarten wurden und werden Frauen bis heute vorent­halten: Das Schwimmen über 1 500 Meter Kraul gehört erst seit 2001 zum WM-Programm und bis heute nicht zum olympischen Programm der Frauen. In der Leichtathletik mussten Frauen bis in die jüngste Zeit darum kämpfen, endlich beim Stabhochsprung oder dem Hammerwurf mittun zu dürfen.
Diese hiesigen Zustände geraten schnell aus dem Blickfeld, wenn man über die viel schlimme­ren Verbote von Frauensport in anderen, oft islamisch geprägten Ländern spricht. Im Iran dür­fen Frauen bis zum heutigen Tag nicht in Fußballstadien gehen, um sich dort ein Männerspiel anzuschauen. Sportarten, in denen Iranerinnen bei Olympischen Spielen antreten dürfen, sind solche, bei denen sie verschleiert antreten können: Schach, Schießen, Reiten, Kajak. Andere Sportarten finden für Frauen im Iran auch statt, aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
In Afghanistan hatten die Taliban während ihrer Herrschaft, die etwa von 1996 bis 2001 an­dauerte, nicht nur den Frauensport, sondern beinahe jeden Sport, auch den der Männer, verboten. Darunter auch den Fußball, den beliebtesten Sport in der Gesellschaft. Dass es Verbots­bemühungen gegen den Fußball im 18., 19. und dem frühen 20. Jahrhundert auch in Europa gab, sollte nicht beruhigen, hört man von dem Terror, mit dem die Taliban das Verbot durchsetzten.
Dass Sport getrieben werden darf, gehört zum Katalog der zu erkämpfenden Rechte, ähnlich wie die Meinungsfreiheit oder das Streikrecht.
Und es soll gezeigt werden, dass die Entscheidung, wie, wo und in welchem Umfang Sport ge­trieben wird, nie nur beim sportwilligen Individuum liegt, sondern immer abhängig davon ist, wie viel Sport eine Gesellschaft erlaubt. Schon ist man bei den Olympischen Spielen. Seit 1896 gibt es sie als Spiele der Neuzeit, als eine Veranstaltung, die dem Weltsport einen Rahmen gibt und ihm alle vier Jahre ein Fest beschert.
In den aktuellen Debatten über die Olympischen Sommerspiele in Peking 2008 und die Winterspiele 2014 im russischen Sotschi wird oft von »dem Sport« gesprochen, und »der Sport« pflegt in diesen Debatten stets das Internationale Olympische Komitee (IOC) zu sein. Dabei lässt sich das IOC auch bei besonders gutem Willen nicht als demokratisch strukturierte und kontrollierte Organisation beschreiben: Es rekrutiert sich aus sich selbst heraus, und seine Macht speist sich aus den Verwertungs- und Fern­sehrechten an den Olympischen Spielen und allem, was fünf bunte Ringe trägt. Entsprechend schwer fällt es, das wichtigste Produkt aus der IOC-Palette, die Olympischen Spiele, als ein den Frieden, die Demokratie und die Menschenrechte förderndes Spektakel zu beschreiben.
Olympische Spiele sind immer ein Politikum, doch sie sind es in einem (auch) anderen Sinne, als dieser zum Gemeinplatz geronnene Satz zumeist verwendet wird. Sie sind nämlich nicht nur dann ein Politikum, wenn sie, wie in diesem Sommer, in Peking stattfinden oder 1980 in Moskau oder 1936 in Berlin. Die Olympischen Spiele sind vielmehr immer eine Art Kampffeld, auf dem um politische und symbolische Bedeutungen gestritten wird. Und sie sind immer – welthistorisch seit 1936, als sie zum ersten Mal als von einem Staat groß organisiertes und finanziertes Spektakel aufgezogen wurden – ein Großereignis mit politischen, ökonomischen und sozialen Folgen.
Um das zu belegen, kann man ganz einfach die Olympischen Sommerspiele der vergangenen 24 Jahre durchgehen, also alle, die nach den letzten großen Boykottspielen in Moskau stattfanden. Immer werden soziale und politische Menschenrechte nicht trotz, sondern wegen der Olympischen Spiele verletzt.
Vor den Olympischen Spielen 1984 im amerikanischen Los Angeles beispielsweise wurden Tausende schwarzer junger Männer präventiv inhaftiert. 1988, als die Spiele im südkoreanischen Seoul stattfanden, gingen ihnen brutale Knüppeleinsätze gegen Studentendemonstrationen voraus; und für die Umgestaltung der Stadt wurden über 700 000 Menschen, zum Teil unter Gewaltandrohung, umgesiedelt. Man muss also noch nicht mal auf das Jahr 1968 verweisen, als die mexikanische Polizei zehn Tage vor der Eröffnung der Spiele in Mexiko-Stadt Studenten niederschoss und fast 500 Menschen zu Tode kamen, um zu zeigen, dass Olympische Spiele an sich kein Mittel sind, um per se die Welt besser zu machen.
Man muss nicht auf 1968 verweisen, aber man kann. Denn dort fand kein – wie immer, so auch im Fall Mexiko gut begründbarer – Olympiaboykott eines Landes statt, sondern es gab bis heute ikonografisch wirkende Athletenproteste. Sie richteten sich, was in heutigen Dar­stellungen gerne unterschlagen wird, nicht nur gegen den Rassismus in den USA, sondern die schwarzen US-Athleten forderten auch den Rücktritt des damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage. Der Protest richtete sich also explizit auch gegen das IOC!
Ob der Sport die Menschenrechte befördert, war die Frage. Man kann sie nur dann positiv beantworten, wenn der Sport in sich demokratisch organisiert ist. Diesen Sport durchzusetzen, ist ein wichtiges Menschenrecht.

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