Der chinesische Staat hat bei den Olympischen Spielen nicht alles unter Kontrolle

Aufstehen, lächeln und gewinnen

Zur perfekten Vorbereitung der Olympischen Spiele gehört auch der Ausbau des Überwachungsapparats. Doch der chinesische Staat hat nicht alles unter Kontrolle.

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Nichts sollte dem Zufall überlassen werden, nichts war zu teuer. Die Planung der Olympischen Spiele ist in China von Beginn an ein zentrales Staats­pro­jekt gewesen. 40 Milliarden Dollar soll die Regierung ausgebeben haben, um der Welt die Hauptstadt Beijing hypermodern zu präsentieren.
Die staatliche Propaganda versucht, die Bürger und Athleten in Euphorie zu versetzen. Diesmal soll China mehr Goldmedaillen gewinnen als die USA. Bei den Spielen in Athen 2004 gewann das chinesische Team 32 Goldmedaillen, das der USA hingegen 35. Um das Planziel zu erfüllen, rekrutierten Talentscouts im ganzen Land Mädchen und Jungen. Die Talente werden besonders in Disziplinen ausgebildet, die zwar nicht so prestigeträch­tig sind wie der 100-Meter-Lauf, aber auch Medaillen einbringen können. Der chinesische Staat beschäftigt über 200 000 professionelle Athleten und soll um ein Vielfaches mehr für die olympische Sportförderung ausgeben als der Hauptkonkurrent USA.
Das Staatsfernsehen propagiert »Olympic ­Pride« und ermahnt die Bürger, richtig stolz zu sein. Der nationale Wettkampfgedanke spiegelt sich auch in recht martialischen Parolen der einzelnen chinesischen Teams wieder. »Das Mutterland steht über allem, kämpft für Gold, seid hoffnungs­voll und lasst die Finger von Steroiden«, ist die Parole der Gewichtheber. Die Sportschützen propagieren hingegen: »Lieber sterben im Kampf um Gold, anstatt nur um der Teilnahme willen zu überleben.«
Die weitere zentrale Botschaft der Propaganda ist, sich zivilisiert zu verhalten und Weltoffenheit gegenüber den »Ausländern« zu zeigen. In den vergangenen Jahren hat sich besonders unter Stu­denten ein Nationalismus entwickelt, der häufig weiter geht, als es der Partei recht ist. Einen Eindruck vermittelt das Video »2008, stand up China« (http://www.youtube.com/watch?v=MSTYhYkASsA), in dem die Verteidigung der olympischen Fackel als Langer Marsch gegen den ausländischen Imperialismus dargestellt wird, der China wieder versklaven wolle. Dazu werden noch absurde Verschwörungstheorien ver­breitet. So habe das ausländische Kapital absicht­lich die Lebensmittelpreise in China in die Höhe getrieben und planmäßig die Krise des Aktienmarkts ausgelöst. Unerwähnt bleibt in dem Video hingegen die Tatsache, dass der Austragungstermin der Spiele im August während der Ferienzeit in den USA auch auf die Lobbyarbeit des US-Senders NBC beim IOC zurückgeht. Die chinesische Regierung setzte sich ursprünglich für den kühleren September als Termin ein. Im Herbst macht sich der Smog nicht ganz so unangenehm bemerkbar.

Viele berühmte chinesische Popstars und Schauspieler wurden in die staatliche Propagandakampagne eingebunden. In einem der offiziellen Songs, Welcome to Beijing, singt fast jeder mit, der in China Rang und Namen hat (http://www.youtube.com/watch?v=SoSt7B57uWQ). Vielleicht dauert das Lied deshalb fast sieben Minuten. Jackie Chan steuerte den Song »Stand up« bei, der jeden Chinesen an Maos Ausrufung der Volksrepublik im Jahr 1949 erinnert: »Das chinesische Volk ist aufgestanden« (http://www.youtube.com/watch?v=sdSS1dbITkM&feature=related). So ist es auch kein Zufall, dass auf dem Platz des Himm­lischen Friedens an der gleichen Stelle der Olympia-Countdown gezählt wurde, wo auch schon die Countdown-Tafeln für die Rückgabe von Hongkong und Macao an China standen. Mit der Austragung der Olympischen Spiele sei das Zeitalter der kolonialen Unterdrückung Chinas nun endgültig abgeschlossen, lehrt die Propaganda.
Bezeichnend ist auch, dass der international bekannte Filmregisseur Zhang Yimou die Eröff­nungs­feier gestalten durfte. Zhang war bei der Parteiführung wegen seiner sozialkritischen Filme in den achtziger Jahren nicht sehr beliebt. Mit dem Kung-Fu-Film »Hero« (2002) stellte er sich allerdings in den Dienst der Staatspropaganda. Mit nationalistischen Parolen, lukrativen Staatsaufträgen und sozialer Rhetorik ist es der Regierung unter Hu Jintao und Wen Jiabao gelungen, viele vormals kritische Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler wieder stärker einzubinden. Der Künstler Ai Weiwei, der das »Vogelnest« des neuen Olympiastadions entworfen hat und dessen Werke momentan im Westen ausgestellt wer­den, grenzte sich hingegen scharf von der Propaganda­show ab. Während unbekannte Internet-Dissidenten im Gefängnis landen, haben Berühmtheiten wie Ai Weiwei eine gewisse Narrenfreiheit und werden nicht verfolgt.
Die Bevölkerung in Beijing muss wegen der Olympiade schon seit Monaten große Belastungen hinnehmen. Die Verkäufer billigen Gemüses sind von den Straßen verschwunden, Raubkopien von CDs und DVDs sind nicht mehr zu bekommen und Teile der Stadt werden abgesperrt. Die neureichen Mittelschichten machen sich große Sorgen, dass die Immobilienpreise nach den Spie­len gewaltig sinken werden. Ausländischen Schät­zungen zufolge sollen 1,5 Millionen Menschen für den Umbau Beijings umgesiedelt worden sein. Was vielen Normalbürgern auf die Nerven geht, sind die ständigen Ermahnungen, sich zivilisiert zu verhalten. Spots im staatlichen CCTV zeigen ein vom olympischen Geist beseeltes China, wo jeder dem anderen hilft und dabei lächelt (http://www.youtube.com/watch?v=3Fgi42FwGQ4). Die Protagonisten sind allerdings nicht mehr die sozialistischen Helden wie der Vorbildsoldat Lei Feng, sondern gestylte Büroangestellte aus der Mittelschicht.
In China hat das Wort »Zivilisation« keinen kolonialen Beigeschmack. Der Staat lässt sogar Broschüren drucken, in denen den Wanderarbeitern erklärt wird, wie man sich in der Stadt richtig anzieht, spricht und grüßt. Hinter dem Slogan Hu Jintaos von der »harmonischen Gesellschaft« verbirgt sich eine paternalistische Erziehungsdiktatur, die die Bürger zu modernen und zivilisierten Menschen im Sinne der Parteidoktrin machen möchte. Die Olympischen Spiele sind in diesem Zusammenhang ein willkommener Anlass zur ununterbrochenen Ermahnung.
Für den Zeitraum der Spiele ist es der chinesischen Regierung gelungen, tausende freiwillige Helfer zu rekrutieren. Alles, was China an modernen Polizei- und Sicherheitskräften zu bieten hat, wird ebenfalls zu den Olympischen Spielen aufgeboten. 34 000 Soldaten und 100 000 Polizisten sollen allein in Peking zusammengezogen worden sein. In der Stadt Shenyang, in der einige Fußballspiele ausgetragen werden, rekrutierte die Po­lizei zudem 38 000 Taxifahrer als zusätzliche Informanten.

Für die Meldung verdächtiger Personen setzt der Staat hohe Belohnungen aus. In Peking wurden in 70 000 Taxis Mikrophone sowie auf den Straßen 300 000 Kameras installiert. Der Sicherheitsaufwand wird mit der Bedrohung durch islamistische Terroristen gerechtfertigt. In der Provinz Xinjiang kämpfen seit Jahrzehnten Uiguren für die Unabhängigkeit »Ostturkistans«. Am 1. August drohten Mitglieder der Islamischen Par­tei Turkistans in einem Video mit Anschlägen auf die Olympischen Spiele. Da China sich gegenüber den Muslimen barbarisch verhalte, sei ein Jihad gegen das »kommunistische Regime« gerechtfertigt. Am Montag der vergangenen Woche starben 16 Grenzpolizisten bei einem Anschlag in der Stadt Kashgar, die tausende Kilometer von Beijing entfernt ist. Der Sicherheitsdiskurs in China folgt dem auch im Westen üblichen Grund­satz: Ereignen sich Anschläge, müssen die Sicher­heits­maßnahmen verstärkt werden. Passiert nichts, so müssen die Maßnahmen verschärft wer­den, um Anschläge zu verhindern.
China sollte man sich dennoch nicht als Polizeistaat mit lückenloser Überwachung vorstellen. Nach den Spielen wird die Regierung einen Teil der Sicherheitskräfte wieder demobilisieren müssen, weil der Staat nicht über genügend Ressourcen verfügt. Die Polizei ist im alltäglichen Stra­ßenbild in normalen Zeiten wenig präsent. Zur Verbrechensbekämpfung führt die KPCh alle paar Jahre Kampagnen durch. In der Zwischenzeit ist die staatliche Kontrolle in vielen Bereichen relativ locker bzw. ineffektiv.

Eigentlich sollte 2008 zum großen Erfolgsjahr für China werden. Der Aufstand in Tibet im März wurde von der chinesischen Führung als empfindliche Störung der Imagekampagne betrachtet. Fast alle westlichen Medien sympathisierten mit den tibetischen Aufständischen, viele benutzen noch einmal die Sprache des »Kalten Krieges«. Sobald es um konkrete Maßnahmen ging, konnte die KPCh wieder zufrieden sein, es drohte nie ernsthaft ein Boykott der Spiele.
Olympia 2008 wirft einmal mehr die Frage auf, wem die Mischung aus Kommerz, Nationalismus und Überwachung überhaupt nützt. Sport­liche Großereignisse wie EM, WM und Olympische Spie­le sind für die austragenden Staaten Verlustgeschäfte, und selbst der Gewinn für die Regie­run­gen ist fraglich. Das Image mag für kurze Zeit besser werden, doch bald kehrt die Normalität der kapitalistischen Konkurrenz zurück. Bestenfalls naiv, im Fall der Sportfunktionäre wohl taktisch motiviert, ist die Aussage, die Olympischen Spiele könnten zur Demokratisierung Chinas bei­tragen. Eher ist das Gegenteil der Fall, sport­liche Großereignisse scheinen auch in bürgerlichen Demokratien den Ausbau des Überwachungs­staates zu fördern und die Erprobung des Ausnah­mezustandes zu ermöglichen. Nicht weniger naiv glaubte die chinesische Regierung, dass eine perfekte Organisation der Spiele genüge, um Repressionen und Unterdrückung in Vergessenheit geraten zu lassen. So schmollte das chinesische Außenministerium schon vor der Eröffnungsfeier: »China lächelt der Welt zu, aber die Welt lächelt nicht zurück.«