Die Konzernleitung von Thyssen-Krupp steht in Italien vor Gericht

Die deutsche Fabrik und ihre Opfer

Nach dem Großbrand, bei dem im Dezember 2007 in Turin sieben Arbeiter ums Leben kamen, steht in Italien die Konzernleitung von Thyssen-Krupp vor Gericht. Der Führung des deutschen Konzerns werden fahrlässige Tötung, Brandstiftung und die bewusste Missachtung von Sicherheitsstandards vorgeworfen. Durch Entschädigungszahlungen versucht das Unternehmen, sich aus der Affäre zu ziehen.

Anzeige

»Schöne Ferien für diejenigen, die den Tod meines Bruders und seiner Kollegen zu verantworten haben!« Wütend verlässt Laura Rodinò den Gerichtssaal in Turin. Auch die kleine Gruppe von Freunden und ehemaligen Kollegen, die sich vor dem Turiner Justizpalast zu einer Solidaritätskundgebung versammelt hat, ist enttäuscht.
Auf ihrem Transparent steht, was sie sich erwarten: »Gerechtigkeit und harte Strafen für Thyssen-Krupp«. Doch anstatt noch vor der Sommerpause den Termin für die Eröffnung des Hauptverfahrens bekannt zu geben, hat der zuständige Richter Francesco Gianfrotta die Fortsetzung der gerichtlichen Voruntersuchungen für den Herbst angekündigt. Dabei sind die Ermittlungen nach der Brandkatastrophe im Tu­riner Stahlwerk Thyssen-Krupp Acciai Speciali Terni (TK-Ast) seit dem Frühjahr abgeschlossen. Im vergangenen Dezember starben bei einem Großfeuer sieben Arbeiter an den Folgen ihrer schweren Brandverletzungen (Jungle World 51/07). Die Hoffnung auf einen schnellen Prozessbeginn und eine rasche Urteilsverkündung scheint vorerst enttäuscht zu werden.
Anfang Mai, während der Buchmesse in Turin, war die Erinnerung an den Brand noch allgegenwärtig in der Stadt. Ein schwarz verkohlter Feuerlöscher, das unmissverständliche Symbol für die Tragödie bei Thyssen-Krupp, prangte auf Plakaten an jeder Bushaltestelle und lud zu einer von der Turiner Kommunalverwaltung organisierten Fotoausstellung im ehemaligen Arbeiterviertel Borgo S. Paolo.

Bereits auf der Fahrt von der Innenstadt zur Galerie sind, wie zur Einstimmung auf die Bilder, die Veränderungen der letzten Jahre, das allmähliche Verschwinden der alten Arbeiterstadt, zu erkennen. Erst zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts siedelten sich in der westlichen Peripherie Turins stahlverarbeitende Industrien und Automobilwerkstätten an, Borgo S. Paolo entwickelte sich zum klassischen Arbeiterviertel. Heute sind die meisten dieser Fabriken geschlossen, das Viertel ist zu einem Vorzeigemodell der Industriearchäologie geworden, zu einem »Kunstwerk«, wie es in der Werbung heißt. In das ehemalige Lancia-Heizwerk zog die Stiftung des Turiner Künstlers Mario Merz und auf dem ehemaligen Gelände des Felgenherstellers Fergat eröffnete die Stiftung Sandretto Re Rebaudengo eine Galerie für zeitgenössische Kunst, wo die Ausstellung über den Brand bei Thyssen-Krupp stattfindet. Der langgezogene flache Bau erinnert noch an die einstige Fabrikhalle: Das Gebäude hat keine Fenster, die Fassade wird nur von mehreren großen Toren aus hellem Zedernholz und wenigen vertikalen, sehr dünnen Lichtschlitzen unterbrochen.
Die Fotos sind an einer kahlen Wand im Museumsbuchladen aufgehängt. Zuerst Portraits der sieben gestorbenen Arbeiter: Antonio Schiavone, Roberto Scola, Angelo Laurino, Bruno Santino, Rocco Marzo, Rosario Rodinò und Giuseppe Demasi. Zu sehen sind außerdem Bilder, die Fotografen verschiedener lokaler und überregionaler Medien, Freunde und Verwandte in den Tagen nach dem Brand auf den Demonstrationen, während der Mahnwachen und den Beerdigungen gemacht und den Organisatoren der Ausstellung zur Verfügung gestellt haben.
Zu ihnen gehört Massimiliano Quirico, der die Intention der Ausstellung erklärt: »Es geht darum, die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten, vor allem aber soll ein soziales Bewusstsein und schließlich eine Unternehmerkultur geschaffen werden, die für die Einhaltung der Arbeits­sicherheitsbestimmungen förderlich ist.«
Besonders beeindruckend sind Aufnahmen der Turiner Feuerwehr, die die Linie 5 des Kaltwalzwerks unmittelbar nach dem Brand zeigen. Zum Anblick der ölverschmierten Maschinenreste werden über zwei Monitore, die gegenüber der Fotoreihe platziert sind, die Stimmen ehemaliger Arbeiter eingespielt, die versuchen, zu rekonstruieren, was den Brand auslöste.
Entlang des über 200 Meter langen Maschinenlaufbandes war in jener Nacht zum 7. Dezember 2007 eines der Stahlbänder verrutscht und gegen einen der Stützpfeiler der Anlage gestoßen. Die Reibung verursachte einen kurzen Funkenregen. Die Funken entzündeten Papierreste und Ölrückstände, die sich auf dem Fußboden der Fabrikhalle angesammelt hatten. Die Arbeiter versuchten, dieses Feuer mit Feuer­löschern unter Kontrolle zu bekommen. Doch es ging nicht schnell genug. Ein Schlauch, der der Anlage heißes Öl zuführte, platzte. Binnen weniger Sekunden bildete der Ölstrahl mit den Flammen eine einzige riesige Feuerwolke. Die Arbeiter hatten keine Chance, sie wurden vom Feuer eingeschlossen. Einer verbrannte direkt in der Halle, sechs weiteren gelang es noch, aus dem Feuerball herauszukommen, aber als ihre Körper von den herbeieilenden Kollegen gelöscht werden konnten, war es schon zu spät. Sie waren vollständig verkohlt.

Die Konzernleitung versucht, den Brand als Folge einer Verkettung von unglücklichen Zufällen erscheinen zu lassen, tatsächlich aber kam es in Turin nicht zufällig zur Katastrophe. Sergio Bonetto, Anwalt bei der linken Metallgewerkschaft Fiom, erzählt, wie nach dem Beschluss der Geschäftsleitung im Juni 2007, das Werk in Turin endgültig zu schließen, ein massiver Stellenabbau einsetzte: »Ältere, erfahrene Kollegen wurden in den Ruhestand geschickt, andere an den Hauptstandort nach Terni versetzt. Zurück blieben vor allem junge, kaum ausgebildete Arbeiter, die mit Doppelschichten nicht nur die Produk­tion am Laufen halten mussten, sondern zunehmend auch Wartungs- und Reinigungsaufgaben selbst zu übernehmen hatten.« Brände von kleineren und mittleren Ausmaßen seien regelmäßig vorgekommen, erzählt er: »Die Arbeiter bezeichneten sie als ›physiologisch‹.«
Die Staatsanwaltschaft hat im Laufe der Ermittlungen 170 Aktenordner angelegt und mehr als 200 000 Seiten Dokumentationsmaterial zusammengetragen. Aus dem Untersuchungsbericht der Feuerwehr geht hervor, dass alle an der Linie 5 verteilten Feuerlöscher entweder leer oder nur eingeschränkt funktionstüchtig waren, das Notruftelefon nicht funktionierte und es im Werk keine eigene Werksfeuerwehr gab. Vergleicht man die Aussagen der Feuerwehr mit jenen der Behörde für Arbeitssicherheit, wird deutlich, dass es in der Zusammenarbeit der italienischen Kontrollinstanzen offenbar Lücken gab und Versäumnisse der Konzernleitung nicht konsequent verfolgt wurden.
Andererseits ist aus der beschlagnahmten Korrespondenz zwischen Thyssen-Krupp und der Versicherungsgesellschaft Axa ersichtlich, dass letztere nach Inspektionen schon Monate vor dem Brand die Installation eines automatischen Melde-und Löschsystems für das Turiner Werk angemahnt hat und die Versicherungsfranchise im Herbst 2006 von 30 Millionen auf 100 Millionen Euro erhöht wurde.
Sicher ist auch, dass Thyssen-Krupp um die Brandgefahr gewusst hatte, spätestens seitdem es im Juni 2006 im deutschen Werk in Krefeld zu einem Großbrand gekommen war. Das deutsche Stahlwerk bekam noch im Geschäftsjahr 2005/2006 eine moderne Feuerschutzanlage, während im selben Zeitraum in Italien überhaupt nicht in den Brandschutz investiert wurde. »Die Ermittlungsunterlagen legen den Schluss nahe«, schimpft Bonetto, »dass in Deutschland hohe Sicherheitsstandards garantiert wurden, während man es in Italien damit nicht so genau nahm, erst recht nicht in Turin, nachdem die Schließung des Werks beschlossen worden war.«
Der Staatsanwalt Raffaele Guariniello erhebt nach Abschluss der Ermittlungen schwere Vorwürfe gegen den Konzern und seine Führung. Entsprechend ihrer Zuständigkeiten müssen sich Harald Espenhahn, der Vorstandsvorsitzende der TK-Ast, zwei weitere Mitglieder des Verwaltungsrats und drei leitende Angestellte wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Brandstiftung und vorsätzlicher Missachtung der Sicherheitsauflagen vor Gericht verantworten.
Doch anders als erhofft gibt es noch kein Datum für den Beginn der Hauptverhandlung. Stattdessen ziehen sich die gerichtlichen Voruntersuchungen und die Diskussion um die Zulassung der Nebenklagen nun bis in den Herbst hinein. Auch Bonetto ist enttäuscht, dass das Gericht nicht wie angekündigt in der Sitzung Ende Juli zu einer Entscheidung kam. Er koordiniert eine Gruppe von inzwischen knapp 100 ehemaligen Arbeitern von Thyssen-Krupp, die sich zur Nebenklage entschlossen haben. »Es bedarf einer mutigen Tat des Richters«, gibt er zu, »um dem Antrag der Gewerkschaft stattzugeben«, denn seine Mandanten seien nicht direkt in den Unfall involviert gewesen. »Uns geht es um den moralischen Schaden«, erklärt er, »darum, dass die Geschäftsleitung die Arbeiter bewusst lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt hat.«
Ein weiterer wichtiger Punkt, den die gericht­liche Vorverhandlung noch klären muss, betrifft das Prozessverfahren. Aufgrund der »Sachlage« schloss Staatsanwalt Guariniello einen Vergleich aus. Man werde von der Forderung auf fünf Jahre Haft für den Hauptangeklagten nicht abweichen, über das endgültige Strafmaß könne allein ein Richter entscheiden. Andererseits steht den Angeklagten, solange die Voruntersuchungen laufen, die Möglichkeit offen, ein so genanntes »verkürztes Verfahren« zu beantragen. In diesem Fall würde der Prozess allein auf der Basis der Anklageschrift geführt, die Verteidigung müsste darauf verzichten, eigene Dokumente vorzulegen und eigene Zeugen vorzuladen, dafür würde das Strafmaß automatisch um ein Drittel reduziert. Auch diese Frage blieb in der letzten Sitzung vor der Sommerpause ungeklärt.

Thyssen-Krupp kommt die Verzögerung gelegen. Je länger sich die Voruntersuchungen hinziehen, desto mehr Zeit bleibt der Verteidigung, durch die Zahlung von Entschädigungen, Abfindungen oder Spenden, immer neue Prozessparteien da­zu zu bewegen, ihre Nebenklage zurückzuziehen. Unmittelbar vor Eröffnung des ersten Vorverhandlungstages wurde bekannt, dass der Stahlkonzern 12,9 Millionen Euro an die Familien der gestorbenen Arbeiter zahlen wird und dass die Hinterbliebenen dafür darauf verzichten, im Prozess als Nebenkläger aufzutreten. Ciro Argentino, der in der Gewerkschaftsgruppe von Thyssen-Krupp die Fiom vertritt und mit einigen der Familien freundschaftlich verbunden ist, mag die Angelegenheit nicht kommentieren, gibt dann aber doch zu, er »bedaure«, dass nicht wenigstens eine oder zwei Fami­lien sich für einen Auftritt vor Gericht entscheiden konnten. Bonetto zeigt Verständnis für die Entscheidung der Angehörigen. Einige der Familien hätten sich bis zuletzt schwer getan und sogar die Staatsanwaltschaft um Rat gefragt. In Anbetracht der Tatsache, dass alle gerichtlich angeordneten Entschädigungszahlungen bisher weit unter der von Thyssen-Krupp angebotenen Summe geblieben sind, hätte die Staatsanwaltschaft den Fami­lien zugeraten. In der Stadt gibt es das Gerücht, das zwei der Opfer zu den Ultras von Juventus Turin gehörten und die Staranwälte des Fußballclubs die Verteidigung der Familien übernommen hätten. Bonetto mag die Geschichte nicht bestätigen. »Sicher ist nur«, antwortet er, »dass die Gewerkschaft nichts damit zu tun hat.«
Für Verstimmung sorgte Ende Juli die Nachricht, dass sich die nationale Versicherungsanstalt für Arbeitsunfälle mit Thyssen-Krupp ebenfalls auf eine Entschädigungszahlung von 1,1 Millionen Euro geeinigt und ihre Nebenklage zurückgezogen hat. Guariniello gesteht zwar den Entschä­digungszahlungen einen »symbolischen Wert« zu, betont aber in einer offiziellen Stellungnahme der Staatsanwaltschaft, dass der Strafprozess das »wahre Ziel« bleiben müsse. Ezio Audisio, einer der Anwälte der Verteidigung, gibt dagegen zu, dass bereits mit der Stadt, der Provinz und der Region, die bisher auch als Nebenkläger auftreten wollten, Gespräche eingeleitet worden seien. »Wir haben unsere Bereitschaft erklärt, den von den Institutionen beklagten mora­lischen Schaden zu bewerten und einer symbo­lischen Institution eine entsprechende Schenkung zu machen.«

Argentino berichtet, dass die Einschüchterungsversuche des Konzerns zunehmen. Knapp 60 Arbeiter sind derzeit nach wie vor in Turin mit der Demontage des Werks beschäftigt. »Kollegen, die als Nebenkläger auftreten wollen, werden schikaniert und bereits in Aussicht gestellte Arbeitsvereinbarungen wieder rückgängig gemacht. Vor allem versucht man, die Leute mit verhältnismäßig hohen Abfindungen dazu zu bringen, Auflösungsverträge zu unterschreiben. Diese enthalten eine Klausel, die jegliche rechtlichen Ansprüche gegenüber Thyssen-Krupp für alle Zeiten ausschließt.« Aufgebracht fügt er hinzu, dass sich insbesondere die moderaten Gewerkschaften Fim und Uilm auf diesen Handel einlassen. Dabei bezieht er sich auf den einzigen Überlebenden des Brandes, Antonio Boccuzzi, der im Frühjahr für die Demokratische Partei ins Parlament einzog und für eine gemäßigte, die Konfrontation meidende Gewerkschaftspolitik steht. Allerdings könnte dieser innergewerkschaftliche Zwist unter ehemaligen Kollegen nun beigelegt werden, denn zuletzt hat sich Boccuzzi doch bereit erklärt, als Privatkläger aufzutreten.
Dass die Familienangehörigen der toten Arbeiter und ihre ehemaligen Kollegen immer wieder mit Interviews in den Medien präsent sind, missfällt den deutschen Konzernherren. Cesare Zaccone, ein weiterer Anwalt der Verteidigung, zeig­te sich anlässlich der ersten Sitzung der Vorverhandlung besorgt über die »mediale Aufmerksamkeit, insofern sie einer sachlichen Ermittlung der Fakten hinderlich sein könnte«.
Tatsächlich bleibt nur zu hoffen, dass durch die ungebrochene, möglichst weit reichende Aufmerksamkeit verhindert werden kann, dass es Thyssen-Krupp gelingt, sich allein durch Entschädigungszahlungen aus der Affäre zu ziehen. Bonetto gibt zu, das sich die italienischen Gewerkschafter von ihren deutschen Kollegen von der IG Metall mehr Solidarität gewünscht hätten. Doch die deutschen Metaller haben sich bisher bei der Fiom weder über die Brandkatastrophe noch über den Prozess informiert. Quirico ist dennoch optimistisch, er ist fest entschlossen, die Bilder auch in Deutschland zu zeigen: »Vielleicht«, so hofft er, »interessiert sich das neue Ruhr-Museum im Essener Zollverein für die Ausstellung.«