Emo-Lexikon

Gefühle auf dem Laufsteg

Ist Emo nun cool oder peinlich? Darüber kann man sicher unterschiedlicher Meinung sein. Doch viele beschäftigt eine andere Frage: Was ist das überhaupt, »Emo«?

Anzeige

D.I.Y.

Klassische Punk- und Hardcore-Werte wie D.I.Y. (Do It Yourself) oder Straight Edge (kein Fleisch, kein Alkohol, keine Drogen) werden von Emos mit Liebe gehegt und gepflegt. Natürlich. Passt ja auch zum Konzept: Helft euch gegenseitig und seid gut zu anderen, auch zu Tieren. Alkohol macht ja auch immer nur unnötig aggressiv, und ein Emo ist sowieso schon immer wie auf Ecstasy.

Emo-Core

Ian McKaye, der 1980 das Washingtoner Hardcore-Label Dischord gründete, konnte damals kaum ahnen, dass sich heute 15jährige »Hello Kitty«-Fans indirekt auf ihn beziehen. Nicht auf ihn persönlich, aber immerhin auf die Dischord-Band Rites Of Spring, die als Begründer des Emo-Core gilt, auf dem wiederum einschlägige Emo-Bands von heute, etwa My Chemical Romance oder Bullet For My Valentine, aufbauen. Emo-Core verlagerte die Betonung von Härte im Hardcore auf, nun ja, die Emotionen, die Gefühle, was unglaublich hippiemäßig klingt, und schon deswegen wird im Hardcore-Diskurs dem Begriff Emo-Core mit wenig Liebe begegnet.

Emo, die Musik

Aus dem Emo-Core der achtziger Jahre wird in den Neunzigern Emo – ohne »Core«. Emo bleibt vorerst ein rein musikalisches Phänomen und versteht sich noch nicht wirklich als Jugendbewegung. Die prägenden Bands des Subgenres heißen Sunny Day Real Estate, The Promise Ring oder The Get Up Kids. Aus dem virilen Macho-Ding Hardcore ist Hardcore ohne Eier geworden, aus einem schwitzigen Proletenkult eine weiße, noch eher heterosexuelle Mittelschichtsangelegenheit. Die Grenzen zum üblichen Indierock sind fließend.

Emo, die Jugendkultur

Hat Emo, die Musik, zu ihrem integralen Bestand­teil gemacht und wurde erst in den vergangenen Jahren zu einer Style- und Image-Sache, die ein jugendkulturelles Lebensgefühl ausdrückt.

Gothic

Der Goth geht in den Keller zum Lachen, wäre gern ein Vampir und schläft in einem Sarg. Er ist im urbanen Raum weitestgehend ausgestorben, genießt aber auf dem Lande noch Artenschutz. Der Goth ist, das will jedenfalls Spiegel online herausgefunden haben, auf den Emo angeblich deswegen schlecht zu sprechen, weil er wie auch die Punks meint, die Emos hätten »uns unsere Musik und unseren Stil geklaut«. Gemeint ist die Goth-typische vermeintliche Weltabgewandtheit der Emos, ihr schwarzgefärbtes, gerne toupiertes Haar, der Hang zum Morbiden, die Vorliebe für Skelette und ähnliches.

Hello Kitty

Das nervige »süße« Kätzchen, das vom Kleinkind bis hin zur Modebranche innig geliebt wird, gehört mit zum Emo-Style, neben Schweißbändern, »Nightmare Before Christmas«-Buttons, Stoffschuhen der Marken Converse und Vans – gerne im »Two-Tone«-Karolook – und jeder Menge Haarspangen, die Emo-Jungs eine hübsch quee­re Note verleihen.

Punk

Punks sind heutzutage diejenigen, die dir deine Windschutzscheibe schrubben, ihre Hunde herumkommandieren und Frisuren wie Basti Schwein­steiger tragen. Endlich haben sie jetzt wieder ein Feindbild: 15jährige Emos, die, anders als sie selbst, mit ihrem Aussehen noch wirklich für Aufsehen in den Fußgängerzonen sorgen.

Hippies

Wie die Emos waren auch die Hippies eine Jugendkultur, die nur gehasst wurde, selber aber nicht hasste, was ansonsten – Punks (Hass auf alles), Technos (»No more fuckin’ Rock’n’Roll«), Mods (Scheiß-Rocker), Rocker (Scheiß-Mods) – ungewöhnlich ist, da Hass eigentlich immer zum Abgrenzungsritus einer anständigen Jugendkultur gehört. »Emo« ist eigentlich das neue »Love and Peace«.

Screamo

Seltsames Emo-Subgenre, das den Emo-Gedanken von (»Lass es raus!«) bis zur Unkenntlichkeit überdehnt. Die Songs sind ultrakurz und oft nur kurze Schreie zu gehacktem Gebolze. Verhält sich zu Emo wie Munchs »Der Schrei« zu dem Posterklassiker in Mädchenzimmern, »Der Kuss«.

Visual Kei
Aus Japan stammendes Phänomen, das zuerst eine Style-Angelegenheit und erst dann eine Musik­richtung ist. Der Visual-Kei-Fan sieht letztlich aus wie ein gepimpter Emo, wie ein Emo auf dem Laufsteg, wie Tokio Hotels Bill Kaulitz in XL. Die dazugehörige Musik ist schlimm.