Der Film »Elegy oder die Kunst zu lieben«

Wenn der Boyfriend 62 ist

»Elegy oder die Kunst zu lieben« ist die filmische Adaption des ­Romans »Das sterbende Tier« von Philip Roth. Die Regisseurin Isabel Coixet hat die schlüpfrigen Männerphantasien ­gekappt und aus der Geschichte ein Beziehungsdrama gemacht.

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Es gibt eine Stelle im Film, die richtig zum Lachen ist: David, der etwas ältere Literaturprofessor mit eigener Rezensions-Radioshow, ist mit 62 Jahren schwer verliebt in seine 24jäh­rige Studentin Consuela. Und die wiederum in ihn. Dann holt sie zum Schlag aus: »Am Samstag mache ich eine Party. Dann wirst du meine Eltern kennen lernen.«
Die dürften ungefähr so alt sein, dass sie Davids jüngere Geschwister sein könnten. Eltern? Ist das nicht das, was auf dem Friedhof liegt? Es wird schwierig. David kneift. Erst schiebt er dies, dann jenes vor. Mit dem fröh­lichen Vögeln jedenfalls ist es ein für alle Mal vorbei. Am Schluss soll es ein Stau im Feier­abendverkehr gewesen sein, der ihn an der ­Par­ty­teilnahme hinderte. Und das war’s mit der amour fou.
Diese Szene beschreibt den Knackpunkt in der Beziehung von Mann und Frau – den Moment, wenn aus dem Liebsten Besitz und aus der Liebe Statusdenken wird. Waren sich die beiden vorher völlig genug, wie sie da nackt in der Woh­nung umhersprangen, markiert der Besuch bei den Eltern den Ernst des Lebens: Haus, Garten, Hund, Kind, Enkel, gemeinsames Grab auf dem Friedhof. David kennt das alles mehr oder weniger schon, er weiß, was dann kommt, und lässt die Finger davon. Consuela weiß nichts.
»Elegy« ist ein schöner Film. Basierend auf Philip Roths Roman »Das sterbende Tier« aus dem Jahre 2001, erzählt er, wie die Professor Unrats und ihre Engel heutzutage verfahren – sie schleppen einander im Seminar ab. Im Gegensatz zum eher explizit formulierten Buch ist der Film dezent, elegant, grazil, traurig. Isabel Coixet, die Regisseurin, schlägt andere Töne an. Schön und dunkel ist ihre Version der unmöglichen Liebesgeschichte: David, der alternde Schweinepriester, hat seine Scheidung schon viele Jahre hinter sich, mit der Geschäftsfrau Carolyn (Patricia Clarkson) steigt er ab und zu in die Kiste; seine sonstigen Frauenbekanntschaften sind eher lose; die Studentinnen, die ihn mal mehr, mal weniger verehren, freuen sich, dass es Menschen gibt, die wie sie irgendwo zwischen Foucault und Derrida hängen und damit sogar Geld verdienen können. Davids Jahre und die Haare sind dahingegangen. Es reicht zum Mittelklasse-Sportwagen.
Seine Vorstellungswelt ist eher düster: Im Prinzip bereitet sich David schon aufs Sterben vor. In diesem Leben wird nichts mehr passieren, außer auf der Intensivstation des Krankenhauses. So nimmt er auch die Beziehungsprobleme seines Sohnes Kenny (Peter Saars­gard) eher beiläufig wahr, was will dieser junge Mensch bloß? Er geht ihm auf die Nerven, sollen sie sich eben scheiden lassen, die Kinder. David ist froh, dass er alle wichtigen Trennungen schon hinter sich hat.
Philosophisch betrachtet hat der alte Literaturlehrer eine wichtige Grenze überschritten: Er fragt nicht, wie irgendwas ist, sondern wundert sich lieber darüber, dass überhaupt etwas ist. Das ist die Grundfrage der Metaphysik. Wer die Kunst des Wunderns beherrscht, kann sich über jedes Wie freuen, auch wenn es weh tut.
Gedanken dieser Art tauscht er mit seinem Freund aus, dem Dichter George (Dennis Hopper). George wird ihm immer ein wenig voraus sein – irgendwann sogar um einen Schlaganfall.
Das höhere Alter, an dessen Eingangstür Professor David steht, lässt seinen Insassen nicht viele Optionen: Entweder der Körper gibt auf und der Geist bleibt fit und kriegt den eigenen Verfall bei vollem Bewusstsein mit. Oder der Körper bleibt intakt, dafür macht das Gehirn schlapp, und man weiß nicht einmal mehr, wie man sich eine Unterhose anzieht. Man weiß nicht einmal, was eine Unterhose ist. Kurz: Im Leben von David würden die Dinge ihren Lauf nehmen.
Käme da nicht die von Penélope Cruz gespielte Studentin dazwischen: David kann anfangen, sich ausgiebig als Idiot aufzuführen. Der alte Mann ist verliebt. Ganz schlimm und ganz tief. Das heißt: Eifersucht wegen falscher Bemerkungen, Terror, weil man fünf Minuten zu spät kommt, Streitereien wegen der Klamotten, die man gern hat, Aggro-Privataudienzen wegen abgeschalteter Mobiltelefone, theaterwürdige Aufführungen in der Öffentlichkeit aufgrund nicht beantworteter E-Mails. Auch mag er sei­ne alten Freunde nicht mehr. Alles, was vorher gut ging, geht jetzt nicht mehr. David hat die Höchststrafe bekommen. Und wenn er sich früher vielleicht ganz okay gefühlt hat, so gilt jetzt: Früher gibt’s einfach nicht mehr.
Der alte Mann, der verliebt ist, ist sich selbst peinlich. Er weiß, dass er sich albern benimmt. Das sagt ihm der Verstand. Das Herz sagt: Das ist die letzte Chance für deinen heruntergekommenen Körper. 30 Jahre Altersunterschied, danach kommt nur noch das Krematorium. So schaut man dem armen Mann zu, wie er langsam und sicher in die Bipolarität abdriftet.
Ben Kingsley, der Gandhi-Darsteller, ist in einem Stadium, wo er fürs Schauspiel nichts mehr machen muss: Ein Blick von ihm in die Kamera genügt – und die Kamera blickt erschreckt zurück! Wir fühlen mit.
Nein, sie machen es nicht wie Marlon Brando und Maria Schneider in »Der letzte Tango von Paris«: kein Wort reden, nur rumturnen – und wenn der Topf mit der Margarine, die für eine von der Fortpflanzung nicht vorgesehene Sexualpraktik gebraucht wird, leer ist, geht man auseinander.
Stattdessen »Elegy«: Besuch bei den Eltern. »Ich steh’ im Stau, Liebes, auf der Brücke, ich komm hier leider nicht weg.«
Dies alles hätte für einen Zweistundenfilm gereicht, Schmerz, Trauer, Verlust der Jugend. Leider will die Buchvorlage nicht, dass das so bleibt: Es muss was Dramatisches her. Und so bekommt Consuela eine tödliche Krankheit, die ihr die Brüste klauen wird. So meldet sie sich Jahre später bei David, der ein guter Hobbyfotograf ist. »Ich will, dass du Bilder machst.« Was der Chirurg demnächst wegschneiden wird, dient ein letztes Mal als Gegenstand des blickhaften Begehrens.
Mit dieser Wendung will der Film gerade noch einmal Neuland betreten, bevor er kollabiert: Cancer ex machina. Das Gesetz des Kinos: Dramatik. Das Gesetz des Lebens: Banalität. Auch die Jugend kann sterben, raunt es bedeutungsvoll. Und Consuela und David, sie haben es jetzt besonders leicht und können zurückkehren in ihre alten Rollen, sie als Papas liebes Mädchen, er als Vaterfigur.
Ein grobes Geschütz. Nicht nur wegen der Realismusfrage. Die mörderische Liebe hätte völlig ausgereicht, um die beiden hinzurichten. Die Zuschauer hätten das schon ausgehalten. Es wäre nur nicht so leicht konsumierbar gewesen.
Das sterbende Tier, ruft »Elegy« so laut, wie es nur geht – ja, das kann man schon ganz früh selbst sein, und auch gerade, wenn man keinen Gedanken daran verschwendet. Altern hingegen heißt nicht unbedingt sterben, wenigstens nicht jetzt.
Das ist gut und schön, aber vor allem ein biss­chen simpel: Was hätte das für ein Film werden können, wenn Consuela ihren Termin für die Brust-OP gehabt hätte, bevor »Elegy« angefangen hätte.