Prenzlauer Berg

Der Uns-geht-es-so-gut-Bezirk

Reihe über Gentrifizierung in der Hauptstadt: Das Straßentheater der neuen Lässigkeit im Prenzlauer Berg
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Eine Fahrradtour von Kreuzberg in den Prenzlauer Berg ist eine anstrengende Angelegenheit. Erstens geht es bergauf, und zweitens hat man im einst größten Sanierungsgebiet Mitteleuropas das Kopfsteinpflaster vergessen. Oder steht die rissige Buckelpiste unter Denkmalschutz? Trotzdem fahre ich manch­mal hin, um Freunde zu treffen oder Kindergeburtstagsgeschenke zu kaufen. Vor dem Haus meiner Freundin schaut mir mein verschwitztes Konterfei im blankgeputzten Messing des Klingelschildes entgegen, das mit der Selbstbespiegelung funktioniert hier immer, auch ungefragt. Im Treppenhaus fällt der Blick auf den obligatorischen Kinderwagen, danach bemerke ich die wohltuende Stille. Kein Bushido, kein Wolfgang Petry tönt aus den Wohnungen, und für Blockflötengepiepse und Geigengeschrammel sind die Kinder noch zu klein.
Beim Treppensteigen fällt mir die Schweizer Touristin auf dem Helmholtzplatz ein, die überrascht bemerkte, dass hier alles so ganz ruhig ist. Stimmt, einen Szenebezirk würde man anders beschreiben. Meine Freundin begrüßt mich mit den Worten: »Das Wetter ist so schön, wollen wir irgendwo draußen Kaffee trinken?« Das will sie immer, auch wenn das Wetter ganz miserabel ist, schließlich gibt es Heizpilze. Ich kenne in dem Bezirk nur zwei Leute mit Balkon, obwohl die anderen auch richtig viel Miete zahlen. Liegt vielleicht daran, dass beim Hochziehen der Mietskasernen in der Gründerzeit einfach niemand an den Erholungsfaktor gedacht hat.
Kurz vorm Verlassen des Hauses verspüre ich das, was Henning Sußebach in seinem »Bionade-Biedermeier«-Text als enormen Anpassungsdruck beschrieben hat. Ich registriere meine verschrammte Tasche, die ausgetretenen Schuhe und denke an den Friseurtermin, der nicht stattgefunden hat. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Prenzlauer Berg ist zwischen 25 und 45 Jahre alt, Wohnungsmakler werben mit dem hohen Abiturquotienten des Bezirks, den überdurchschnittlich vielen Akademikern und der niedrigen Arbeitslosenquote. In den vergangenen zehn Jahren wurden 80 Prozent der Bewohner ausgetauscht, jetzt leben hier junge, hübsche und gutgekleidete Menschen. Wo diejenigen geblieben sind, die hier vorher waren und im Zuge der Gentrifizierung aus dem Raster gefallen sind, weiß niemand so genau.
Die Homepage des Bezirksamts deutet vage in Richtung Brandenburger Speckgürtel, der Berliner Stadtsoziologe Hartmut Häußermann fürchtet die Formierung einer Banlieue im Umland. Auf den Straßen im Prenzlauer Berg wird man schon genauer betrachtet, und in den Blicken liegt nicht unbedingt Nächstenliebe. Der überstrapazierte Begriff »Castingallee« scheint hoffnungslos veraltet, es geht nicht mehr darum aufzufallen, sondern um die harmonische Einpassung in eine sehr gleichförmige Massenchoreografie. Mit anderen Worten, auf dem Laufsteg sollte man nicht aus der Reihe tanzen oder ins Stolpern geraten, sonst wird man disqualifiziert.
Die Suche nach freien Caféplätzen gestaltet sich in diesem Revier erfahrungsgemäß immer extrem kompliziert. Auf unserem Weg begleiten uns groteske Nachbauten von westdeutschen Siebziger-Jahre-Spielzeuglandschaften in den Schaufenstern. Meine Freundin erinnert sich sofort an das schlimmste Weihnachtsfest ihres Lebens, Kindheit heißt ja nicht automatisch Idylle, und Wiedersehen macht nicht immer Freude. Seit keine Handwerker mehr im Bezirk wohnen, ist eine große Sehnsucht nach dem Handwerk ausgebrochen. Die Namen der Geschäfte enden oft auf »Manufaktur«, und in diesem anheimelnden Wort versteckt sich eine überraschende Dehnbarkeit, wenn man liest, dass die guten Restaurants von der »blutwurstmanufaktur« beliefert werden, zeigt es seine Zombiefilmqualitäten. Beim Kaffee sitzen wir dann wieder im vertrauten Ambiente umgeben von den Menschen mit ihren Latte Macchiatos und Laptops. In den ausgehenden neunziger Jahren, als die Sache mit den virtuellen Büros und Beziehungen losging, fragte man sich besorgt, ob die Menschen bald nur noch im Pyjama in der Küche sitzen und das Leben auf den Straßen ausstirbt.
Der Prenzlauer Berg, in dem ein großer Teil der Bewohner seinen Lebensunterhalt freiberuflich bestreitet, hat ziemlich erfolgreich den Gegenbeweis angetreten. Fast schon zu erfolgreich, mittlerweile fragen zahlreiche kritische Stimmen, ob der rege Cafébetrieb vielleicht dem beruflichen Misserfolg seiner Gäste zu verdanken ist. Im direkten Anschluss folgt dann die hämische Vermutung, dass die eigentlich den lieben langen Tag nur ihre MySpace-Profile aktualisieren. Diese Überlegungen ignorieren allerdings, dass mehr als die Hälfte der Einwohner allein in oft sehr kleinen Wohnungen lebt und das von den Medien gezeichnete Bild des Familienbezirks nicht ganz mit der Realität übereinstimmt. In einer Einraumwohnung den ganzen Tag tolle Ideen und kreatives Output zu produzieren, funktioniert häufig gar nicht, da fällt es manchmal schon schwer, den Tag zu strukturieren, vor allem wenn die Aufträge fehlen oder sich unüberwindbar viel Arbeit anhäuft. Problematisch scheint eher die im Prenzlauer Berg häufig aufgesetzte Lässigkeit und Souveränität. Das Leben der Freiberufler wird auf den Straßen als Einlösung eines Glücksversprechens inszeniert. Diese Existenzen bewegen sich aber häufig an der Schnittstelle zum Prekären, sozusagen schwankend zwischen digitaler Boheme und urbanem Penner. Die Angst, dass die Aufträge nicht reichen, die Miete nicht mehr gezahlt werden kann oder der Dispo zusammenbricht, gehört auch dazu, und sie ist in dieser ganzen Überambitioniertheit, die scharf an der Grenze zur Spießigkeit vorbeischrammt, wahrnehmbar.
Der Stadtteil wirkt wie ein kleines migrationsfeindliches Biotop der gehobenen Mittelschicht, eine geschlossene Gesellschaft, die sich nach unten durch den qm-Preis der Wohnflächen hermetisch abriegelt. Aber vielleicht ist die Fallhöhe zwischen denen, die drinnen sind, und denen, die während dieser gigantischen Sanierung verdrängt wurden, nicht so groß, wie es scheint, und vielleicht produziert genau das diesen Eindruck des Künstlichen, diese ständige Selbstkontrolle, die Diktatur des »guten Geschmacks« und das nervöse Abchecken der Anderen. Irgendwie wird da immer zu laut gerufen »Uns geht es sooo gut«.
Politische Aktivitäten beruhen häufig nicht nur auf Idealismus, sondern resultieren auch aus der Angst, etwas zu verlieren. Bis Mitte der neunziger Jahre galt der Prenzlauer Berg neben Kreuzberg als Epizentrum des 1. Mai, danach folgten Bürgerinitiativen frei nach dem Motto »Unser Kiez soll noch schöner werden« und das Elternengagement, das die Elitechancen des Nachwuchses absichern wollte. In diesem Frühjahr gründete sich eine Bürgerinitiative gegen das Luxus-Townhouse-Projekt Marthashof, das zu einem Großteil von der italienischen Designerin Giovanna Stefanel-Stoffel und ihrem Mann Maximilian Stoffel finanziert wird. Geplant ist ein Wohnen der Extraklasse, für die richtig Reichen, das weit über dem kiezüblichen Standard liegt. Die Proteste der Anwohner klingen wie der Versuch einer Abschottung nach oben. Gentrifizierungsexperten bezeichnen das Bauvorhaben als dritte Welle der Verdrängung. Der Kampf um erträgliche Mieten scheint also auch im Prenzlauer Berg noch nicht vorbei.