Über den politischen Konflikt in Kongo

Die Soldaten gehen zu Fuß

In der Demokratischen Republik Kongo wachsen die Spannungen zwischen Rebellengruppen und Regierung. Die UN-Mis­sion hat die Lage nicht mehr unter Kontrolle und kann für die Sicherheit der ­Bevölkerung nicht sorgen.

Von Alex Veit
Anzeige

Gäbe es eine Rangliste der vorsichtigsten Autofahrer im Kongo, würden die indischen UN-Solda­ten mit Abstand gewinnen. Der Armeejeep holpert so langsam über die von Steinen und Schlag­löchern übersäte Straße, dass an abschüssigen Stellen Fahrradfahrer zum Überholen ansetzen. Fußgänger erhalten freundlich den Vortritt, und sogar für verirrte Hühner wird auf die Bremse ge­treten. Kein Vergleich zu den Überlandtaxen und Motorrädern, die regelmäßig hupend vorbeiziehen und vor denen sich Frauen und Kinder, zu Fuß und schwer beladen mit Feuerholz, Frischwasser und Nahrungsmitteln, nur durch einen Sprung in den Straßengraben retten können.
Auf Kongos Straßen gilt das Recht des Stärkeren, doch die UN-Soldaten beteiligen sich nicht an diesem Statuskampf. Die mit Passagieren und Handelswaren überladenen Taxen, vorwiegend einfache Mittelklassewagen aus ostasiatischer Produktion, preschen ohne Rücksicht auf die Stoß­dämpfer voran. Die Lebensdauer der Fahrzeuge, die gebraucht via Dubai importiert werden, beträgt auf Kongos ungeteerten Fernstraßen deshalb nur wenige Monate. Eine Mittelposi­tion neh­men die internationalen humanitären Organi­sationen ein, deren Fahrer angehalten sind, ihre Geländefahrzeuge zugleich zügig, schonend und unfallfrei zu bewegen. Zuletzt wiederum die indi­schen Blauhelme, deren komfortfreie Kübelwagen der Marke Mahindra eigentlich am besten an die Straßenqualität angepasst sind.
Das Fahrverhalten der Blauhelme könnte symbolisch für die Rolle der UN-Mission Monuc insgesamt gelesen werden. Die Blauhelme verhalten sich vorsichtig und versuchen, Rücksicht zu nehmen. Die Einheimischen bewerten dies unterschiedlich. Manche sind zufrieden damit, nicht überfahren zu werden, und ignorieren ansonsten die Soldaten. Viele andere werfen der UN-Frie­densmission vor, ihre Mittel nicht genügend auszuschöpfen. Andere widerum ärgern sich, nicht auf die freien Plätze in den Fahrzeugen eingeladen zu werden, und empfinden dies als Diskriminierung. Manche Kongolesen nehmen die Blauhelme hingegen vor allem als ein Hindernis wahr, Sie sollten am besten aus dem Weg gehen.

Wir befinden uns auf dem Weg in die Kleinstadt Lubero in der Provinz Nord-Kivu, im äußers­ten Osten der Demokratischen Republik Kongo. In Lubero trainiert die Monuc Soldaten der kongolesischen Regierungsarmee. Die Übungen sollen die Armee fit machen für die Zeit nach dem Abzug der Blauhelme, vor allem aber, um in naher Zukunft eine militärische Drohkulisse gegen Rebellengruppen aufzubauen. Die UN ist stolz auf das Armeetraining. »Das ist mal ein positiver Aspekt unserer Arbeit«, sagt der Sprecher der Mission, Oberstleutnant Jean-Paul Dietrich, der den Besuch bei den Truppen organisiert hat. »Vieles andere können wir gelegentlich nicht gut leisten, etwa den Schutz der Zivilbevölkerung.«
Seitdem Ende August in der Provinz Nord-Kivu neue Kämpfe zwischen Regierungstruppen und den Rebellen des Nationalen Kongresses zur Verteidigung des Volks (CNDP) ausgebrochen sind, sollen nach Angaben der humanitären UN-Unterorganisation Ocha 100 000 Menschen in die Flucht getrieben worden sein. Sie kommen zu den mehr als eine Million Flüchtlingen aus dem vo­rigen Waffengang Ende 2007. Wie viele während und nach den Auseinandersetzungen ums Leben gekommen sind, weiß auch die UN nicht. Die Friedensmission der UN steht dem Krieg wieder einmal hilflos gegenüber. Im Kongo selbst ruft die UN die Konfliktparteien auf, den gescheiterten Friedensprozess wieder zu beleben. Vom UN-­Si­cher­heitsrat in New York hingegen fordert der Chef der Kongo-Mission, Alain Doss, »Surge Capacity«, also eine Truppenverstärkung der Blauhelme ähnlich wie im Fall der US-Armee im Irak, um der »sehr, sehr ernsten Situation« notfalls mit militärischen Mitteln beizukommen. Dass die Monuc, mit 19 000 Blauhelmen ohnehin die größ­­te und teuerste gegenwärtige Friedensmission, weitere Soldaten erhalten wird, scheint allerdings genauso unwahrscheinlich wie eine baldige Neubelebung des Waffenstillstands.
Der Krieg zwischen der Armee und der CNDP scheint auf der Fahrt nach Lubero nicht nur deshalb weit entfernt, weil die Kämpfe einige Autostunden weiter südlich stattfinden. Hier auf der Landstraße erscheint die Bevölkerung durchaus positiv gestimmt, von Krieg und Gewalt ist an der Oberfläche nichts zu sehen. Vor allem die Kinder winken und rufen auf Französisch: »Monuc, Monuc« und: »Gebt uns Kekse!« Oberstleutnant Anirudhra Parasharie, der höchste Offizier in unserem Fahrzeug, spricht zwar kein Französisch, ver­teilt auch keine Kekse, winkt aber freundlich zurück. Er stellt sich als Liebhaber indischer Filmmusik der sechziger und siebziger Jahre heraus, und hat eine für die sechsstündige Fahrt ausreichende Sammlung aus der Heimat mitgebracht.
Während weder Umgebung noch Fahrstil noch Musikgeschmack so richtig zum Klischee vom harten Soldatenleben im Kriegsgebiet passen wol­len, entspricht schließlich das Training in Lubero am nächsten Morgen schon eher den Vorstellungen.
Dem kongolesischen Soldaten, der sich in acht Metern Höhe an einem Kletterseil festhält, ist dabei zunächst ein wenig bange, seinem Gesichts­ausdruck nach zu urteilen. Doch schließlich nimmt er sich ein Herz und springt, an dem Seil herab gleitend, in die Tiefe. Unten angekommen, duckt er sich, rennt ein paar Meter, duckt sich wie­der, bevor er sich zurück zu seinen Kameraden stellt. »Slithering« nennt sich die Übung, damit wird der Absprung aus einem Helikopter geprobt. Mangels eines realen Fluggeräts dient ein an ­einen Baum genageltes Brett als Plattform.
Ob die Soldaten des 23. Bataillons der kongolesischen Armee jemals aus einem Hubschrauber im Kampfgebiet abspringen werden, ist allerdings fraglich. Lufttransport ist in dieser Armee fast nie verfügbar: Kongos Soldaten gehen zu Fuß. Die Regierungsarmee hat sogar regelmäßig Schwierigkeiten, genügend Munition zu beschaffen. Die anschließende Übung scheint insofern realis­tischer: Nahkampf ohne Schusswaffe. Die Soldaten schleichen sich von hinten an ihre Kameraden an und bringen sie mittels eines Kung-Fu-Griffs zu Fall.
Pranov Joshi ist zufrieden. »Diese Soldaten sind hoch motiviert«, versichert der 27jährige Hauptmann aus Mumbai, der die Übungen leitet. »Durch unser Training machen wir sie zu einer ordent­lichen Truppe.«

Seit vergangenem Jahr beinhaltet das Mandat der Blauhelm­mis­sion auch Training für kongo­lesische Soldaten. Zuvor machte die UN leidvolle Erfahrungen, insbesondere bei gemeinsamen Kampf­einsätzen. Nicht nur waren die Ausrüstung und damit die Kampfmoral der Kongolesen oft schlecht, mangelnde Koordination und Meutereien brachten bisweilen auch UN-Soldaten in Gefahr. Die aus zahlreichen ehemals verfeindeten Bürgerkriegsfraktionen zusammen gewürfelte Armee leidet an internem Misstrauen, Korrup­tion und Vernachlässigung durch die Regierung. Sogar die Nahrungsrationen sind meist knapp. »Je­de Armee läuft auf ihrem Magen. Hier sind die Mägen nur halb voll«, sagt Joshi.
Trotzdem versuchen die Blauhelme, die Armee auf militärische Aktionen gegen die Rebellen vorzubereiten. Wenige Kilometer vom Trainingsgelände entfernt befinden sich Stellungen einer weiteren Rebellengruppe, der Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas (FDLR). Nach dem Völkermord an den Tutsis in Ruanda flüchtete die Miliz 1994 in den Kongo und kontrolliert nun ganze Landstriche, indem sie die lokale Bevölkerung terrorisiert und Bodenschätze ausbeutet. Die Genozid-Täter sollen einem im November 2007 auch von ihnen unterzeichneten Abkommen zufolge eigentlich entwaffnet und in Ruanda repatriiert werden. Doch nur wenige Milizionäre fanden sich seitdem in den Übergangszentren ein. Die UN nimmt an, dass einige Kommandeure der FDLR nicht zur Aufgabe bereit sind, und droht mit militärischen Angriffen.
Übungen wie in Lubero finden deshalb an vielen Stationierungsorten der UN im Ostkongo statt. Ob sie ihren Zweck erfüllen, ist die Frage. Bereits seit 2004 bemüht sich die »internationale Gemein­schaft«, Kongos Armee zu reformieren. Die ersten »neuen« Einheiten wurden von Ausbildern, die eigens von der belgischen oder angolanischen Armee entsandt wurden, zum Teil ein ganzes Jahr lang gedrillt. Trotzdem begingen auch diese Bataillone bald schwere Menschenrechtsverletzungen, während die Disziplin zusehends erodierte. Inzwischen ist das Engagement einzelner Staaten versiegt, nur die Europäische Union bemüht sich weiter, die adminis­trativen Strukturen der Armee zu modernisieren.
Die Ausbildung der kongolesischen Truppen fiel hingegen der ohnehin überlasteten UN-Mission zu. Deren Lehrgänge dauern notgedrungen nur einige Wochen. Doch der idealistische Hauptmann Joshi glaubt fest an den Sinn seiner Arbeit: »Sie sind gute Schüler. Wir nehmen sie ein bisschen an der Hand, bis sie selbst laufen können.« Sein Partner, der fast doppelt so alte kongolesische Oberstleutnant Madika Mozala, ist bereits seit den achtziger Jahren in der Armee. Während seiner Laufbahn nahm er an vielen Lehrgängen teil, auch in Frankreich. Auch er gibt sich zuversichtlich, dass die Unterstützung nützt: »Indien ist ein Schwellenland, von dem wir viel lernen können.« Aber ob das Training nicht verpufft, wenn es an Munition, Nahrung und Transportmitteln mangelt? »Ich bin mir sicher, dass die Re­gierung uns alle notwendigen Mittel zur Verfügung stellen wird, bevor sie uns Angriffsbefehle gibt«, antwortet er.
Diese Aussage widerspricht allerdings allen bisherigen Erfahrungen mit der Regierung in der Hauptstadt Kinshasa. Genauso dahingestellt ist, ob die Regierung einen Angriff auf die Rebellen der FDLR befehlen würde, wofür Hauptmann Joshi die kongolesischen Soldaten ausbildet. Denn die Hauptfeinde der Regierung scheinen gar nicht die Völkermörder aus Ruanda zu sein. Im Gegenteil, derzeit verdichten sich die Gerüchte, dass die Armee heimlich mit der FDLR kooperiert. Die internationale NGO Global Witness berichtete im August, dass Armee und Rebellen bei der Ausbeutung von Bodenschätzen zusammen arbeiten. Diese Einschätzung teilt auch der Militärspre­cher Dietrich, will sie aber auf einzelne Truppeneinheiten beschränkt wissen: »Es kann auch sein, dass gelegentlich FDLR-Rebellen an der Seite der Armee kämpfen. Ich hoffe allerdings, dass dies nicht der Wille der politischen Führung ist.«
Falls sich herausstellt, dass die kongolesische Armee tatsächlich mit der ruandischen FDLR ein Bündnis eingegangen ist, könnte dies zu einer Kriegserklärung durch das Nachbarland Ruanda führen. Bereits bis zum Jahr 2002 nutzte die kon­golesische Regierung die FDLR, um gegen damals im Kongo stationierte ruandische Truppen Krieg zu führen. Nach Jahren der Entspannung hat sich in den vergangenen Wochen das diplomatische Klima zwischen den beiden Ländern wieder erheblich verschlechtert. Während das ruandische Regime dem Kongo vorwirft, die génocidaires der FDLR zu unterstützen, heißt es im Kon­go, ruandische Truppen seien an der Grenze der beiden Länder aufmarschiert, um wiederum die kongolesischen Rebellen der CNDP zu stärken. Der CNDP wird vom abtrünnigen General Laurent Nkunda angeführt, der zu den kongolesischen Tutsi gehört. Die prekäre Lage der Tutsi, deren Verhältnis zum kongolesischen Zentralstaat seit Jahrzehnten angespannt ist, dient Nkunda als Legitima­tion seiner Rebellion. Das ebenfalls von Tutsis dominierte ruandische Regime unterstützt die CNDP in der Tat mehr oder weniger heimlich.

Die Lage ist verzwickt, insbesondere für die UN-Friedensmission, die sich zwischen alle Fronten manövriert hat. Ende vergangenen Jahres nämlich griff die Kongo-Armee zunächst die Tutsi-­Rebellen an, ohne dass die UN dies zu verhindern wusste. Die Offensive misslang in großem Stil. Nachdem die Armee ihre neuen eingekaufte Artilleriemunition im unwegsamen Gebiet des Ostkongo weitgehend wirkungslos verschossen hatte, trieben die disziplinierten Rebellen des CNDP die Armeeeinheiten mit ihren Kalaschnikows in die Flucht. Durch die Schwäche der Regierung war nun der Weg frei für einen Versuch der friedlichen Konfliktschlichtung.
Zwei Friedensabkommen wurden geschlossen: zum einen zwischen Regierung und CNDP, die zunächst einen Sicherheitskorridor vorsah, den die Blauhelmsoldaten als neutrale Kraft über­wachen sollten. Das zweite Abkommen wurde mit den Rebellen der FDLR verabredet. Diese sagten zu, an einem Demobilisierungsprogramm teilzunehmen und als Zivilisten nach Ruanda zurückzukehren. Die Präsenz der ruandischen génocidaires im Kongo wird inzwischen nicht nur von CNDP-Chef Nkunda und dem ruandischen Regime, sondern auch von vielen westlichen Staaten als Haupthindernis für einen dauerhaften Frieden be­trachtet. Die Vertreter der in einzelne Fraktionen zersplitterten FDLR unterschrieben zwar das Abkommen, hielten sich aber nicht daran. Deshalb, so die Absicht der UN, sollten sie von Blauhelmen und kongolesischen gemeinsam militärisch in die Knie gezwungen werden.
Auf der einen Seite soll die Monuc also eine neutrale Kraft zwischen den Rebellen der CNDP und der Armee sein. Mit derselben Armee sollen hingegen militärische Operationen gegen die FDLR unternommen werden. Hinzu kommt nun, dass die Armee gegen die CNDP Krieg führt, sich aber mit der FDLR offenbar gut versteht. Diese Planung ist, wie auch Dietrich meint, »für die Bevölkerung nicht immer einfach zu verstehen«. Damit spielt er auf mehrere Demonstrationen gegen die UN-Mission an, wobei gefordert wurde, die Monuc solle die CNDP angreifen oder das Land verlassen.
Offenbar hat auch der Tutsi-General Nkunda für die Politik der UN kein Verständnis mehr und sieht die Mission nun als ein Hindernis. Seit Ende August lässt er Positionen der Armee angreifen, damit hat er den Friedensprozess de facto beendet. Ruandische Zeitungen berichteten im Detail über die dabei erbeuteten Waffen, insbeson­dere Boden-Luft-Raketen. Mit diesen Berichten soll wohl verdeutlicht werden, dass Nkunda nun auch gepanzerte UN-Kampfhubschrauber abschießen könnte, mit denen die Monuc in der Ver­gangenheit mehrmals allzu offensive Aktionen der Rebellen unterband.
Die kongolesische Armee hingegen hätte gerne mehr Unterstützung. Als wir auf dem Rückweg aus Lubero einen Halt einlegen, kommt ein kongo­lesischer Soldat dazu und bittet schüchtern um einen Lift zum nächsten Dorf. Vergeblich, denn Transport stellt Monuc nur ausnahmsweise zur Verfügung. »Das ist diskriminierend«, beschwert sich der Soldat leise bei mir. »Die Blauhelme sind auf unsere Einladung hier, und dann lassen sie uns zu Fuß gehen.«