Kämpfe zwischen jüdischen und arabischen Israelis in Akko

Heldenhafte Brüder

Die gesellschaftliche Trennung zwischen jüdischen und arabischen Israelis wird stärker. In Akko kam es zu tagelangen Kämpfen zwischen Jugendlichen beider Bevölkerungsgruppen.

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Yom Kippur, der Versöhnungstag, ist einer der wichtigsten jüdischen Feiertage, an dem es den religiösen Regeln zufolge verboten ist, zu essen, fernzusehen, Sex zu haben, Auto zu fahren und zu rauchen. Angeblich fasten 70 Prozent der jü­dischen Bevölkerung an diesem Tag, und auch sich nicht als religiös begreifende Menschen begehen diesen Feiertag traditionell. Sogar das eher säkulare Tel Aviv ist autofrei, kein Laden hat geöffnet, man sieht Menschentrauben auf den Stra­ßen, und Kinder auf Fahrrädern übernehmen die Stadtautobahn.
Es gibt kein Gesetz, das z.B. Autofahren verbietet. Man könnte diesen Tag also als »Non Consumers Day« bezeichnen oder unter das Motto »Reclaim the Streets« stellen. Doch ohne die religiöse Komponente würde wahrscheinlich niemand freiwillig auf sein Auto oder das Shopping verzichten. Überdies üben in einigen Gemeinden jüdisch-israelische Milieus starken Druck aus, um zumindest öffentliche Übertretungen der Gebote zu unterbinden.
In Akko fuhr am 5. Oktober ein arabischer Bürger mit seinem Sohn und dessen Freund auf dem Weg zu seiner Tochter und deren Hochzeitsvorbereitungen durch ein größtenteils jüdisch be­wohn­tes Viertel und wurde von einem wütenden Mob beinahe totgeschlagen. Die Polizei konnte Tawfiq Jamal und seine Begleiter nicht vor den Angreifern schützen und riet ihm wegzurennen. Verletzt durch Steine, flüchteten sich die drei auf eine Baustelle. Nur durch das beherzte Handeln eines jüdischen Wachmanns, der sie in seinem Wachhäuschen versteckte, konnte Schlim­meres verhindert werden. Die Polizei schaffte es dann, die Verfolgten unbemerkt aus dem Wohn­gebiet ins Krankenhaus zu schleusen.

Noch in derselben Nacht kam es zu Ausschreitungen von arabischen Jugendlichen, die ein erstes Gerücht vom vermeintlichen Tod des Gejagten aufbrachte. Jüdische Jugendliche versammelten sich ebenfalls und steckten mit Rufen wie »Tod den Arabern« zwei Häuser in Brand. Fünf Tage benötigte die Polizei, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Die israelische Öffentlichkeit ist sichtlich geschockt von den Ereignissen, jüdische und arabische Politiker beschuldigen die jeweils andere Seite, an den Ausschreitungen schuld zu sein, mitunter gab es entgleiste Verglei­che mit der »Reichskristallnacht«.
Die Debatte wurde von rechten jüdischen Grup­pen weiter angeheizt, die zum Boykott der ara­bischen Unternehmer aufriefen, wörtlich hieß es: »Kauft nur bei Brüdern«; gemeint ist: »Kauft nicht bei Arabern«. Ebenfalls auf Druck der Rechten erfolgte die Festnahme Tawfiq Jamals, der nach drei Tagen Inhaftierung nun unter Hausarrest gestellt wurde, angeklagt wegen der »Miss­achtung religiöser Sensibilitäten« und »rücksichtsloser Gefährdung der öffentlichen Sicherheit«. Das Gesetz zum Schutz religiöser Gefühle wurde bislang nur selten und ausschließlich bei gezielten Provokationen angewendet.

Die Atmosphäre in den mixed cities wie Akko, aber auch in Jerusalem oder Tel Aviv/Jaffa, ist schon lange nicht mehr so harmonisch wie vielleicht vor zehn Jahren. Damals waren angeblich Szenen des Zusammenlebens zu beobachten, wie Besuche bei den jüdischen Nachbarn im Ramadan und Araber, die ihren Nachbarn nach Pessach Pita­brot überbrachten. In den mixed cities leben die Araber, die 1948 nicht vertrieben wurden oder flüchteten, und ihre Nachkommen. Ein Zusammenleben, das über sporadische Kontakte hinaus­ging, gab es nur in Einzelfällen. Treffender ist der ebenfalls häufig verwendete Begriff der Ko­exis­tenz, für die Akko als Musterbeispiel galt. Es gibt ein Nebeneinander getrennt lebender communities, und dass jüdische Bewohner in billigeren arabischen Stadtteilen einkaufen oder ihren Humus essen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine Reihe von Regelungen gibt, die arabische Bürger diskriminieren, und Ressentiments weit verbreitet sind.
Die Bürgermeister anderer mixed cities warnten in der vergangenen Woche, auch in ihren Städten seien gewaltsame Konflikte möglich. Am Sonn­tag kam es in Jerusalem zu Auseinandersetzungen, nachdem ein arabischer Müllfahrer mit Steinen beworfen worden war. In Tel Aviv nahm die Polizei am folgenden Tag sechs Männer fest, die verdächtigt werden, Wohnungen von Arabern mit Brandbomben angegriffen zu haben.
Vor dem Hintergrund des alltäglichen Rassismus und der immer strikteren Teilung aller Le­bens­bereiche zwischen arabischen und jüdischen Israelis kommt die Eskalation jedenfalls nicht überraschend. Eine erstarkende rechte Jugendbewegung, eine Siedlerbewegung innerhalb Is­raels sozusagen, will zur »Judaisierung« der mixed cities beitragen. Einige Mitglieder waren Siedler in Gaza oder Hebron, die Bewegung übernimmt in eigens gegründeten Zentren die religiösen Ausbildung und soziale Funktionen in den Gemeinden, aus denen der Staat sich weitgehend zurück­zog.
Akko war eine der ersten Städte, in der die Sied­lerbewegung antrat, um dieses Vakuum ideologisch zu füllen. Auch in Yafo wurde dieses Jahr eine nationalreligiöse Jeshiva (Religionsschule) gegründet, und in Ramle/Lod ist die »Stärkung und Unterstützung« der jüdischen Bevölkerung auf Kosten der arabischen Bürger sehr erfolgreich. Im Unterschied zu den orthodoxen Gemeinden gibt es hier eine Mischung aus Religion und militantem Nationalismus, erstgenannte dient meist zur Rechtfertigung des letztgenannten. Mitglieder dieser Jugendbewegung waren es auch, die entzürnt wegen der angeblichen Beleidigung ihrer Religion auf den vorbeifahrenden Araber Steine warfen.

Die nationalreligiösen und orthodoxen Gruppen rekrutieren ihre Mitglieder überwiegend unter ärmeren Israelis. Der Linken ist es bislang kaum gelungen, verarmte jüdische Bevölkerungsgruppen anzusprechen. Verschiedene Initiativen sind nun in Akko präsent. Mitglieder der jüdisch-arabischen Partei Hadash und der sozialistischen jüdischen Jugendbewegung HaShomer HaZa’ir haben ihre Zelte aufgeschlagen, es gibt zahlreiche Solidaritätsbesuche von linken Aktivisten, die versuchen, Wohnungen, die aus Angst vor Übergriffen verlassen wurden, vor der Besetzung oder Zerstörung durch rechte Schlägertrupps zu bewahren.
Für insgesamt 15 Familien ist es aber eher fraglich, ob sie in ihre verwüsteten oder abgebrannten Wohnungen zurückkehren können. Eine Entschädigung von staatlicher Seite haben sie nicht zu erwarten, denn der Bürgermeister von Akko, ein Mitglied der Likud-Partei, ist ein Förderer der Siedlungsbewegung und mitverantwortlich für die gegenwärtige Entwicklung.
Die Ausschreitungen in Akko dürften die Fronten eher verhärten und die Identitätszuschreibun­gen auf beiden Seiten verfestigen. Plumpe Versuche der Vereinnahmung dürfen nicht fehlen. So gratulierten die Hizbollah und die Hamas ihren »heldenhaften Brüdern« zum Aufstand gegen die »Zionisten«. Auf der anderen Seite erneuerte der Parlamentsabgeordnete Avigdor Liebermann, Mitglied der Regierungskoalition, seine Forderung nach einem »Transfer« aller Araber in die Westbank, um sich der »demografischen Zeitbombe« endgültig zu entledigen.