Hell strahlt das Kontrollregime

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Der Überwachungsstaat – wo fängt er an, wo hört er auf? Aus kulturwissenschaftlicher Sicht beginnt er schon mit der Einführung der öffentlichen Straßenbeleuchtung Ende des 17. Jahrhunderts. Die wurde nämlich nicht nur aus prak­tischen Erwägungen eingeführt, sondern diente auch obrigkeitsstaatlichen Zwecken und sollte »lichtscheues Gesindel« fernhalten. Dass sich der Staat damit auch selbst schützte, wussten die Julirevolutionäre, die sich gegen das staat­liche Lichtmonopol durch gezielte Steinwürfe wehrten.
Mit diesem Beispiel beginnt Dietmar Kammerer seine ausführliche Darstellung zur Geschichte und Kritik der Kontrollgesellschaft, die er mit den Laternen des Sonnenkönigs beginnen und irgendwo zwischen Automatenbar in Berlin-Mitte, Wolfgang Schäubles Datenspeicher und gesichtserkennenden Technologien enden lässt. Dass Überwachungstechnologien sich immer zwischen den beiden Polen »Kontrolle« und »Fürsorge« bewegen, ist für den Ikonoklasten lediglich ein historischer Fakt. Videoüberwachung und Verwandtes, so der Grundsatz des Autors, entziehen sich wie Quecksilber jeder Zielbestimmung. Auch wenn man sein Credo nicht teilt, ist das Buch unbedingt lesenswert, bündelt es doch die gesellschaftlichen Konsequenzen der durch neue Formen der Sammlung, Auswertung und Vernetzung von Daten entstandenen Problematiken. Eine Bibel der Surveillance Studies.

Dietmar Kammerer: Bilder der Überwachung. Edition Suhrkamp, Frankfurt a/M. 2008, 382 Seiten, 13 Euro