Serie über Serien: »Dexter«

Schlachtplatte à la Harry

Serie über Serien. Das Gute an »Dexter« ist, dass uns ein psychisch schwer angeknackster Sadist erfolgreich als Sympathieträger angedreht wird, findet jedenfalls Benjamin Moldenhauer

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Der Vorspann steckt das Feld ab. Dexter Morgan (Michael C. Hall) frühstückt. Ein Messer schneidet durch in Plastikfolie eingewickeltes Fleisch, rote Sauce spritzt über den Teller, die Innereien einer Blutorange werden zu Matsch zerdrückt – die ersten zwei Minuten jeder Folge der amerikanischen Serie »Dexter« zeigen den Frühstückstisch als Schlachtplatte. Der Titelheld arbeitet als Forensiker bei der Miami Metro Police. Solange die Sonne scheint, verbringt er seine Zeit mit der Analyse von Blutspuren, wenn es dunkel ist, schnallt er Menschen auf eine Bahre, wickelt sie in Folie, entnimmt ihnen einen Tropfen Blut für seine Trophäensammlung und versenkt sie letztlich, in mehreren Teilen, in Müllbeuteln auf dem Grund des Miami River. Dexter ist ein ebenso passionierter wie gründlicher Serienmörder.
Wäre das alles, würde das Ganze in den Koordinaten der typischen Serial-Killer-Erzählung bleiben: Unter der porösen Oberfläche von Normalität und Konvention gären Gewalt und Wahn­sinn, der Mörder muss als Allegorie für die Zerstörungswürdigkeit der modernen Welt herhalten. Dann wäre das einzig Bemerkenswerte an den überraschend drastischen ersten beiden Staffeln, dass die Splatter-Ästhetik inzwischen vollends im Fernsehen angekommen ist. Die Autoren der Serie gehen aber einen entscheidenden Schritt weiter. Dexter hat seinen Tötungsdrang zur gesellschaftlich nützlichen Tätigkeit sublimiert. »I have standards«, erklärt er einem seiner Opfer, einem pädophilen Priester. Gemordet wird nach den Maßgaben des »Code of Harry«, eines Regelwerks, das ihm sein verstorbener Stiefvater (James Remar), natürlich ebenfalls ein Cop, anerzogen hat. Unters Messer kommt nur, wer selbst ein Mörder und ungestraft davongekommen ist. Obwohl der wild gewordene Blutspezialist sich in seinen Tagträumen gern als Rächer der Unschuldigen imaginiert, hat die Serie mit »Ein Mann sieht rot« und ähnlich reaktionärem Blödsinn nicht viel zu tun – dazu macht das Töten ihrem Helden ganz offensichtlich zu viel Spaß. Für platte Selbstjustiz-Propaganda ist das ganze zwei bis drei Ideen zu clever und zu ambivalent.
Und zu komplex: Wie auch in den »Sopranos« oder »The Wire« haben Verbrechen und Normalität sich hier gegenseitig durchdrungen. Das Faszinierende an Dexter Morgan ist nicht seine dunkle Seite, es sind die recht virtuosen Versuche, die Fassade aufrechtzuerhalten. »I don’t know what made me the way I am, but it left a hollow place inside.« Wie Dex­ter zum »Monstrum« wurde, wie er sich selber nennt, erfahren wir am Ende der ersten Staffel. Die im Genre nach wie vor beliebte Kettensäge spielt dabei eine wichtige Rolle. Seitdem muss Dexter schauspielern, wo andere Leute fühlen. »People fake a lot of human interactions, but I feel like I fake them all.« Und das macht er ziemlich gut, verteilt Donuts an die Kollegen, kümmert sich rührend um seine Schwester Deb (Jennifer Carpenter) und um die Kinder seiner Freundin Rita (Julie Benz).
»Dexter« kurvt souverän übers moralische Glatteis und bringt die Zuschauer dazu, sich mit einem psychisch schwer angeknacksten Sadisten zu identifizieren – keine große Hürde, schließlich hat Dexter, wenn man sein Hobby für einen Moment beiseite lässt, mit ganz alltäglichen Problemen zu kämpfen: der mobbende Kollege, der Ex-Freund der Freundin, die Schwester, die die gemeinsame Wohnung nicht aufräumt (»I must not kill my sister, I must not kill my sister …«). Irritierend ist nicht, dass hier ein auf den ersten Blick normaler Mensch lustvoll mordet, das gab es schon, sondern dass die Serie es schafft, uns einen Mörder als Sympathieträger anzudrehen, mit dem wir mitleiden und uns freuen, wenn er, obwohl er ab der zweiten Staffel die eigenen Kollegen und das FBI an den Hacken hat, immer wieder gerade noch einmal davonkommt.
Nun spielen Filme nicht erst seit gestern mit der Faszination des Bösen, und die Geschichten und Mythen um Ed Gein oder Jeffrey Dahmer waren schon immer interessanter als ihre Opfer. Tatsächlich hat Dexter sich, ähnlich wie die vielleicht mythischste Figur des Genres, Hannibal Lecter aus »Das Schweigen der Lämmer«, einen beneidenswert klaren Blick auf seine Mitmenschen bewahrt. Aber im Unterschied zu Lecter oder auch dem religiösen Eiferer aus David Finchers »Sieben« ist Dexter Morgan ein verantwortungsbewusster, vorausschauender Mann mit einem geradezu jungenhaftem Charme – der knuffigste Soziopath der Filmgeschichte.