Weg aus Gomorrha

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»Das nächste Mal kümmert er sich um seinen Kram und lässt uns in Ruhe.« So kommentierten einige Schüler des Gymnasiums »Enrico Fermi« bei Neapel die Nachricht, die Camorra wolle den Schriftsteller Roberto Saviano umbringen. Dass die Leute in der Provinz Caserta, im Reich des mächtigen Casalesi-Clans, so denken, und vor allem, wa­rum sie so denken, hatte Saviano in seinem 2006 erschienenen Buch »Gomorrha« beschrieben. Seine Enthüllungen über das System der Camorra sorgten für großes Aufsehen, was den Bossen aus dem Viertel Secondigliano schon damals wenig gefiel. Saviano bekam Morddrohungen, das Buch wurde zum Bestseller, der junge Autor zum Held des Kampfs gegen die Camorra erklärt. Mit dem derzeitigen Erfolg des Films zum Buch schaut die Welt wieder auf diese trostlose süditalienische Provinz und Saviano wird erneut bedroht. Ein Kronzeuge verriet der Polizei, die Camorra plane, den Autor in die Luft zu sprengen. Ein spektakuläres Attentat sei geplant, mit Sprengstoff und Fernzünder auf der Autobahn zwischen Rom und Neapel, die Saviano häufig mit seiner Eskorte benutzt.
Nun hat er angekündigt, Italien verlassen und irgendwo im Ausland untertauchen zu wollen, was nicht nur an den Morddrohungen liegt: »Ich will leben. Ich will eine Wohnung haben. Ich will mich verlieben, irgendwo ein Bier trinken gehen, mir ein Buch in einer Buchhandlung aussuchen«, schrieb der 30jährige Autor in einem offenen Brief an die Tageszeitung La Repubblica.
Dass er nicht mehr unter Menschen wie den Schülern von S. Cipriano d’Aversa leben möchte, ist kaum verwunderlich. Trotzdem findet man es »skandalös«, dass der junge Autor nun vielleicht »sein Land« verlassen will. Politiker und Intellektuelle überbieten sich derzeit mit moralistisch-patriotischen »Solidaritätserklärungen«, als würde man Saviano vorwerfen, »sein Land« im Stich zu lassen. Hoffentlich lässt es sich nicht von seiner Entscheidung abbringen.