Tiefensee und die Bonus-Affäre

Achtung, Tiefensee!

Der Verkehrsminister hat schon wieder etwas falsch gemacht.

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Stellen Sie sich vor, Sie befahren eine Straße mit einer mächtigen Felswand zur Rechten. Sie passieren ein Verkehrsschild, das vor » Steinschlag« warnt. Was tun Sie? Klar, Sie fahren weiter, bloß mit einem viel schlechteren Gefühl. Das hat bald ein Ende, dank Wolfgang Tiefensee! Er schafft zum 1. Januar 2009 ein paar überflüssige Verkehrs­schilder ab, darunter »Achtung, bewegliche Brücke«, »Wandererparkplatz« und »Ende der vorgeschriebenen Mindestgeschwindigkeit«.
Man sollte viel öfter das Gute in den Menschen hervorheben und nicht so viel auf ihren Fehlern herumhacken. Wenn Verkehrsminister Tiefensee (SPD) Mist gebaut hat, und es lässt sich nicht geheim halten, dann gibt er sein Bestes, um alles wiedergutzumachen. Hat sein Ministerium Managern der Deutschen Bahn AG üppige Bonuszahlungen für einen mehr oder weniger erfolgreichen Börsengang versprochen hat, entlässt er den Verantwortlichen. Wird bekannt, dass der Verantwortliche nicht allein verantwortlich war, bittet er die Bahn-Manager höflich, auf ihre Boni zu verzichten. »Ich appelliere an den Vorstand der Bahn: Verzichten Sie auf den Bonus«, sagte er der Bild-Zeitung. Nur wer kein Herz hat, kann dem Mann seine Bitte abschlagen.
Tiefensee hat ein großes Herz. So groß, dass ihm vorgeworfen wurde, Bekannte aus seiner Zeit als Leipziger Bürgermeister in hoch dotierte Stellen zu hieven. Der Großherzige gerät eben immer wieder an miesepetrige Erbsenzähler, die alles zwei­hundertprozentig genau nehmen. Bundespräsident Horst Köhler schlug ihm wegen verfassungsrechtlicher Bedenken ein Gesetz zur Privatisierung der Flugsicherung aus. Und so genannte Experten hielten die Privatisierungspläne der Bahn für grundgesetzwidrig, bloß weil Tiefensee und Mehdorn das »Wohl der Allgemeinheit« vergessen hatten. Das kann doch jedem passieren!
Tiefensee ist auch ein schlauer Fuchs, einer, der wahrhaftig eins und eins zusammenzählen kann. Ist es angesagt, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten, verfällt er keineswegs in die immer glei­che Leier der Ökos, die Geschwindigkeit auf deutschen Autobahnen begrenzen zu wollen. »Das lenkt nur ab von wirklich sinnvollen Problemlösungen«, sagte Tiefensee. Er fand nicht nur, sagen wir, nützliche Zahlen gegen die Geschwindigkeitsbegrenzung, sondern auch die wirklich sinn­volle Problemlösung: Überholverbot für LKW auf deutschen Autobahnen!
Dass der Streik der Lokführer einen »schweren Rückschlag für die Tarifverhandlungen und für die Gewerkschaftsbewegung« bedeutete, wie Tiefensee sagte, fand auch Norbert Hansen (damals Transnet, heute Deutsche Bahn AG). Der Vorschlag des Ministers nach der Festnahme der Kofferbomber, Hartz-IV-Empfänger sollten auf den Bahn­steigen patrouillieren, hätte ebenso gut von Thilo Sarrazin stammen können, den keiner aus dem Amt jagen will. Und an Tiefensees Idee, das ganze Land mit Denkmälern zu überziehen, die an die »friedliche Revolution« von 1989 und die Wiedervereinigung erinnern, wird man sich in Zeiten der Konjunkturprogramme vielleicht noch erinnern.
Jetzt macht er es auch noch spannend. »Mit Tiefensee als Verkehrsminister werden wir nicht ins Wahljahr 2009 ziehen«, unkte ziemlich genau vor einem Jahr ein SPD-Abgeordneter, der nicht genannt werden wollte, auf Spiegel online. Das Jahr 2008 ist bald zu Ende. Wer hält länger durch: Tiefensee oder »Achtung, Steinschlag«?