Chinesische Wanderarbeiterinnen

Am Fließband der Welt

In dem Buch »Dagongmei« schildern Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken die katastrophalen Bedingungen in der Produktion und in den Wohnheimen.

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Der britische Internetnutzer Markm49uk traute wohl seinen Augen nicht, als er sein neues I-Phone auspackte und anschaltete. Denn auf dem Display erschien nicht das erwartete Benutzermenü. Stattdessen lächelte den Briten eine junge chinesische Fabrikarbeiterin an, mit rosa Häubchen und Kittel. Zeige- und Mittelfinger machten ein »V«-Zeichen für »Victory«.
Vermutlich war es die Überraschung und der Wunsch, sie mit anderen zu teilen, die den User dazu bewegten, das Foto und noch zwei weitere, die er im Album des Handys fand, auf MacRumors.com zu posten, einer Fan- und Diskussions­seite von Apple-Nutzern. Dort entbrannte ab Mitte September eine rege Debatte über das »I-Phone-Girl«. Wer war sie, wie lebte sie, und wie alt konnte sie sein? Hatte sie die Bilder absichtlich hinterlassen (die weltweit verständ­liche Siegerpose sprach dafür) oder handelte es sich um einen Fehler im Rahmen der abschließenden Testphase der Geräte? Und, äußerten sich viele Blogger besorgt, würde die junge Frau, deren Bild im globalen Netz veröffentlicht worden war, ihren Job verlieren?
Eine chinesische Fließbandarbeiterin wurde zum Symbol für die globalen Vernetzungen und Abhängigkeiten der Gegenwart. Ein anonymer Konsument lädt Fotos im World Wide Web hoch und bekommt auf diese Weise Einfluss auf das Schicksal der Produzentin am anderen Ende der Welt. Selbst Medien wie die Washington Post berichteten über das »I-Phone-Girl«. Dass sich weder der kalifornische Computerkonzern Apple noch der taiwanesische Produzent Foxconn mit Sitz im südchinesischen Shenzhen öffentlich über die Existenz der Arbeiterin äußerten, heizte die Diskussion noch weiter an.
Tatsächlich wissen wir nur sehr wenig darüber, wie das Leben am »Fließband der Welt« im südlichen China und in der Umgebung von Shanghai für die Arbeiterinnen konkret aussieht. Zudem sind die Beschäftigten für uns eine Masse anonymer Arbeitskräfte, die – so viel scheint sicher – unter unmenschlichen Bedingungen leben und arbeiten. Jedes »Made in China« auf einem Computer, einem DVD-Player oder einem Mobiltelefon verursacht beim Konsumenten spontan ein schlech­tes Gewissen: wegen der dortigen gesellschaftlichen Verhältnisse und der eigenen Unwissenheit darüber.
In ihrem Buch »Dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erzählen« geben die chinesischen Soziologinnen Pun Ngai und Li Wanwei den »unter kapitalistischen Bedingungen arbeitenden kleinen Schwestern«, so die wortgetreue Übersetzung des Begriffs »Dagongmei«, ein Gesicht und lassen sie selbst zu Wort kommen. Darin besteht das nicht zu unterschät­zende Verdienst des Buchs, gelingt es doch so, die Perspektive der Subjekte und ihre durchaus widersprüchlichen Erfahrungen in den Mittelpunkt zu stellen und nicht nur über eine Forscher­perspektive vermittelt über sie zu sprechen. Ergänzt werden die Erzählungen der Arbeiterin­nen mit historischen Hintergrundinformationen und theoretischen Reflexionen.
Die jungen Frauen vom Land ziehen meist schon nach der Mittelschule in die Stadt. Dabei geht es ihnen nicht nur darum, Geld zu verdienen. Vielmehr lockt sie auch das Individualitäts- und Konsumversprechen der kapitalistischen Moderne und die Unabhängigkeit von patriarchalen Dorfstrukturen. Manche wollen »Spaß haben«, andere sind gezwungen wegzuziehen, da ihnen sonst viel Leid drohen würde. Die 19jäh­rige Hua etwa wurde bereits als Kind ihrem zukünftigen Ehemann versprochen. Ihr Vater stellte sie vor die Wahl. »Wenn ich den Mann nicht heirate, dem ich versprochen bin, würde er sich umbringen. Es war eine schwere Entscheidung.« Hua verließ das Dorf und hatte jah­relang keinen Kontakt zu ihrer Familie. Fünf bis zehn Jahre verbringen die Wanderarbeiterinnen durchschnittlich in den Fabriken. Wenn sie Mitte zwanzig sind, kehren die Frauen zermürbt und oft krank in ihre Heimat zurück, um zu heiraten. Viele ziehen später wieder los, doch das rigide Haushaltsregistrierungssystem und die mangelnden finanziellen Mittel machen es ihnen zumeist unmöglich, sich dauerhaft in den Großstädten Südchinas niederzulassen. Die Arbeiterin A’chun beschreibt dieses Hin- und Hergerissensein zwischen Stadt und Land so: »Bin ich heimgekehrt, will ich wieder losziehen, bin ich unterwegs, will ich wieder zurück nach Hause. Heimweh und Fernweh, das ist es, was ich fühle.«
Bedingt durch die katastrophalen Bedingungen und die schwankende Auftragslage wechseln die Dagongmei häufig den Job. Sie wohnen in schlecht ausgestatteten Wohnheimen in der Nähe oder sogar direkt auf dem Gelände der Fabrik, wo sie der permanenten Kontrolle durch ihre Vorgesetzten unterstellt sind. Der Verweis auf Foucaults Konzept der Disziplinarmacht war wohl selten so passend wie bei der Analyse dieses »Wohnheim-Arbeitsregimes«. Überstunden bis in die Nacht hinein, Schlafmangel, fehlender Arbeitsschutz und Unfälle, ständige Abzüge vom ohnehin geringen Lohn wegen kleins­ter Übertretungen des strengen Regelkatalogs und persönliche Schikanen durch die meist männlichen Vorgesetzten, die zudem nur Kantonesisch sprechen, das die Frauen aus dem Landesinnern in der Regel nicht verstehen: All das ist ihr Alltag. Das Beispiel von Cuiyi ist nur eines von vielen, die in über 1 000 Fällen jähr­lich mit dem Tod der Frauen enden, das aber auch viel über die Eigen- und Fremdwahrnehmung der Dagongmei am untersten Ende der Gesellschaft aussagt: »Ich stieß mit der Hand an eine Maschine und verletzte mich. Es floss viel Blut, die ganze Hand war rot. (…) Der Chef forderte mich auf, vorsichtiger zu sein. Ich verlangte nicht, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Ich hatte ja selber nicht aufgepasst. Und schließlich war ich zufrieden, dass sie mich doch zur Arbeit nach Shenzhen geholt hatten.« Von wegen Victory.
Das I-Phone Girl jedenfalls hat nochmal Glück gehabt. Kürzlich hat sich das Unternehmen Foxconn gegenüber der englischsprachigen Zeitung China Daily nun doch positiv über ihr Schicksal geäußert. Nein, sie würde bestimmt nicht gefeuert, denn »ihr schönes Gesicht ist im Internet berühmt geworden, und wir würden das Ganze eher als einen schönen Fehler bezeich­nen«, so Liu Kun, Sprecher der Foxconn Technology Group. Er berichtete, dass das Mädchen aus der Provinz Hunan stamme. »Sie ist eine Fließbandarbeiterin in der Testabteilung für Mo­biltelefone, und sie arbeitet immer noch dort.«

Pun Ngai/Li Wanwei: Dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erzählen. Assoziation A, Hamburg und Berlin 2008, 260 Seiten, 18 Euro