Die sexuelle Orientierung von Jörg Haider in der österreichischen Presse

Aus falschen Gründen richtig

Vor seinem Tod nahm Haider einen letzten Schluck in einer Schwulenbar, seine sexuelle Orientierung ist in Österreich dennoch kein Thema für die Medien.

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Ein einziges Mal ging das von der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) meist erfolgreich praktizierte Spiel mit Ressentiments und versuchter Herabwürdigung nicht auf. Das war im August, acht Wochen vor der Wahl zum österreichischen Nationalrat. Harald Vilimsky, Generalsekretär der FPÖ, wandte sich mit einer Erklärung an die Medien, die seinem früheren Obmann und nunmehrigen politischen Gegner Jörg Haider Homosexualität unterstellte. »Der schwer in die Jahre gekommene Jörg Haider vergnügt sich im Tollhaus nicht nur mit Knaben, sondern lässt wieder einmal seine Püppchen tanzen«, formulierte Vilimsky in Anspielung auf Fotos, die Haider während einer »99-Cent-Party« in der Spittaler Discothek »Tollhaus« in Umarmung mit jungen Männern zeigten.

Den wohl erwarteten Skandal löste Vilimsky allerdings nicht aus. Im Gegenteil, selbst in den auf Krawall gebürsteten Boulevardblättern Neue Kronen-Zeitung und Österreich war von »übelstem Schmutz« zu lesen. Auch die FPÖ-Parteikollegen bemühten sich sofort um Distanz.
Vilimsky hätte gut daran getan, die Presseberichte zum bereits acht Monate zurückliegenden Besuch Haiders im »Tollhaus« zu studieren. Er wäre dann nämlich rasch auf einen Kommentar Rainer Nowaks in der Tageszeitung Die Presse gestoßen, dessen Titel ihn womöglich hätte innehalten lassen: »Haider schwul? Wer will das wissen?« Nowak offenbarte den common sense der Journalisten: »Zudem gilt in Österreich (noch) das ungeschriebene Gesetz, dass über das Privatleben eines Politikers nur dann geschrieben wird, wenn es dieser selbst thematisiert.« Um eines der möglichen Dilemmas gleich treffend zu benennen: »Jörg Haider als homosexuell zu outen, um ihm politisch zu schaden, setzt auf Schwulenhass und bedient ihn.«
Nun, knapp ein Jahr später, ist Haider tot. Und es sind die Umstände seines tödlichen Verkehrsunfalls sowie die höchst emotionalen Interviews seines zuletzt engsten Mitarbeiters, Stefan Petzner, die den besagten common sense nun erstmals aufzuweichen beginnen. Im Wochenmagazin Profil outete Herbert Lackner auf immerhin drei Seiten »den schwierigen Umgang mit Jörg Haiders sexuellen Neigungen«, während der Chefredakteur des Falter, Armin Thurnher, in einem Leitartikel die »geile Verlogenheit der Andeuter« sowie die »schwüle Verdrücktheit der Halbaufdecker« kritisierte. Immer noch wird etwa die Klagenfurter Schwulenbar, von der aus Haider in den Tod fuhr, in einigen Medien als »Szenelokal« tituliert, ohne die dort verkehrende Szene zu nennen.

Es gab der beginnenden Debatte neuen Schwung, dass am Samstag just der österreichische Schriftsteller Josef Winkler in Darmstadt den Georg-Büch­ner-Preis verliehen bekam. Ein Autor, der sich in seinem durchaus autobiographisch angelegten Werk der Online-Enzyklopädie Wikipedia zufolge auf »die Schwierigkeiten homosexueller Lebensformen in einer patriarchalisch und katholisch geprägten Welt« bezieht. Laudator Ulrich Weinzierl, wie Winkler gebürtiger Kärtner und Journalist der Tageszeitung Die Welt, widmete sich daher nicht unerwartet den traditionellen Verdrängungs­mechanismen: »Alles, was bei Haiders Wesen und Erfolg in Zusammenhang mit homoerotischen Signalen und ebensolchen biographischen Fakten steht, wird in Österreichs Öffentlichkeit radikal ausgeblendet.«
»Die Gründe sind sicherlich falsch, aber es kommt das Richtige dabei heraus«, meint hingegen Klaus Stimeder, Chefredakteur und Herausgeber des Magazins Datum, der nach wie vor dem common sense folgt. Einen dieser Gründe sieht Stimeder im Erzkatholizismus des Landes. Wobei für ihn die Debatte auch andere Grundsätze berührt. »Schwule Politiker haben das Recht, sich nicht zu outen«, bekräftigt er. Schwul zu sein, sei nun einmal keine politische Kategorie.
Ähnliches ist auch aus anderen Redaktionen zu vernehmen. Natürlich hätte man keine Gelegenheit ausgelassen, gegen den Rechtspopulisten in die Tastatur zu greifen, aber nicht immer würde der Zweck die Mittel heiligen, so heißt es. Nicht immer wird das ohne Ausdruck des Bedauerns geäußert. Zugestandene Freiräume beruhen schließ­lich nicht auf alleiniger Respektierung, wes­halb die eingangs erwähnten Fotos aus dem »Tollhaus« auch Anspielungen seitens einiger Journalisten nach sich zogen. Es gehörte jedoch zur Art Haiders, in solchen Fällen die Flucht nach vorne anzutreten, damit kam er gewöhnlich durch. »Der Jörg, der sich was traut«, wie es früher in Wahlkämpfen hieß. Anstatt sich in Dementis über die Saufparty zu ergehen, ging er lieber am Wochenende darauf neuerlich ins »Tollhaus«, tosender Applaus und Jubel der jungen Gäste empfingen ihn.

»Die Angst vor einem Outing plagte ihn schon längst nicht mehr«, konstatierte Herbert Lackner im Profil, vermutlich völlig zu Recht. Das hat Haiders »wahrer Triumphzug beim Party-Besuch« (Stefan Petzner) im »Tollhaus« ja bewiesen. Die Frage, was geschehen wäre, wenn sich Jörg Haider anlässlich eines BZÖ-Parteitages im Stile des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit zur Homosexualität bekannt hätte (»Ich bin schwul – und das ist auch gut so«), ist so interessant wie unbeantwortbar. Anzunehmen ist, dass es seiner Beliebtheit bei den Anhängern des BZÖ keinen Abbruch getan hätte. Aber anders als Klaus Wowereit war Haider verheiratet und Vater zweier Töchter. Einem größeren Tabubruch standen demnach sicherlich auch andere Überlegungen im Wege.
Allen forcierten Beiträgen zu Haiders möglicher Bi- oder Homosexualität zum Trotz, bei denen Bezugnahmen auf Klaus Theweleits Werk »Männerphantasien« ebenso regelmäßig vorkommen wie der Hinweis auf die so loyale wie adrette Männergarde, mit der Haider stets ihm nahe Positionen besetzte, hält sich der ehemalige Kärntner Landeshauptmann derzeit aus einem anderen Grund auf den Titelblättern. »Die Haider-Verschwörung« lautet der Aufmacher der aktuellen Ausgabe von News, »Österreichs größtem Nachrichtenmagazin«. Dasselbe Thema herrscht auch in den Internetforen vor. Jörg Haider, ein Schwuler? Das wäre für seine Anhänger das kleinere Problem, wäre er doch nur mit dem Leben davongekommen. Stattdessen beherrschen »Spurlos-Sprengsätze«, KO-Tropfen, der Mossad, ein Freimaurer-Schuh und diverse Mordtheorien die Diskussion. Eine Verdrängung? Auch, mit Sicherheit sogar. Auf einen offen schwulen Landeshauptmann, einen, der sich dem Kodex der heimischen Schreiber nach selbst outet, wird Österreich weiterhin warten müssen.