Ukrainische Historiker streiten über die Stalin-Ära

Das ukrainische Trauma

Die Hungersnot, die in der Ukraine unter der sowjetischen Herrschaft ausbrach, wurde nach der ukrainischen Unabhängig­keit 1991 zum Kern der neuen nationalen Geschichtsschreibung. Doch wollte Stalin wirklich die Ukrainer verhungern lassen? Nach 75 Jahren streiten sich nicht nur Historiker über »Stalins Genozid«.

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Am 23. November beging die ukrainische Regierung mit großem Pomp den 75. Jahrestag des Holodomor. Mit diesem Namen bezeichnet man die Hungersnot, die unter sowjetischer Herrschaft 1933 ausbrach. Präsident Wiktor Juschtschenko gedachte zusammen mit den Staatspräsidenten von Polen, Lettland, Litauen und Georgien den Opfern der Hungersnot. Seit 2003 versucht die ukrainische Regierung, die Europäische Union, die Vereinten Nationen und die Unesco dazu zu bewegen, die Hungersnot als »geplanten Genozid von Stalin gegen die ukrainische Nation« anzuerkennen. Die Parlamente der USA und Kanadas verabschiedeten bereits Resolutionen zum »Genozid« an den Ukrainern.
Zehn Millionen Ukrainer verhungerten damals nach Meinung der Regierung. Die Bauern werden in diesem Zusammenhang als die »Seele der ukrainischen Nation« betrachtet, im Gegensatz zu den stark »russifizierten« Städten.

Der russische Präsident Dmitrij Medwedjew kritisierte in einem Brief die ukrainische Dar­stel­lung. Wie auch viele russische Historiker ist er der Meinung, dass die Hungersnot in der ­Ukraine Teil der sowjetischen Tragödie nach der Kollek­tivierung der Landwirtschaft von 1929 war. Die ukrainische Regierung instrumentalisiere die ­Erinnerungen, um die Ukraine von Russland zu entfremden. Selbst der in diesem Jahr verstorbene Autor des »Archipel Gulag« und russische Nationalist Alexander Solschenizyn bezeichnete die These von einem geplanten Genozid als »Mär­chen« und »teuflische Verdrehung der bol­sche­wis­­tischen Agitprop«. Bisher sind Versuche von rus­sischen und ukrainischen Historikern, eine gemein­same Erklärung zu ­finden, sowie die Zusammenarbeit zwischen den Staatsarchiven in Moskau und Kiew gescheitert.
Nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 wurde der Holodomor zum Kern der neuen nationalen Geschichtsschreibung. Nationale Gedenktage sowie zahlreiche Gedenkstätten und ­Museen wurden eingerichtet. Seit 2006 besteht ein Gesetz, das die Hungersnot als »Genozid« bezeichnet. Mehrfach brachte Juschtschenko ein Gesetz ins Parlament ein, das die Leugnung des Genozid-Charakters der Hungersnot zusammen mit der Leugnung des Holocaust unter Strafe stellen sollte. Bisher ist das Gesetz aber nicht verabschie­det. Allerdings wird das Thema so stark politisch und emotional behandelt, dass jeder ukrainische Wissenschaftler, der an der offiziellen Version zweifelt, schnell als »Vaterlandsverräter« beschimpft werden kann.
Die Geschichte von »Stalins Genozid« ist Kern einer nationalen Leidensgeschichtsschreibung, in der die Ukrainer als die Hauptopfer des »russischen« Stalinismus dargestellt werden. Verweise auf die Hungersnot dienen zur Legitimation der Unabhängigkeit von Russland sowie als Angriff auf die pro-russische Opposition. Auch die Privatisierung der Landwirtschaft wird unter anderem mit der Hungersnot begründet. Während der so genannten Orangenen Revolution 2004 wurde das Holodomor-Denkmahl in Kiew nicht zufällig zum Treffpunkt der Demonstranten.
Nach einer Volkszählung von 2001 besteht die Bevölkerung des Landes zu 77 Prozent aus Ukrainern, zu 17 Prozent aus Russen und aus über 100 weiteren Nationalitäten. Da die Ukraine lange ein Grenzland war, in dem sich Menschen unterschiedlicher Herkunft niedergelassen haben, ist es nicht einfach, neue »nationale Identität« zu stiften. Die ukrainische Geschichte wird aus der sowjetischen, galizischen, jüdischen und polnischen Geschichte herausgeschnitten. Zwar gibt es Tendenzen, die »Ukrainische Aufstandsarmee« (UPA) zu glorifizieren, die im Zweiten Weltkrieg zunächst mit der Wehrmacht und schließlich gegen die deutsche und sowjetische Armee kämpf­te. Da die UPA aber Zehntausende Polen in der heutigen Westukraine massakrierte und 4,5 bis sieben Millionen Ukrainer auf der Seite der Roten Armee kämpften, ist die Regierung eher vorsichtig im Umgang mit dem Mythos. In der Ukraine fehlt im Unterschied zu Polen auch die Geschichte einer starken Bürgerrechtsbewegung gegen den Staatssozialismus als identitätsstiften­des Ereignis. Die Parteiführung in der Ukraine der achtziger Jahre bezog Stellung gegen die Peres­trojka. Der »Regimewechsel« vollzog sich 1990/91 relativ geräuschlos.
Anstatt Helden aus der jüngeren Vergangenheit zu glorifizieren, knüpft die Regierung an das im Westen etablierte Trauma-Schema an. Die Ukraine habe durch den Holodomor ein kollektives Trauma erlitten, und die Nachkommen der Täter, sprich Russland, müssten das Verbrechen anerkennen. Nur dann sei Heilung und Verzeihen mög­lich. Im Schulunterricht in der Ukraine wird der Holocaust an den Juden im Fach Weltgeschichte behandelt, während die Hungersnot als ukrainische Geschichte unterrichtet wird. So kann der Holocaust aus der nationalen Geschichte ausgelagert und die Kollaboration von Tausenden Ukrainern mit der deutschen Wehrmacht relativiert werden. Im Zusammenhang mit der Hungersnot wird nicht thematisiert, dass die Kader, die den Bauern das letzte Getreide wegnahmen, zumindest auf lokaler Ebene in der Regel Ukrainer waren. Das würde die These vom »geplanten Genozid« Stalins an der ukrainischen Nation in Frage stellen, arbeitet der schwedische Historiker Johan Dietsch in seiner Studie zur Vergangen­heitsbewältigung in der heutigen Ukraine heraus. Die postsozialistische Variante des traditionellen Nationalismus baut nicht auf Heldengeschichten, sondern auf einem konstruierten kollektiven Trauma auf. Der moralisierende post-sozialistische Intellektuelle wird zum Vertreter der neuen nationalistischen Staatsgeschichtsschreibung.

An den westlichen Universitäten ist die Interpretation der Hungersnot heftig umstritten. Erst Mitte der achtziger Jahre wurde die Hungersnot in der Ukraine zum internationalen Politikum. Nach erfolgreicher Lobbyarbeit der ukrainischen Diaspora in den USA setzte der amerikanische Kon­gress 1985 eine Untersuchungskommission ein. Das Buch »Harvest of Sorrow« des britischen His­torikers Robert Conquest wurde zum internationalen Bestseller. Conquest stellte die These auf, Stalin habe die Hungersnot absichtlich organisiert, um die ukrainische Nation zu zerstören und den Widerstand der Ukrainer gegen die Sowjetisierung zu brechen. Die sowjetische Regierung habe die Getreidequote für die Ukraine so hoch gesetzt, dass eine Hungersnot ausgelöst wurde, und dann die vollen Speicher nicht für die Bevölkerung geöffnet. Im Vorwort verglich er die Ukraine während der Hungersnot mit Bergen-Belsen. Der Untertitel des Buches in der deutschen Übersetzung lautete »Stalins Hunger-Holocaust«. Das Ukrainische Forschungsinstitut an der Harvard-Universität trägt bis heute erfolgreich dazu bei, die Genozid-These zu verbreiten. Auch der Be­griff Holodomor wurde an ausländischen Instituten entwickelt und nicht von den Überlebenden der Hungersnot in der Ukraine selbst. Er bedeutet »Hungerkatastrophe«. Für westliche Ohren klingt er eher wie »Holocaust«.

Viele Sowjetunion-Experten widersprechen der Genozid-These. Der Wirtschaftshistoriker Stephen Wheatcroft argumentiert, dass die Hungersnot auch nicht-ukrainisch besiedelte Gebiete betraf. In den Getreidespeichern seien nicht genug Vorräte vorhanden gewesen, um die Hungersnot gänzlich zu verhindern. Außerdem habe die sowjetische Regierung, nach einigem Zögern, 1933 die Quoten für die Ukraine gesenkt und Bauernmärkte sowie Privatparzellen in den Kolchosen wieder gefördert. Wheatcroft sieht daher eine Kom­bination aus radikaler Industrialisierungspolitik, Missernten und schlechtem Wetter als Ursache für die Hungersnot an.
Klare Beweise dafür, dass Stalin die Ukraine als Nation absichtlich treffen wollte, wurden bisher in den Archiven in Moskau und Kiew nicht gefunden. Die Befürworter der Genozid-These zitieren immer wieder eine Anweisung Stalins, die ukrainisch bewohnten Hungergebiete in Russ­land und der Ukraine abzuriegeln. Diese Strafmaßnahme habe es in anderen Gebieten nicht ge­geben. Stalin machte die Sabotage »ukrainischer Nationalisten« für die Nichterfüllung der Getreide­quoten verantwortlich. Wenn Stalin den ukrainischen Nationalismus angriff, habe er die Ukrainer als solche gemeint. Fragt man nach weiteren Beweisen, so bekommt man häufig zur Antwort, dass der Führerbefehl zum Massenmord an den Juden bisher ja auch noch nicht aufgetaucht sei. Während die ukrainische Regierung von zehn Millionen Toten spricht, berechnete der französische Demograph Jacques Vallin in einer langjäh­rigen Studie, dass rund 2,6 Millionen Menschen in der Ukraine verhungert seien. Nach der sow­jetischen Volkszählung von 1926 hatte die Ukraine über 31 Millionen Einwohner. Die Zahl der Toten ist ein Politikum. Schätzungen von über sechs Millionen dienen häufig dazu, die Hungers­not als größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts dem Holocaust gleichzusetzen. Vallin widerlegt außerdem die Legende, dass mehr Ukrainer wäh­rend der Hungersnot starben als unter deutscher Besatzung. In der Ukraine hat sich um die Erinnerung an den Holodomor aber ein emotionaler Opfer-Nationalismus etabliert, dem mit wissenschaftlichen Argumenten nur schwer beizukommen ist.