Home Story

Volle Aschenbecher, blaue Finger, grauer Himmel, die Glühbirne mit dem Wohlfühllicht ist durchgebrannt, die letzte Party war zu lang, und der Roller will auch nicht so richtig, wenn es regnet und schneit. Zeit rauszukommen.
Rasch einen Flug gebucht, schnell noch ein paar Texte bestellt, Termine gefixt und geschwind den Schreibtisch aufgeräumt, schon verabschiedete sich der Kollege gut gelaunt am vergangenen Freitag mit den Worten: »Macht, was ihr wollt, ich bin dann mal weg« und ging in seinen wohlverdienten Jahresendurlaub. Relaxen, gut essen und trinken, vielleicht ein paar antike Ruinen anschauen, ein paar alte Bekannte treffen, und sollte er zufällig von einer guten Party hören, würde er da vielleicht sogar hingehen. Aber eigentlich wolle er endlich mal so richtig ausspannen.
Doch daraus wurde nichts. Das Land, in dem sich unser Kollege seit dem Wochenende befindet, ist derzeit für einen linken Urlauber nicht der Ort, an dem es sich wunderbar relaxen lässt. Für Essen und Trinken hat er keine Zeit, da er nicht nur alte, sondern auch viele neue Bekannte trifft, und nach der guten Party braucht er nicht mehr suchen, er ist mitten drin. Statt vor antiken Ruinen steht er nun vor zerstörten Bankfilialen, eingeworfenen Schaufensterscheiben und brennenden Barrikaden – als hätte Prometheus erneut den Göttern das Feuer geklaut und unter die Menschen verteilt.
Ein Journalist hat nicht nur dafür zu sorgen, dass er auf dem neuesten Stand der Nachrichtenlage ist, zu seinem Jobprofil gehört es auch, Ereignisse vorherzusehen oder, sagen wir, zu ahnen, wo der nächste Brennpunkt sein könnte. Und deswegen ist es sicherlich nur bedingt ein Zufall, dass unser Kollege nun zum rasenden Reporter geworden ist und Radiointerviews geben muss.
Er wird also viel zu erzählen haben, wenn er wieder da ist. Es sei denn, er kommt gar nicht wieder, weil die Party so gut wird, dass er sie nicht frühzeitig verlassen will. Mehr aus dem Land, in dem unser Kollege sich aufhält, und was er dort erlebt hat, erfahren Sie in unserer nächsten Ausgabe.
Dieser Ausgabe merkt man hoffentlich an, dass wir auch ganz ohne brennende Barrikaden und vermummte Autonome allen Enthusiasmus und viel Euphorie in die Produktion der vorletzten Ausgabe der Jungle World vor der dicken Weihnachtsgänsebratendoppelnummer gelegt haben.

Ist Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der Jungle World etwas wert? Dann abonnieren Sie jetzt oder unterstützen Sie uns spontan mit einer Spende!