Der Mainstream gegen Israel

German Talk

Anti-israelische Aggressionen entladen sich nicht nur an den politischen Rändern, der Extremismus findet auch in der Mitte der Gesellschaft statt.

Von Ivo Bozic
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5,6 Millionen Menschen wurden am Mittwoch vergangener Woche Zeugen, wie im Dschungelcamp die Silikon-Brüste der armen Lorielle beschädigt wurden, als sie sich durch eine Wäschemangel quetschte. Vorher zerbombte Dieter Bohlen Nachwuchstalenten grinsend ihr Selbstbewusstsein: »Du klingst wie ein verklemmter Furz!« Fernsehmacher wissen, die Zuschauer mögen es dreckig, schonungslos und intelligenzfrei. Und so versuchte die ARD offenbar, der Konkurrenz auf RTL an diesem Abend etwas entgegenzusetzen. Was sich die Redaktion von Anne Will nicht getraut hatte, eine Talkshow über den Gaza-Krieg, traute sich Frank Plasberg mit »Hart aber fair«. Und: Es wurde dreckig, schonungslos und intelligenzfrei! Beachtliche 3,84 Millionen Zuschauer sahen die TV-Schreierei.

Die Plasbergsche Dschungelprüfung erinnerte uns daran, dass Hass auf Israel kein exklusives Phänomen von Linken, Rechtsextremisten und Islamisten ist, wie es derzeit oft behauptet wird. Angela Merkels eindeutige Schuldzuweisung an die Hamas zu Beginn des Gaza-Krieges hatte zwar nur bei einigen Vertretern von SPD, FDP und Linkspartei offen zu Kritik geführt, doch wäre es naiv zu glauben, die Kanzlerin habe die Meinung der Mehrheitsgesellschaft ausgesprochen. Auch ist Deutschland nach wie vor einer der wichtigsten Handelspartner des Iran, der wiederum die Hamas finanziell und ideologisch unterstützt. Nicht nur in der Linkspartei scheiden sich die Geister an der Frage: Wie hältst du es mit Israel? Das demonstrierten die beiden CDU-Mitglieder Norbert Blüm und Michel Friedman an diesem Abend in aller Deutlichkeit.
In der ARD-Talkrunde quoll die anti-israelische Erregung aus allen Ecken. In diesen standen so honorige Gesellschaftsvertreter wie der Journalist Ulrich Kienzle, der langjährige Bundesminister Norbert Blüm und der Islam-Wissenschaftler Udo Steinbach. Norbert Blüm zeigte, wohin schon ein wenig christliche Einfalt in Verbindung mit deutscher Anständigkeit führen kann. Nicht nur, dass er so kreuzdumme Sätze von sich gab wie: »Eigentlich können doch Christen nicht Antisemiten sein.« Er eröffnete den Abend auch damit, dass er sich von seiner eigenen Distanzierung von der Vokabel »Vernichtungskrieg«, die er 2002 gemünzt auf Ariel Sharons Politik gebraucht hatte, wieder distanzierte. An dem Begriff »Vernichtungs­krieg« wolle er nicht festhalten, in der Sache, betonte er, habe er aber nichts zurückzunehmen. »Vernichtungskrieg« bedeutet, dass ein Krieg in genozidaler Absicht geführt wird. Es ist nicht möglich, das Wort zurückzunehmen, aber nicht dessen Bedeutung. Und Blüms emotionale Aufwallung verriet: Er sieht wohl tatsächlich vor seinem geistigen Augen die Israelis die Palästinenser ausrotten.
Ähnlich verwirrt und emotional aufgeladen wirkte Kienzle. Zunächst hatte er seine Worte nicht im Griff: »Die Ursache hatte ’nen ganz simplen Grund: Die Israelis oder die Juden, oder wie immer wir es nennen wollen, haben die Palästinenser vertrieben.« Und dann konnte er auch die Gefühle nicht mehr kontrollieren und brüllte den neben ihm sitzenden Juden Michel Friedman an »Haben Sie das vergessen? … Damals wurden sie vertrieben. Und (direkt zu Friedman gewandt) Sie lassen sie nicht zurück!« Nachdem ihn Friedman aufgeklärt hatte, dass er als Jude noch lange nicht Sprecher der israelischen Regierung sei, konterte Kienzle »Jetzt kommen Sie mit der alten Antisemitismuskeule.«
Lieber wollte er über israelischen Terrorismus reden. Kienzle: »Wenn Palästinenser Zivilisten töten, sind sie Terroristen. Wenn Israelis Zivilisten töten, dann ist das Selbstverteidigung. Hier ist wirklich ein Double-Standard vorhanden. (…) Ist Israel alles erlaubt? Man hat den Eindruck.« Und noch ein Gefühl hatte er: »Ich habe das Gefühl, die Israelis wollen keinen Frieden mehr.«
Kienzle und Steinbach demonstrierten, wie die deutsche Geschichte zum Geschütz gegen »die Israelis oder die Juden oder wie immer wir es nennen wollen« wird. Udo Steinbach stammelte es auf den Punkt: »Wer spricht denn von unseren Verletzungen, und da mein’ ich mich selbst (…) Unsere Verletzungen liegen darin, dass wir nach dem Dritten Reich bona fide (in gutem Glauben, d. Red.) versucht haben, eine neue Ordnung zu gründen, uns in die internationale Ordnung einzufädeln, ins Recht, in die Humanität. Und jetzt erleben wir einen Staat, der sich über all das hinwegsetzt, und da liegt unsere Verletzung und da liegt auch unser Protest. Und deshalb sagen wir, wir verbinden die Israel-Problematik, die Gaza-Problematik mit der Frage nach dem Ansehen der Juden in Deutschland.«
Steinbach scheint demnach nicht nur der Überzeugung zu sein, dass die Israelis schuld seien, dass es hierzulande Antisemitismus gibt. Er ist offenbar auch sauer, weil die Juden sich in Israel nicht ordentlich benehmen, während Deutschland sich so eine Mühe gegeben hat, nach 1945 ein braves Land zu werden. »Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen«, hatte Henryk M. Broder dieses Denken vor Jahren bereits treffend kommentiert.
Fassen wir zusammen: Israelis sind Terroristen, die keinen Frieden wollen, die die Palästinenser zu vernichten suchen, und solange ihnen dies nicht gelingt, sie vergewaltigen und drangsalieren. Und in Deutschland schlagen die Juden flankierend mit der Antisemitismuskeule, wo sie doch am Antisemitismus selber schuld sind. Wie bizarr mutet nun, nachdem wir das alles im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gehört haben, die Fragestellung der Sendung an: »Blutige Trümmer in Gaza – Wie weit geht unsere Solidarität mit Israel?« Plasberg stellte die Diskusktanten vor die bizarre Alternative: »Darf das sein, dass auf deutschen Straßen gerufen wird: ›Juden raus aus Gaza‹? Oder sollte Kritik an Israel für Deutsche einfach tabu sein, weil man ganz schnell als Antisemit dasteht?«
Dass es weder Grenzen noch Tabus, Israel zu kritisieren gibt, hat die Sendung dabei eindringlich bewiesen. Doch schon die Fragestellung der Sendung implizierte, dass es aufgrund der deutschen Schuld ein solches Tabu gebe. Durch die Regie wurde dies fatalerweise auch noch nahegelegt: Sollte doch in 75 Minuten sowohl über den Gaza-Krieg und den Nahost-Konflikt als auch über den Zusammenhang von Israel-Kritik und Antisemitismus und auch noch über Antisemitismus in Deutschland an sich gesprochen werden. Und das vornehmlich von Leuten, die weder von dem einen noch von dem anderen etwas verstehen. Und so schien die Auswahl der Gäste und das Konzept der Sendung die krude Sichtweise Udo Steinbachs, wenn auch sicherlich unbeabsichtigt, zu unterstützen: »Das ist doch fast peinlich, was hier geschieht, dass wir in einer Situation, da wir ein dramatisches Ereignis kommentieren wollen und ausloten, wieder auf den Nebenschauplatz gedrängt werden, auf dem wir, dann hinterher am Ende heißt es, und weil ihr da, und da dürft ihr euch nicht äußern. Anstatt die Sache zu diskutieren, sie kritisch zu diskutieren, fangen wir an, wieder über die Geschichte zu diskutieren und halten uns damit auf.«

In der Tat war es so: Immer wenn Blüm, Kienzle und Steinbach über den Krieg in Gaza reden, sprich Israel anprangern wollten, kam Plasberg mit Einspielern über antisemitische Parolen in Fußballstadien, über eine fragwürdige Kaffeewerbung (»Jedem den Seinen«). Der klassische, vom Nahost-Konflikt unabhängige Antisemitismus und der Umgang mit der deutschen Geschichte sollten als Belege dafür herhalten, dass Israel-Kritik zuweilen und gerade aktuell vermehrt antisemitisch ausfallen kann. Gerade der auf Israel bezogene antisemitische Antizionismus jedoch wurde nicht thematisiert. Kein Wort zu den Holocaust-Vergleichen auf den Gaza-Demonstrationen und den »Kinder-Mörder«-Vorwürfen. So musste der Eindruck entstehen, die deutsche Geschichte werde dazu benutzt, Israel-Feinde auszubremsen. Israel-Feinde, die man allerdings selbst eingeladen hatte. Es waren nicht nur die Gäste, sondern es war auch das hilflose Gesamtkonzept der Talkshow, das einen monokausalen Zusammenhang der Existenz des Antisemitismus mit der Existenz Israels herstellte und Friedman als »Vorzeige­juden« in die Position zwängte, zum Fürsprecher Israels zu werden.
So geriet die ganze Sendung zu einer self-fulfilling prophecy. Und sie zeigte, Extremismus blüht beim Reden über Israel auch dort, wo die Mitte der Gesellschaft vermutet wird: im Ersten Deutschen Fernsehen, Mittwoch, 21.45 Uhr.