Deutsche Nazis und die Palästina-Solidarität

Eine Freundschaft mit Hindernissen

Deutsche Nazis bezeugen nicht nur während des Gaza-Kriegs ihre Sympathie für die Hamas und den »palästinensischen Frei­heitskampf«. Dafür müssen sie allerdings ihren Rassismus im Zaum halten, was für Diskussionen unter Kameraden sorgt.

»Stoppt den israelischen Holocaust im Gaza-Streifen!«, »US-raelischen Imperialismusterror stoppen. Solidarität mit Palästina!« und »Paläs­tina den Palästinensern – Freiheit für alle Völker!« – mit solchen Parolen riefen Rechtsex­tremisten der NPD, der »freien Nationalisten« und des »Nationalen Widerstands« während der israelischen Offensive gegen die islamistische Hamas im Gaza-Streifen zu antiisraelischen ­Demonstrationen und »Mahnwachen« auf. Allerdings beschränkten sich die Nazis keinesfalls darauf, nur eigene Veranstaltungen durchzuführen. Sie beteiligten sich auch in etlichen deutschen Städten wie Hannover und Berlin an Aufmärschen, die sich gegen den Krieg in Gaza rich­teten.
Auf der Internetseite »jugend-offensive.info« behaupten »freie Nationalisten« aus Bremen, dass sie auf einer Demonstration »interessante Gespräche mit Vertretern arabischer bzw. mus­limischer Gruppierungen führen und viele Kontakte knüpfen konnten«. Im Infoportal »widerstand.info« erklären »freie Nationalisten« aus Dortmund vollmundig, dass sich – trotz des Ausschlusses von der »arabischen Kundgebung« – »ca. zwei Drittel der anwesenden Teilnehmer explizit mit uns solidarisch erklärten und (…) u.a. unsere Flugblätter innerhalb ihrer Versammlung weiter verteilten oder (…) sich in Diskussionen positiv über unsere Anteilnahme äußerten«.

Die Nähe von Nazis zu Islamisten und palästinensischen Nationalisten ist alles andere als neu. Bereits vor und während des Zweiten Weltkriegs unterhielten die Nationalsozialisten Verbindungen zur Muslimbruderschaft in Ägypten und zum Mufti von Jerusalem. Der Rechtsextremist Udo Albrecht stellte 1970 erste Kontakte zur PLO in Jordanien her. In den achtziger Jahren nutzte der deutsche Nazi Karl-Heinz Hoffmann diese Kontakte, um im Libanon die Wehrsportgruppe Ausland aufzubauen. Im Jahr 2002 besuchten Udo Voigt und Horst Mahler eine Ver­anstaltung der mittlerweile verbotenen islamistischen Organisation Hizb ut-Tahrir an der TU Berlin, um das Bündnis zwischen Rechtsextremen und Islamisten zu festigen. 2006 besuch­ten deutsche Nazis die so genannte Holocaust-Konferenz in Teheran. Die Beteiligung an anti­israelischen Aufmärschen in den vergangenen Wochen und die Parteinahme für die Hamas in weiten Kreisen der rechtsextremen Szene zeigen, dass diese sich zwischen Hamas- und Hisbollahflaggen wohlzufühlen scheint.
Angesichts der vehementen Proteste von Nazis gegen den Bau von Moscheen in einigen deutschen Städten und der ständigen Hetze gegen die »Überfremdung« stellen sich auch etliche Kameraden die Frage: Gegen »Ausländer«, aber für Islamisten? Wie passt das zusammen? Um die Unterstützung für die »palästinensischen Freiheitskämpfer« und die Hetze gegen »die Ausländer« miteinander vereinbaren zu können, bedienen sich die Kameraden zweier besonderer Argumente: Zunächst einmal gilt die Solidarität der Nazis nicht allen Muslimen im gleichen Maß. Im Forum »Thiazi«, einer »germanischen Weltnetzgemeinschaft«, wendet der Benutzer »Morrigan« ein: »Ich werde die Muslimphilie (…) nie nachvollziehen können. (…) Ich kann arabische und ­türkische Jugendliche nicht (…) respektieren, die unsereins Deutsche als ›Schweinefleischfresser‹ bezeichnen und ›Scheiß Kartoffeln, Scheiß Deutsch­land‹ rufen.« User »Dom« kontert: »Die Palästinenser werden respektiert, solange sie auf ihrem Gebiet bleiben. Die Palästina-Solidarität bzw. Bewunderung beschränkt sich allein auf ihren unermüdlichen Kampf gegen die Besatzer.« Und »der Stahlhelm« ergänzt: »Dein Problem ist, dass du HipHop hörende Kanaken hier in Deutschland nicht von Arabern, die für ihre Heimat kämpfen, unterscheiden kannst! (…) Die muslimischen Jugendlichen hier in Deutschland mit den Arabern im Nahen Osten zu vergleichen, ist ungefähr so wie ein Vergleich zwischen Sido und Schiller.«

Die Solidarität ist also selektiv, unterstützt werden lediglich die »Freiheitskämpfer« in Palästina, die »die Juden« mit Waffengewalt bekämpfen und so auch als Vorbilder für die Kameraden in Deutschland dienen. Denn, so stellt Benutzer »Olivia« fest: »Wir führen denselben Kampf gegen die Besatzung Deutschlands.« Eine ganz ­besondere Theorie hält der User »Frankonia« bereit: »Wenn jedes Volk frei in seinem Land leben kann, gibt es auch keine Massenzuwanderungen und keine Überfremdung. Deswegen müssen gerade wir nationale Sozialisten uns mit Völkern solidarisieren, die einen Freiheitskampf führen!«
Der zweite Grund für die Unterstützung des »Freiheitskampfes« der Palästinenser ist einfach, aber wesentlich: Es geht gegen »die Juden«. Dem Kampf gegen das »Weltjudentum« und seinen »Vasallen« USA werden sogar der Rassismus und der Kampf gegen »die Ausländer« an der »Heimatfront« untergeordnet. In einem Kommen­tar auf »jugend-offensive.info« schreibt der Benutzer »Fighter«: »Wir deutsche Nationalisten sind an der Seite der arabischen Nationalisten und stehen vereint für den Untergang Israels!« Im »Thiazi«-Forum führt »der Stahlhelm« aus: »Warum sich nicht mit Menschen verbünden, die ebenfalls gegen Juden, Amerikaner und das westliche System kämpfen? Ich finde es jedenfalls produktiver, mit den Mohammedanern Juden (…) zu verprügeln, als sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.« Der Benutzer »Naso« phantasiert in einem Beitrag auf »Altermedia« vom »Zionismus, der uns alle etwas angeht, denn er bedeutet die Zerstörung der letzten freien Völker und Nationen, er bedeutet One World unter jüdisch-zionistischer Herrschaft und letztendlich Sklavendasein für alle Menschen auf diesem Planeten«.

Die NPD steht dem in nichts nach. Auf einer »Mahnwache« des NPD-Kreisverbandes Krefeld wurde ein Transparent mit der Aufschrift »Juden raus aus Palästina« entrollt und Israel als »Terrorstaat« beschimpft. Der NPD-Kreisverband Leipzig verbreitet auf seiner Webseite, im Gaza-Streifen ermorde »die israelische Armee (…) systematisch Babys der Palästinenser durch Zertrampeln oder Zerstampfen«. Der NPD-Landesverband Berlin erdreistet sich sogar, für den ­Auschwitz-Gedenktag zu einer »Mahnwache« unter dem Motto »Stoppt den israelischen Holocaust im Gaza-Streifen« aufzurufen. In der Unterstützung für die islamistischen »Freiheitskämpfer« zeigt sich der Hass der NPD auf Israel und die Juden. Er ist augenscheinlich sogar so groß, dass er die üblichen rassistischen Ressentiments überdeckt. Offenbar folgt die NPD hier dem Sprichwort: »Der Feind meines Feindes ist mein Freund.«

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