Eine Kurzgeschichte über Häuser, Züge und Menschen

Railway to Hell

Häuser, Züge, Menschen – manchmal kann man sich nicht entscheiden, was schlimmer ist. Das Schlimmste aber sind die Aussichten. Eine Kurzgeschichte über Verliererorte, die Terrororganisation Deutsche Bahn, zahllose Arschlöcher und ein Haus, das irgendwo im Nirgendwo liegt.
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Ich steige sehr gerne am Hauptbahnhof ein. Also am Ostbahnhof. Der Ostbahnhof ist für mich immer noch der Hauptbahnhof, weil: Der neue Hauptbahnhof, das ist ein Scheiß. Viel zu groß, zu unüber­sichtlich. Na, und da muss man erst mal hinkommen! Der liegt ja irgendwo, wo keiner wohnt, wo nichts ist, wo sich vielleicht geographisch das Zentrum der Stadt befindet, aber ansonsten befindet sich dort absolut nichts, nur Wüste. Der Hauptbahnhof hingegen, also der Ostbahnhof, liegt direkt bei mir vor der Tür. Fünf Minuten Fußweg, drei Minuten S-Bahn, eine Haltestelle, und schon mache ich mich im ICE breit. Die ganzen Arschlöcher steigen erst am Hauptbahnhof ein, also dem neuen. Bis dahin habe ich mich schön ausgebreitet, meine Koffer, Tasche, Jacke, die Armlehne in Beschlag genommen. Wenn die Arschlöcher einsteigen, bin ich schon das erste Haus am Platz, der King vom Kiez, die anderen steigen nur noch zu. Zu mir zu. Sind quasi meine Gäste, denen ich, wi­derwillig zwar, aber generös die Mitfahrt anbiete.
Am Zoo hält der ICE ja gar nicht mehr. Die sind richtig gearscht, die da am Zoo. Früher war ja das der Hauptbahnhof, sozusagen. Westberlin damals. Bahnhof Zoo, kennt man ja. Jetzt ist da nix mehr. Auch Wüste. Der ICE hält nicht mehr am Zoo und nicht mehr in Magdeburg. Die Verliererorte. Es gibt wahrlich keinen guten Grund, nach Magdeburg zu fahren, Gründe, um von Magdeburg wegzufahren, schon. Aber Einzelschicksale kümmern die Bahn wenig. Wir. fah­ren. durch. Berlin, Berlin-Spandau, Wolfsburg. Zack. Geschissen auf die Zone. Wiedervereinigung war gestern. Deutsche Bahn? Spandau statt Magdeburg – das sagt ja wohl alles. Eben doch Bundesbahn. Mir soll’s recht sein.
Glück gehabt, dass sie Zoo und nicht Ost­bahn­hof gestrichen haben. Glück für mich. Sowieso: Vielleicht kommt mein Glück ja jetzt wieder. Könn­te sein. Ich hoffe das jedenfalls, jetzt, da ich ein Haus geerbt habe. Das könnte der Anfang sein. Die Trendwende. Bis vor ein paar Monaten hatte ich mein Leben lang, und ich bin schon 39, in vielen Dingen ziemliches Glück. Finanziell lief alles wie am Schnürchen, nie eine Ge­schlechts­krankheit, keine Knochen-, keine Woh­nungseinbrüche, kein Flugzeug verpasst, nie den Schlüsselbund verloren, nie das Portemonnaie. Wer kann das schon von sich sagen. Dann schien mich das Glück jedoch verlassen zu haben, zuletzt ließ ich sogar mein Portemonnaie irgendwo liegen. Da war zwar nicht viel drin, weil ich total pleite bin, aber die ganzen Papiere, man weiß ja, was das für einen Stress bedeutet.
Doch dann hieß es, mein Onkel sei gestorben. Reich war der, und mir hinterließ er ein Haus. Ich kannte ihn kaum. Andere haben wohl Besseres geerbt, heißt es. Das Haus, naja – ich solle da bloß nicht zu viel erwarten, sagte mir mein Cousin. Es handele sich um ein altes Einfamilienhaus. »Okay, aber nichts Dolles«, sagte mein Cousin. Eine Etage, ein Spitzdach, ein kleiner Garten, aber direkt an der Bahnlinie, also an den Gleisen. »Und zwar wirklich direkt«, betonte mein Cousin. »Und es ist die ICE-Trasse.« Also die Trasse jenes Zuges, in dem ich gerade sitze. Auf dem Weg nach Düsseldorf. Den verblie­benen Rest der Familie besuchen. Und vielleicht ja auch von dort aus das Haus, mein Haus. Aber wohl eher nicht. Denn es liegt irgendwo im Nichts, zwischen Hannover und Bielefeld. In irgendeinem Kaff, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe, so belanglos klang der. Wie soll ich dort hinkommen?
Ich müsste in Hannover oder Bielefeld ausstei­gen. Zwei Städte, mit denen ich nichts verbinde als Langeweile und Depression. Vom ICE müsste ich dann vermutlich in einen Interregio-Express umsteigen, von dem in eine Regionalbahn, von der in eine S-Bahn und dann in einen Bus, und ich hasse Busse. Ich hasse alle öffentlichen Verkehrsmittel, der ICE ist eigentlich das Äußerste, das ich bereit bin, in Kauf zu nehmen. Aber am Ende werde ich auch noch einen Bus nehmen müssen, das sehe ich kommen, obwohl das Haus direkt an der ICE-Strecke liegt. Aber so wird es kommen, und meine Laune wird auf dem Tiefpunkt sein.
Gleichzeitig zu meinem Abstieg, was die Verkehrsmittel angeht, werde ich erleben, dass die Orte immer kleiner und bedeutungsloser werden. Egal, ob ich von Berlin oder Düsseldorf komme, zwei Städte, die ich wirklich mag, ich muss nach Niedersachsen reisen. Niedersachsen. Das heißt nicht umsonst so. Und Sachsen ist schon scheiße. Von Hannover oder Bielefeld aus werde ich dann in eine noch ödere, noch klei­nere Stadt fahren, von der aus in eine noch winzigere, bedeutungslosere, durch Orte hindurch, die alle gleich aussehen. Edeka-Märkte, Fußgängerzonen, in denen es weniger zu betrachten gibt als in jedem tristen Einkaufszentrum in Berlin oder Düsseldorf. In einem pissigen Dorf werde ich schließlich zwischen einem im Wind klappernden hölzernen Strommast und einem gelben Briefkasten auf den Bus warten. Wenn ich Pech habe, nieselt es, ich werde mich fühlen wie ausgekotzt. Selbst wenn es sich bei dem Haus, bei meinem Haus, um eine schicke Gründerzeitvilla mit Springbrunnen im Garten handeln würde, was es nicht tut, was ich ja weiß, aber selbst dann: So großartig kann das Haus gar nicht sein, dass ich es nach solch einer niederschmetternden Reise noch zu schätzen wissen könnte.
Durch das ICE-Fenster sehe ich Brandenburg, vielleicht ist es auch schon Niedersachsen. Dass man keinen Unterschied erkennt, dürfte Grund genug sein, Niedersachsen rundweg abzulehnen. Immer wieder kommt ein Ort. Einfamilienhäuser mit weißen Außenwänden, schmutzig weißen Wänden. Ein kleiner brachliegender Garten drumherum, Strommasten. Sackgassen, die an den Gleisen enden. Häuser mit Gärten, in denen einmal Kinder spielten, ein Baumhaus bauten, im Apfelbaum. Die spielten da jeden Tag, jeden Tag nach der Schule, im Sommer und im Winter, jeden Tag, auch im Herbst und im Frühling, jeden Tag, bis zu jenem Tag, an dem sie die erstbeste Gelegenheit ergriffen, Reißaus zu nehmen, irgendeinen Schulabschluss in der Tasche, egal was, ein paar Moneten, sich an einer Universität oder für eine Lehrstelle bewarben, egal was, Hauptsache irgendwo anders, meistens Berlin. Die weniger Mutigen von ihnen haben es immerhin nach Han­nover geschafft. Oder nach Wolfsburg zu VW, egal, nur weg von dem Baumhaus und dem Haus, das zu dem Garten mit dem Baumhaus gehört. So einem Haus, wie ich nun wohl eines besitze. Auch dort haben einmal Kinder gelebt, mein Cousin zum Beispiel, aber sogar seine Eltern sind von dort weg, das Gebäude steht seit Jahren leer, vielleicht weht der Wind durch zerbrochene Fensterscheiben hindurch. Kurz hindurch und weg, schnell weg, bloß nicht bleiben, was soll er da? Was soll ich da?
Mein Cousin sagt, ich könne das Haus vom Zug aus möglicherweise erkennen. Denn in seinem Garten stehe – der Garten liegt noch näher am Bahngleis als das Haus, sagt mein Cousin – ein altes Karussell. Kein echtes Karussell mit Pferden und Feuerwehrautos, aber irgendsoein Gerät von einem Kirmes-Fahrgeschäft, so nennt man das. Das Ding sei ziemlich groß und stehe da im Garten, das könne man vom Zug aus sehen. Also konzentriere ich mich, seit wir in Wolfsburg gestoppt haben, um ein paar verlorene Seelen dem Vakuum zu übergeben, und dann in Hannover, wo überraschenderweise viele neue Arschlöcher zustiegen, konzentrie­re ich mich auf die Dinge da draußen vor dem Fenster, entlang des Bahngleises.
Einfamilienhäuser, Gärten, in denen kein Kind mehr spielt. Fabriken, die nicht wie Fabriken aussehen. Eher wie große Turnhallen oder Bau­märkte mit flachen Schloten auf dem Dach, aus denen es ein wenig raucht, ganz so, als würde dort tatsächlich jemand etwas produzieren, womöglich etwas, das wir brauchen könnten, et­was, das irgendeinen gesellschaftlichen Wert hat, Sinn ergibt. Aber wir wissen, wir alle, die wir in diesem Zug sitzen und fassungslos aus dem Fenster starren, selbst die ganzen Arschlöcher um mich herum, wir alle wissen, dort wird irgendetwas total Sinnloses hergestellt, das in Wirk­lichkeit niemand braucht, das nur hergestellt wird, gut subventioniert wahrscheinlich, um ein paar Arbeitsplätze in dieser gottverlassenen Region zu erhalten.
Arbeitsplätze, für Menschen, die ihre Arbeit hassen. Die es hassen, jeden Morgen von ihrem Scheißwecker aus den schönen Träumen – die sind schön, ja – gerissen zu werden, die es hassen, mit ihrer Familie, die sie hassen, das Frühstück hinunterzuschlingen, die es hassen, vor die Tür zu gehen, die klemmt, weil keiner mehr den Handwerker holt, weil, wer weiß, ob sich das lohnt, ziehen sie nicht bald alle hier aus, wollen nicht alle so schnell wie möglich weg? Das aber sagt keiner laut, weshalb sich alle gegenseitig hassen, weil es jeder denkt, aber keiner sagen darf, und keiner will der Letzte sein, der noch hier ist, und jeder wäre gern der Erste, der hier abhaut, aber deshalb darf man es ja auch nicht sagen, denn sonst geht der andere, und man selbst wäre der, der zurückbleibt, und das wäre der Tod.
Und sie hassen es, auf den Bus zu warten, mit dem Bus zu fahren, vielleicht fahren sie auch mit dem Auto, dem eigenen, das lieben sie, denn darin sind sie allein, ganz allein, aber nur zehn Minuten, denn dann sind sie schon da, leider schon da. Sie hassen den Eingangsbereich jener Fabrik oder Werkstätte oder jenes Büros oder Ladens, durch den sie gehen müssen, um an ih­ren Platz, ihren Werkplatz, zu gelangen, den sie hassen, obwohl sie dort ein Foto aufgehängt haben von ihren Kindern, die sie hassen, weil die, obwohl erst zwölf, noch vor ihnen hier abhauen werden. Und selbstverständlich hassen sie ihre Kollegen, weil die sie hassen, und die sinn­losen Produkte, die sie herstellen oder verkaufen, hassen sie auch – und würden doch alle, alle würden sie auf die Barrikaden gehen, ja, auf die Barrikaden, wenn man ihnen, wenn die Bon­zen da oben, die Heuschrecken oder wer auch immer, ihnen diesen heiligen, diesen großartigen, diesen ihren eigenen Arbeitsplatz wegnehmen würden, auf die Barrikaden gehen, ja, das würden sie, wenn, ja wenn es denn in solch einem Kaff jemals eine Barrikade geben würde – aber selbst darauf dürfen sie nicht hoffen.
Ich könnte natürlich auch mit einem Auto fah­ren. Zwar habe ich selbst keines, seit ich so dermaßen pleite bin, aber vielleicht ließe sich eines organisieren. Das wäre jedenfalls angenehmer, als den sozialen Abstieg der öffentlichen Verkehrsmittel zu durchleiden. Ich sollte auch nicht alleine fahren, sondern mit einem Freund oder einer Freundin. So könnte es gehen. Aber wen könnte ich um solch einen großen Gefallen bitten? Selbst wenn man früh in Berlin losführe, sagen wir um Acht, das wäre verdammt früh, das kann man schon kaum jemandem zumuten, also jedenfalls nicht meinen Freunden, selbst dann bräuchte man sicher drei oder vier Stunden, bis man dieses Haus in diesem Kaff, dessen Namen ich schon jetzt nicht mehr weiß, gefunden hätte. Und ein paar Stunden bräuchte man dort dann schon, um sich die Beschaffenheit des Gebäudes anzuschauen, die Lage zu sondieren, vielleicht mit ein paar Nachbarn zu reden, den Ort zu besichtigen, möglicherweise einen Kaffee in der Eckkneipe trinken oder beim Tchibo-Bäcker, irgendwo was essen. Aber Acht ist absolut unrealistisch. Ich kenne niemanden, mit dem das klappen würde, selbst wenn wir es uns vornähmen. Sagen wir Zehn. Und auch das ist optimistisch gedacht.
Vermutlich bräuchte man eher zwei Tage, also anders gesagt, ein ganzes Wochenende, und man müsste in diesem Haus übernachten, und niemand weiß, ob das geht, wie es da aussieht, ob es da Betten gibt, was man da mitnehmen müsste, ob vielleicht sogar der Regen schon durchs Dach kommt, eine riesige Pfütze auf dem Fußboden steht, ob man nicht zuallererst das Haus zumindest ein wenig abdichten müsste, die Fenster reparieren, notdürftig zumindest. Womöglich haben sich Jugendliche aus dem Dorf in dem Haus einen Treffpunkt eingerichtet. Tür aufgebrochen, ein paar Graffiti an die Wand, fertig ist der Treffpunkt. Ich weiß doch, wie das geht. Was dann? Das alles wäre kaum im Vor­aus abzuwägen. Man müsste also ein ganzes Wochenende einplanen. Wen kann ich um ein ganzes Wochenende bitten? Dirk hat ein kleines Kind, Marina arbeitet am Wochenende in der Kneipe, Katina hat ständig Blockseminare, so ein Block geht von Samstag bis Sonntag, Miro geht am Wochenende feiern, das ist sein Leben. Es wird nicht einfach. Gut, irgendwie wird es sich einrichten lassen. Irgendjemand wird sich erbarmen, findet vielleicht sogar Gefallen an so einer abgedrehten Scheiße, so einem verrückten Ausflug. Aber wann, das ist die andere Frage. Das kann noch Monate dauern, bis es mal passt. Ich habe ja auch zu tun, ich kann ja auch nicht so holterdipolter weg. Außerdem habe ich mir neulich den Arm gebrochen, ist schon ganz gut verheilt, aber ob ich so lange ein Steuer halten kann?
Ich glaube, ich habe das Haus gesehen. Jeden­falls war da ein Garten mit einem großen gelb-roten Gestell, wie eine riesige auseinander­montierte Schaukel, dahinter ein Haus, mit einem spitzen Dach. Mehr konnte ich in der kur­zen Zeit nicht registrieren. Das ist jetzt mein Haus. Mein Haus. Mein Haus. Wie das klingt. Ich bin jetzt Hausbesitzer. Wow. Mein Gesicht spiegelt sich in der Glasscheibe. Ich sehe mehr mein Gesicht als das, was draußen ist. Es lässt sich nicht abstreiten: Ich sehe ganz schön scheiße aus. Im Grunde kann ich froh sein, dass mich überhaupt eine Geschlechtskrankheit zu erreichen vermochte. Ich mache ein Foto mit meinem Handy, um später überprüfen zu können, ob ich wirklich so schrecklich aussehe oder vielleicht eine momentane Stimmung meine Wahrnehmung verzerrte, im Grunde ist das eine beschissene Hoffnung, ich weiß, aber mit 39 klammert man sich an jeden Strohhalm.
Bis Bielefeld passiert nichts mehr. Dahinter kommt das Ruhrgebiet. Hier klappern wir sorgfältig jede einzelne Stadt ab. Hamm, Dortmund, Bochum, Essen, Duisburg, wir halten im Fünfminutentakt – und in Magdeburg steht immer noch ein Sozialarbeiter am Bahnsteig und wartet auf den Regionalexpress.
In Düsseldorf geht es schnell. Hauptbahnhof, S-Bahn, zehn Minuten laufen, schon bin ich da.

In Düsseldorf geht es schnell. Zehn Minuten laufen, S-Bahn, Hauptbahnhof, schon sitze ich im ICE. Ich mag Düsseldorf. Es schmiegt sich so sanft an den Rhein, oder andersrum, egal, jedenfalls ist es dort schön, zwar nicht wie in Berlin, keine Metropole, aber angenehm, charmant und angenehm, ja. Dort lässt sich gut leben – wenn man das nötige Geld hat, klar, das ist natürlich die Voraussetzung, aber das ist es in jeder Stadt, in jeder richtigen Stadt, in der man gut leben möchte. Auf dem Dorf, in einer Kleinstadt, ist das sicher anders. Dort muss man das Glück in sich selber finden, auch schön, sicher, wenn man dabei Erfolg hat, großartig, ich gratuliere. Dort auf dem Dorf muss man nichts tun, dort kann man sowieso nichts tun, und al­so auch kein Geld ausgeben, aber in der Stadt geht das wirklich nicht, nichts zu tun. Wenn man dort nichts tut, ist das so, als sei man tot und schaue sich dabei zu. Auf dem Dorf ist man sowieso tot, oder ein Hippie oder ein Protestant. Wenn man es dort, obwohl tot oder Hippie oder Protestant, zum Weinfest schafft, ist das ein echtes Ereignis, davon lässt sich monatelang zeh­ren, und manchmal kommt ja auch der Bus nicht pünktlich oder so, das ist doch Gesprächs­stoff genug bis zum nächsten Weinfest oder zur Kirmes. Eher zur Kirmes, denn in Nieder­sach­sen wächst kein Wein, das weiß ich.
Leider fährt der ICE schon in Köln los und nicht in Düsseldorf, und ich bin also hier in diesem Abteil nicht der Big Boss, sondern nur eines der zugestiegenen Arschlöcher. Das ist nicht gut für meine Laune. Ich merke, wie dunkle Wolken aufziehen. Außerdem habe ich, meine Pechsträhne hält wohl doch an, den falschen Sitzplatz reserviert. Auf der Nordseite des Gangs. Mein Haus, mein Haus, mein Haus liegt aber auf der Südseite der Trasse, und ich möchte doch auch bei der Rückfahrt nach Berlin gerne noch mal einen kurzen Blick auf mein neues Kleinod im Süden werfen. Nach längerer Verhandlung einige ich mich mit einer älteren Dame darauf, die Sitzplätze zu tauschen. Man merkt ihr zwar bis zuletzt an, dass sie den Eindruck nicht loswird, gerade von mir übers Ohr gehauen zu werden, doch da ich ihr das Problem, mein Problem, in aller Offenheit darlege und sie trotz sichtbarer Anstrengung keinen Grund findet, wes­halb mein Platz in Fahrtrichtung links weniger wert sein sollte als der ihre in Fahrtrichtung rechts, lässt sie sich auf den gewagten Deal ein. Ich danke ihr überschwenglich und bemühe mich aufrichtig, meinen Hass zu bändigen, was mir wie so oft äußerlich bestens gelingt.
Ich habe während der Tage in Düsseldorf da­rüber nachgedacht, was ich mit dem Haus anfangen soll. Das ist ja alles gar nicht so einfach. Das Einfachste wäre es sicherlich, es zu verkaufen. Ich könnte das Geld gut gebrauchen, sehr gut sogar. Aber erst mal muss ich ja wohl mal dahin fahren, irgendwie in Erfahrung bringen, wie viel das Haus wert ist, wie viel man da verlangen kann. Wer kann so was schätzen? Ohne dafür selbst ordentlich etwas einstreichen zu wollen, das sehe ich nämlich nicht ein. Und könn­te ich dann einfach irgendwo in einer Zeitung inserieren: »Haus zu verkaufen mit Garten und Kirmesgestell, schöne Aussicht auf den ICE«? Und könnte ich mir dann die Kohle einfach aufs Konto überweisen lassen und den Schlüs­sel mit der Post zuschicken? Sicher nicht. Ich müsste mich mit den Interessenten dort treffen, also wieder dorthin fahren, mehrmals vermutlich, vorher das Haus vielleicht ein bisschen in Ordnung bringen. Es soll ja einen guten Eindruck machen, wenigstens das. In was für einer Zeitung inseriert man so etwas? Ob es dort in dem Kaff überhaupt eine Lokalzeitung gibt, das müsste ich ja erst mal herausfinden. Das wird alles sehr anstrengend, ist doch offensicht­lich. Oder müsste das ein Makler machen, woher soll ich den bekommen? Und ich hasse Makler. Und die kassieren dann ja auch ab, und zwar nicht zu knapp. Und müsste das einer aus der Gegend dort sein? Wie soll ich einen finden? Einfach im Branchenbuch? Im Internet?
Ich könnte das Haus auch vermieten. Aber das wird genauso kompliziert. Die gleichen Scherereien. Und dann ist sicher dauernd etwas kaputt, die Rohre, die Türen, das Dach, da müsste ich mich dann drum kümmern, da rufen dann die Mieter an, beschweren sich, bei mir, als ob das mein Problem wäre, und das wird es dann tatsächlich, und das kostet ja auch wieder. Oder ich müsste eine Hausverwaltung, woher nehme ich die, beauftragen, die sich das sicher auch gut bezahlen lässt. Und so viel Miete wird so ein kleines altes Haus im Nirgendwo ja auch nicht abwerfen. Mir graut jetzt schon vor dem ganzen Stress, das geht ja auch an die Nerven, das beschäftigt einen dann ja auch im Kopf, so ein Haus, das ist ja wie ein Kind, um das man sich kümmern muss, wie ein Hund, der ständig Gassi gehen will. Das Ende jeder Frei­heit, eine Kette am Fuß, die reine Sklaverei.
Oder ich ziehe einfach hin. In das Haus. In mein Haus. Mein Haus. Dann muss ich nie wieder Miete zahlen, und wenn das Dach undicht ist, kann ich einfach eine Folie darübernageln. Das würde die Sache vereinfachen. Nur müsste ich dann dort ja nicht nur wohnen, sondern auch leben, und das sind dann doch zwei verschiedene Paar Schuhe. Dort kann man ja nicht leben, an den Bahngleisen, das macht mich schon bei der Vorstellung verrückt. Jede halbe Stunde so ein ICE, der zwischen Berlin und Düsseldorf hin- und herfährt, und ich irgendwo dazwischen im Nichts, und Nichts wäre noch der beste Fall, es kann auch noch viel schlimmer sein dort, Nazi-Nachbarn, Denunzianten-Dörfler, und immer dieser ICE. Im ­Nichts wäre wenigstens Ruhe, aber das darf man dort nicht erwarten. Es wird das Nichts sein plus Zuglärm und Nazi-Arschlöcher. Also die Hölle. Nicht mal als Wochen­endhaus will man so etwas haben.
Aber das sind natürlich Vorurteile. Ich war ja noch gar nicht dort. Ich müsste da erst mal hin. Hinfahren zu diesem meinem Haus, meinem eigenen Haus, meinem ersten eigenen Haus, hinfahren, um es schnellstmöglich irgend­wie loszuwerden. Wie deprimierend. Hausbesitzer zu sein, ist ein schweres Schicksal, ich ah­ne es bereits jetzt, obwohl ich meine Immobilie, Immobilie, meine Immobilie, noch nie betreten habe.
Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund, Hamm. Menschen am Bahnsteig sind sonderbar. Tun so, als wären sie unterwegs. Sind sie, oberflächlich betrachtet, auch. Doch die, die in Duisburg einsteigen, sind, wenn sie in Hannover aussteigen, noch absolut dieselben Arsch­löcher. Da hat sich überhaupt nichts bewegt bei denen, da ist alles starr wie ein gefrorener See. Aber ein Aufheben machen sie ums Reisen, als wenn sie den Horizont erobern wollten. Dabei wollten sie nur mal das Brandenburger Tor sehen, diese armen Lichter. Oder sie stehen am Gleis und winken Leuten hinterher, an die sie an 300 Tagen im Jahr nicht einen Gedanken verschwenden. Und da, da treten sie aus dem Zug und schau­en sich um, ob sie denn jemand abholt, ob sie denn willkommen geheißen werden, ob sie denn irgendjemand erwartet – zumindest heu­te, zumindest jetzt, da sie doch diese weite Reise gemacht haben, aus Wolfsburg oder Span­dau, da wird man doch erwarten dürfen, dass man mal erwartet wird. Manche reisen vermutlich nur, um einmal erwartet, um begrüßt zu werden, um gern gesehen zu sein. Zumindest für ein paar Minuten am Bahnsteig. Denn schon auf der Rolltreppe gibt’s den ersten ­Streit oder die erste Enttäuschung, Familienkrach, Liebeskummer, Eifersucht, man kennt das doch.
Ich schaue aus dem ICE-Fenster, die Sonne steht tief, färbt sich orange. Die kahlen Felder se­hen aus, als wenn dort seit Jahren nichts mehr angebaut wird. Aber das täuscht vermutlich, denn sonst hätte dort sicher längst jemand ein Haus gebaut, um dort auszuziehen und es einem armen Teufel zu vererben. Bevor wir in Bie­lefeld einlaufen, wird es dunkel. Im Zugfenster ist nur noch mein Gesicht. Ich kann es kaum glau­ben. Ich hole das Handy aus der Tasche und vergleiche mein Spiegelbild mit dem Foto, das ich auf der Hinfahrt gemacht habe. Es ist niederschmetternd. Ich sehe wirklich so scheiße aus. Nichts zu machen. Ich sollte in dieses Haus ziehen und nie mehr hervorkriechen, nach Berlin kann ich so jedenfalls nicht. Obwohl ich vor­her vermutlich auch nicht besser aussah. Jetzt kann man sowieso nichts mehr ändern. Mit Wür­de altern, sagt Miro immer, der Arsch. Mit Würde bildet man Konjunktive, das ist alles, das muss ich ihm mal erklären, damit er das kapiert.
Draußen ist es stockfinster. Hier irgendwo muss mein Haus sein. Irgendwo da draußen im Nichts. Ich darf nicht darauf hoffen, auch nur etwas davon sehen zu können. Ein Licht wird dort nicht brennen. Vielleicht sogar nie wieder. Vielleicht lass ich die Scheißbude einfach abreißen und verhökere das Grundstück. Gibt das mehr oder weniger Geld? Da kann ja jemand ei­ne Fabrik an der Stelle bauen, so ­einen eckigen Baumarkt mit einem Pseudo­schlot auf dem Dach, und irgendeinen Müll produzieren. Feuer­zeuge, die Musik machen, oder Salz- und Pfefferstreuer in Obstform. Mir doch egal.
Sowieso, Konjunktive sind unsere einzige Hoff­nung. Wenn man das Karussell wieder instandsetzen könnte! Dann machte ich dort ei­nen klei­nen Freizeitpark auf. Aus dem Haus würde ich eine Geisterbahn machen, dazu das Karussell, das ist doch schon nicht schlecht. Für die Leute in dem Kaff wäre es jedenfalls mehr, als sie je zu hoffen wagen dürften. Per­spektiven schaffen, dafür gibt’s doch wohl auch Subventionen, wette ich. Kinder würden womöglich ein paar Jahre oder, sagen wir, ein Jahr später an Landflucht den­ken als bisher, Jugendliche dürften auch rauchen dort und Bier trinken, dann würden die viel­leicht auch länger bleiben in dem Kaff, von mir aus dürften sie sich auch gegenseitig zusam­menschlagen am Rand des Karussells, immer freitagabends mit drei Promille im Blut, dann würden sie sich womöglich richtig wohl fühlen, von überall kämen sie hergepilgert, um hier ihr Bier zu trin­ken, Berlin oder VW würden in weite Ferne rücken. Die Eltern würden mich dafür lieben, denn ich würde ihrem Leben zumindest ein Jahr länger Sinn geben, ich wäre mit meinem Mini-Vergnügungspark sozusagen das »Projekt Zukunft« der Region, mehr als jede blöde Fabrik oder Lagerhalle, mehr als jeder beschissene Arbeitsplatz. Ich wäre eine Lichtgestalt der Unterhaltungskultur, man würde Mr. Hollywood zu mir sagen, und ich würde es so auch auf meine Visitenkarten drucken. Der Ministerpräsident wür­de mich mit Ehrungen überhäufen, weil ich diesem verlorenen Landstrich wieder ein klein wenig Mut gemacht, einen Funken Zuversicht in die Hölle getragen hätte. Vielleicht ließe sich das sogar als Engagement gegen rechte Gewalt verkaufen, das würde mich sogar vor den alten Genossen gut dastehen lassen. Am Ende gibt’s dafür das Bundesverdienstkreuz, und die Neue Revue macht eine schöne Homestory über mich, wie ich vor dem alten Karussell posiere und wilde Geschichten über meinen Onkel erzähle, der das Fundament für das alles hier gelegt habe, nach dem man eine Straße benennen wird. Nach diesem alten Nazi-Arsch.
Ich gehe aufs Klo. Das ist eine gute Abwechs­lung. Mal aufstehen, die Beine ausschütteln und: mal einen Blick in den Spiegel werfen. Viel­leicht verzerrt das Zugfenster ja auch ein wenig die Gesichtszüge. Vermutlich sogar. Denn so schei­ße kann ich eigentlich gar nicht aussehen. Ich mag die Klos in den Zügen, weil man endlich mal allein ist, die Tür hinter sich abschließen kann und die Hände in die Luft strecken, ein paar alberne Verrenkungen machen, ganz privat, ganz intim, die Frisur richten, sich das Gesicht befeuch­ten, und das mitten in einem riesigen Zug voller Arschlöcher, ­einem auf Stahlgleisen dahin do­nnernden Etwas, in dessen Verdauungstrakt wir sind und das uns in Berlin-Ostbahnhof allesamt aus­scheißen wird, als sei nichts gewesen, als hätten wir nicht 194 Euro für diesen Spaß be­zahlt, plus Sitzplatz-Reservierungen, die kommen ja noch dazu, das ist ja nicht selbstverständlich, dass man für 194 Euro auch sitzen darf. Dann speit der Zug uns am Ende aus, einfach so, vie­len Dank für Ihre Fahrt mit der Deutschen Bahn, beehren Sie uns bald wieder, ja klar, du Arschloch, aber lass mal deine Fenster nachschleifen, denn so scheiße seh’ ich nun doch nicht aus, wie ich im Klospiegel feststellen kann. Also scheiße schon, aber nicht so scheiße!
Zwischen Hannover und Berlin-Spandau passiert gar nichts mehr. In der Zone ist es dunkel. Die Nazis schlafen schon. Direkt neben den Stasis. Wenn einer schnarcht, klopft der andere an die Wand, halt’s Maul, du Nazi, Ruhe, du Stasi. Seit man ihnen ihre Datsche, ihr Haus, ihr eigenes Haus, genommen hat, sind sie fertig mit der Demokratie, mit dem Kapita­lismus, dem Westen, Amerika, der Welt. Nicht dass sie Bin La­den mögen würden, der ist ein Ausländer, aber dass er in New York die beiden Türme umgestoßen hat, können sie ihm nicht vorwerfen. Ihnen hat man ja auch die Datsche weggenommen. Die Wessis, die Immobilienhaie. Immobilien. Dinge, die sich nicht bewegen. Das Gegenteil von Zügen sozusagen. Aber niemand redet von »Mobilienhaien«, obwohl sie uns, nur um uns im Dunkeln an unseren unbeweglichen Besitztümern vorbeizuschleusen, ein halbes Vermögen aus den Taschen ziehen. Habe ich schon erwähnt, dass ich öffentliche Verkehrsmittel hasse? Vielleicht sogar mehr als Häuser. Wer nimmt mir mein Haus weg? Bitte melden!
Nein, eigentlich wäre es schön, ein eigenes Haus zu haben, mit einem Swimmingpool, einer kleinen Sauna, einer Dunkelkammer, um Fotos zu entwickeln, auf die alte Art und Weise, das wä­re schön. Ja, ein Haus müsste man haben, denke ich, während ich gerade ein eigenes Haus habe. Irgendwo da draußen im Naziland, in der Idiotensteppe, in der Hölle. Ein Haus in der Hölle, wo der Teufel manchmal anklopft und fragt, ob er mal kurz auf ’nen Kaffee rein­kom­men kann, weil ihm da draußen zu viele Arschlöcher sind.
In Berlin müsste man ein Haus haben, oder bes­ser in Düsseldorf, schön am Rhein, und die großen Frachtschiffe fahren da vorbei, aber fast geräuschlos im Gegensatz zu so einem ICE. Und das Wasser fließt von hier nach dort, was ja nicht selbstverständlich ist, in Berlin jedenfalls nicht, wo es auch viel Wasser gibt, aber niemand sagen kann, wo hier und wo dort ist. Eine eindeutige Quelle der Spree, wer hat schon mal davon gehört? Münden tut sie in die Havel, das zumindest kann man sagen, also in jenen Fluss, dessen Nebenfluss sie ohnehin bloß ist, zwischendurch macht sie Pause in unzähligen Seen, verzweigt sich, verrinnsalt beinahe völlig. Im Prinzip kann von einem Fluss gar nicht die Rede sein, die Spree ist ein Arschloch. Da ist der Rhein schon etwas anderes. Jeder weiß, der kommt oben aus den Alpen und der fließt – ratsch – runter in die Nordsee. Das ist eindeutig, und da fließt ordentlich Wasser von links nach rechts, oder, wenn man auf der falschen Seite lebt, auch von rechts nach links, jedenfalls: von Süd nach Nord, das zumindest kann man definitiv sagen. Wenn du eine Beck’s-Flasche in die Spree wirfst, treibt sie nach drei Stunden immer noch am selben Fleck. Das habe ich wissenschaftlich bewiesen. Die Diebels-Flasche aus Düsseldorf ist in drei Stunden schon in Duisburg. Das müsste aber in einem Versuch noch mal seriös nachgewiesen werden, gebe ich zu.
Aber auch ein Haus in Berlin wäre schön. Aber nicht am Stadtrand. Es müsste schon in Frie­drichshain oder Kreuzberg sein, also in Berlin, nicht in der Peripherie, sprich: jenseits von Kreuzberg und Friedrichshain. Was soll ich in Char­lottenburg? In Wilmersdorf? In Marzahn? In Rudow? In Weißensee? Nichts gibt es dort, nie­mand lebt dort, den ich kenne, niemand arbeitet dort, niemand geht dorthin abends aus, ich auch nicht, wozu auch? Im Grunde sind diese Stadtteile nur dazu da, uns in Kreuzberg und Frie­drichshain das Gefühl zu vermitteln, in einer fetten Stadt, in einer Metropole zu leben. Dafür danke, aber mehr Zuneigung darf man von mir nicht erwarten für diese Krebsgeschwüre. »Aber Prenzlauer Berg«, wirft an dieser Stelle für gewöhnlich irgendein Hirni ein, »aber Prenz­lauer Berg.« »Ja, was denn, Prenz­lauer Berg«, pflege ich dann zu sagen, denn was soll ich da noch hinzufügen? Prenzlauer Berg, das sagt ja wohl alles, diese No-Go-Area für Kinderlose, diese blasierte deutsche Kuschelscheiße. Obwohl sie im Friedrichshain jetzt auch alle Kinder kriegen, die Erasmusstuden­ten und ihre Dreadlock-Freunde. Aber hey, Arsch­löcher hast du überall, und hier leben immerhin noch ein paar anständige Menschen, solche, die man abends in der Kneipe trifft, rauchend, trinkend, zeternd, und nicht nachmittags im Café beim Latte Macchiato über ihr Notebook vertieft.
Hier könnte man schon ein Haus haben. Vielleicht kein Einfamilienhaus, aber so ein ganz normales Mietshaus, vier Stockwerke, kleiner Garten, Hof und Dachterrasse, das wär’ doch was. Im ersten Stock würde ich eine Sauna einrichten und ein paar Fitnessgeräte aufstellen, für die Gesundheit, ist ja auch wichtig, gerade in meinem Alter, und im zweiten Stock ein paar Gästezimmer, falls mich mal jemand besucht, obwohl das selten geschieht. Im dritten richte ich ein Büro ein, Arbeitszimmer, Computer, die Bücher, der ganze Dreck, der sich jetzt auf meinem Schreibtisch stapelt. Und im vierten Stock ist mein Schlafzimmer und mein Wohn­zimmer und meine Küche. So könnte es gehen.
Warum habe ich nicht so ein Haus geerbt? Ob­wohl, das wäre auch kompliziert, denn womöglich wohnen dann ja Leute drin, die kannst du ja nicht einfach rausschmeißen, die haben ja Mietverträge, und man will ja kein Arsch­loch sein und denen die Russenmafia auf den Hals hetzen. Am Ende hast du auch da nur Sorgen. Wenn Haus, dann selber bauen, dann musst du aber kein Haus erben, sondern Geld. Das hat der Nazi-Onkel aber anderen vermacht. Bin ich jetzt ein Glückspilz oder ein Pechvogel? Sagen wir so: Dafür, dass ich so scheiße aussehe, habe ich’s ganz gut auf die Reihe gekriegt, das Leben, bisher. Ich darf mich nicht beschweren. Ge­nau das aber fällt mir irgendwie schwer. Ich mein’, schau dich mal um!
Ich steige am Ostbahnhof aus. Also meinem Hauptbahnhof. Ich steige sehr gerne am Ostbahnhof aus. Die Arschlöcher sind schon alle am neuen Hauptbahnhof raus, also am so genannten Hauptbahnhof, und ich habe noch 15 Minuten Zeit, in Ruhe meinen Kram zusammenzusuchen, Koffer, Tasche, Jacke, bevor ich dann als letzter von Bord gehe, als Kapitän, dann doch noch, versöhnlich das Ende, und das Abteil über­gebe an die Putzkolonnen der so genannten Deutschen Bahn. Schön sauber machen, bitte, hier zahlen Leute 200 Euro für Berlin-Düsseldorf hin und zurück, nach New York fliegt man für 300, und da gibt’s noch Essen und Getränke inklusive und einen Film, und einen Sitzplatz muss man auch nicht extra reservieren, das wär’ ja noch schöner! Also nichts wie raus am Hauptbahnhof, dem Ostbahnhof, dem guten alten. Drei Minuten S-Bahn, nur eine Haltestelle, fünf Minuten Fußweg, schon bin ich zuhause. Kostet mich 400 Euro Miete im Monat, aber wenn ein Rohr kaputt ist, rufe ich den Hausverwalter an und beschwere mich. Der soll sich mal kümmern, der Arsch.