Salman Rushdie lebt!

Der Fluch des Khomeini

Trotz Fatwa: Salman Rushdie lebt – und er zeigt, wie man gegen die abergläubischen Miesepeter gewinnen kann.

Von Heinz Strunk hat Salman Rushdie vermutlich noch nie etwas gehört oder gelesen, und das ist schade, denn er bekleidet in Strunks Debüt­roman »Fleisch ist mein Gemüse« eine glanzvolle Nebenrolle als Womanizer: »Fein raus war der indische Schriftsteller Salman Rushdie, dessen vom greisen Ayatollah Khomeini angeordnete Exekution jetzt auch schon eine ganze Weile auf sich warten ließ. Norbert und ich fragten uns oft, wie es dem ach so armen Rushdie gelang, immer wieder die allergeilsten Topgirls abzuziehen. Regelmäßig wurden Fotos des bärtigen Autors publiziert, auf denen er mit stets wechselnden atem­beraubenden Schönheiten abgelichtet war, die jeweils als seine neue Lebenspartnerin vorgestellt wurden. Der Fluch des Khomeini: Die ganzen geilen Weiber dieser Welt hatten sich offenbar verabredet, dem Todgeweihten in seinem Versteck die letzten Lebensmonate zu versüßen. Da wären wir auch gerne mal verflucht worden!«
Von den Qualen eines Daseins in dauernder Lebensgefahr konnte sich Heinz Strunks liebenswerter und merklich unterbelichteter Erzähler offenkundig keine Vorstellung machen, und Salman Rushdie hätte sicherlich gern darauf verzichtet, von einem deutschen Landei um seine »Topgirls« beneidet zu werden, wenn das der Preis dafür gewesen wäre, die Fatwa ungeschehen zu machen. Genau erkannt hat Strunks Erzähler jedoch das Missverhältnis zwischen Khomeinis Mordlust und deren Folgen: Der griesgrämige Ayatollah wollte Rushdie vernichten und bescherte ihm damit unvergänglichen Weltruhm und infolgedessen einen Sex Appeal, der das Model Padma Lakshmi dazu verführte, diesen kahlköpfigen und bebrillten älteren Herrn zu heiraten und an seiner Seite vor den Fotografen der Yellow Press zu paradieren. Khomeini hatte sich etwas ganz anderes erhofft, als er die Fatwa verfasste. Er lechzte nach Blut. Was alle Welt stattdessen zu sehen bekommen hat, sind zahllose Aufnahmen des lächelnden Rushdie, Arm in Arm mit attraktiven Damen, die im Iran wahrscheinlich schon allein zur Strafe für ihr Aus­sehen ausgepeitscht oder gesteinigt worden wären.
Man weiß nicht, wie iranische Islamisten oder Ussama bin Laden und seine Kumpane ihre Freizeit gestalten, aber es ist anzunehmen, dass sie mehr als einmal zähnefletschend vor dem Fernseher gesessen haben, wenn Salman Rushdie sich auf CNN mit seiner jeweils neuesten Lebenspartnerin gezeigt hat. Den Aufruhr um seine »Satanischen Verse« betrachtet er inzwischen mit bewundernswerter Gelassenheit: »Es wird eine Menge Lärm gemacht, aber in der Mitte des Lärms steht ein kleiner Chihuahua und bellt in ein Megafon.« Von Samuel Huntington ist Rushdie zum Symbol für den »Kampf der Kulturen« erklärt worden. In einem Interview mit der Weltwoche hat er dazu angemerkt: »Ich wäre lieber ein Sexsymbol.« Und das ist er. Er lebt noch und er schreibt noch immer Bücher, doch am tiefsten hat er sich dem Gedächtnis der Menschheit als unbeugsamer Frauenheld eingeprägt, unabhängig von der Frage, ob sein Privatleben diesem Image entspricht.
Auf die Frage, wie er die westlichen Werte definiere, hat er geantwortet: »Küssen in der Öffentlichkeit, Schinken-Sandwiches, offener Streit, scharfe Klamotten, Kino, Musik, Gedanken­freiheit, Schönheit, Liebe.« Gegen dieses menschenfreundliche Programm werden die abergläubischen Miesepeter auch im 21. Jahrhundert nicht ankommen. Das ist der Fluch des Khomei­ni: Verwünsche die Sünder, und sie werden auf deinem Grab tanzen.