Der Star unter den US-amerikanischen Sportjournalisten, Dave Zirin

Das Kapital der Sportler

Dave Zirin ist nicht nur der Star unter Amerikas jungen Sportjournalisten. Er ist auch bekennender Linksradikaler mit irritierenden Ansichten.

Zu viel Lob macht misstrauisch. Dave Zirin erntet davon gerade sehr viel. »Die Sportindustrie hat lange auf eine solche alternative Stimme gewartet«, findet beispielsweise Sports Illustrated, einerseits ein renommiertes Magazin, andererseits nicht gerade mit dem Ruf behaftet, bekennende Linksradikale, wie Dave Zirin einer ist, allzu sehr zu hypen.
Dave Zirin ist 33 Jahre alt, lebt in der Nähe von Washington und ist freier Sportjournalist. Gerade hat er »A People’s History of Sports in the United States« veröffentlicht, die in einer vom renommierten Sozialhistoriker Howard Zinn begründeten Reihe erschienen ist, in der Geschichte »von unten« erzählt wird. Ansonsten ist Zirin Autor des Slam Magazine, er veröffentlicht in The Progressive, im »Alternet« im »Black Sports Network«, im Counterpunch oder der International Socialist Review. Er betreut eine Radiotalkshow, und seine Kolumnen finden sich auch in der Washington Post oder der Los Angeles Times. Dem New-York-Times-Kolumnisten Robert Lipsyte gilt Zirin als »bester junger Sportjournalist in Amerika«. Von anderer Stelle kommt dieses Lob: »Zirin ist der einzige Mensch, dessen Texte meine 15jährige basketballbegeisterte Tochter auf thenation.com liest«, sagt Katrina vanden Heuvel, Herausgeberin der linken Wochen­zeitung The Nation, für die Zirin auch regelmäßig schreibt. So viel des Lobes.
Was Zirin zum Shootingstar des amerikanischen Sportjournalismus macht, ist nicht (oder nicht nur) sein radikaler Blick auf den Sport, sondern sein radikal neuer Blick: Für Zirin ist der Sport, gleich ob er im Ghetto oder im millionenteuren Sportsdome betrieben wird, immer eingebunden in die sozialen Auseinandersetzungen einer Gesellschaft. Und für ihn sind die Sportler, auch die mit Millionengagen, immer Akteure des Klassenkampfs. Und zwar dem von unten. »Dass Sportler meist nur über Sport sprechen und nicht über Politik«, sagt Zirin, »liegt doch daran, dass sie nur diese Plattform haben, öffentlich Gehör zu finden. Sie werden nur zu Sport befragt, aber selbstverständlich sprechen sie dann auch über Politik. Man muss ihnen nur genau zuhören, um es herauszufinden.«
Der Sportjournalist Zirin stellt Sportlern nicht scheinbar politische Fragen, ob sie für Obama sind, ob die US-Truppen aus dem Irak abziehen sollen, ob der Reichtum gerecht verteilt und die Umwelt geschützt werden sollte. Zirin stellt Sportfragen und weiß, dass auch der Sport eine gesellschaftliche – und folglich sehr umstrittene – Veranstaltung ist. »Ich spreche vom kulturellen Kapital eines Sportlers«, führt er aus. »Nur im Sport haben diese jungen Menschen eine Plattform. Das ist eine Bühne, die andere Menschen nicht haben. Den Leuten wird hier zugehört. Anderen Menschen hingegen wird nie richtig zugehört. Große Sportler kommen oft aus der Arbeiterklasse und aus armen Verhältnissen. Und sie haben nur eine begrenzte Zeit ihres Lebens, um groß herauszukommen. Daher ist ihnen die Bedeutung des Sports bewusst. Und daher merken sie auch sehr genau, viel genauer als andere, wenn es Schranken gibt, die sie daran hindern, sich voll zu entwickeln. Zum Beispiel Rassismus.«
In seinem jüngsten Buch, der Sozialgeschichte des amerikanischen Sports, zeichnet er materialreich das nach, was er athletic resistance nennt, einen spezifisch sportlichen Widerstand gegen die Zumutungen der Gesellschaft.
In jeden großen Konflikt der amerikanischen Gesellschaft waren Sportler involviert, der Sport war eines der zentralen Kampffelder für gesellschaftliche Emanzipation, ein paar Beispiele: In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts waren fast alle Jockeys im amerikanischen Galoppsport schwarz. 1884 spielte mit Moses Fleetwood Walker der erste (und lange Zeit einzige) Schwarze in der Major League Baseball. 1885 wurde die erste Gewerkschaft der Baseballprofis gegründet. 1908 wurde mit Jack Johnson der erste Schwarze Weltmeister im Schwergewichtsboxen – eine der meistgehassten Personen des weißen Amerika. Paul Robeson, Schauspieler, Sänger und einer der wichtigsten Männer der Bürgerrechtsbewegung, war Profifootballer.
Mit großer Kenntnis geht Zirin die amerikanische Sportgeschichte durch und sucht nach prägenden Beispielen »von unten«. Er stellt die Bedeutung von Billy Jean King und Martina Navratilova für den Frauensport heraus und zeigt, welche ungeheure gesellschaftliche Bedeutung der Baseballer Jackie Robinson und der Tennis­spieler Arthur Ashe hatten.
Und immer wieder Ali. Über Muhammad Ali hat Zirin eine Biografie geschrieben: über den jungen Schwarzen, der 1964/65 dem weißen Establishment den Krieg erklärt, der Mitglied der Nation of Islam wird, 1967 den Kriegsdienst verweigert, darauf den WM-Titel aberkannt bekommt und bis 1970 mit Berufsverbot belegt wird. Der Boxer Ali der sechziger und siebziger Jahre verkörpert für Zirin idealtypisch die athletic resistance. Doch seit 1996 sei eine spezielle Schule dabei, die Erinnerung an Ali zu verfälschen«, schreibt er in seiner Ali-Biografie. »Sie verfolgt dieses eine Ziel: die Auslöschung dessen, was Ali war, und der Wirkung, die Ali auf alle hatte, die um ihn herum waren.«
Zirins Stärke ist es, die politische Wirkung von Sportlern nicht darin zu suchen, dass sie sich auch mal zu etwas Außersportlichem äußern, sondern dass sie ihr ureigenes Feld, den Profi­sport, als Kampffeld für gesellschaftliche Emanzipation verstehen. Doch gerade da, wo Zirin seinen Prototyp des politischen Sportlers entdeckt zu haben glaubt, bei Ali, kippt seine Argumentation. Hier glaubt er tatsächlich, dass die enorme Reputation, die Ali mittlerweile in der gesamten amerikanischen Gesellschaft genießt, nur als eine, von verschwörerischen Kräften bewirkte, Entpolitisierung zu verstehen sei. Ja, dass Ali, sagte er heute Dinge, die er in den Sechzigern gesagt hatte, »auf einen One-Way-Trip nach Guantánamo geschickt« würde. Plötzlich schaut Zirin nicht mehr auf den Sportler Ali, sondern auf den politischen Redner – und den will er keiner Kritik mehr ausgesetzt sehen.
Auf ähnliche Weise glaubt Zirin sogar dann eine sympathische Form von athletic resistance zu erkennen, wenn türkische Basketballfans in diesem Januar die israelische Mannschaft Bnei Hasharon in Ankara mit »Israeli Killers« empfingen, so einen Abbruch eines Europapokalspiels und die Flucht der bedrohten Israelis in die Kabinen erzwangen.
Angesichts dieser Beispiele irritiert vielleicht die Behauptung, dass Zirin dennoch seinen Ruf als kreativster und innovativster Kopf des gegenwärtigen US-Sportjournalismus verdient hat. Aber: Er hat sich das Lob nur genau da verdient, wo er nicht von Sportlern und Fans im besten Fall platte und pseudolinke Sätze einfordert, die, wie im konkreten Fall der türkischen Fans, sogar jeden humanitären und emanzipatorischen Anspruch vermissen lassen. Sondern eben da, wo er den eigenen gesellschaftlichen Beitrag des Sports zu Konflikten aufzeigt. (Das wäre, um kurz beim Beispiel des geplatzten Bnei-Hasharon-Auftritts in Ankara zu bleiben, nur dann gegeben gewesen, wenn die israelischen Sportler als eben das: als israelische Sportler, die mit vollem Recht eine Teilhabe an sportlichen Wettbewerben fordern, wahrgenommen worden wären. Zirin verlässt, wenn er den Mob glaubt loben zu müssen, seinen eigenen, so verdienstvollen Ansatz der Sportbetrachtung.)
»Gute Sportjournalisten müssen vor allem gut zuhören können«, sagt Dave Zirin. »Den Sportlern, den Fans, allen, die irgendwie am Sport beteiligt sind. Das, was man auf dem Sportplatz und auf den Tribünen hört und sieht, muss man für seine Leser übersetzen können: dass es nicht mehr als das unverstandene Einzigartige erscheint, sondern dass man es gesellschaftlich einordnen kann.« In diesem Sinne ist ein Strike im Baseball, eine cross geschlagene Rechte im Boxen oder ein Field Goal im American Football ein politischeres Statement als eine anschließende Pressekonferenz des erfolgreichen Sportlers, in der er sich zu der Gesundheitsversicherung oder dem Nahost-Konflikt äußert. Je nachdem wer den Treffer erzielte (oder gegen wen er erzielt wurde), ist es auch ein sehr wirkungsvolles linkes Statement.
»Ich kenne die Sprüche von Linken, die über mich sagen: Der ist ja nur ein Sportschreiber«, erzählt Zirin. »Ich antworte immer: Lass uns doch über Sport reden, über den Sport in der Politik und über die Politik des Sports. Dann wird klar, warum Sport wichtig ist.«

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