Ein Buch von Gerd Koenen über Che Guevara

Phantasialand der Weltrevolution

Gerd Koenen betätigt sich als Mythenkiller. In seinem hervorragenden Buch analysiert er die Traumwelt des Medizinstudenten und Guerilleros Ernesto »Che« Guevara.

Von Uli Krug
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Traumpfade« – so lautete der deutsche Titel des 1987 veröffentlichten Aborigine-Romans des Briten Bruce Chatwin. Auf den »Songlines« der Ureinwohner erläuft sich der Erzähler im wahrsten Sinne des Wortes eine Art von mythologischer Traumkarte des australischen Kontinents. Indem Chatwin den Gesängen und Wanderrouten der Urein­wohner folgt, erschafft er sich eine Parallelwelt friedlicher Nomaden, deren Trance-Kosmos erst von der Zivilisation, dem Eigentum und der Sesshaftigkeit zerstört werden.
Auch die Traumpfade des Weltrevolutionärs Ernesto »Che« Guevara, die Gerd Koenen in seinem Buch rekonstruiert, führen durch mythi­sches Terrain. Denn die Welt, in der Guevara sich zu bewegen meinte und für die er sich als »neuer Mensch« der Zukunft erfand, war nicht die Realität Kubas, des Kongo oder Boliviens; es ist ein erträumter Kontinent, der Trikont des ar­gentinischen Medizinstudenten, dessen Gesänge aus den Büchern stammten, die er stets in gro­ßer Menge mit sich herumschleppte – und in denen der Comandante Guevara gegen Ende des an sich völlig absehbaren Bolivien-Desasters deutlich lieber las, als seinen verbleibenden Gefährten realistische Befehle zu geben. Düster brütend, auf einem Eselchen sitzend und vom Asthma gepeinigt, trabte der Superheld nicht nur seiner, sondern auch späterer Generationen, gleich einem modernen Don Quichotte, in den Hinterhalt, den er wohl eher ersehnte denn fürchtete.
Den Vergleich mit der eigentlich tragikomischen Romanfigur Cervantes’ hätte Guevara übrigens keineswegs als ehrenrührig empfunden – im Gegenteil: Der aufrechte Idealist der verlorenen, weil edlen Sache ist in der latein­amerikanischen Auffassung alles andere als eine Witzfigur, sondern der ersehnte heldisch-männliche Antipode des geschäftstüchtigen Grin­gos aus dem amerikanischen Norden, den Guevara als Abkömmling einer verarmten Familie der argentinischen Rinderaristokratie schon abgrundtief hasste, bevor er noch das Geringste von tatsächlichen Missständen wusste – beispielsweise in den United-Fruit-Halbkolonien Mittelamerikas. Für die interessierte er, der sich in Briefen tatsächlich als auf Rosinante reitend und sein Messer ins Ausbeuterblut tauchend imaginierte, sich ohnehin zeitlebens nur oberflächlich; zu kleinlich und materialistisch kamen ihm, dem nach Ruhm und vor allem Nach­ruhm gierenden Narziss, die bisherigen Revolutionen Lateinamerikas vor. Dass Guevara seine Guerilla-Aktivitäten 1966/67 ausgerechnet ins ländliche Bolivien verlegte, hängt mit dieser Ignoranz (und einem existenzialistischen Helden- und Todeskult) zusammen. Denn kaum eine Ge­gend wäre dafür ungeeigneter gewesen, da Bolivien eine Agrarreform in Gang gesetzt hatte und die Bauern des Landes eine besondere Loyalität der Armee gegenüber hegten, garantierte sie doch diese Reform und stellte zugleich das Tor zur alphabetisierten Welt dar.
Solche Überlegungen überhaupt anzustellen, war aber Guevaras Sache niemals. Er bezog seine »Songlines« lieber aus der exaltierten Süd­amerika-Phantasie eines Pablo Neruda. Dessen in spätstalinistischem Pathos gehaltener »Canto general« war Guevara Geschichtsbuch wie Land­karte zugleich. Nerudas Vorstellung einer geradezu »kosmischen Rasse«, die sich in Latein­amerika konstituiert habe aus den Abkömmlingen Asiens (Indios) und Afrikas (ehemalige Sklaven) – kombiniert mit einem Schuss Conquis­tadorenblut –, blieb für den Argentinier, der als junger Mann durch den Subkontinent trampte, die Leitidee seines späteren Handelns und Schreibens.
Zu Neruda gesellten sich alsbald dann andere Autoren, die der begnadete Eklektizist Guevara tatsächlich »undogmatisch« zusammenstellte. Aus gutem Grund mischten sich hier Nietzsche, Trotzki, Mao und Stalin. Sie alle trugen zu Guevaras Idee bei, dass eine bewusste Guerilla-Avantgarde, zusammengeschweißt in nahezu übermenschlicher Anstrengung, durch einen armageddon-artigen Endkampf der trikontinen­talen Menschheit einen Sozialismus gerechter Bescheidenheit bringen werde.
Diese Lust an der purifizierenden Apokalypse eben war es, die das viel besungene Undogmatische des Che ausmachte. Tatsächlich wandte sich Guevara dezidiert gegen jede Art des »Revisionismus« wie die »friedliche Koexistenz« zwischen Sozialismus und Kapitalismus oder den Einbau »materieller Anreize« in die »sozialistische Produktion«.
Che wurde in Moskau denn auch besonders scharf beäugt, als der frischgebackene kubanische Wirtschaftsdiktator darauf bestand, ausgerechnet Stalins Grab einen offiziellen Ehrenbesuch abzustatten. An Stalin störte den kubanischen Gast eigentlich nur dessen vermeintliche Inkonsequenz, die der Che für den Beginn der Verweichlichung des realen Sozialismus hielt. Der Comandante selber hingegen setzt in seinen Schriften – in den nachgelassenen eher noch deutlicher als in den zu Lebzeiten bzw. kurz danach veröffentlichten – ganz auf Zwangskollektivierung, Kriegskommunismus und Moral statt Lohn. Für die dekadente Lebensweise vieler seiner heutigen Verehrer hätte er also nicht viel übrig gehabt, schienen ihm doch allein die Bauern der »imperialistischen Metropolen« revolutionierbar, während alle anderen Klassen korrum­piert seien und sich um des Konsums willen an der Ausbeutung der Dritten Welt beteiligten.
Aber der Che-Kult widersetzt sich der historischen Wahrheit und stellt deshalb auch nicht das Denken des Ernesto Guevara in den Vordergrund. Im Gegenteil, der heutige Rummel um Ernesto Guevara bleibt absichtsvoll undeutlich. Denn nur so kann man gefahrlos sein eigenes »Unbehagen in der Zivilisation« in der Kunstfigur des Che ausleben und zugleich die Konsequenzen verdrängen, die der echte Che in tatsächlich ebenso drastischer, verrückter wie charismatischer Weise zog.
Für das Leben und die Vorstellungen dieses ech­ten Che war der Widerspruch zwischen den realen Bedingungen und der Traumwelt einer im Trikont erneuerten »Weltrevolution« schicksalhaft. Das arbeitet Gerd Koenen in jeder nur denk­baren Hinsicht und in bestechender Klarheit heraus. Sein Buch ist insofern so, wie ein Mythen­killer sein muss: sachlich, vielseitig, bisweilen lakonisch und bestens informiert. Die Exaltationen kubanischer Selbstdarstellung kontert er mit einer ungeschminkten Schilderung der politischen Vita Fidel Castros, die Bedeutung Kubas als sozialistisches Tropenparadies für die DDR-Jugend analysiert er am Beispiel Tamara Bunkes, des ewig romantischen FDJ-Mädchens in Ches Truppe. Auch die gängigen Vorstellungen vom ewig und abgrundtief bösartigen Konterrevolutionär und Blutsauger USA werden relativiert, sowohl in politischer wie ökonomischer Hinsicht. Das einzige, ab und an lästige Manko des Buches liegt dennoch genau hier. Mit dem Antiamerikanismus scheint es sich ein wenig wie mit der Malaria zu verhalten: Auch wenn man sie überwunden hat, gibt es doch immer wieder Krankheitsschübe. Wie unter Zwang und aus dem Zusammenhang der eigenen Analyse gerissen, klopft Koenen dann Sprüche wie den folgenden: Die Amerikaner handeln in »einer bibelfesten Überzeugtheit von sich selbst, die nie verstehen kann und konnte, warum so viele starrsinnige Völkerschaften dieser Erde nach einer anderen Fasson und anderen Uhr lebt­en«. Doch solche allzu deutschen Entgleisungen sind selten, das Buch ist ansonsten uneingeschränkt empfehlenswert.

Gerd Koenen: Traumpfade der Weltrevolution. Das Guevara-Projekt. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 602 Seiten, 24,95 Euro