Charla Muller: »365 Nächte. Ein intimer Erfahrungsbericht«

365 Mal einfach so daliegen

Jeden Tag Sex haben, nicht nur am Valentinstag! Was dabei herauskommt, wenn Mittelklasse-Ehefrauen Bücher über ihr
Sexleben schreiben, hat Theodora Becker erkundet, die ein Buch voller pikanter Details erwartete und einen Beziehungs- und Gesundheitsratgeber vorfand.

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Der Titel verheißt mir pikante Details über die nächtlichen Aktivitäten der Autorin (»Ein intimer Erfahrungsbericht«), was natürlich der einzige Grund für mich war, das Buch in die Hand zu nehmen. Doch weit gefehlt! Zwar ist dem Klappentext zu entnehmen, dass Charla Muller ihrem Ehemann »als Geburtstagsgeschenk ein Jahr lang täglich Sex« schenkt (mit ihr selbst natürlich – was dachten Sie denn?). Aber zu lesen bekommt man ganz andere Dinge. Pausenlos geht es um Erledigungslisten, Kinderbetreuung, Karriere, Familienurlaub, Thanksgiving-Festmahle, Kochsendungen, Football, Freun­dinnen und schließlich »Intimität«. Worauf habe ich mich da nur eingelassen!
Die gefühlten 90 Prozent, die sich dem profanen Alltag widmen, ignoriere ich jetzt einfach und konzentriere mich auf die aufschlussreichen Einblicke, die die Autorin in ihr eheliches Sexleben gewährt.
Geschult an Al Bundy, war mein erster Gedanke zu Charlas Geschenkidee ungefähr dieser: Der arme Mann! Was könnte schlimmer sein, als jeden Tag Sex mit der eigenen Ehefrau haben zu müssen! Bei dieser Aussicht kann er sich auch gleich aus dem Fenster stürzen. Charla Muller freilich stellte sich die Reaktion ihres geliebten Ehemannes Brad, mit dem sie seit acht Jahren verheiratet ist, ganz anders vor. Schon zu Beginn überschlägt sie sich fast vor Begeisterung für ihre Geschenkidee, die sie für ziemlich verrückt hält. Es sei »das ultimative Angebot, etwas, das man (lies: Mann) sich sonst nur in den kühn­sten Träumen ausmalt«. Wohl in denselben kühnen Träumen, in denen man davon träumt, eine Frau zu treffen, die sich für Baseball inter­essiert. Folglich scheint es Charla undenkbar, dass irgendein Mann, der bei Sinnen ist, auch nur eine Sekunde darüber nachdenken würde, das Geschenk anzunehmen – ach was, er würde sich »vor lauter Verzückung über die Aussicht auf tägliche sexuelle Erfüllung« sofort nackig machen und im Wohnzimmer auf und ab hüpfen.
Brad aber reagiert schockierenderweise erst mal zurückhaltend. Was Charla dazu veranlasst, darüber zu sinnieren, was mit ihrem Mann wohl nicht stimmen mag. Schließlich hegt sie die feste Überzeugung, dass »jeder Mann zu ­jeder Zeit Lust auf Sex hat« – ganz egal, ob er seine Ehefrau (oder wer oder was da sonst gerade herumsteht bzw. -liegt) attraktiv findet oder nicht. Die Sexyness der Ehefrau wäre vielmehr eine Art hübsches Extra, das zum Vergnügen noch dazu käme. Brad dagegen stellt die äußerst irritierende Behauptung auf, »damit ein Mann täglich Sex mit seiner Ehefrau haben könne, müsse er sich – körperlich wie emotional – von ihr angezogen fühlen«! Ist er ein Alien, oder leidet er nur an krankhaftem Testos­teronmangel?
Doch wie sich zum Glück bald herausstellt, ist Brads anfängliche Zurückhaltung nicht darauf zurückzuführen, dass seine Ehefrau ihn nicht anmacht, sondern vielmehr auf seine Befürchtung, diese könnte ihr großzügiges Geschenk ihrerseits vielleicht nicht »mit allen Konsequenzen« durchdacht haben. Schließlich ist es für eine amerikanische Mittelklasse-Ehefrau, wie wir erfahren, eine ziemliche Zumutung, einfach so mit ihrem Mann zu schlafen. Dazu ist schon ein triftiger Anlass nötig, wie etwa Valentinstag, Geburtstag, Silvester oder Hochzeitstag. Eine Ausnahme stellt lediglich der dringende Wunsch nach Fortpflanzung dar: »Frauen haben wohl einen starken, biologisch bedingten Gebärtrieb, den ich durchaus mit dem starken Sexualtrieb der Männer vergleichen möchte … « Um Sex zu vermeiden, lassen sich Frauen allerlei Tricks einfallen, wie zum Beispiel, abends immer erst zwei Stunden nach dem Ehemann schlafen zu gehen, damit der schon schnarcht, wenn die Ehefrau ins Zimmer schleicht. Zum Glück kommen selbst die dauergeilen Männer nicht auf die wahnwitzige Idee, tagsüber Sex zu haben. Ach nein, dafür ist zwischen Kindern, Kirche, Küche und Karriere wirklich keine Zeit!
Ihre Freundinnen aus dem Literaturkreis, denen sie von ihrem »großartigen Geschenk« berichtet (denen vom Frauen-Bibelkreis verschweigt sie das vorsichtshalber), sind entsprechend irritiert: »Was machst du denn dann zu besonderen Anlässen?«, »Was auch immer du da veranstaltest – sag es bloß nicht meinem Mann!« und »Sag mal, warst du betrunken?« lauten die ersten Reaktionen.
Doch Charla ist fest entschlossen, dem »üb­lichen Machtspiel zwischen Eheleuten« ein Ende zu bereiten und ein Jahr lang mit Brad beim Sex »dasselbe Ziel« zu verfolgen. Dieses Ziel besteht freilich nicht im Lustgewinn, jedenfalls nicht für Charla, sondern vielmehr in der gesundheits- und beziehungs­fördernden Wirkung der »täglichen Intimität«. Den Vergleich von ehelichem Beischlaf mit dem Besuch eines Fitnesscenters findet Charla sehr treffend: »Du weißt genau, dass es gut für dich ist. Du machst es nicht gern, aber wenn du erst mal da bist, freust du dich, dass du soweit gekommen bist, und machst fröhlich mit. Und du bereust es niemals.« Von wegen ungezügelte Leidenschaft – Sex ist Arbeit! Jawohl! Die zahlt sich für die treusorgende Ehefrau dadurch aus, dass sie damit ihren Ehemann glücklich macht. Denn auf rätselhafte Weise scheint Sex bei der männ­lichen Bevölkerungsgruppe sonderbare Glücksgefühle auszulösen, was vermutlich genetisch bedingt ist. Doch wie dem auch sei, ein sexuell befriedigter Mann ist einfach umgänglicher, tut mehr im Haushalt, hat bessere Ideen für die Wochenendplanung und passt auch mal auf die Kinder auf. Und so können von regelmäßigem Sex alle profitieren. Zwar stellt Charla – für sie völlig überraschend – auch fest, dass selbst sie beim Sex manchmal »eben dieses Glücksgefühl« erlebt (hm, ob sie wohl Orgasmen meint?), obwohl sie doch »dem anderen Geschlecht« angehört. Allerdings führt diese Erkenntnis keineswegs dazu, dass sie dieses Glückgefühl als Ziel ihrer sexuellen Bemühungen sieht.
Und so entspinnt sich im letzten Kapitel folgender Dialog zwischen den Eheleuten: »Ich liege im Bett und lese. Brad kommt ins Zimmer. Ich seufze, lege das Buch zur Seite und mache mich bereit, was bedeutet, dass ich einfach daliege. (…) Er seufzt. ›Könntest du nicht wenigstens so tun, als ob du Lust darauf hättest? Ich meine, könntest du mich nicht ein bisschen verführen?‹ Anstrengen? Verführen? (…) Nun habe ich 354 Tage hintereinander mit ihm geschlafen und plötzlich will er verführt werden? ›Willst du mir etwa sagen, dass du nach elf Monaten und zwanzig Tagen täglichem Sex mehr willst?‹ fragte ich ihn. ›Ich will nicht mehr, ich will besser.‹ Das war ja geradezu dramatisch. ›Entschuldige bitte, aber könntest du das konkretisieren? Was ist besser, als ein Jahr lang jeden Tag Sex mit deiner Frau zu haben?‹ ›Naja, es zählt doch gar nicht richtig, wenn du einfach nur daliegst und nichts machst.‹ Moment mal! Wir haben von Anfang an alles genau besprochen und es war nie die Rede davon, dass ›einfach nur daliegen‹ nicht im Sinne der Vereinbarung sei! Außerdem war es vor unserem besonderen Arrangement häufig so, dass ich ›einfach nur dalag‹, und ich wage zu behaupten, dass die meisten amerikanischen Ehefrauen viele Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte, ›einfach nur daliegen‹.« Dabei muss man Charla in einem Punkt leider Recht geben, »einfach nur daliegen« zählte durchaus. In den zu Beginn detailliert festgelegten Bedingungen hieß es eindeutig: Beide Teilnehmer müssten »aktiv daran beteiligt sein« (das heißt, beide müssten wach sein, sonst zählte es nicht). »Daliegen« ist also aktive Teilnahme im Sinne der Vereinbarung. Sorry, Brad, immer sorgfältig das Kleingedruckte lesen, bevor man unterschreibt!
Und: Sorry, Theodora, immer kritisch den Werbetext begutachten, bevor man ein Buch in der Annahme liest, es handle sich um Pornographie.

Charla Muller: 365 Nächte. Ein intimer Erfahrungsbericht. Aus dem Amerikanischen von Annette Hahn. Verlag Kein und Aber, Zürich 2009. 272 Seiten, 16,90 Euro