Alexa Hennig von Lange: »Peace«

Freak Show

Der Roman »Peace« von Alexa Hennig von Lange hat alles, was man als Leser erwarten durfte: banale Dialoge, eindimensionale Charaktere und eine überzeichnete Handlung mit viel zeitgeschichtlichem Ballast. Oliver Schott musste ihn lesen

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Warum sollte ein vernünftiger Mensch sich für den neuesten Roman von Alexa Hennig von Lange interessieren? Die Antwort lautet natürlich: Das sollte er gar nicht. Interessanter als der Roman selbst ist eigentlich die Verlagswerbung: »Und Sie glauben, zum Thema Feminismus ist schon alles gesagt?« So pflaumt man im Hause DuMont die Leserschaft von Büchern des Frühjahrsprogramms an. Damit ist die vom Verlag anvisierte Zielgruppe klar genug umrissen: mehr oder weniger antifeministische Personen (wer sonst glaubt, zum Thema Feminis­mus sei nichts mehr zu sagen?) mit niedrigen literarischen Ansprüchen (wie die Weigerung, den Konjunktiv zu verwenden, deutlich macht). Es ist auch schon das Beste, was sich über »Peace« sagen lässt, dass es sich (anders als die irreführende Inhaltsangabe der Verlagswerbung vermuten lässt) bei dem Roman nicht um das tausendste Pamphlet gegen die Achtundsechziger und den von Jungkonservativen regelmäßig mit der Linken verwechselten Liberalismus handelt.
Der Roman spielt Anfang der neunziger Jahre in Hannover; dem Plot nach handelt es sich um eine Coming-of-age-Geschichte, erzählt aus der Perspektive des zunächst 17jährigen Jo­shua. Seine Mutter Renate, auch bekannt unter ihrem Spitznamen Bonnie, ist ein komplett durchgeknallter Althippie. Sein Ziehvater Rainer, ein ehemaliger Kommunist, hat sich schon vor Jahren aus dem Staub gemacht, um mit seiner Zweitfamilie ein erfolgreiches Spießerleben zu führen.
Die Handlung setzt damit ein, dass Renate vom tödlichen Helikopterunfall des US-ameri­kanischen Konzertveranstalters Bill Graham erfährt, bei dem es sich um ihren Ex-Mann handeln soll. Ohnehin schon ein psychisches Wrack sondergleichen, erschüttert diese Nachricht Renate derart, dass sie sich in unbefristete Isolationshaft in der Gästetoilette begibt. Mit kurzen Unterbrechungen bleibt sie dort auch mindestens eineinhalb Jahre lang, nämlich bis zum Ende des Romans. Aber schon nach wenigen Minuten im Klo fällt ihr ein, dass nichts zum Kiffen im Haus ist, weswegen sie unverzüglich Joshua zu ihrem Lieferanten schickt. Die­ser, ein ziemlich abgewrackter und unappetitlicher Verlierer namens Willem, dessen Berufskleidung aus einer Unterhose und einem Seidenkimono besteht, stellt sich dem ahnungslosen Joshua als sein leiblicher Vater vor.
Die Belastung durch seine unglaublich ­nervtötenden Eltern, zwischen denen er für den Rest des Buches als Drogenkurier hin- und hertingelt, bringt Joshua dazu, selbst Erleichterung im Konsum von LSD und Kokain zu suchen – den Stoff stellt ihm Willem groß­zügig zur Verfügung. Den verstorbenen Bill Graham erwählt sich Joshua zum imaginären väterlichen Freund, mit dem er stille Zwie­sprache hält, wenn die Ereignisse ihn überfordern.
Daneben wird Joshua auch von typischeren Teenagerproblemen geplagt, und so gehört zur Romanhandlung auch die gleichfalls chao­tische Beziehung zu Swantje, einer Schülerzeitungskollegin, die zwar aus einem besetzten Haus zu Joshua und seiner Mutter zieht, sich dem Beischlaf aber verweigert, sowie die Bekanntschaft mit der manisch-depressiven Pony, die später Joshuas erste Freundin wird.
Das alles hört sich eigentlich nicht schlecht an, und tatsächlich macht das neurotische Personal den Roman leidlich unterhaltsam. Neben der mangelnden literarischen Qualität des Textes sorgt aber vor allem die völlige Eindimen­sio­nalität aller Charaktere dafür, dass man doch lieber etwas anderes gelesen hätte. Bei allen Figuren handelt es sich um Abziehbilder ohne psychologische Glaubwürdigkeit, ohne Innen­leben und ohne Individualität.
Dafür findet sich ein Übermaß an zeitgeschichtlichem Ballast unter den älteren Protagonisten. Renate, Willem und Rainer waren überall, aber auch wirklich überall dabei: in Woodstock, in Timothy Learys »League for Spiritual Discovery« und in der Neo-Sannyas-Sekte von Bhagwan Shree Rajneesh; Renate hat angeblich die Leiche von Janis Joplin entdeckt, aus deren Nachlass sie noch einen Teppich besitzt; Willem will neben Benno Ohnesorg gestanden haben, als dieser erschossen wurde; und so weiter. In der ersten Hälfte des Buches lesen sich manche Passagen wie ein Namedropping-Ma­rathon. Man wäre freilich beeindruckter von Hennig von Langes Zeitungsleserwissen, wenn sie es auch noch schaffte, insbesondere Renate und Willem einen annähernd glaubwürdigen Tonfall zu verleihen, anstatt einfach das Generation-X-Sprech ihrer sonstigen Figuren mit aufgeschnapptem Vokabular aus der Achtundsechziger-Phraseologie zu versetzen.
Auch an innerem Zusammenhang und Folgerichtigkeit mangelt es. Renate schwadroniert hemmungslos und ununterbrochen von ihrer wilden Vergangenheit, dennoch hat Joshua zu Beginn des Romans weder von seinem Vater Willem noch von Renates Ex-Mann Bill jemals gehört. Und wie sie während der eineinhalb Jahre ihres Kloaufenthalts nicht nur die Lebenshaltungskosten für sich und ihren Sohn deckt, sondern auch den nicht unbeträchtlichen Drogenkonsum in ihrem Haushalt finanziert, bleibt ein Geheimnis. Gegen Ende des Romans entschließt sich Willem unvermittelt dazu, nun transsexuell zu sein und eine Geschlechts­angleichung anzustreben – zuvor erschien er als ungebrochener Chauvinist, der bei seiner Mutter wohnt, weil seine Geliebten ihm nicht die Wäsche machen wollen. Wenige Seiten später ist die Transsexualität dann schon wieder vergessen. Hier geht es nicht um Charaktere oder ein Zeitbild oder dergleichen, sondern um eine freak show der sexuellen Revolution.
Alle Frauen in diesem Roman sind Feministinnen, und außerdem sind sie beziehungsunfähig, selbstgerecht, bar jeder Selbstreflexion – darin unterscheiden sie sich allerdings kaum von den Männern. Stärker als diese werden sie aber von psychischen Problemen geplagt, sie neigen zu hysterischem Verhalten und schieben die Verantwortung für ihr verkorkstes Leben auf ihre Eltern. Joshua träumt davon, einmal im Leben »nicht aufgrund meines Geschlechts diskriminiert« zu werden, und beklagt, »was diese ganze weibliche Identitätssucherei für einen Flurschaden auf der Welt angerichtet hat«.
Immerhin fehlen positive Kontrastfiguren. Es gibt keine glückliche starke Frau, die Karriere und Familie mühelos und ganz ohne Männerhass unter einen Hut bringen kann. Im letzten Kapitel statten Willem und Joshua Rainer einen Besuch ab. Dieser ist verheiratet, hat ein Haus mit Pool und lauter Fotos, auf denen ­seine glücklichen Kinder abgebildet sind. Aber Rainer ist ebenso egozentrisch und unfähig zur Selbstkritik wie alle anderen und erscheint in seinem kühlen Opportunismus eher noch unsympathischer. Eine Schlusspointe besteht darin, dass er berichtet, die vor kurzem auf Sendung gegangene daily soap »Gute Zeiten, schlechte Zeiten« zu produzieren. Für diese ­Serie hat Hennig von Lange einmal als Autorin gearbeitet.
Wenn die Charaktere nicht so flach, die Handlung nicht so überzeichnet, die Dialoge nicht so inhaltslos und banal wären, ließe sich die Lektüre vielleicht gerade noch ertragen. So allerdings verharrt alles in Belanglosigkeit. Am Ende fragt man sich vor allem zweierlei. Erstens, ob Alexa Hennig von Lange in folgender Äußerung Willems ihr eigenes Schaffen bewusst oder doch eher unabsichtlich charakterisiert: »Die Leute lieben Müll. Sie lieben die leichte Unterhaltung. Da kannst du nicht mit Kunst oder – ich sag mal: Tiefgang kommen. Die Leute wollen das lesen, was sie verstehen. Schön simpel muss es sein. Immer an der Oberfläche bleiben. Bloß nichts, was irgendwie anstrengend oder literarisch wertvoll sein könnte.« Und zweitens, ob der heutige Ufa-Geschäftsführer Rainer Wemcken in den Siebzigern mal etwas mit Bonnie Lipshitz McLean hatte, der Ex-Frau von Bill Graham.

Alexa Hennig von Lange: Peace. DuMont, Köln 2009. 270 Seiten, 14,95 Euro