Großbritannien will mehr Reaktoren bauen

»Grüne Energie« strahlt aus maroden Fässern

Atommüll muss unter die Erde. Das hat das britische Komitee für das Management von Strahlenabfall empfohlen. Bloß wo? Während die Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield technische Probleme hat und Atom-U-Boote im Hafen von Plymouth verschrottet werden, kommt man in der entscheidenden Frage nicht weiter.

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Gordon MacKerron, der Vorsitzende des britischen Komitees für das Management von Strahlenabfall (CoRWM), ist Realist: »50 Jahre lang hat Großbritannien Atommüll produziert, ohne einen Plan zu haben, was man damit anstellen soll.« Und da es die rund 100 000 Tonnen radioaktiven Abfalls, die derzeit in Großbritannien in verschiedenen Zwischenlagern aufbewahrt werden, nun einmal gebe, müsse man mit dem Atommüll irgendetwas anstellen – »ob wir es mögen oder nicht«.
Vor gut zwei Jahren hat das von der britischen Regierung eingesetzte Komitee seine Empfehlungen zur Endlagerung des britischen Atommülls abgegeben. Der strahlende Abfall solle an geeigneter Stelle tief im Erdboden eingelagert werden. Über die politisch brisante Frage, wo das geschehen soll, hatte das CoRWM auf Wunsch der Regierung nicht debattiert. Es empfahl lediglich eine »transparente Standortwahl«. Die könne aber nur erfolgreich sein, wenn die betroffenen Städte und Gemeinden prinzipiell bereit seien, Atommüll aufzunehmen, und an den politischen Entscheidungsprozessen beteiligt würden.

Wie »transparent« solche Probleme ansonsten gelöst werden, erfuhren jüngst die Bewohner der Küstenstadt Plymouth. Im Hafen dort liegen sieben ausgemusterte, hoch verstrahlte Atom-U-Boote der britischen Marine. Vor fünf Jahren befragte das Verteidigungsministerium die Bewohner von Plymouth zu dem Plan, die U-Boote an Ort und Stelle zu verschrotten. Die Bewohner der Stadt lehnten dies kategorisch ab.
Vorige Woche erfuhr die lokale Kampagne gegen Atomlager und Strahlung (Cansar), dass das Verteidigungsministerium bereits dabei ist, einen ausgemusterten U-Boot-Reaktor in den Militäranlagen im Hafen zu verschrotten. Die Marine be­stätigte dies und gab an, dass es sich um die erste Verschrottung eines Reaktors in Großbritannien handle. Cansar befürchtet, dass es nicht die letzte bleiben wird und das Verteidigungsministerium plant, das vor fünf Jahren von der Bevölkerung abgelehnte Vorhaben heimlich durchzuführen.
In Hinblick auf potenzielle Orte für Endlager gibt es jedoch keine Neuigkeiten. Deshalb gilt es als unwahrscheinlich, dass ein zukünftiges Endlager vor dem Jahr 2050 in Betrieb genommen werden kann. Gleichzeitig steht – ähnlich wie in Deutschland – das Ende einer ganzen Generation von Atomkraftwerken bevor. Deren Abbau wird riesige Mengen an neuem Atommüll produzieren.

Derzeit wird Atommüll in Großbritannien nur zwischengelagert – hauptsächlich in Sellafield, dem Zentrum der britischen Nuklearindustrie. Dort befindet sich auch die Wiederaufbereitungs­anlage (WAA) für abgebrannte Brennstäbe, die immer wieder in die Schlagzeilen gerät. Wie die Tageszeitung The Guardian im Januar berichtete, wird die dortige Mox-Anlage trotz Milliarden-Inves­titionen möglicherweise wegen technischer Probleme stillgelegt. Die Anlage dient zur Herstellung von neuen Brennstäben aus dem in der WAA re­cycelten Plutonium. Davon werden in Sellafield derzeit noch über 100 Tonnen gelagert.
Im vergangenen Sommer hatte die britische Umweltbehörde bereits festgestellt, dass viele der in Sellafield gelagerten Container mit Atommüll durchzurosten drohen. Die Behörde schätzt, dass 40 Prozent der Container nicht den Sicherheitsanforderungen entsprechen.

Trotz des bisher ungelösten Müllproblems ist die britische Regierung fest entschlossen, den Anteil an Atomkraft weiter zu erhöhen. Gegenwärtig werden zehn neue Reaktoren geplant. Die Regierung begründet den Ausbau der Atomenergie mit Klimaschutz und »Energiesicherheit«. Dem Energie- und Klimaschutzminister Ed Miliband zufolge handelt es sich bei der Atomenergie um »grüne Energie«. Kürzlich liberalisierte er die Genehmigungsbestimmungen für Atomkraftwerke. Somit dürfen in Großbritannien Atomkraftwerke auch in Erdbebenzonen gebaut werden.
»Angesichts des Klimawandels werden viele ihre Ansichten über Atomenergie und ihre Rolle in unserem Energiemix ändern«, sagt Miliband. Aber neben den üblichen Verdächtigen wie Greenpeace hat auch die schottische Regierung ihre Ansichten zur Atomkraft noch nicht revidiert. Schottlands nationalistische Regionalregierung plant den Ausstieg.