Nazis machen sich in Aachener Kneipen breit

Happy Hour für die Kameraden

Na dann, Prost: »Autonome Nationalisten« machen sich zunehmend im Aachener Kneipen- und Universitätsviertel breit. Dabei haben sie es nicht nur auf Cocktails abgesehen.

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Es scheint eine ganz alltägliche Szene in einer Bar in der Pontstraße zu sein, der vor allem von Studenten besuchten Kneipenmeile im Aachener Uni­versitätsviertel: Einige Jugendliche in schwarzen Kapuzenpullis nippen an ihren Cocktails. Eine Gruppe Studenten sitzt am Tisch gegenüber. Man tauscht Blicke aus. Harmlos? Draußen vor der Bar zeigen die Kapuzenträger dann, dass sie kei­nes­wegs nur auf einen geselligen Abend aus sind. Sven*, einer der Studenten, berichtet: »Schon in der Kneipe waren wir ihnen aufgefallen. Draußen telefonierten sie dann – in kürzester Zeit waren sie 15, wir konnten nur noch das Weite suchen.«
Tatsächlich handelte es sich bei den Jungs in den Kapuzenpullis um »Autonome Nationalisten«, und für Sven war es nicht die letzte Begegnung mit ihnen. Denn im Aachener Studentenviertel haben die Nazis den »Kampf um die Straße« ausgerufen.

Obwohl Nazis in den Läden des Viertels nicht erwünscht sind, ist es anscheinend schwer, dem Kultur- und Straßenkampf, mit dem die »Autonomen Nationalisten« versuchen, sich in der Aachener Innenstadt breit zu machen, wirksam etwas entgegenzusetzen. Dies zeigt die Initiative »Pontstraße gegen Rechts«, an der sich die meisten der dort ansässigen Kneipen und Cafés beteiligen. Gegründet wurde sie nach einem Vorfall während der vergangenen Fußballeuropameisterschaft, als Nazis in dem Viertel ihre Parolen grölten und die Reichskriegsflagge schwenkten.
»Das Ziel unserer Kampagne ist es, ein Klima zu erzeugen, in dem Rechte sich unwohl fühlen«, sagt Mathias Dopatka, einer der Initiatoren, im Gespräch mit der Jungle World. Im Falle der »Autonomen Nationalisten« zeigt das Vorhaben, für das eigens Kulturveranstaltungen stattfinden und Plakate geklebt werden, allerdings keine Wirkung – die Nazis trinken weiterhin unerkannt und unbehelligt ihre Getränke. Eine Kellnerin berichtet, dass die »Autonomen Nationalisten« meist ruhige Gäste seien: »Sie sind einfach nicht zu erkennen, doch hinterher muss ich die ganzen rechten Aufkleber von Tischen und Wänden kratzen.« Zwar betrachte sie die Entwicklung mit Sorge – was wirkungsvoll gegen die Anwesenheit der Nazis getan werden könnte, das wisse sie aber auch nicht. So fällt die Diagnose der Verhältnisse in der Pontstraße ernüchternd aus, denn es findet eine Normalisierung statt: Die Anwesenheit der »Autonomen Nationalisten« in den Bars ist ebenso alltäglich wie die rechte Gewalt auf der Straße.
In Räume zu gelangen, die Rechtsextremen bislang meist verweigert blieben, gelingt den »Autonomen Nationalisten« auch deshalb so leicht, weil sie linke Symbole und Dresscodes übernehmen. Die schwarzen Kapuzenpullis und die Buttons, auf denen z.B. das Logo der Antifaschistischen Aktion in einer abgewandelten, rechtsex­tremen Version zu sehen ist, gehören zu dieser Masche. Auf den ersten Blick ist es somit schwer, diese Nazis von Linken zu unterscheiden. Hinzu kommt, dass ihre Mode auch Jugendliche zunächst nicht abstößt, die mit grobschlächtigen Glatzen nichts zu tun haben wollen.

Dass in der Aachener Innenstadt mittlerweile häu­fig »Autonome Nationalisten« anzutreffen sind, hängt auch mit der Entwicklung der rechtsextremen Szene in der Region zusammen. Diese betreibt recht erfolgreich eine Art Märtyrerkult um Kevin P., der im April 2008 in Stolberg bei Aachen nach einem Streit unter Jugendlichen erstochen worden war. Die Nazis instrumentalisierten die Tat und erklärten sie zu einem politischen »Mord der Ausländer« an einem »Deutschen« und »Kameraden«. In der Folge kam es zu mehreren Demonstrationen, an denen sich bis zu 800 Rechtsextreme aus der gesamten Republik beteiligten. Bundesweit feierten »Autonome Nationalisten« die Aufmärsche in Stolberg und rühmten sich, dort ihren ersten »schwarzen Block« gebildet zu haben. Die Märtyterkampagne ging mit zahlreichen, öffentlichen Gewaltandrohungen gegen politische, meist linke Gegner einher, etwa im Internet-Blog der »Anti-Antifa Herzogenrath«, auf dem bis in den Januar 2009 hinein Bilder, Namen und Adressen von »Feinden« veröffentlicht wurden.
Die Folgen sind spürbar, wie eine von der örtlichen Antifa aufgezeichnete »Chronik der Gewalt« bezeugt: Angriffe ereignen sich in immer kürzeren Abständen – und häufiger in der Aachener Innenstadt. Das Autonome Zentrum Aachens wurde mehrfach mit Flaschen beworfen. Im Mai 2008 ereignete sich eine rassistisch motivierte Schlägerei während eines Fußballspiels zwischen dem BC Kohlscheid und dem SC Yur­dumspor. Auf einem Dorffest in Simmerath im Kreis Aachen schlug im Juli ein Mitglied der Kameradschaft Aachener Land (KAL) eine Person nieder, die sich über die Anwesenheit der Nazis beschwert hatte. Im September griffen »Autonome Nationalisten« am Aachener Elisenbrunnen Jugendliche mit Flaschen und Steinen an. Diese Liste ließe sich fortsetzen.
Schon im März 2008 hatten 30 Vermummte aus dem Kreis der KAL, der NPD, der »Autonomen Nationalisten« und rechtsextremer Fußballfans, mit Teleskopschlagstöcken und Quarzsandhandschuhen bewaffnet, mitten in Aachen vor den Augen der Polizei eine Antifa-Demonstration überfallen. Die Gewalt und die Drohungen richten sich jedoch nicht nur gegen Linke. In Stolberg skandierten »Autonome Nationalisten« nach dem Tod von Kevin P.: »Türken haben Namen und Adressen. Kein Vergeben, kein Vergessen!«

An Initiativen gegen Rechts mangelt es dabei in Aachen nicht. Nach dem Überfall auf die linke Demonstration verabschiedete der Stadtrat eine Resolution und beschloss, eine »Informationskampagne« gegen den Rechtsextremismus zu betreiben. Zudem bildete er eine Arbeitsgruppe aus Kirchenvertretern und Mitgliedern der Ratsfraktionen, des DGB und der Stiftung Aachener Friedenspreis. Der latenten Gewalt, die sich immer wieder in Angriffen Bahn bricht, ist so jedoch nicht beizukommen. Die jungen und modebewussten Nazis führen in Aachen nach wie vor den »Kampf um die Straße« und zeigen sich an den Orten, an denen sie sich – zumindest im Alltag – bislang kaum aufhalten konnten: in der Innenstadt und im Universitätsviertel. Ihre bisherigen Hoheitsgebiete vernachlässigen sie jedoch nicht: Für den 4. April rufen Nazis erneut dazu auf, in Stolberg den Märtyrerkult um Kevin P. zu pflegen. »Sicher leben – ohne Multikulti« ist das Motto der Demonstration.

*Name von der Redaktion geändert