Anna Katharina Hahn: »Kürzere Tage«

Warum am kürzeren Ende der Constantinstraße die Tage länger sind

Ein Straßenzug, zwei Welten. Anna Katharina Hahn beschreibt die unterschiedlichen Milieus der Aufsteiger und der Prekären in Stuttgart.

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Geschichten über Stadtbewohner sind auf der literarischen Landkarte meistens in Metropolen angesiedelt. Anna Katharina Hahn hat mit Stuttgart, als Handlungsort ihres Romans »Kürzere Tage«, eine wirklich clevere Entscheidung getroffen. Wäh­rend man in größeren Städten eine Distanz von mehreren U-Bahnstationen zurücklegen muss, um das Aufeinanderprallen unterschiedlicher sozialer Milieus zu schildern, reicht in Stuttgart ein einziger Straßenzug. Die Constantinstraße mit ihren prachtvollen Altbauten, den Balkons, die den Duft einer Mini-Provence verströmen, und dem Parkstreifen voller schwe­discher Familienkutschen, mündet direkt in die Hauptstraße, wo die Welt der Hochhäuser und Discounter beginnt. Das Leben der Protagonisten scheint Lichtjahre entfernt von Kehrwochen und Bausparverträgen. Bei den Aufsteigern passen diese schwäbischen Institutionen nicht mehr in das Konzept einer zur Schau gestellten urbanen Lässigkeit, und den anderen fehlt einfach das Geld für alles, auch für die Sehnsucht nach Idylle. Dieses Stuttgart könnte überall sein.
Der Roman begleitet seine Figuren in ihren All­tagsroutinen, besucht sie in ihren Wohnungen, und die präzisen Oberflächenbeschreibungen sind so messerscharf, dass sie direkt auf die Brüche in den Biografien zusteuern und die Fra­gilität der Lebensentwürfe durchscheint. Im Zentrum stehen die Nachbarinnen Leonie und Judith, die auf den ersten Blick einfach nur stell­vertretend zwei unterschiedliche Versionen einer Erfolgsgeschichte präsentieren. Leonies Mann nennt sie zärtlich »Business-Babe«, jeden Tag hechelt sie sich durch die Stationen Kita-Büro-Supermarkt-Kita, und in ihrer Freizeit arbeitet sie hart daran, dass ihr die Tennisplatzschönheit aus Jugendzeiten möglichst noch einige Jahre erhalten bleibt.
Eigentlich würde sie lieber wie ihre Eltern im Grünen am Stadtrand wohnen, aber weil ihr Gatte aus weniger privilegierten Verhältnissen stammt, hat er den Altbau durchgesetzt. »Simon geht strategisch vor. Er will die Stationen seines Erfolges auf dem Stadtplan sichtbar machen«, und die Zentrumslage garantiert maximale Aufmerksamkeit. Die Wohnung hat die Funktion einer Ausstellungsfläche, bei der Besucher angesichts ihrer Weite nach Luft schnap­pen und neidvolle Blicke auf glänzendes Eichen­parkett und Stuck werfen. Simon ist hier nicht mehr als ein Hotelgast, und während Leonie abends auf seine Rückkehr wartet, schaut sie lie­ber keine beunruhigenden Nachrichtensendungen, sondern beobachtet Judiths »Bilderbuchfamilie« im Haus gegenüber. Judith hat sich für das Hausfrauenmodell entschieden. Ihr Seelenheil findet sie in der Anthroposophie, die Söhne besuchen den Waldorfkindergarten, und mit heiligem Eifer wacht sie über die gesunde Ernährung ihrer Lieben. Wenn sie bei den Kindern den Duft von künstlichem Erdbeeraroma erschnuppert, reagiert sie mit einer Panikattacke.
In ihrem vorherigen Leben wohnte sie im Bahnhofsviertel, in depressiven Phasen kam sie nur mit Alkohol und Einkäufen bei den Dealern aus der Nachbarschaft durch den Tag. Die Heirat lieferte ganz pragmatisch die Eintrittskarte in die Welt der Erfolgreichen, ihre tägliche Dosis Sedativa braucht sie auch in der schönen Constantinstraße. Sie befinden sich, sorgfältig versteckt und mit einem Biotin-Etikett getarnt, neben den Globulinfläschchen, im Badezimmer­schrank.
Die Distanz innerhalb der Familien setzt sich auf der Straße fort. Die Kontakte sind flüchtig, persönliche Nachfragen werden mit einer hastigen Verabschiedung quittiert. Die gleichförmi­ge Struktur der Nachbarschaft wird lediglich von dem betagten Ehepaar Posselt durchbrochen, das für einen Hauch Lokalkolorit in der Romanhandlung sorgt. Die Wohnung der Eheleute ist die einzige mit schweren Gardinen vor den Fenstern, die beiden sprechen Mundart, konsumieren Hausmannskost und begreifen die täglichen Spaziergänge mit dem Hund als soziale Kontaktaufnahme. Ihre zunehmende Gebrechlichkeit lässt die jungen Nachbarn allerdings erschrocken und mit einem Gefühl des Ekels zurückweichen. Generationenverbindend ist lediglich der Austausch beunruhigter Blicke in Richtung der Hochhäuser, und die Bewohner aus der »härteren Welt« rücken unweigerlich näher.
Es beginnt ganz banal, als ein Junge aus dem Problemviertel ein Praktikum beim Feinkosthändler antritt und abends von seinen Freunden abgeholt wird. Für Stuttgart muss die Autorin keine dramatischen Bilder wie die Ausschreitungen in der Pariser Banlieue herbeizitieren, um die fragwürdige Behaglichkeit in der Constantinstraße empfindlich zu stören. Die tiefgreifende Verunsicherung setzt unmittelbar mit der bloßen Anwesenheit der Jugendlichen ein, ihr harmloser Halloweenscherz führt zur Eskalation. Der Roman folgt dem 13jährigen Mar­co auf seinem Heimweg, nachdem der Junge bei »denen da oben« die Vorgärten verwüstet hat. Hier wird grotesk und teilweise etwas über­prononciert hervorgehoben, dass zwischen der bürgerlichen und der prekären Lebenswelt nicht nur eine räumliche Nähe besteht. Auf den Straßen seines Viertels präsentiert sich der Junge cool, lässig, hartgesotten. Während Leonie, Simon und Judith ihre Rollen auch in den Privat­räumen durchhalten, bricht Marcos Fassade schon während der Fahrstuhlfahrt im Hochhaus zusammen. Das Betreten der Wohnung ist bei ihm immer mit der Angst verbunden, dass der brutale Stiefvater zu Hause sein könnte. Allerdings haben seine Eltern meistens später Feierabend als die Menschen im Altbauviertel, schließlich putzen sie die Büros der Aufsteiger. Zur Entspannung finden sich in diesem Haushalt keine verschreibungspflichtigen Medikamen­te, sondern Alkohol, und für das Körpertuning bucht man keine Pilateskurse, sondern stemmt Hanteln und geht ins Solarium. Die Unterschiede sind relativ und einkommensbedingt, die Strategien zur Alltagsbewältigung frappierend ähnlich.
Abgesehen von einigen Klischees ist »Kürzere Tage« eine präzise und melancholische Bestandsaufnahme der gegenwärtigen urbanen Ge­sellschaft, mit Menschen, die jeden Tag gegen eine Flut von Ängsten ankämpfen. In der Großstadtliteratur der zwanziger Jahre war der soziale Abstieg zwar ebenfalls das zentrale Thema, aber dort hatten die Figuren zwischendurch auch mal Zeit für einen schönen Abend. Wenn schon das satte Stuttgart wie ein Wiedergänger von Fritz Langs »Metropolis« erscheint, kann man einigermaßen beunruhigt auf den nächsten Berlin-Roman warten. Vielleicht empfinden wir Döblins »Alexanderplatz« in einigen Jahren als geradezu idyllisch.

Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage. Suhrkamp, Frankfurt a/M. 2009. 223 Seiten, 19,90 Euro