Lamento aus dem Mittelbau, Teil IV

Der Traum vom Exzellenz-Cluster

Zwischen Master und Professor, zwischen Sekretariat und Dekanat, zwischen Seminar und Gremiensitzung wird auf hohem Niveau gejammert. Lamento aus dem Mittelbau, Teil IV

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Im Haus des Henkers soll man nicht vom Strick reden. Öffentlich über den Alltag eines wissenschaftlichen Mitarbeiters in einem Institut für Neu­ere Deutsche Literatur zu lamentieren, ist doppelt unklug. Denn dort arbeiten professionelle Le­ser, die dem Nestbeschmutzer umso schneller auf die Schliche kommen könnten – wenn sie denn Zeitungen wie die Jungle World zur Kenntnis nähmen und nicht nur die »Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes«.
Wenn man den kulturpessimistischen Klagen über die Verblödung der Bachelor-Studierenden folgen wollte, könnte man annehmen, zumindest bei den eigenen Schülern werde sich ein solcher Ausbruch billigen Selbstmitleids kaum herumsprechen. Doch genauso wenig wie es »den Italiener an sich« gibt, entspricht die Projektion einer »Generation doof« der Realität, die sich Dozenten gerne leisten, um zu überspielen, dass sie sich selbst wie promovierte Hochstapler vorkommen.
Nein, so sehr man sich auch darüber wundern mag, dass es unter den Studierenden mittlerweile tatsächlich einige gibt, die im Examen nicht anzugeben wissen, wann der Zweite Weltkrieg en­dete, und die fest daran glauben, die »Wiener Moderne« sei literarhistorisch nach 1945 anzusie­deln – eine Verallgemeinerung solcher Anekdoten wäre unzulässig.
Aber worüber darf man überhaupt noch meckern zu Zeiten, da man sich doch mit einer halben BAT-IIa-Stelle zu den privilegierteren Menschen zählen sollte? Dass man genauso wie alle anderen prekär lebenden Intellektuellen so gut wie überhaupt keine Freizeit mehr hat, dass man sein Brot mit Sorgen isst und eine Fernbeziehung führt, da die in diesem Beruf verlangte »Flexibilität« dies nun einmal so mit sich bringt – das dürften kaum Nachrichten sein, die die Massen empören. Auch mit solidem Gehalt auf Lebenszeit angestellte ältere Semester, die im Alltag kaum im Institut auftauchen und höchstens dadurch auffallen, dass sie alle paar Wochen einmal in ihrem Zimmer dabei zu hören sind, wie sie husten oder leise auflachen, dürfte es überall geben.
Und doch könnte auch alles noch ein bisschen schöner sein. Natürlich würde man alles dafür tun, um als engagierter Nachwuchswissenschaft­ler eine Stelle im so genannten Exzellenz-Cluster »Languages of Emotion« an der FU Berlin zu bekommen – auch wenn dieser Name so klingt wie der Titel einer an der Duftöltheke des »Body Shops« erstandenen Wohlfühl-CD. In Neukölln wäre zumindest vorläufig die Miete bezahlbar und nicht so hoch wie in diesen muffigen deutschen Universitätskleinstädten, in die man uns so gerne verbannt.
Auch gegen ein sicheres Auskommen an der Ludwig-Maximilians-Universität München hätte man nichts einzuwenden. Das käme, was die Lebenshaltungskosten betrifft, zwar wieder teurer, aber man könnte samstags beim Ordnen der Gedanken auf den vollgeschissenen Isarwiesen entlangflanieren und den Horden von Yuppie-Hündchen, die da Gassi geführt werden, bei der gegenseitigen Zerfleischung zusehen. In hippen Cafés wie dem »Soda« in der Türkenstraße hörte man dann, vielleicht versteckt hinter einer Süddeutschen Zeitung, zur Entspannung den neureichen Boheme-Damen dabei zu, wie sie sich Tipps zum schonenden Waschen ihrer neuen Kaschmirmän­tel gäben.
Seit allerdings neulich in der Zeit von einem Besuch bei der Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger berichtet wurde, gibt es ein neues, unerreichbar erscheinendes Ziel: eine nette Stelle an der University of California in Irvine. Offenbar fährt man dort einfach im Bademantel von einem Pool zum nächsten. Der Himmel ist von unbeschreiblich tiefem Blau, und die Sonne scheint hell. Erst wenn der deutsche Akademiker ausgewandert ist, kann er auftatmen. Auf nach Irvine!