Der Film »Dorfpunks«

Lächelnde Punks

Über die Verfilmung des Provinzklassikers von Rocko Schamoni

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Der Film beginnt mit ruhigen Landschaftsaufnahmen. Ganz behutsam entsteht auf der Leinwand die Idylle der Holsteinischen Schweiz. Die Wellen der Ostsee, sattgrüne Wiesen, eine sonnenbeschienene Waldlichtung, und über allem liegt das leise Summen der Insekten. Dann betritt eine Gruppe von Punks die Bildfläche, und allein schon die schweren Lederjacken bilden einen eindrucksvollen Kontrast zu dieser leichten Sommerluftigkeit. Ihre mit Bier und Zuckerwasser gestylten Frisuren trotzen dem Wind, die Schritte mit den Springerstiefeln bleiben allerdings seltsam lautlos auf der staubigen Dorfstraße.
Bald werden sie aus Langeweile eine Band gründen, desaströse Konzerterfahrungen sammeln und die ganze Palette von Pubertätsdramen erleiden, die das Leben so bereithält. Schon in den ersten Minuten des Films versteht der Zuschauer intuitiv die innige Verbindung von Punk und Provinz. Während die Einstürzenden Neubauten den Sound der Großbaustelle Berlin in ihre Musik aufnahmen, ging es in den ländlichen Regionen der Republik um die maximale Zerstörung von Stille und lähmender Beschaulichkeit, hier vermisste man nichts sehnsüchtiger als den Krach. In diesem Zusammenhang erscheint es nur folgerichtig, dass die erste Band von Jochen Distelmeyer »Die Bienenjäger« hieß und im eintönigen Kurort Bad Salzuflen lange nach Punk weiterhin Punk probte.
Regisseur Lars Jessen hat bei der Besetzung größtenteils auf Darsteller ohne Filmerfahrung zurückgegriffen, und diese Entscheidung war nicht nur budgetfreundlich, sondern passt auch zum Punk-Mantra des genialen Dilettantismus. Bei den meisten Figuren funktioniert dieses Konzept, ausgerechnet beim Hauptdarsteller ist die Sache leider schiefgegangen. Cecil von Renner spielt Malte alias Roddy Dangerblood, und er lächelt in fast jeder Einstellung. Er lächelt sich durch die verhasste Töpferlehre, er zeigt enthusiastische Freude bei den Bandproben, obwohl das Schlagzeug auch in der x-ten Wiederholung den anderen Instrumenten um einige Takte hinterherstolpert. Das Dauerlächeln verschwindet nicht einmal aus seinem Gesicht, als er von nationalistischen Dorfprolls brutal zusammengeschlagen wird.
In seinem Roman schreibt Schamoni den schönen, weil zeitlos zutreffenden Satz: »Mit der Pubertät fing es in mir an zu regnen.« Diese Worte bringen die Adoleszenz präzise auf den Punkt. Unsere großen Brüder haben nicht gelächelt, sondern mit militärischer Strenge ihre Plattensammlung bewacht. Und Humor bedeutete für sie im besten Fall, dass der kleinen Schwester unter dem Weihnachtsbaum nicht die sehnlichst erhoffte Musik von »The Cure«, sondern mit hämischem Grinsen und angeekelt gespreizten Fingern eine Rick-Astley-Platte überreicht wurde. Die poppigen Jungs des örtlichen Tennisvereins, deren leuchtende Polo-Shirts vor allem bei unseren Müttern auf Begeisterung stießen, schauten auch nie freundlich, sondern kräuselten lediglich verächtlich die Oberlippe. Die Schulkollegen saßen mit verschränkten Armen und verschlossenen Gesichtern in der letzten Reihe. Falls zufällig während eines Gesprächs in einem Moment höchster Unachtsamkeit ein Lächeln über das Gesicht eines Jungen huschte, war allen Beteiligten klar, dass sich dieser Fauxpas so schnell nicht wiederholen würde. Bei Generationen von Mädchen war die Nachricht: »Er hat mich angelächelt!« ja nicht einfach so, sondern aufgrund absoluter Seltenheit so sensationell. Daran hat sich nichts geändert, blickt man heute auf der Straße in die Gesichter von Jugendlichen, hat man nicht den Eindruck, dass sie gerade eine besonders beglückende Zeit erleben.
Abgesehen von der enervierenden Fröhlichkeit des Hauptdarstellers hat der Film aber auch schauspielerische Lichtblicke. Pit Bukowski gelingt ein wunderbar verbissener Musiknerd, der einen Bandauftritt ruiniert, weil er meint, dass das Publikum dringend auf eine umfangreiche, theoriegesättigte Definition von Punk wartet. Ole Fischer überzeugt als konsequent wirrer Drogentester »Fliegevogel«.
Der Film zeigt eindrucksvoll den Hass der dörflichen Gemeinschaft, die 1984 allein schon auf bunt gefärbte Haare allergisch reagierte. Er begleitet seine Figuren feinfühlig und nicht herablassend bei den ersten enttäuschenden sexuellen Erfahrungen, und auch die obligatorische Wohnzimmerzerstörung bei einer Geburtstags­party tappt nicht in die Klischeefalle, weil bewusst kein Eskalationspunkt gesetzt wird, sondern irgendwann so viele Flecken und Brandlöcher den Teppich übersäen, dass der Rest auch schon egal ist. Konsequenterweise endet die Party, als die Anlage den Geist aufgibt und die strapazierte Gastgeberin wirklich keine Lust mehr hat.
In Interviews hat der Regisseur darauf hingewiesen, dass für ihn das Thema Freundschaft im Mittelpunkt von »Dorfpunks« steht, es soll um diesen letzten gemeinsamen Sommer gehen, bevor alle in die großen Städte weiterziehen und nur wenige im Dorf zurückbleiben. Genau hier zeigt der Film aber Schwächen, es gibt nicht die typischen Hierarchien als charakteristisches Merkmal von Jungscliquen, und im Unterschied zum Roman fehlt die Ebene der Melancholie. Auch dramatische Szenen, wie das Abfackeln von Strandkörben oder das kollektive Beinahe-Ertrinken im Meer, produzieren zwar schöne Bilder, laufen aber letztlich ins Leere. Augenblicke von großer Verzweiflung oder Sehnsucht überfordern die Schauspieler.
Seine stärksten Momente entwickelt der Film, wenn es um Musik geht. Roddys stets um Liberalität bemühte Eltern blicken starr in Richtung Wanduhr, während im Raum nebenan seit Stunden geprobt wird. Man sieht klägliche Versuche, die Nervosität vor den Bandauftritten lässig zu überspielen, spürt die Panik, wenn das Repertoire nicht reicht und sich das Publikum als johlende, bedrohliche Masse vor der Bühne aufbaut. Schön sind auch die Aufnahmen von Disco Meier’s, wo die staksenden Tanzbewegungen der Dorfjugend an eine nachmittägliche Seniorenveranstaltung erinnern, weil hier einfach noch keiner weiß, wie er mit seinen ziemlich neuen Körperproportionen umgehen soll.
Das Thema Punk als generationenübergreifendes Modell wird charmant mit der Figur Paul Maschers gestreift. Axel Prahl spielt den Kneipen­wirt so kongenial, dass man sich an Rainald Goetz in seinem »We’ll never stop living this way«-T-Shirt erinnert und gleichzeitig hofft, dass Thomas Meinecke in seinem oberbayerischen Dorf eine ähnlich magnetische Anziehung auf die ortsansässige Jugend ausübt. Die Musikauswahl für den Film hat Rocko Schamoni übernommen, der sich ansonsten aber in diskreter Zurückhaltung geübt hat. Dieser Soundtrack ist unglaublich laut und nah, mit Liedern, an die sich kein Achtziger-Sampler gewagt hat, und es findet sich garantiert kein minutenlanges, technisch perfektes Gitarrensolo. Das wollte nämlich damals niemand hören, geschweige denn können.

Dorfpunks (D 2009), Regie: Lars Jessen. Darsteller: Cecil von Renner, Ole Fischer, Pit Bukowski, Daniel Michel, ­Laszlo Horwitz, Samuel Auer, Axel Prahl. Start: 23. April