Indien und die Wirtschaftskrise

Nach dem Wachstum

Bei den Wahlen wird in Indien auch über die Wirtschaftspolitik der Regierung abgestimmt. Die Folgen der Krise sind auch in Indien längst spürbar.

Anzeige

Im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh sind etwa 50 Prozent der Kinder unterernährt. Armut und Mangel gehören zur indischen Realität. Sie sind jedoch nicht nur ökonomischer Rückständigkeit geschuldet, sondern sie stehen vielmehr im Zusammenhang mit ökonomischer Modernisierung. Es war ebenfalls Madhya Pradesh, wo durch den hart umkämpften und schließlich brachial durchgesetzten Bau des mit Weltbankmitteln finanzierten und unter Beteiligung des Siemens-Konzerns geplanten Narmada-Staudammkomplexes mehrere hunderttausend Menschen enteignet und zwangsumgesiedelt wurden. Für beträchtliche Teile der Bevölkerung haben gerade die letzten Jahre eher eine Verschlechterung der Lebensbedingungen mit sich gebracht, als dass sie vom wirtschaftlichen Aufstieg Indiens profitiert hätten.
Die Öffnung Indiens für den Weltmarkt seit Anfang der neunziger Jahre und die Förderung ausländischer Direktinvestitionen haben dem Land ein in seiner jüngeren Geschichte beispielloses Wirtschaftswachstum beschert, zugleich jedoch auch eine drastische Ausweitung des informellen Sektors in den städtischen Zentren, eine teilweise Zerstörung der agrarischen Subsistenzwirtschaft durch Konzerne wie Monsanto, die Reduzierung der Subventionen auf Grundnahrungsmittel und Preissteigerungen, die zumindest für das untere Viertel der indischen Bevöl­kerung existenzbedrohende Ausmaße angenommen haben.
Gerade der durch die ökonomische Entwicklung steigende Anteil der informellen Arbeit wider­legt die Thesen neoliberaler Ökonomen, die behaupten, durch kapitalistische Entwicklung und Weltmarktintegration verbessere sich die Situa­tion der Bevölkerung. So stellt etwa Johannes Jütting in einer OECD-Studie über das Wachstum des informellen Sektors, auf Indien bezogen, fest: »Selbst in guten Zeiten und mit robusten Wachstumsraten hat in vielen Regionen die informelle Beschäftigung zugenommen. Obwohl Indiens Wirtschaft in den vergangenen zehn Jahren jährlich um mehr als fünf Prozentpunkte gewachsen ist, haben die Menschen den Eindruck, dass es trotzdem keine besseren Jobs gibt. Tatsächlich müssen in Indien neun von zehn Arbeitnehmern, also rund 370 Millionen Menschen, ohne formale soziale Absicherung arbeiten.« Nicht mit eingeschlossen sind in dieser Zahl die Beschäftigten im Agrarsektor.

Zugleich entstand eine neue urbane Mittelschicht. Sie ist im Dienstleistungssektor und in der Softwareindustrie, in den gehobenen Angestelltensegmenten der großen indischen Konzerne und in den exportorientierten und von westlichem Kapital geförderten Boombranchen des indischen Wirtschaftswunders angesiedelt. Für diese immerhin etwa 20 Prozent der Bevölkerung entstanden die neuen großen Shopping Malls der indischen Großstädte, für sie wurden schmucke Reihenhausvorstädte bei Neu-Delhi, Mumbai und Kolkata mit klangvollen Namen wie »Salt Lake City« errichtet, in denen Infrastruktur und Wohnkomfort weitgehend US-amerikanischem Vorbild entsprechen. Von diesen Orten halten private Wachdienste die soziale Realität der Bevölkerungsmehrheit weitgehend fern.
Die Modernisierungsstrategie der beiden großen Parteien, der Kongress-Partei und der hindu-nationalistischen BJP, ist schon seit langem auf die Förderung dieser neuen Elite ausgerichtet, die ihre Kinder auf gehobene Privatschulen schickt und teils mit Englisch vertrauter ist als mit Hindi oder Marathi. Neben dem zunehmenden Widerstand der städtischen Arbeiterklasse wie der ländlichen Armen gegen die kapitalistische Modernisierung des Landes wird auch die Frage, ob sich die neue gehobene Mittelschicht angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise der autoritären hindu-nationalistischen Rechten zuwendet, wahlentscheidend sein.
Die Folgen der Krise sind jedenfalls auch in Indien spürbar. Zwar waren die relativ stark regulierten indischen Finanzmärkte von den Bankenpleiten des vorigen Jahres zunächst kaum betroffen. Aber die zurückgehende Investitionsbereitschaft internationaler Finanzunternehmen und die Turbulenzen, in denen sich zahlreiche in Indien vertretene internationale Konzerne wiederfanden, haben auch hier Spuren hinterlassen. So fallen denn auch die Einschätzungen und Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung Indiens sehr unterschiedlich aus. Schätzungen des IWF zufolge wird die indische Wirtschaft in diesem Jahr ein Wachstum von 5,1 Prozent verzeichnen, nach 7,3 Prozent im vergangenen Jahr.
Die Wirtschaftskrise werde Indien weniger hart treffen als andere Schwellenländer, da es sich um eine vornehmlich auf den Binnenmarkt fokussierte Wirtschaft handele, sagt der Chefstratege für Asien, Pu Yonghao, von der Schweizer Großbank UBS. Euphorie ist indes noch nicht ausgebrochen. Denn andere Experten äußern sich skeptischer. Bevor er neues Geld in indische Aktien investiere, werde er den Fortgang der Parlamentswahlen im Lande abwarten, sagt Michael Konstantinov von RCM, einem Tochterunternehmen von Allianz Global Investors in Frankfurt/Main. Hinzu kommt, dass diese, im Übrigen schon mehrmals nach unten korrigierte, Wachstumsprognose angesichts großer Infrastrukturprobleme, des Bevölkerungswachstums und der schon in Boomzeiten wachsenden sozialen Kluft de facto eine Abwärtsdynamik einleiten könnte.

Gerade auch die indische IT-Branche rutscht derzeit in die Krise. Rund 60 Prozent des Exportumsatzes macht sie mit Kunden in den USA, von denen rund 40 Prozent Unternehmen aus der Finanzbranche sind. Die IT-Branche war in den vergangenen zehn Jahren eines der Aushängeschilder der indischen Wirtschaft. Immer mehr Unternehmen verlagern IT-Dienstleistungen nach Bangalore, Hyderabad oder in neuentstandene Sonderwirtschaftszonen wie Gurgaon vor den Toren Delhis. Für das bis Ende März laufende Wirtschaftsjahr 2008 erwartet der Branchenverband Nasscom einen Umsatz von 47 Milliarden US-Dollar beim Export von Software und IT-Dienstleistungen, das sind rund drei Viertel des indischen Branchenumsatzes. Nun könnte diese Erfolgsstory abrupt enden. So erwartet Infosys, die Nummer Zwei auf dem Markt, ein schwaches IT-Dienstleistungsgeschäft in absehbarer Zukunft. »Das wird ein anhaltender Abschwung«, sagte Konzernchef Kris Gopalakrishnan kürzlich.
Der IT-Sektor war auch bisher schon eine Branche, in der für die Beschäftigten die Illusion ­eines sozialen Aufstiegs in die Mittelschicht und härteste Ausbeutungsbedingungen eng beieinanderlagen. Entgrenzte Arbeitszeiten, willkürlich hochgeschraubte Leistungsanforderungen und monatliche Massenentlassungen gehörten zur Praxis sowohl indischer Unternehmen der Com­puterindustrie als auch in Indien tätiger internationaler Konzerne wie Accenture, Bosch, Dell und IBM. Auf die zeitweilig übliche Praxis der Beschäftigten, bei Schwierigkeiten in ein anderes Unternehmen zu wechseln, wurde mit schwarzen Listen reagiert. Mit der Vernichtung der beruf­lichen Existenz wird bestraft, wer nicht gefügig ist oder sich nicht lange genug von derselben Firma ausbeuten lässt. Nun hat die Krise diese Mobilität der Arbeiterinnen und Arbeiter inzwischen stark eingeschränkt, und die Unternehmen nutzen dies, um den Druck auf ihre Beschäftigten zu erhöhen. Einerseits werden immer mehr Menschen entlassen, andererseits wird die Arbeitszeit erhöht. Dass das indische Arbeitsgesetz einen Acht-Stunden-Tag vorsieht, ist gerade in der IT-Branche reine Theorie.
Aber auch in der in den vergangenen Jahren stark gewachsenen Stahlindustrie und den anderen Fertigungsbranchen ist die Goldgräberstimmung der Bosse verflogen. Angesichts des internationalen Expansionskurses während der guten Jahre stehen Unternehmen wie Tata Motors oder der Windkraftanlagenhersteller Suzlon vor großen Refinanzierungsproblemen. Mit der in Indien bejubelten Übernahme der Marken Jaguar und Rover von den ehemaligen britischen Kolonialherren für 2,3 Milliarden Dollar vor genau einem Jahr hat sich Tata möglicherweise verkalkuliert. Einiges deutet darauf hin, dass Tata das Geld ausgeht. Im vorigen Quartal wies die Bilanz des auch politisch einflussreichen Unternehmens erstmals seit sieben Jahren einen Verlust aus. Elf Prozent Zinsen musste Tata inzwischen für eine dreijährige Anleihe zahlen. Die Barmittel sollen nur noch bei 100 Millionen Dollar liegen. Im Juni aber wird ein Kredit über zwei Milliarden Dollar fällig, den Tata für den Kauf von Jaguar und Rover aufgenommen hatte.
Bereits im vorigen Jahr konnte die Automobilindustrie nur mit beträchtlichen Konjunkturhilfen der indischen Regierung weiterhin wachsen. Welche Auswirkungen die ökonomische Krise auf die bisher konsumfreudigen und kaufkräftigen oberen 20 Prozent der indischen Gesellschaft und damit auch auf die Absatzzahlen der eher auf den einheimischen Markt orientierten Branchen haben wird, darüber lässt sich bisher nur spekulieren.