Zum Tode des US-amerikanischen Surrealisten Franklin Rosemont

Das ungezwungene Leben

Auch in den USA hat es eine surrealistische Bewegung gegeben. Einer ihrer Begründer, der Anarchist, Dichter, Arbeiter und Surrealist Franklin Rosemont, ist im April gestorben.

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Gemeinhin gilt, dass der Surrealismus sich in Amerika nie wirklich hat etablieren können. Doch das ist nicht richtig. Vielmehr muss man sagen, dass seit dem Zweiten Weltkrieg der Surrealismus nur in Amerika weiter fortbestehen und sein radikales, anarchistisches Programm mit aller Konsequenz verwirklichen konnte – vielleicht gerade deshalb, weil in kaum einem anderen Land der Kapitalismus selbst sich in einer surrealen Lebensweise verwirklichte. Tatsächlich hat es in den USA eine surrealistische Bewegung gegeben, die – da geflissentlich vom offiziellen Kunstbetrieb ignoriert – weitgehend unbekannt geblieben ist: die »Chicago Surrealist Group«. Am 12. April ist ihr Gründer Franklin Rosemont im Alter von 65 Jahren gestorben.
Wenn es in den sechziger Jahren in den Vereinigten Staaten noch so etwas wie eine Arbeiterbewegung gegeben hat, dann in der Industrieregion, in der auch Chicago liegt. Franklin Rosemont wurde hier am 2. Oktober 1943 geboren. Sein Leben beschreibt eine Biografie, in der die Herkunft durchaus noch eine Rolle spielt: Beide Eltern waren sozialistische Aktivisten, sein Vater Henry ein Drucker, seine Mutter Sally Jazzmusikerin. Zeit seines Lebens blieb auch Franklin Rosemont der besonderen, anarchistisch und syndikalistisch motivierten Bewegung politisch treu und organisierte sich etwa bei den Industrial Workers of the World (IWW), der Rebel Worker Group, arbeitete im Solidarity Bookshop und unterstützte die Students for a Democratic Society. Schon mit 15 trampte er, inspiriert durch Jack Kerouacs »On The Road«, nach Kalifor­nien, lernte dort den anarchistischen Buchhändler und Beat-Dichter Lawrence Ferlinghetti kennen und fand so seinen Weg zum Surrealismus.
Gerade der Surrealismus war nun auch deshalb politisch attraktiv, weil er sich auf das Individuum konzentrierte, das der Realsozialismus annullierte und das die spätkapitalistische Konsumgesellschaft nur als Schein zu realisieren vermochte. Zudem hatte der Surrealismus das Begehren, die Phantasie, den Traum von der Freiheit des Menschen zur politischen Kraft erhoben und damit der emanzipatorischen Utopie eine konkrete Gestalt verliehen. Für Rosemont hieß das: gerade gegen die surreale Pervertierung der Warengesellschaft, die über die Reklame für sich selbst nicht hinauskam, auf eine wahrhaft transzendierende Kraft des Ästhetischen zu setzen – deshalb die praktische Begeisterung für das Projekt der Surrealisten.
In ganz ähnlicher Weise hatte kein geringerer als Herbert Marcuse die Bedeutung des Surrealismus hervorgehoben und zitierte schon in seinem Freudbuch »Triebstruktur und Gesellschaft« von 1955 aus André Bretons erstem »Manifest des Surrealismus« von 1924: »Vielleicht ist die Phantasie dabei, wieder in ihre alten Rechte einzutreten.« Marcuse resümiert, nicht ohne Pathos: »Die Kunst verbündete sich mit der Revolution.« Dieses Programm galt ihm als Grundlage für die einzig mögliche Praxis, mit welcher das bestehende System des korporativen Kapitalismus durchbrochen werden könnte: die Große Weigerung!
Im Mai 1968 hat Marcuse diese Große Weigerung mit ihren surrealen wie revolutionären Elementen wieder entdeckt und damit bestätigt gefunden; kritisch kommentiert hat er das in seinem »Versuch über die Befreiung« von 1969.
Rosemont, der längst als Lyriker, Verleger, Publizist und Historiker der amerikanischen Arbeiterbewegung aktiv war, schickte Marcuse Textmaterial der Chicagoer Surrealistengruppe. Dem »lieben Genossen Rosemont« antwortete Marcuse umgehend, aufmerksam und interessiert an einer kritischen Debatte. Anfang der Siebziger gab es einen kleinen Briefwechsel, der allerdings in einer Kontroverse endete: Den Surrealismus als künstlerische Aktivität im proletarischen Alltagsleben aufzulösen – das wollte Marcuse nicht mitmachen. Im Gegenteil kritisierte er, dass genau das mit dem Surrealismus längst passiert sei: Die Kunst sei in die Gesellschaft integriert, die Arbeiter hätten sich längst an die provokative Kraft der Kunst gewöhnt. Wolle Kunst ihre ästhetische Dimension weiter behaupten, dürfe sie sich nicht in einem »Alles ist Kunst« oder »Jeder ist Künstler« auflösen. Statt dessen forderte Marcuse – so der Titel seiner letzten Monografie von 1977 – eine »Permanenz der Kunst«.
Auch wenn genau darüber der Streit zwischen Marcuse und Rosemont bzw. den Chicagoer Surrealisten entbrannte, sind doch im Rückblick die Differenzen gar nicht so groß. Die vielfältigen Aktivitäten Rosemonts in den letzten vierzig Jahren bestätigen das – sei es in Ausstellungen, sei es in Publikationen: Immer wurde die Kunst gegen die Gesellschaft verteidigt. Es zeigte sich, und darüber ist schließlich heute wieder zu diskutieren, dass der Surrealismus nur als politische Bewegung möglich ist, wenn er einerseits mit einer tatsächlichen politischen Bewegung konvergiert, wenn er sich aber andererseits in dieser politischen Bewegung nicht auflöst.
Als Künstler war Rosemont vor allem Dichter. Er veröffentlichte die Bände »The Morning of a Machine Gun« (1968), »The Apple of the Automatic Zebra’s Eye« (1971), »Lamps Hurled at the Stunning Algebra of Ants« (1990) und schließlich »Penelope« (1997). Neben zahlreichen Monografien zur US-amerikanischen Arbeiterbewegung publizierte er zudem etwa ausgewählte Schriften von Breton sowie »An­dré Breton and the First Principles of Surrealism« (1978) oder »The Forecast is Hot! Tracts and Other Collective Declarations of the Surrealist Movement in the Unites States, 1966–1976« (1997).
Dereinst verbündete sich die Kunst mit der Revolution – das war das Programm der frühen Surrealisten. Für Franklin Rosemont und die Chicagoer Surrealistengruppe war es gleichsam umgekehrt: Die Revolution verbündet sich mit der Kunst; ihre Politik ist die Poesie. »Bewegt durch die Liebe – der verrückte, unnachgiebige, kompromisslose und, stets, sicherste Weg des Surrealismus zur Erkenntnis –, wird die Dichtung zur Kraft der ungezwungenen Phantasie, die den Zugang zum ungezwungenen Leben eröffnet«, formuliert Rosemont sein surrealistisches Manifest.