Job-Speed-Dating bei der Arbeitsagentur in Potsdam

Triff den Chef!

Hoffnungsvolle Hochschulabsolventen lernen ihre potenziellen Arbeitgeber beim Speed-Dating kennen. Das Hochschulteam der Potsdamer Agentur für Arbeit macht es möglich.
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Die frisch gebackenen oder künftigen Hochschulabsolventen haben sich hübsch angezogen. Noch etwas scheu stehen sie, Bewerbungsmappen unter dem Arm, zwischen dem Büromobiliar der Potsdamer Arbeitsagentur, das für die heutige Ver­anstaltung zur Seite geräumt worden ist. Auf einem Tisch hat man Getränke und Knabbereien bereitgestellt.
Bereits vor diesem Montagnachmittag veröffentlichte die Agentur auf ihrer Internetseite eine Liste von Unternehmen aus der Region, die eine oder mehrere Stellen zu besetzen haben. Gesucht werden vor allem Ingenieure, aber auch Wirtschaftswissenschaftler und Informatiker. Die jungen Leute konnten sich für eine oder mehrere Stellen anmelden und warten nun auf ihre Dates mit den potenziellen Chefs. Man hört weniger Gekicher und sieht mehr Businessanzüge, als man bei einem Speed-Dating erwarten würde.

Um die Ecke sitzen die Vertreter der Unternehmen an 16 Tischen. An der Wand hängt ein großer Zeitplan, auf dem jeder sehen kann, wer wann bei wem vorspricht: In zweieinhalb Stunden kann jeder Arbeitgeber zehn Bewerber kennen lernen und umgekehrt. Bei den meisten Unternehmen ist der Zeitrahmen auch voll ausgeschöpft. Ledig­lich eine Privatschule aus Brandenburg, die Lehrer sucht, hat heute nur vier Bewerber. Die meis­ten Absolventen führen zwei bis drei Gesprä­che, einige aber auch mehr.
Zu jeder vollen Viertelstunde beginnt eine neue Bewerbungsrunde. Auf das Kommando einer Mitarbeiterin der Arbeitsagentur strömen die bereitstehenden Kandidaten mit einstudierter Dynamik zu den Tischen ihrer potenziellen Chefs. Nach neun Minuten erklingt eine Glocke, die an das baldige Ende des Gesprächs gemahnt, und ei­ne Minute später müssen sich die Gesprächspartner auch schon wieder verabschieden. Die Be­werber verlassen die Tische und begeben sich zurück, wo sich bereits die nächste Riege formiert und angespannt auf ihren Auftritt wartet.

Schon nach den ersten Casting-Runden entspannt sich die Stimmung merklich. Da viele Absolventen zwischen den Bewerbungsgesprächen mit­unter lange Pausen haben, verlagert sich die Veranstaltung bald auch nach draußen, wo die Bewer­ber bei einer Zigarette ihre angestrengte Seriosität fallen lassen. »Wahrscheinlich hätte ich mich normalerweise auf die meisten Stellen hier gar nicht beworben«, räumt einer der Wartenden ein, »aber es kann ja auch nicht schaden. Ich hatte noch nicht so viele Bewerbungsgespräche – eigentlich noch gar keins – und da ist das hier doch eine gute Gelegenheit, sich darauf vorzubereiten.«
Von den düsteren Prognosen für den Arbeitsmarkt zeigen sich die meisten hier nicht sonderlich beeindruckt. »Ich denke schon, dass ich relativ schnell einen Job kriegen kann. Entweder über diese Veranstaltung hier oder auf dem normalen Weg«, sagt ein Politikwissenschaftler. »Viel­leicht finde ich nicht sofort etwas, das ich unbedingt machen möchte, aber dann mache ich eben zwei Jahre mal etwas nicht so Tolles.«
Obwohl Akademiker der Statistik zufolgeweniger von Arbeitslosigkeit bedroht sind als alle anderen Bevölkerungsgruppen, richtet sich die Veranstaltung nur an Studierende kurz vor dem Abschluss und Absolventen im ersten Jahr nach der Prüfung. Die Teilnahme ist auch für arbeitslos gemeldete Akademiker freiwillig. »Wir arbeiten mit dieser Aktion auch gegen dieses Vorurteil, dass alle immer nur Akademiker suchen, die 23 sind und zehn Jahre Berufserfahrung haben«, sagt eine der Veranstalterinnen vom Hochschulteam der Agentur für Arbeit.

Trotzdem spiegeln die Stellenangebote auch die gegenwärtige Lage auf dem Arbeitsmarkt wider: Obwohl sich das Angebot ausdrücklich auch an Geistes- und Sozialwissenschaftler richtete, sind eigentlich nur bei zwei der ausgeschriebenen Stellen Geisteswissenschaftler gefragt – eine davon als Arbeitsvermittlerin bei der Agentur für Arbeit. Ansonsten werden hier hauptsächlich Stel­len für Absolventen angeboten, die auch ohne das Speed-Dating in Potsdam keine Schwierigkeiten beim Berufseinstieg haben dürften: Maschinenbauingenieure und Informatiker. Die Veranstalterinnen zeigen sich trotzdem zufrieden. Sie sind zuversichtlich, dass durch das »Chef-Dating« Arbeitsverhältnisse zustande kommen werden: »Sonst würden wir das ja nicht machen!«

»Die Gespräche fanden mehr auf Augenhöhe statt als normale Bewerbungsgespräche«, stellt einer der Teilnehmer fest. Das könnte daran liegen, dass die Situation für alle Beteiligten gleich neu war und weder Jobsuchende noch Jobanbieter in den Räumen zu Hause sind. Zwar kommen auch hier die Bewerber immer noch zu den Tischen der Chefs, aber es sind geradezu absurd klei­ne Seminartische und keine Chefschreibtische, an denen sie heute sitzen. Ein richtiges Bewer­bungs­gespräch ersetzt das »Chef-Dating« freilich nicht: »Für die Unternehmen ist es eine Gelegenheit, mit relativ wenig Aufwand sich einen Über­blick über die Bewerber zu verschaffen und sich auszusuchen, wen sie gerne noch einmal einladen würden«, sagt die Veranstalterin und er­klärt damit auch schon das Wesen des Kennenlernspielchens für die ohnehin Privilegierten unter den Arbeitssuchenden.
Mit ersten Auswertungsergebnissen wird Ende kommender Woche gerechnet.