Die Bundesliga und die Wirtschaftskrise

Abseits der Krise

Im Vergleich zu anderen europäischen Fußball-Ligen ist die Bundesliga weniger von der Wirtschaftskrise betroffen. Vor allem deshalb, weil sie ohnehin in einer anderen Liga spielt. Eine kleine politische Ökonomie des Fußballs.

Notizen aus dem bezahlten deutschen Fußball, Abteilung vierte Liga: Der Regionalligist FC Sachsen Leipzig stellte im März dieses Jahres seinen zweiten Insolvenzantrag innerhalb von acht Jahren. Die Verbindlichkeiten des DDR-Traditionsclubs – immerhin war man unter dem Namen Chemie Leipzig zweimal DDR-Meister – betragen zwei Millionen Euro. Auch der Lokalrivale VfB Leipzig, Nachfolger von Lokomotive Leipzig und mittlerweile wieder als Lok Leipzig antretend, ging bereits zweimal in Insolvenz.
Der Verein Sachsen Leipzig, der nun abgestiegen ist, konnte zuletzt nicht einmal mehr die Spielergehälter zahlen. Auf das Angebot, selbst zu kündigen und den Rest der Saison für ein Monatshonorar von 165 Euro zu spielen, ging keiner der Spieler ein. Daraufhin wurde, wie in solchen Fällen üblich, von der Bundesanstalt für Arbeit Insolvenzausfallgeld gezahlt. Weil vom Verein dann aber die Nachricht kolportiert wurde, etliche Spieler hätten diese Summe bei einer Kneipentour versoffen, wurden elf Profis aus dem Kader geworfen. Nun plant Sachsen Leipzig für die fünfte Liga, die Oberliga Süd.

Das sind unvertraute Nachrichten. Schaut man nämlich auf die Gehalts- und Transfersummen, von denen sonst aus dem bezahlten Fußball berichtet wird, könnte man zu dem Schluss kommen, dass der Sport in einem eigenen Kosmos existiert: in einem ohne Finanz- und Wirtschaftskrise. Schließlich wird fest damit gerechnet, dass zu Beginn der neuen Erstligasaison das Rekordergebnis der bisherigen Spielertransfers (in der Saison 2007/2008 wurden 171 Millionen Euro an Ablösegeldern gezahlt) übertroffen wird.
Wie wenig auch die Fachpresse hierzulande die Bundesliga in Zusammenhang mit riskanten Millionengeschäften sehen möchte, offenbart sich, wenn man die etablierten Bundesliga-Sonderhefte liest: Weder der renommierte Kicker noch die als links und kritisch geltenden 11 Freunde widmen sich der ökonomischen Situation im bezahlten Fußball. Die Bundesliga scheint ein ökonomischer Selbstläufer. »Der Konjunktureinbruch trifft die Fußball-Bundesliga kaum«, notiert die Welt und schiebt als Begründung die euro­päische Konkurrenz nach, der es schlechter gehe: »In einigen Ländern stehen die Fußballklubs vor einem finanziellen Desaster.«

Gerade die Finanzierungsmodelle, die zuletzt die englische Premier League sportlich stark gemacht haben, drohen sich nun als Kartenhausökonomie zu erweisen: Potente Geldgeber wie Malcolm Glazer (Manchester United) oder Roman Abramowitsch (Chelsea FC) sorgten zwar dafür, dass in den vergangenen drei Jahren je drei englische Teams im Halbfinale der Champions League standen. Aber sie sorgten auch für eine enorme Abhängigkeit des jeweiligen Clubs von der Liquidität des jeweiligen Milliardärs. Meh­rere englische Vereine sind derzeit von Insolvenz bedroht, Schätzungen geben den Schuldenstand der Premier League mit insgesamt 3,5 Milliarden Euro an.
Ähnliches gilt für viele Vereine der spanischen und italienischen Ersten Liga, bei denen oft schwerreiche Präsidenten die Funktion des Mäzens und Gönners übernehmen. Das führt beim FC Valencia etwa zu Insolvenzgerüchten. Und im vergangenen Jahr drohten die Profis der spanischen Profiligen mit Streik, da viele Vereine Gehaltsaußenstände hatten. Die Liga richtete einen Fonds ein, der die Gehälter sichern soll.
Die ökonomische Instabilität gilt auch für Vereine, die sich an die Börse begeben haben und nun vom Verlauf der Finanzgeschäfte abhängig sind. Doch sogar beim einzigen deutschen Verein, der einen Börsengang hinter sich hat, Borussia Dortmund, spricht man nur von »Schrammen«, die die Finanzkrise bewirkt habe. Nicht einmal der Umstand, dass die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) nun den Jahres- und Konzernabschluss der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA als fehlerhaft kritisiert, weil zu viele Erträge angegeben wurden, soll mit der Finanzkrise etwas zu tun haben.
Als Grund für die im europäischen Vergleich relativ stabile ökonomische Situation hierzulande gilt zweierlei: zum einen, dass in Deutschland Übernahmen von Vereinen durch Firmen oder Einzelpersonen juristisch nicht möglich sind. Und zum anderen, dass es seitens der Deutschen Fußball-Liga (DFL) ein strenges Lizenzierungs­verfahren gibt. Auch die Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV), also die deutsche Spielergewerkschaft, begrüßt diese Stabilität: »Damit hat unser Oberhaus in Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise nun perspektivisch ›gute Karten‹ gegenüber den anderen – teilweise hoch verschuldeten – europäischen Top-Ligen aufzuholen und wieder eine bevorzugte Adresse für internationale Topstars zu werden«, schreibt VDV-Präsident Florian Gothe in der Mitgliederzeitung Wir Profis. »Denn auch für Topstars ist es wichtig, dass die ihnen zugesagten Zahlungen auch verlässlich erfüllt werden und keine leeren Versprechungen bleiben.«
Das könnte einer der Gründe sein, warum es einem Bundesligaclub wie dem VfB Stuttgart beinahe gelungen ist, einen Spitzenspieler wie Klaas-Jan Huntelaar von Real Madrid nach Deutschland zu lotsen, und warum es Bayern München schaffte, einen Weltklassemann wie Franck Ribéry nicht nach Madrid ziehen zu lassen. Doch wenn man die zwei Fälle genauer anschaut, merkt man, dass sie nur von einem scheinbaren ökonomischen Erfolg handeln: Huntelaar blieb am Ende doch lieber bei Real. Und Ribéry konnte nicht etwa gehalten werden, weil ihm ein besonders gutes Angebot gemacht wurde, weil ihn das sportliche Konzept der Bayern überzeugt hätte oder ähnliches, sondern der eigentlich wechselbereite französische Mittelfeldspieler erhielt von seinem deutschen Arbeitgeber schlicht keine Freigabe. Die Bayern-Funktionäre drohen sogar damit, sich gegen Real Madrids Offerte juristisch zu wehren, denn man darf nach internationalen Statuten nur dann mit einem Spieler verhandeln, was Real mit Ribéry getan hat, wenn der aktuelle Arbeitgeber diesen Verhandlungen zustimmt.

Die Ablösesumme, die Bayern München verlangt hat, soll 80 Millionen Euro betragen; das Jahresgehalt, das Ribéry von Real Madrid in Aussicht gestellt bekam, habe zehn Millionen Euro betragen, heißt es. Dass Madrid prinzipiell bereit ist, solche Summen hinzulegen, hat der Verein in den vergangenen Monaten bewiesen: Für Cristiano Ronaldo, Kaka und David Milla wurden insgesamt 200 Millionen Euro überwiesen – ökonomisch wäre es da beinah gleichgültig, ob man sich noch einen Franck Ribéry holt.
Was Real Madrid vormacht, ist ökonomisch durchaus rational. Zum einen hat der Weltclub im vergangenen Jahr mit ganzen neun Punkten Rückstand dem Rivalen FC Barcelona zur Meisterschaft gratulieren müssen, was nicht etwa Pech geschuldet war, sondern dem Umstand, dass der aktuelle Champions-League-Sieger Barcelona spielerisch so weit zu enteilen drohte, dass investiert werden musste. Zum anderen hat gerade Real Madrid mit der mittlerweile nahezu mickrig anmutenden Summe von 35 Millionen Euro – für Insider: dafür gibt’s heutzutage schon einen Mario Gomez – im Jahr 2003 David Beckham von Manchester United geholt und damals bewiesen, dass solche Investitionen dann locker zu amortisieren sind, wenn man mit dem gekauften Star neue Märkte erschließt: Die 35 Millionen Euro wurden allein durch den weltweiten Verkauf von Real-Trikots, auf denen der Name »Beckham« stand, wieder reingeholt. Und durch die Popularität des Popstars Beckham gerade bei japanischen und südkoreanischen Teenagern wurden in Fernost neue Märkte erschlossen.

Davon ist die Bundesliga weit entfernt, und auch das lässt sich ökonomisch-rational erklären. Muss Real Madrid massiv investieren, um wieder Anschluss an die spanische und die europäische Spitze zu erreichen, so gilt eben das für Bundesligavereine kaum: In der vergangenen Saison war es der spätere Überraschungsmeister aus Wolfsburg, der am meisten investierte. Der reichste deutsche Verein, Bayern München, nimmt für Trikotwerbung in der jetzt beginnenden Saison gerade mal 20 Millionen Euro ein. Andere Clubs wie der FSV Mainz, der SC Freiburg oder die immer mit ihrem Gönner Dietmar Hopp vom Software­konzern SAP identifizierte TSC Hoffenheim verdienen mit dieser Art Werbung in der Saison sogar unter drei Millionen Euro. Daneben sind für deutsche Vereine die Ticketverkäufe, das Merchandising und vor allem die Fernseheinnahmen von Bedeutung. Die höchsten Einnahmen lassen sich noch in der Champions League realisieren – wenn man sie denn erstens erreicht und zweitens halbwegs weit in ihr kommt.
Der Vergleich mit der Champions League, wo die Schönen und die Reichen kicken, zeigt, wie schwierig es international für die Bundesliga­clubs werden kann. Größter deutscher Investor in der jetzt beginnenden Saison ist der FC Bayern München, der für etwa 50 Millionen Euro neue Spieler kaufte. Dafür gibt es entweder einen halben Cristiano Ronaldo. Oder man kriegt 25 000 zum Lohndumping bereite Viertligaprofis des FC Sachsen Leipzig. Die Bundesliga ist irgendwo dazwischen.

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