13.08.2009
Vorabdruck aus »Ramses Müller«

Nackenstau gegen Sockensaumabdruck

Soeben verlassen sie das Berliner Lokal »White Trash«, wo sie sich kennen gelernt haben: Ramses, seine Freundin Lydia, Schubal und Armin, der wahrheitswidrig behauptet hat, er kenne Christoph Schlingensief. Nun brechen sie gemeinsam zu dessen Party auf, wo sie nicht nur auf Bud Spencer und Matthias Matussek treffen, sondern auch auf einen riesigen Berg Surimi.

Die kleine Gruppe bricht auf, Schubal flüstert Armin zu: Du kennst Schlingensief also echt.
– Hab nichts anderes behauptet.
Er denkt: Aus Behauptung wird die Wahrheit. Fühlt sich gut und spürt den Druck der Blase, ein ehrlicher Inhalt, den hab ich mir verdient, das Glück.
Die vier verlassen das White Trash und treten hinaus in die kalte, klare Novemberluft, in der die Moleküle geordneter sind als drinnen, Schubal fällt auf, wie schön Lydia ist, ein bisschen wie Kylie Minogue, sie sieht so rein aus und paradoxerweise kleiner als drinnen auf dem Kinderstühlchen, und diese schlechte Luft im Lokal konnte ihrem Kefirteint nichts anhaben, das gesunde Weiß nicht in Grau verwandeln, zu ihrer Schönheit kommt die Unschuld in ihrem Blick, sie geht sicher nie aufs Klo zum »Stuhlgang«, denkt er, aber was macht sie dann dort? Sudoku lösen vermutlich. Natürlich hat sie Verdauung, und schneidet sich auch die Fußnägel oder kratzt sich an der Scheide, aber bei ihr und Claudia Schiffer und Donna Karan kann und will man sich das einfach nicht vorstellen müssen, anders als z. B. bei Margaret Thatcher, bei der kann man sich sogar Verstopfung vorstellen, die Qual des harten Stuhls, sogar Hämorrhoiden, und wie sie sich die Fußnägel knipst, die überall im Bad herumfliegen und überall landen, vielleicht sogar in ihrem eigenen Auge.
Vorm Lokal steht ein Taxi, sie besteigen es, Ramses vorn, hinten trauen sich weder Schubal noch Armin, Lydia in die Mitte zu nehmen, beide denken das Gleiche, das wäre obszön, wie sandwichen, sie hätte gar nichts dagegen, in der Mitte zu sitzen, haha, sie sind ja in Mitte, es ist kalt, im Taxi das übliche olfaktorische Inferno, hier aus Wunderbaum (Aloe Vera), Pfeifentabak und abgestandener Verhärmtheit, bitte nicht nach Hause schicken, sie friert, so sitzt sie da an den linken Rand gequetscht, allein gelassen, ausgesetzt wie ein kleiner Hund an der Autobahn, Ramses, am fernsten Punkt von ihr, telefoniert, kündigt wohl Schlingensief ihr Kommen an, Schubal und Armin schweigen sich an und betrachten ihre Knie, d. h. da ist immer noch mehr Kommunikation als links hinten im Taxi, wo Lydia ist, die Kleine, sie lehnt ihren Kopf, ihre blasse Backe an das kalte Fenster, um ihrer inneren Kälte mit richtiger, glatter Kälte beizukommen, Methode Gegenschmerz, in einem Moment, wo die beiden Typen neben ihr inzwischen dazu übergegangen sind, intensiv damit beschäftigt sind, ihre eigenen Eingeweide zu betrachten, und Ramses vorn fröhlich, ohne dass man etwas verstehen würde, ins Handy quatscht, und keiner zu ihr sieht, leckt sie kurz an der Scheibe, sie muss das tun, alles ist so eklig hier, sie fühlt sich verloren, sie muss aufwachen, etwas tun, was noch unvernünftiger ist, wach auf, sammle dich, gestern bist du schon nicht mit Benjamin von Stuckrad-Barre mitgegangen, heute wirst du nicht mit Ramses Müller mitgehen, mal sehn, mit wem du morgen nicht mitgehst und stattdessen Taxischeiben leckst wie ein kleines weinendes Mädchen, dessen Mutter ihm kein Eis kauft, weil sie das Geld für Zigaretten braucht, und sich nicht von dessen erdrückender Schönheit korrumpieren lässt, oder vielleicht gerade deswegen? Strafe für Schönheit, so empfand sie das damals immer. Es heißt ja immer, schöne Menschen hätten mehr Vorteile, würden bevorzugt, das ist totaler Unsinn, sie hatte nur Nachteile. Komplizierte Kindheit, und dann noch mit dem Namen nicht bestraft, sondern richtig geprügelt. Und das bist du jetzt. Wieder das kleine Mädchen mit dem doofen Omanamen. Komisch, dass dir erst gestern eingefallen ist, dich NICHT Hulda zu nennen, Lydia, mit dem schönen Y, das adelt dich ein bisschen, in England schmücken sich ja die Eltern mit ihren Kindern, indem sie ihnen Namen geben, deren I sie ersetzen durch ein schönes Y, gibt’s ja viele, Gwyneth, Vyvian, Sylvia, Mary, ein I muss nicht sein, ein Y sieht aus, als ob es extra kostet, einmal hattest du auch einen finnischen »Freund« bei Facebook, der sich Jymy nannte, vielleicht hieß er sogar echt so, der war aber ein bisschen daneben, so wie sein Name. Jymy aus Pieksämäki, er wollte immer Fotos von dir, aber keine der üblichen Art, sondern Füße, Knöchel, Kniekehlen, Sockensaumabdrücke, ja wirklich, hat er mal geschrieben, please sent me foto of your leg where the sock leave the mark in your skin, er hat das damit begründet, in seinem holprigen Englisch, dass für ihn das ein Symbol für Unterdrückung sei, das gefesselte Fleisch, »flesh in restraint«, er selbst hat ein Foto von sich im Anzug geschickt, er hatte einen Kragenstau, sein Sakkokragen lag nicht am Nacken auf, sondern dazwischen war eine Lücke, das sollte wohl das Gegenteil vom »gefesselten Fleisch« sein, Nackenstau gegen Sockensaumabdruck, was für ein Kuhhandel, viel später kam sie dann drauf, dass Jymy möglicherweise ein Psycho gewesen sein könnte, warum das wohl so heißt, Nackenstau, und wie wohl der Streifen Bein genannt wird, der zwischen Socke und Hosensaum bei manchen Männern sichtbar wird, wenn sie ein Bein über das andere schlagen, Blitzbein vielleicht, wegen so einem Streifen würde sie nicht schwul werden wollen, bzw. sie stellt sich vor, dass Schwule das an Männern abstößt, aber sie muss ja gar nicht schwul werden, um diesen Streifen abstoßend zu finden, weiter und immer weiter spinnen, so wie vor dem Einschlafen, ablenken davon, dass man nicht schlafen kann, das Assoziieren assoziieren, Asso Asso nennt sie ihr kleines privates Programm, um einschlafen zu können, es geht ihr etwas besser, vielleicht ist es das Bier, das Schaukeln des Taxis, das wohltuende Schweigen des Taxifahrers, das jenes der beiden Makrelenmänner neben ihr zu übertönen scheint, und jetzt mit Lydia, also ihrem neuen Namen, will sie es noch mal versuchen, einen Neustart, Ramses hat es ja vorgemacht, die Karten neu gemischt, und sie ist die Karo Sieben. Lydia ist ihre Karo Sieben. Jetzt hat sie sich für diese Karte entschieden, obwohl ihr in dem Moment einfällt, dass das ja die allerniedrigste Karte ist, die jeder stechen und die von jeder Karte gestochen werden kann, entsetzliche Vorstellung, wie kann sie als Feministin sich nur die allerkleinste Karte aussuchen? Es schwappt sie wieder etwas Leeres an, wie eine leere Bierdose an einem ölverschmierten Strand, okay, dann vielleicht ein Rommeespiel, da sind mehr Karten drin, da macht eine Sieben mehr Hoffnung. Salatzangen aus Bier­dosen hat Jymy gemacht, nicht herauszufinden war, ob als Hobby oder beruflich, einmal hat er dir eine geschickt, zu deinem Geburtstag am 29. Februar, der seltenste Tag, aber da war’s dann schon eigentlich aus mit ihm, er wollte dich zurückholen, ausgerechnet mit einer Salatzange.
– Wie eigentlich Lydia?
Sie bekommt einen Schreck, der neben ihr eingequetschte Schubal spricht sie plötzlich an wie der Mörder aus dem Nichts, die Frage überrascht sie.
– Wie wie?
– Wo das Ypsilon, also vor oder nach dem D?
– Ach so? Gibt’s auch Lidya?
– Ich weiß immer nie, ob es Lybien oder Libyen heißt und wo bei Marilyn Monroe das Y kommt, Marylin oder Marilyn? Also ohne zu googeln jetzt.
– Oh, das wüsste ich jetzt auch nicht aus dem Stand, wie geht’s denn richtig?
– Weiß eben auch nicht, Ramses weiß das sicher, ich denke mir immer, man sollte sich für so einen Fall, also wenn die Frage mal im Sudoku kommt, dass man dann eine Eselsbrücke haben sollte.
– Bei Sudoku gibt’s keine Fragen.
– Ach so? Ich hab hier übrigens einen Apfel in meiner Jackentasche gefunden, wollen Sie, äh, willst du einen Apfel?
– Apfel immer, aber jetzt nicht den bitte, das ist ein Boskoop, diese Marke wird auch Leder­apfel genannt (ein eigenartig dozierender Vortragsstil schleicht sich plötzlich in Lydias Rede, etwas, was sie nicht von sich kennt, sie ist plötzlich sehr weit von sich selbst entfernt, aber das irritiert sie nicht, hier in diesem Taxi, Asyl der Heimatlosen), den kann man kaum essen, der ist fast so zäh wie eine Quitte (sind Quitten nicht eher hart als zäh? wer oder was redet da aus ihr?), der ist allenfalls als Bratapfel geeignet, weißt du eigentlich, warum der Apfel das Symbol für Sündenfall ist? Also Bibel jetzt.
In Schubals Kopf fliegen jetzt unkontrolliert Wortfetzen, Sündenfall, Lederapfel, quittenzäh, wie Gene in der Ursuppe, er kann sich schlecht konzentrieren, der baumelnde Wunderbaum vorn am Rückspiegel des Taxifahrers verströmt wenig Geruch, dafür mehr Hohn, und dann glotzt der auch noch so niederträchtig nach hinten, der Fahrer, ein Rabenschwarzer, aus Afrika vermutlich, Schubal fühlt sich nicht wohl, mit halbem Auge schaut er zu Armin, aber der schaut aus dem Fenster und drückt in die beschlagene Scheibe einen so genannten Eumel, das kennt er noch aus seiner Schulzeit, wenn er frühmorgens im Bus saß, verschlafen, er drückt seine Faust mit der Kleinfingerseite in das Kondenswasser der Scheibe, das ist der Eumel, was ist eigentlich das widerlichste Wasser, Kondenswasser in so einem Taxi, ausgeblasen durch diesen ekelhaften Dialekt, das würde man ja nie trinken wollen, auch bei größtem Durst in der Wüste nicht, was mit eingefrorenem und wieder aufgetautem Würstchenheißmachwasser oder dem Zeug, das aus Klimaanlagen tropft, z. B. aus Peepshows oder aus dem Kühlraum, wo die halben Schweine hängen, oder die Pathologie, wo sie Tote aufbahren, also Leichendunst, was da noch so alles entweicht, ihm ist nicht ganz wohl, schnell an das gemütlich gluckernde Wasser in den Heizkörpern oder besser an Bügelwasser denken, das verdrängt die schlechten Flüssigkeiten schnell durch Freundlichkeit und Sympathie, das hilfsbereite Wasser, er könnte schon wieder Durst haben.
– Ein Apfel hat oben den Stiel, den Stängel, und unten die Blüte, die verdorrte, die sieht aus, naja, wie das Weibliche, und das ist das Symbol für das universelle Geschlecht.
– Das universelle quittenzähe Geschlecht? Klingt wie Handke, die andersgelben Nudelnester, das hängt dem jetzt ewig nach, das stand in seinem Serbienverteidigungspamphlet.
Wie dumm sie sich vorkommt, wie eine Erdnuss, natürlich sagt man beim Obst nicht Marke, sondern Sorte, aber nun hat sie es ja mal gesagt, jetzt muss es da stehen bleiben, im fahrenden Taxi, was für eine Scheißsituation, aber doch irgendwie auch egal, immer noch tiefer gehen, und dann darauf aufbauen, ein Haus mit den Rommeekarten zum Beispiel, na ja, bisschen wacklig.
– Hier, für dich, ist Christoph.
Ramses reicht sein Handy nach hinten zu Armin, der starrt entsetzt in die Runde.
– Hallo?
Pause, alle hören der Pause zu.
– Ja, freut mich auch, wir kommen dann gleich auch, also mit Ramses, also ich bring dann noch wen mit, guter Freund von mir.
Schubal ist entsetzt, erschreckt wie eine Katze bei splitterndem Glas.
– Das Buch? Welches Buch soll ich mitbringen?
Armin wird nervös, es stört ihn, irritiert ihn extrem, dass ihm der vollkommen unbekannte Christoph Schlingensief offenbar ein Buch geliehen hat, hier stimmt zweimal nichts, um nicht noch alles zu verkomplizieren, antwortet er kamikazeartig: Ja, ich hab das Buch bei mir, bis gleich.
Er reicht das Handy wieder nach vorn zu Ramses, sein Blick, der eines fragenden Karpfens, der nicht nur jetzt einen rostigen Haken im Maul hat, während er nach Luft schnappt, zu viel für ihn, und jetzt haut man ihm auch noch auf den Kopf, warum DAS JETZT auch noch? Wieso kennt Schlingensief ihn? Welches Buch? Der Stress gerinnt, die Magermilch wird sauer.
Armin sieht aus wie ein gefoppter Stallbursche, wieder arbeitet es in ihm, er bekommt Zahnschmerzen, die sich hoch zu seinem linken Auge ziehen. Welches Buch, Himmelherrgott, welches Buch, welches Buch? Er hat nur ein Buch in der Jackentasche, Pablo Nerudas Ich bekenne, ich habe gelebt, er hat das schon lange bei sich, er liest das immer häppchenweise in der U-Bahn, im Bus, im Wartezimmer, er kommt nicht weiter, schon seit Jahren nicht, es geht um einen Mann, der sich so durchmogelt, alle möglichen Hilfsjobs annimmt, Fensterlamellen putzen z. B., prima Buch, aber weil er es schon so lange mitschleppt, auch dementsprechend abgeschabt, er würde es Schlingensief geben, die Chancen stünden eins zu einer Milliarde, dass es das Buch ist, von dem Schlinge sprach. »Schlinge« nennt er ihn schon in seiner Verzweiflung, um ihm näher zu sein, ein ausgedachtes kumpelndes »Schlinge«, Synonym für das, worin sich sein Hals immer und jetzt ganz besonders befindet, naja, so ausweglos scheint es nicht zu sein, dass nicht immer noch ein Wortspielchen drin ist, er grinst nach innen. Sie erreichen ein neoklassizistisches Haus in Charlottenburg, aus einem Fenster hängt ein Bettlaken, auf dem NIE WIEDER ANTIFASCHISMUS zu lesen steht, das wird wohl Schlinges Wohnung sein, sie steigen aus, Ramses zahlt, wie Schubal zu seiner Erleichterung feststellt, Lydia zieht einen Taschenspiegel hervor und verödet mit einem Wattepad die durch die Tränen verursachten Kajalrinnsale.
Man betritt das Haus, im dritten Stock ist die Tür geöffnet, sie werfen ihre Mäntel auf den Mantelberg, es sind schon viele Leute anwesend, Schlingensief spricht intensiv mit jemandem, den man kennt oder der so aussieht, als ob man ihn kennen müsste, Barremensch oder Müllermensch*? Als die kleine Ramsesgruppe in die Wohnung kommt, eilt er ihnen zur Begrüßung entgegen, an seinen Haaren zupfend, sie aufstellend, so, als sei es eine Krone, die immer wieder in sich zusammenfällt, die er aber wohl braucht, um anzuzeigen, wer regiert, er sieht selbst aus wie ein Schlingensiefdarsteller, und die Haare wie Drähte, die aus seinem Gehirn wuchern. Auf seinem Camouflage-T-Shirt steht Anti Warhole (on the dancefloor), Ramses begrüßt er mit Wangenküssen.
– Ramski-Korsakoff, freut mich, oh, deine Leute, kommt rein, Freunde, Leute, Landläuse!
Er scheint »gut drauf« zu sein, strahlt Lydia an, nimmt ihre zarte Hand mit beiden Händen, so, wie es Politiker immer machen, was das wohl soll? Geborgenheit vermitteln? Ich will dich fressen? Wahrscheinlich beides. Lydia schaut zu Boden, schamvoll. Jetzt ist Schubal dran: Armin?
Armin eilfertig, während Schubal verdattert seine Hand ausstreckt: Ich, äh, schon länger her.
Schlingensief, sein Gesicht wird noch strahlender.
– Armin Bielefeld! Ich hätte dich nicht mehr erkannt, groß geworden, haha, das Buch?
Armin fühlt sich, als würde er schon lange durch die Wüste kriechen, den ganzen Mund voller Staub, jetzt lässt er es drauf ankommen, er zieht Neruda raus und schiebt es ihm entgegen.
– Ja, endlich!
Und das ist jetzt das Glas Wasser, das Schlingensief ihm reicht.
– Ich hing, ich hänge da sehr dran, hätte mir das ja nachkaufen können, aber das ist eins der ersten Bücher, die ich mir selbst gekauft bzw. geklaut hab damals, da hängt viel dran, erste Platte, erstes Buch, erste Freundin …
Er zwinkert Schubal zu und deutet mit seinem Kopf unmerklich gen Lydia, die die Geste nicht erkennen und also nicht deuten kann, weil sie untrennbar ist von der sie begleitenden Mimik, für sie sieht es aus, als wolle er seine Halswirbel sortieren. Armin fühlt sich plötzlich sehr ausgeschlossen und einsam, alle scheinen hier irgendwie verbunden zu sein, und ich muss so tun, als sei ich es auch, aber was bin ich, und wodurch bin ich es? Durch einen Lottogewinn, das einmillionste Buch, die kleinste nur denkbare Schnittmenge, woher weiß Schlingensief etwas, wovon noch nicht mal ich etwas weiß? Armin hat keine Probleme damit, dass andere Menschen klüger sind als er, aber hier, in diesem Fall, hätte er mehr wissen müssen, jemand zieht ihm den Teppich unter den Füßen weg, überführt ihn nicht einer Lüge, sondern bestätigt sie. Eine auf dem Sand des Zufalls aufgebaute Zukunft, das kann erregend sein, da bleibt man wach, muss man wach bleiben, aber sie bleibt auch gleichermaßen fragil wie bedrohlich.
– Die Menschen werden von den Meinungen gepeinigt, die sie von den Dingen haben, nicht von den Dingen selbst, sagt Schlingensief schief lachend, auf das Buch tippend.
Armin denkt: Heute Morgen hatte ich noch keinen Plan für den Abend, und jetzt gerate ich gerade in einen, aber keinen guten, den ein anderer für mich macht, was und wo bin noch ich? Er fühlt sich nicht wie ein Huhn ohne Kopf, sondern wie eines mit zwei Köpfen. Ein Mehrpersonenschizo? Ich bin Nihilist, nimmt er sich vor, bei der nächsten Gelegenheit zu sagen, wenn er mal gefragt wird, mit dem Nihilismus kann man nicht nur nichts falsch machen, sondern alles richtig.
Er sei ein Erfinder, der Dinge erfindet, die schnell kaputtgehen, kann sich vor Aufträgen kaum retten, sagt jemand neben ihm, er dreht sich um, es ist Ramses, der das sagt, genau, das hatte man ja noch gar nicht geklärt, wer was macht und warum. Firmen würden in ihren Produktentwicklungsabteilungen immer auch Leute haben, die Fehler, Sollbruchstellen einbauen, das erhalte eine Firma am Leben, wenn das Produkt nicht ewig hält, allein vom Ruf, die Firma stelle Dinge für die Ewigkeit her, könne man nicht leben, mit der Devise geht man, technisch gesehen, zugrunde. Natürlich arbeite er in einem Geheimlabor, das darf ja niemand wissen, dass man die Geräte absichtlich kaputt macht, diese so genannte Sollbruchstelle sei auch nicht sichtbar, unbekannt, wo sie sitzt, das wisse nur er, er müsse strafandrohende Papiere unterfertigen, jawohl »unterfertigen« sagen die noch immer, Nazideutsch, dass er nichts preisgibt, das ist ein sehr interessanter Job, aber auch eine extrem heikle Mission.
– Ich möchte einen Zug besteigen und aussteigen, wenn ich achtzehn bin.
Lydia sieht nicht gut aus, blasser gar als Kefir jetzt, wie Molke, blasses Wasser, ihr Satz ist an Armin gerichtet, in dessen unsicherer Mimik sie eine ähnliche Ausgesetztheit zu erkennen glaubt.
– Aber du bist doch schon etwas älter als 18, nicht?
– Ich werde zurückfahren.
Die kleine Gesellschaft löst sich in der großen langsam auf, man treibt zum Klo, zur Küche, wo ein kleiner Imbiss vorbereitet wurde, Salzmandeln, Dörrpflaumen, mit Gewürznelken gespickte Zwiebeln (wer isst denn so was?), zwiebackartige lange Brotstangen, Eiersalat, eine große Schüssel mit einer orangefarbenen Schmiere, ein riesiger Berg Surimi, also diese Stäbchen aus künstlichem Krebsfleisch (Schubals Lieblingssnack), Zigarettenböreks, Knoppers und Snickers, man geht ins Badezimmer, wo natürlich in der Badewanne die Bierflaschen inmitten ihrer Etiketten schwimmen, so, als würden die Flaschen herbstliche Bäume imitieren, und wenn man zurückkommt an den alten Ort, ist der Ge­sprächs­partner von eben weg. Schubal steht mit dem mal nach links, mal nach rechts gelegten Kopf am Bücherregal und liest die sich ihm entgegenwölbenden Rücken. Armin bekommt wieder das Ziehen über dem linken Auge, aber diesmal kein stressbedingtes, sondern ein ankündigendes, so, als sei dort eine kleine rote Lampe (Code Rot), er ahnt bzw. spürt, dass sich das morgen zu Depressionen materialisieren wird, schnell noch ein paar kleine Bierflaschen runterjagen, Nerven entspannen, die Kabel auseinanderfummeln, alles bügeln, normalerweise trinkt er große Biere, das ist gut zu kalkulieren, der Schmerz, die Kleinheit, die Scham, die Zweifel, das »große Nagetier« am nächsten Morgen war mathematisch erklärbar, und war das Tier sehr groß, rechnete er zusammen, was er gestern alles hatte, und waren es nur vier Bier, war das Tier schon nicht mehr so groß, und man konnte auf ihm möglicherweise sogar reiten, das System versucht ihn immer zu überlisten, wie die Kneifzange den Nagel, aber er ist meistens weiter, die Mathematik und die Physik würden, wenn man vernünftig trinkt, das psychische System, das da ist, um ihn zu schützen, schon durchschauen, aber, wie gesagt, das geht nur bei diszipliniertem Trinken, nichts durcheinander, immer schön beim selben Maß bleiben, dann kann nichts passieren. Jetzt trinkt er schon den ganzen Abend die vielen kleinen Biere, die wie die Ameisen ankommen, wie gefährlich sie sind, er hatte schon lange aufgehört zu zählen (3 kl = 2 gr), dann kommen die in solchen Gesellschaften unvermeidlichen Caipirinhas dazu, die jemand (sieht aus wie Tim Mälzer, ist er vermutlich auch) in der Küche zusammenstampft, und zwar nicht mit Rum, sondern, wie es seit einiger Zeit en vogue ist in bestimmten intellektuellen Kreisen, mit Vogelbeerschnaps, das Rezept hatte, Gerüchten zufolge, wohl Roger Willemsen entwickelt, und die Tierpanik meldet sich also jetzt überm linken Auge, aber man kann ja die Angst einfach fluten, die Vernunft wegschwemmen, er fühlt sich wohler im Moment, so schnell gäbe es keinen Ortswechsel und keinen neuen Morgen, Willemsen ist natürlich da, so, als müsse er die ordnungsmäßige Zubereitung seines Getränks überwachen, Charlotte Roche, Blixa Bargeld, Matthias Matussek, den sie gerade beim Spiegel geschasst hatten (sitzt jetzt im Archiv), Niels Ruf, auch er ein Wormser, darf ebenfalls nicht fehlen, er kriecht auf allen vieren, so, als suche er etwas, seine Kontaktlinsen vielleicht, oder es ist ein perverses Rollenspiel (»Ich bin ein Igel, wer will auf mir reiten?«), Wladimir Sorokin, Feridun Zaimoglu, die zwei Schriftsteller, vertieft im ernsten Gespräch, über Armenien wahrscheinlich, ein Typ, den man auch irgendwie zu kennen glaubt und den sie »Die Glasscheibe« nennen, Barbara Becker, von Heinz Strunk unappetitlich befingert, Bud Spencer (gehört neuerdings auch zur Schlingensief-Family) hat gerade Jonathan Meese im Schwitzkasten und gibt ihm Kopfnüsse, Meese quiekt wie ein Gibbon (und sieht auch so aus), alle lachen, Armin beobachtet Lydia, wie sie mit Gregor Gysi redet, lachend, wiehernd, die Haare, so, wie sie es wohl aus der Shampoowerbung L’Oreal Glanz Booster mit Kashmir Extrakten, spiegelschön wie im Salon kennt, in den Nacken wirft, es hätte noch gepasst, dass sie dazu Saxophon spielt, sie poliert Gysi die Glatze mit einem Spülschwamm, und zwar mit der Kratzeseite, Armin traut seinen Augen nicht, sie löst sich vom untersetzten Politiker und zieht ab gen Klo, Gysi schaut ihr nach mit Augen wie Schießscharten, Armin folgt ihr, Gysi tanzt, nein, hopst wie ein Styroporwürfel auf der Wasseroberfläche zum gerade laufenden Hit von Tocotronic Die Reklamation (»Wir kommen, um uns zu beschweren«), Armin schlüpft wie ein Fisch Lydia hinterher, sie schließt die Tür, hebt den Rock über die Hose, zieht die Hose runter, Unterhose (Omahose, blasses Rosa, sichtbare Saumspuren) ebenfalls, dreht ihm ihre »hintere Notdurftzone« zu, komischerweise hat sie einen langen Pferdeschweif, man sieht die so genannte Schwanzrübe, die sie leicht anhebt, ihr Anus pumpt, weitet sich, und ihm kollert unter Lydias Schnauben ein dampfender Pferdeapfel entgegen.

*Barremensch oder Müllermensch: Benjamin-von-Stuckrad-Barre-Mensch oder Heiner-Müller-Mensch

Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Tex Rubinowitz: Ramses Müller. Eichborn-Verlag, Frankfurt 2009. 200 Seiten, 17,95 Euro. Der Roman erscheint dieser Tage.