Über demokratische Schulen in Israel

Die Kinder von Givat Olga

Israels demokratische Schulen scheinen fortschrittlicher zu sein als manche Forderungen der Bildungsproteste in Deutschland: Sie sind basisdemokratisch organisiert, und ihre Schüler lernen, was sie wollen. In der Regel werden diese Schulen von Kindern aus der Mittel- und Oberschicht besucht. In Givat Olga, einer der ärmsten Wohngegenden in Israel, gibt es ebenfalls eine demokratische Schule. Hier geht es nicht immer harmonisch zu.

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»Hier ist jetzt kein Unterricht«, sagt die Lehrerin. »Nachher findet hier nämlich eine Feier statt zum Schuljahresende. Da kommen Kinder und auch Leute.« Die zehnjährige Schani lässt die Tür wieder ins Schloss fallen und legt ihre Stirn skeptisch in Falten. »Warum sind Kinder denn bitte keine Leute?« fragt sie kopfschüttelnd.
Schani gehört zu den 255 Schülern der Schule Givol im Norden Israels. Givol ist eine demokratische Schule. Das heißt erstens, dass die Schüler keinen festen Lehrplan haben. Zweitens werden möglichst viele Entscheidungen in einer Schulversammlung gefällt, in der jeder Lehrer und jeder Schüler eine Stimme haben. Weltweit gibt es meh­rere hundert Schulen dieser Art. Allein in Israel, dessen Fläche etwa der von Hessen entspricht, sind es 25. In Deutschland scheiterten Nach­ah­mungs­­versuche lange an den Schulbehörden. Inzwischen gibt es eine Hand voll staatlich anerkannter Schulen, die sich selber als demokratische Schulen verstehen. Bis zum Abitur reichen die Genehmigungen jeweils aber nicht und die Lerninhalte müssen vergleichsweise eng an den Lehrplan des jeweiligen Bundeslandes gebunden bleiben.
Anders als in anderen israelischen demokratischen Schulen kommen die meisten Kinder in Givol nicht aus der Mittel- oder Oberschicht. Givol ist eine Kurzform für Givat Olga – der Ort, an dem die Schule sich befindet, und eine der ärmsten Wohngegenden Israels.
Givat Olga entstand in den frühen fünfziger Jahren am Rand der Küstenstadt Chadera aus einem Auffanglager für Neueinwanderer. Zu Beginn sammelten sich dort jüdische Immigranten aus Libyen, dem Irak, Marokko und Tunesien. Der staatliche Häuserbau brachte damals den Bewohnern des Auffanglagers unerhörten Luxus, jedenfalls im Vergelich zu den dortigen Lebensverhältnissen. Die Wohnungen in den mehrstöckigen Häusern waren zwar klein, aber ausgestattet mit modernen Toiletten, fließendem Wasser und Strom.
Viele dieser Gebäude stehen heute noch und se­hen so aus, als seien sie in den vergangenen Jahrzehnten einfach dem Verfall überlassen worden. Auf weiten, unbebauten Flächen gibt es nichts als Staub, Dreck und Müll. Einfamilienhäuser mit Ziegeldächern deuten auf einen bescheidenen sozialen Aufstieg einzelner Anwohner hin.
Ein Großteil der Bewohner sind inzwischen jüdische Immigranten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und aus Äthiopien.
Vor vier Jahren zogen etwa 30 Pädagogen, Küns­t­ler und politische Aktivisten nach Givat Olga, um dort durch Stadtteilarbeit und Kulturprojekte einen sozialen Wandel zu initiieren. Die Ideen der Gruppe lockten weitere Interessierte an, von den Begründern sind heute nur noch wenige da. Einer von ihnen ist Reshef Burde. »Wir glauben da­ran, das Leben in unserem Wohnort besser zu machen«, sagt er, »und wir glauben daran, dass dies durch Bildung geschehen kann.« So sei es vor drei Jahren zur Gründung der Givol-Schule gekommen.
»Jede demokratische Schule ist anders«, sagt er. Eine Formel, die später noch einige seiner Kollegen wiederholen werden. Was aber haben die Schulen gemeinsam, die sich so nennen? Und was macht sie also aus?

Nur wenige Kilometer entfernt von Givol befindet sich eine weitere Schule, die auch international als Modellbeispiel gilt. In der Kernstadt Chaderas steht die älteste und größte Schule dieser Art in Israel.
Weil die Sommerferien kurz bevorstehen, möchte Schulleiter Rani Abramovich einen Unterrichtsbesuch nicht mehr genehmigen. Das sei in dieser Zeit »zu viel Druck« für die Lehrer. Zu einem Treffen auf dem Schulgelände ist er aber bereit. »Unser erstes Ziel sind die Menschenrechte«, sagt er. In deren Geschichte habe es einige Revolutionen gegeben, die die Welt verändert hät­ten. »Zum Beispiel das Verlangen der Frauen nach Gleichberechtigung. Wir vollenden die Aufgabe und geben auch den Kindern ihre Rechte.« Die Erwachsenen hätten lange geglaubt, man müs­se Kinder 18 Jahre lang bearbeiten, um sie zu vollständigen Menschen zu machen. »Aber der Mensch ist von Geburt an etwas Ganzes, und man sollte ihn auch so behandeln.« Auf die Frage hin, ob er diesen Ansatz für sozialistisch halte, zögert er und verneint schließlich: »Es geht um eine Gleichheit der Chancen und nicht der Individuen.«
1987 von einer Gruppe von Eltern gegründet, wur­de die Schule vom Bildungsministerium wegen ihres liberalen Ansatzes zunächst sehr skep­tisch beäugt. Nach mehreren gescheiterten Schlie­ßungsversuchen wurden ihre Erfolge 1994 mit dem renommierten Bildungspreis des israelischen Präsidenten auch staatsoffiziell honoriert. Heute besuchen etwa 350 Kinder zwischen vier und 19 Jahren die Privatschule, mehrere hundert stehen auf der Warteliste.
Die Kinder an der demokratischen Schule von Chadera suchen sich selbst aus, was sie lernen wollen. Zu Beginn jedes Schuljahrs stellen sie sich aus zahlreichen Angeboten einen individuellen Stundenplan zusammen. Sollten sie ein Thema vermissen, können sich interessierte Schüler zusammentun und ein neues Unterrichtsfach vor­schlagen, sofern sich dafür ein Lehrer finden lässt.
Zu Beginn des Kurses legen die Lehrer ihre eige­nen Regeln fest und können die Teilnehmer zum Beispiel zu regelmäßiger Anwesenheit oder der Er­ledigung von Hausaufgaben verpflichten. Jeder Kurs kann jederzeit abgebrochen, möglicherweise dann aber nicht wieder aufgenommen werden, falls eine entsprechende Regel so festgelegt wurde.
»Wir zwingen die Schüler überhaupt nur zu zwei Dingen«, sagt Abramovich, »von 8 bis 13 Uhr in der Schule zu sein und sich einen Tutor auszusuchen«. Der Tutor ist ein Lehrer, der Schüler bei der Auswahl der Lernziele berät. Er steht aber auch als Gesprächspartner für persönliche Probleme zur Verfügung.
Dass die Leistungen der Schüler nicht bewertet werden, sieht Abramovich als Kritik am Sortierungsdrang des etablierten Bildungssystems: »Das Schlimme an Noten und Prüfungen ist, dass sie Gewinner und Verlierer produzieren. Und schlechte Noten helfen auch niemandem, besser zu werden.« Wer aber beispielsweise an der Universität studieren möchte, kommt um eine staatliche Abiturprüfung mit Noten nicht herum.
Das höchste Entscheidungsgremium ist das ein­mal wöchentlich tagende Schulparlament. Jeder Anwesende, ob Schüler oder Lehrer, hat eine gleich­wertige Stimme. Entschieden wird nach dem Mehrheitsprinzip. Alle Entscheidungen des Parlaments, die nicht gegen staatliches Recht verstoßen, sind für die gesamte Schule bindend. Ihre Komitees entscheiden auch über so grundlegende Fragen wie die Aufnahme von neuen Schülern und Lehrern. Abramovich selbst ließ sich seit seinem Amtsantritt vor zwölf Jahren alle vier Jahre per Wahl als Schulleiter bestätigen.
Soweit die Theorie, die viele Fragen offen lässt. Zum Beispiel, wer sich in der Praxis durchsetzt: der begabteste Redner, der Lehrer oder doch der mit dem besten Vorschlag? Darauf angesprochen, wird Abramovich wieder allgemein: »Das ist keine Frage über diese Schule, das ist eine Frage über das Leben. Wer seine Ideen am besten verkauft und wer reiche Eltern hat, hat in der Regel mehr Chancen.«
Das Schulgeld in Chadera beträgt mehr als 1 000 Euro pro Jahr. »Bevor wir Kinder in die Schu­le aufnehmen, schauen wir aber nicht auf den Kontostand der Eltern«, versichert Abramovich. Es gebe ein Elternkomitee, das Einzelfälle prüfen und die Kosten bei Bedarf senken oder ganz erlassen könne. Trotz solcher Regelungen werden demokratische Schulen vor allem von Kindern aus der Mittel- und Oberschicht besucht. Deren El­tern können ihnen bei Bedarf Nachhilfe finanzieren und haben die Kontakte, um sie notfalls auch ohne Abitur gut unterzubringen.

In der demokratischen Schule von Givat Olga sieht es anders aus als in der von Abramovich geleiteten Schule in Chadera. Hier kommt die Hälfte der Schüler aus der Wohngegend, einige sind zuvor aus regulären Schulen ausgeschlossen worden. Und tatsächlich geht es hier merklich au­toritärer zu. Vormittags besteht Unterrichtspflicht, der Stundenplan wird gemeinsam mit Eltern und dem jeweiligen Tutor festgelegt und kann im Laufe des Schuljahrs auch nicht ohne wei­teres geändert werden. Neben Mathematik, He­bräisch und Englisch können aber auch Yoga, Thea­ter, Lesestunden in der Bibliothek, Comic-Zeichnen oder Band-Proben als Fach gewählt werden.
An der Givol-Schule beginnt der Tag für alle Schü­ler mit einer Morgenrunde. In einem der Räu­me sitzen fünf Kinder um einen großen Tisch und lassen die Ausführungen ihres Lehrers geduldig über sich ergehen. An diesem Morgen geht es um einen bevorstehenden Strandausflug. Die Tür fliegt auf, und ein noch schlaftrunkener Junge setzt sich wortlos dazu. Einer der Schüler wird immer zappeliger, bis er den Stapel mit Elternbriefen für sich entdeckt. Schnell hat er einige davon zu Papierfliegern umgearbeitet. Er lässt sie quer durch das Klassenzimmer fliegen. Eine Weile schaut ihm der Lehrer dabei zu. Dann schreit er ihn doch noch an: »Hör jetzt auf und setz dich wieder hin!«
Schani, das zehnjährige Mädchen, erklärt sich dazu bereit, ihre Schule vorzustellen. Sie hievt sich einen Rucksack auf die Schultern, der fast so groß ist wie sie selbst. Dann beginnt sie ihre Führung. Im Computerraum hat sich eine Gruppe von Kindern um einen Monitor versammelt, auf dem zu sehen ist, wie Tarzan durch den Urwald springt. Andere sind auf dem Fußboden mit Legosteinen beschäftigt. »In jeder Etage ist eine bestimmte Altersstufe untergebracht«, erklärt Schani. Die Schüler können sich zwischen diesen Bereichen aber frei bewegen.
Schanis Freundin Gal schließt sich der Führung an, und beide scheinen an ihrer Aufgabe zunehmend Gefallen zu finden. Wir machen Zwischenstation im Sternenhaus, dem Bereich für die ganz Kleinen. Eine Gruppe von Kindern steht im Kreis und klatscht zu Trommel-Rhythmen aus einem Ghettoblaster. Nacheinander treten sie in die Mitte vor und hüpfen, drehen sich, rollen und purzeln übereinander – ihre Solo-Tanzeinlagen. Schließlich waren alle einmal dran, die Kindergärtnerin drückt auf die Pausentaste.
Das ist der Zeitpunkt für Gal, stolz ihren Spruch aufzusagen: »Das hier ist ein Journalist, und der schreibt einen Artikel für eine Wochenzeitung aus Deutschland.« Ob sie versteht, was sie sagt?
»Jedes Kind spielt hier, was es möchte«, erklärt die Kindergärtnerin. Draußen baut ein Kind eine Sandburg, sein Freund hat es sich zur Aufgabe ge­macht, angestrengt an einem elastischen Ast zu ziehen, der über den Sandkasten ragt. Die Aufsichtsperson sieht einige Minuten gelassen zu. »Nimm doch eine Schere!« rät sie schließlich.
»Warst du schon in der Kunst?«, fragt Schani. Der Weg führt über den Schulhof und eine Treppe hinab in den Luftschutzbunker. Etwa zehn Kinder unterschiedlichen Alters sind mit Basteln, Malen und Zeichnen beschäftigt. »Ich sehe das hier als einen therapeutischen Ort«, sagt Meital Katz Minerbo. Für die Kunstlehrerin ist es das ers­te Jahr in Givat Olga, vorher hat sie in Chadera und einer weiteren demokratischen Schule gearbeitet.
»Vormittags gebe ich Zeichenunterricht«, erzählt sie, »und die Kinder lieben es.« Einige Stunden in der Woche haben die Schüler die Gelegenheit, das Gelernte im offenen Kunstzentrum anzuwenden. »Plötzlich machen alle das, was zwei, drei Kinder im Unterricht gelernt haben. Daran glaube ich: dass du von deinen Freunden lernen kannst, von anderen Kindern, sogar von einem kleineren Kind.« Demokratische Schulen seien nicht nur großartig für die Kinder, sondern auch für Lehrer, die nicht in ihrer eigenen Lehrroutine alt werden wollten.

Auf den Unterschied zwischen Utopie und Wirklichkeit angesprochen, erzählt ihr Kollege Rotem Ronen von der Gründungsphase: »Nach monatelangen Vorbereitungen war uns damals eigentlich klar, wie die Schule funktionieren sollte.« Bei Streitigkeiten habe man eben mit den Beteilig­ten vernünftig reden wollen. »Am ersten Schultag kam es dann aber zu Gewaltszenen, die wir uns so gar nicht hätten vorstellen können«, sagt er.
Auch deshalb seien Freiheiten eingeschränkt wor­den, die man den Schülern nun allmählich wie­der zurückgeben wolle, um sie hineinwachsen zu lassen. Das Parlament stimmt so zwar über das Pausensignal ab, kann aber zum Beispiel über die Zusammensetzung der Schulgerichte nicht entscheiden.
Das Gewaltproblem ist auch nach drei Jahren noch vorhanden. Auf einem Gang schlagen zwei Mädchen aufeinander ein, ein paar schaulustige Kinder stehen um die Szene herum. Eine Lehrerin kommt zufällig vorbei und geht entschlossen dazwischen. »Ich kann sie einfach nicht leiden«, schreit eines der Mädchen und ist dabei den Tränen nahe. »Siehst du«, kommentiert ein Mitschüler, »so läuft das hier jeden Tag.« Die Angelegenheit ist damit nur vorläufig beendet. Später können sich die Streitenden entscheiden, ob ein Mediationsverfahren zur Lösung des Konfliktes ausreicht. Sollte es eine der Beteiligten verlangen, wird der Fall vor einem Schulgericht ver­handelt werden, dem »Komitee zur Problemlö­sung«. Das Komitee tagt zweimal wöchentlich und setzt sich jeweils aus einem Lehrer und zwei Schü­lern zusammen. Das Ziel bleibt eine Kompromiss­lösung, aber es können auch schwere Sanktionen bis hin zum Schulausschluss verhängt werden.
Der 11jährige Amit* ist Stammgast bei diesen Verhandlungen. »Wenn jemand etwas tut, was dir nicht angenehm ist, dann musst du es ihm zu­rückgeben«, sagt er. »Der Klügere gibt nach«, rezitiert ein Schüler-Richter als Antwort, und die anwesende Lehrerin spricht vom Gewaltkreislauf, aus dem es auszubrechen gelte. Amit grinst souverän und ist sichtlich bemüht, sich über die Situation lustig zu machen. »Gott, mit so einem Idioten kann man keine Verhandlung führen«, ruft eine weitere Schülerin, die als Richterin im Komitee beteiligt ist.
»Wenn du so weitermachst, wirst du dir irgend­wann eine andere Schule suchen müssen«, sagt die Lehrerin. Jetzt erst wird Amit ernst. Beide Streit­parteien, ehemals Freunde, schildern ihre Sicht der Dinge, und es ergibt sich eine Chronologie gegenseitiger Beleidigungen und körperlicher Übergriffe. Die Entscheidung wird schließlich vertagt, weil es die Mittagshitze immer schwieriger macht, sich zu konzentrieren. Die Schule hat nicht genug Geld, um die Unterrichtsräume zu klimatisieren.
Givol wurde als einzige demokratische Schule von Anfang an vom Staat finanziert, ist aber auch auf private Spenden angewiesen, um von den Eltern kein Schulgeld verlangen zu müssen. Inzwischen reicht es zumindest für ein warmes Mittag­essen für alle Schüler, bevor sie sich bis zum späten Nachmittag selbständig beschäftigen.
Gerade wegen der Hindernisse und Konflikte bleibt Givol ein Projekt, dem viel Erfolg zu wünschen wäre. Doch selbst mit einer erfolgreichen Schule, die möglicherweise aber auch zu steigenden Mieten im Wohngebiet beitragen könnte, werden die Kinder aus Givat Olga wohl auch in Zu­kunft vermutlich nicht zu den Gewinnern der Gesellschaft gehören.

* Name von der Redaktion geändert