Die Ausstellung »Vergessene Rekorde«

Echte Stars und frühe Profis

Beim Kulturprogramm der Leichtathletik-WM in Berlin informierte die Ausstellung »Vergessene Rekorde – jüdische Lichtathletinnen vor und nach 1933« über die Schicksale von Gretel Bergmann, Martha Jacob und Lilli Henoch.

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Es ist nicht viel anders als schlechtes Privatfernsehen, das Kulturprogramm der Leichtathletik-WM in Berlin. Nigel Kennedy, ein massenkompatibler Geiger, tritt am Brandenburger Tor auf. Und es wird, was auch sonst, natürlich gekocht. Ein paar ambitionierte Theatergruppen versuchen sich an einer Performance zu Körperbildern. Allerlei Verrenkungen werden derzeit in Berlin gemacht, um die Kultur und das Sportereignis zusammenzukriegen. Wieder einmal ohne Erfolg. Es ist zudem bezeichnend, dass der beste Programmpunkt dieses mit über zwei Millionen Euro aufgeblasenen WM-Kulturprogramms um jeden Cent kämpfen musste und am Ende mit 5 000 Euro abgespeist wurde. Es geht um die Ausstellung »Vergessene Rekorde«.
Im mächtigen Repräsentantensaal des Centrum Judaicum in Berlin, dort also, wo einstmals das jüdische Gemeindeparlament tagte, ist sie platziert. Von der hohen Kuppeldecke hängen kreisförmig 14 Tafeln tief in den Raum hinab. Schöne, große und stolze Frauen sind da auf Schwarzweiß-Fotos zu sehen. Darunter finden sich kurze, anschauliche Texte über ihr Leben. Es geht um Gretel Bergmann, Martha Jacob und Lilli Henoch. Drei jüdische Leichtathletinnen, die zwischen 1922 und 1936 allerhand deutsche Rekorde errangen, Weltrekorde aufstellten und so manchen Titel bei internationalen Meisterschaften gewannen. Mit Ernst und Hingabe, zunächst voller Glück und Freude und später dann mit fast unglaublicher Selbstachtung und Selbstbehauptung betrieben sie ihren Sport. So lange, wie sie es in Deutschland durften und vor allem aushalten konnten. Bis 1933 waren sie gleichberechtigt integriert in die bürgerlichen Sportvereine. Lilly Henoch beim Berliner SC, Gretel Bergmann im Ulmer FV und Martha Jacob beim SC Charlottenburg in Berlin. Sie waren echte Stars, frühe Profis und für ihre Zeit überaus emanzipierte Frauen. Stolz klebten die Kinder der Weimarer Republik ihre Sammelbilder in die Sport­alben jener Zeit. Gretel Bergmann neben Max Schmeling. Das ging gut, bis die Nazis 1933 die Macht übernahmen. Spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs aber sind die drei Ausnahmeathletinnen vergessen. »Der Sport denkt immer nur in der Gegenwart, ein wenig in die Zukunft, doch nie in die Vergangenheit«, erklärte Joachim Teichler, einer der Ausstellungsmacher, im Centrum Judaicum. Fürwahr, im Lexikon des Deutschen Sports sucht man die Namen der drei Leichtathletinnen Bergmann, Henoch und Jacob bis heute vergeblich. Auch deshalb ist der Titel der Ausstellung wohl gut gewählt, wenngleich er ein wenig sperrig daherkommt: »Vergessene Rekorde – jüdische Leichtathletinnen vor und nach 1933«.
So normal sich das sportliche Leben der drei in der Ausstellung gezeigten Athletinnen in der Weimarer Republik noch gestaltete, umso tragischer wendete es sich nach 1933. Am Ende stand die Emigration oder die Deportation. Wie schnell sich auch ein Sportverein von einem Hort der Gemeinsamkeit zu einem Ort der Ausgrenzung und Anfeindung verwandeln kann, das haben alle drei Sportlerinnen gleichermaßen zu spüren bekommen. Denn der Antisemitismus erreichte den organisierten Sport in Deutschland des Jahres 1933 ebenso rasch wie andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens auch. Manche sagen, sogar noch ein wenig schneller. Wie in einem Wettlauf um die Gunst der Nationalsozialisten, in vorauseilendem Gehorsam quasi und noch ohne staatlichen Druck, schalten sich die meisten Sportvereine und Sportverbände ab dem Januar 1933 gleich. Sie beschlossen die »Vollarisierung«, warfen ihre jüdischen Mitglieder aus den Vereinen und führen das Wehrsport- und Führerprinzip ein.
Die sportliche Biografie der meisten jüdischen Sportler geht dennoch weiter. Es folgt sogar eine kurze, wenngleich von den Nazis erzwungene und geduldete Scheinblüte der jüdischen Sportvereine, in die die jüdischen Athleten nun abgeschoben werden und Zuflucht finden. In den beiden jüdischen Sportverbänden Maccabi und Schild finden auch die drei in der Ausstellung biografierten Sportlerinnen Unterschlupf, Halt, soziale Bindungen und nicht zuletzt halbwegs sichere Orte des Sporttreibens. Die Hochspringerin Gretel Bergmann wird auf internationalen Druck sogar als einzige »Volljüdin« in das deutsche Olympiateam aufgenommen. Aus dem sicheren England kehrt sie 1936 nach Deutschland zurück. In Stuttgart, im Adolf-Hitler-Stadion, stellt sie 22jährig mit übersprungenen 1,60 Meter den Deutschen Rekord ein. Es nutzte nichts. Obwohl dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und der damals wie heute mächtigsten Sportnation USA nicht verborgen blieb, dass Bergmann keine echte Chance auf eine Teilnahme an den Spielen hatte, lassen sie sich von der Scheinnominierung beschwichtigen. Sie lehnen einen Boykott der Spiele ab.
Avery Brundage, ein ausgewiesener Antisemit und später Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), ist in jener Zeit Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der USA. Er drängte auf eine Teilnahme der USA. Am 16. Juli 1936 macht sich das US-Team von New York aus mit dem Schiff nach Deutschland auf. Einen Tag später wird Gretel Bergmann aus dem deutschen Team geworfen. »Ein böses Erwachen aus einem wunderschönen Traum«, erinnert sie sich später in ihrer Biografie. 1937 schließlich wandert Bergmann in die USA aus und heiratet.
Lilli Henoch bleibt in Berlin. In ihrer Wohnung gibt sie Privatstunden in Gymnastik. Sie hat Angebote aus dem Ausland. Doch sie will ihre Mutter und ihre Schüler nicht verlassen. Lilli Henoch wird deportiert und schließlich am 5. September 1942 in der Nähe von Riga im Alter von 43 Jahren ermordet. Martha Jacob verlässt bereits Ende 1933 Berlin, geht nach London, dann nach Südafrika. Dort stirbt sie 1976 in Kapstadt. Gretel Bergmann lebt heute als Gretel Lambert in New York. Sie ist 95 Jahre alt, und ein schlechter Film über ihr Leben (»Berlin 36«) wird im September in den deutschen Kinos zu sehen sein.