Über das Centro Sociale im Schanzenviertel

Ein, zwei, drei, viele soziale Zentren

Über die Zukunft des Gebäudes im Schanzenviertel, das zurzeit das »Centro Sociale« beherbergt, soll ein Wettbewerb entscheiden. Auch die kommerziellen Teilnehmer tun ihr Bestes, sich so sozial wie möglich zu geben.

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Meldungen über feindliche Übernahmen kannte man bisher vor allem aus der großen weiten Welt der börsennotierten Unternehmen. Die jüngsten Entwicklungen im Hamburger Schanzenviertel zeigen allerdings, dass dieses Phänomen auch zu Gentrifizierungsprozessen zu gehören scheint.
Derzeit wird um jenen Ort gerungen, an dem im Sommer 2008 das autonome Centro Sociale eröffnet wurde. Ausgerechnet die Pferdestall GmbH, die sich selbst gern als Mittler zwischen Sub- und Hochkultur darstellt, macht dem Centro im Rahmen eines jetzt öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerbs Konkurrenz. Die Pferdestall GmbH ist u.a. Betreiber des »Kulturhauses 73« in unmittelbarer Nachbarschaft der Roten Flora.

Die Lage des Centro Sociale auf dem ehemaligen Schlachthofgelände zwischen dem Schanzen- und Karolinenviertel gehört zu den begehrtesten in Hamburg. Den Initiatoren des Centro war dies sehr wohl bewusst. »Das Centro Sociale versteht sich als Kontrapunkt zur Gentrifizierung, als Widerborst zu und Rückzugsort in der zunehmend umstrukturierten Stadt. Dieser Umstrukturierung wollen wir etwas entgegensetzen und endlich wieder Räume für gemeinsames Leben ohne Konsumzwang öffnen«, schreiben sie in ihrer Selbstdarstellung. Neben der Roten Flora wollte man im Schanzenviertel einen weiteren Ort für politische Gegenöffentlichkeit schaffen.
Getragen wird das Projekt von einer Genossenschaft. Mittlerweile haben 150 Personen Anteile gezeichnet, noch viel mehr beteiligen sich an der Gestaltung der täglichen Angebote. Gesichert ist die Existenz des Centro durch einen Untermietvertrag zunächst bis Ende dieses Jahres. Danach möchte man mit einem langfristigen neuen Vertrag das Zentrum weiterführen. Das zuständige Sanierungsunternehmen, die Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft (Steg), hat allerdings andere Pläne. Vor 20 Jahren noch im Besitz der Stadt, wird dem inzwischen privatisierten Unternehmen vorgeworfen, die beklagten Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse im Hamburger Schanzenviertel maßgeblich vorangetrieben zu haben. Entsprechend plante das Unternehmen, den Gebäudekomplex, der das Centro beherbergt, für eine rein kommerzielle Nutzung umzubauen. Angesichts der kontroversen Debatten um die Zukunft der Schanze und ­diverser zu Bruch gegangener Fensterscheiben traut sich die Steg offensichtlich nicht mehr, ­diese Nutzungsideen weiterzuverfolgen.

Stattdessen änderte sie die Strategie und richtete einen Wettbewerb aus, dessen Ziel es angeblich ist, »einen nachbarschaftlichen, nicht kommerziellen Treffpunkt für den Stadtteil St. Pauli« zu schaffen. Das klingt sicher nicht zufällig so, als wolle man das Centro Sociale selbst weiter betreiben, und es ist anzunehmen, dass man es vor allem loswerden will.
Das sehen auch viele Initiativen im Stadtteil so und haben sich trotz Aufforderung der Steg gar nicht erst am Wettbewerb beteiligt. Das Centro selbst hat sich wiederum mehr oder weniger mit dem eigenen Konzept beworben. Bis auf zwei Teilnehmer, die Pferdestall GmbH und die Arinet GmbH, zogen alle weiteren noch vor Ende der Frist ihre Bewerbung zurück, um nicht in Konkurrenz zum Centro zu treten.
Reinhard Schulz, Geschäftsführer der Alsterarbeit gGmbH, die der Evangelischen Stiftung Alsterdorf angegliedert ist und u.a. Behindertenwerkstätten betreibt, ist so ein Bewerber. Zum Rücktritt von der Beteiligung am Wettbewerb sagte er: »Unsere Bewerbung würde dieses noch recht junge engagierte Stadtteilprojekt gefährden. Im Centro Sociale engagieren sich viele Menschen für ihren Stadtteil. Diese Entwicklung unterstützen wir grundsätzlich und wollen nicht eine noch so gute Geschäftsidee dagegen setzen.«
Die Pferdestall GmbH hat offensichtlich kein Problem damit, mit dem Centro zu konkurrieren. Das entspricht im Wesentlichen ihrer erfolgreich erprobten Strategie, im alternativ-studentischen Milieu einträgliche Geschäfte zu machen und das als »kulturelle Basisarbeit« zu verkaufen. So richtete das Unternehmen ein Café in der Universität Hamburg ein und übernahm eine Reihe von weiteren Läden in der Stadt.
Vorzeigeobjekt ist fraglos das besagte »Kulturhaus 73« direkt neben der Roten Flora. »Subkultur trifft Alltagskultur trifft Hochkultur!« heißt es höchst verdächtig auf der Website des Hauses, wo auch die Räumlichkeiten für Konzerte, Theater und vieles mehr angepriesen werden: »unkonventionelle Partys«, »Filme schauen oder dunkle Literaturlesung«, »bei Kernzenschein Politisches diskutieren«. Das Schanzenpublikum wird eben­so bedient wie Unternehmen, die sich für »Produktpräsentationen« oder Fotoshootings einmieten können. Ehemalige Innensenatoren sind bei dort stattfindenden Podiumsdiskussionen gern gesehene Gäste, und auch der Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) wurde bereits eingeladen. Doch der ließ sich an dem Veranstaltungsort mit Blick auf die Rote Flora zumindest offiziell bisher noch nicht blicken.

Die Geschäftsidee der Pferdestall GmbH ist vergleichsweise einfach: Warum sollen andere das Geld verdienen, das man doch selbst verdienen kann? Falk Hocquél, einer der verantwortlichen Gesellschafter, sagte der Taz Hamburg: »Natürlich tragen wir zur Partysierung des Viertels bei. Die Frage ist nur, was käme, wenn wir nicht wären.« Wegen dieser Einstellung haben sich die Verantwortlichen des Unternehmens gerade im Zusammenhang mit der Bewerbung um das Centro noch weiter unbeliebt gemacht. Zwei Mitbewerber, die anfangs gemeinsam mit der Pferdestall GmbH aufgetreten sind, sprangen aus Solidarität mit dem sozialen Zentrum ab. Als Anfang Juli die Wettbewerbsteilnahme bekannt wurde, quoll innerhalb kürzester Zeit das Online-Gästebuch des »Kulturhauses 73« vor kritischen Kommentaren über. Die Administratoren des Forums zogen daraufhin Konsequenzen und löschten kurzerhand alle Beiträge zum Thema. Schließlich ver­öffentlichten die Betreiber des »Kulturhauses 73« eine Stellungnahme zu den Vorwürfen, die die Faktenlage jedoch recht frei interpretierte. Demnach sei die Bewerbung mit Vertretern des Centro abgesprochen gewesen, für den Fall, dass das Centro den Zuschlag erhalte, werde man die Bewerbung zurückziehen.

Die Genossenschaft weist die Behauptung einer Koordination der Bewerbungen zurück. In einem offenen Brief stellt sie darüber hinaus fest: »Die Pferdestall Kultur GmbH möchte das Haus in der Sternstr. 2 als weiteren Geschäftsstandort übernehmen. Die Sozialgenossenschaft, die das Centro Sociale trägt, will das Haus als nichtkommer­ziellen Freiraum halten. Diese unterschiedlichen Positionen lassen sich nicht unter einen Hut bringen.«
Dass die Behauptung der Pferdestall GmbH tatsächlich taktischer Natur war, konnte man Ende Juli in der Taz Hamburg nachlesen. Darin sagte der schon erwähnte Hocquél, den Leuten vom Centro werde nach einem Jahr »die Luft ausgehen. Wir wissen, wie man so etwas bespielt.«