Über den Comic »Leroy und Dexter« von Thomas Gilke

Vorsicht, Mehlsturm!

Der Comic »Leroy und Dexter« führt in die Nano-Welt des Kleinen, Experimentellen, Unsichtbaren.

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Der Comic wirkt erst mal altmodisch, die beiden Hauptfiguren Leroy und Dexter scheinen aus einer Comic-Vorzeit zu stammen. Man denkt an Reklamezeichnungen aus den frühen Sechzigern von Alltagsgegenständen, denen Augen und Mund aufgemalt wurden, damit Küchenmaschinen und Toaster irgendwie menschlicher wirken. Die beiden Comic-Helden des Zeichners Thomas Gilke scheinen diesem Auftrag der Beseelung eines Technik-Paralleluniversums noch entfernt verpflichtet zu sein, auch wenn sie ihn nicht erfüllen, sondern ins Leere laufen lassen.
»Leroy und Dexter«, die zuerst als Webcomic auf electrocomics.com und jetzt in einem schönen Band im Avant-Verlag (mit einem Vorwort von Fil) erschienen sind, führen in die Nano-Welt des Kleinen, Unsichtbaren, Experimentellen. Feuerzangenbowle meets Dietmar Dath. Allerdings tendiert der Comic dann doch mehr zur Schlaubergerei und weniger zur Turbo-Wissensschleuderei, ist also mehr Bowle als Dath, und lässt, was die Erzählstruktur angeht, die Kirche im Dorf. Das geht los bei der Figurenkonstella­tion: Leroy und Dexter sind zwei Laberköppe, die sich höflich siezen und sich dabei ständig Gemeinheiten an den Kopf werfen. Klassischer geht’s ja nicht. Der Comic hat eine feste Struktur, zwei Männer unterhalten sich und reagieren damit auf irgendwelche Ereignisse aus der Außenwelt wie ein aufkommender Mehlstaubsturm oder ein sich auftuendes schwarzes Loch und schwätzen sich durch ihr mikrokosmisches Leben. Der Witz an der Sache ist, dass eigentlich nichts passiert. Mehlstaubstürme sind ja aus der Makroperspektive betrachtet nicht wirklich aufregend. Weitere Feinde der Minis sind Freie Radikale, Pollen, Atome und Milchsäurebakterien. Freunde sind Testosteron, Ad­renalin und andere Hormone, die dann in Schwanz-Gestalt oder Busenform aufmarschieren. Nach dem Laurel-und-Hardy-Schema wäre der überhebliche und besserwisserische Leroy Dick und der trottelige Dexter Doof. Dabei muss man sich Leroy und Dexter als unsichtbar vorstellen; unserem Blick ebenso entzogen wie die Milben, mit denen man sich Bett und Teppiche teilt. Milben sind im Vergleich zu Leroy und Dexter allerdings riesenhaft.
Im Anhang des Buches ist die Vorgeschichte der Strips dokumentiert, aus der klar wird, woher die Geschichten ihren Sechziger-Jahre-Touch haben: aus der Sowjetunion zu Zeiten Breschnews nämlich. »Leroy und Dexter« sind der Spin-off eines verschollenen Sowjet-Comics. Bei einem Besuch in einem brandenburgischen Kaff namens Rüdersdorf vor vier Jahren stieß Thomas Gilke auf einen Schwung Hefte, die aus der Bibliothek des Kulturhauses »Martin Andersen Nexö« aussortiert worden waren. Neben einem Pilz-Buch und einem Lada-Reparatur-Buch gab es Ausgaben der sowjetischen Zeitschrift Sputnitschi, die auch den Comic »Leroy und Dexter« enthält. In der sowjetischen Urfassung firmierte der Comic mal unter dem Titel »Leroy und Dexter«, mal unter »Hämmerchen und Sichelchen«. Da sich der Kontext, in dem der Comic steht, nicht wirklich erschließen lässt, wirkt das Ganze kryptisch und schon deshalb ziemlich komisch. Man kann sich nicht entscheiden, ob das jetzt ein Python-artiger Witz ist, der mit Absicht die Pointe weglässt, oder einfach ungeschlachte Situationskomik.
Die Helden sind zwei mit wenigen Strichen gezeichnete Charaktere, die gegen Insekten oder Viren kämpfen. In einem Strip sieht man die Leroy-Figur mit Köfferchen an einer Hotelrezeption, hinter der die Dexter-Figur steht. Dazu gibt es folgenden Dialog: »Guten Tag, ich komme zum Insektenkongress und habe ein Zimmer vorbestellt.« Im nächsten Panel sind ein kleines Bett zu sehen, das sich im Zangengriff eines riesigen Insekts befindet, und die erschreckte Dexter-Figur, die beim Betreten des Zimmers in Ohnmacht fällt. Beschwerde bei der Hotelrezeption. Dexter verlangt ein Zimmer ohne Bettwanzen und Küchenschaben und kriegt zur Antwort: »Ich dachte, Sie wollen gleich mit der Arbeit beginnen.« Ob das jetzt eine Kritik an den hygienischen Verhältnissen in russischen Hotels ist oder eine Lobpreisung der hohen Standards in der sowjetischen Insektenforschung oder ob es um die Machenschaften des KGB geht, weiß man nicht.
Klar erkennbar sind dagegen die Absichten des unter »Hämmerchen und Sichelchen« laufenden Strips, hier treibt das antiamerikanische Klischee komische Blüten. Dexter: »Sehen Sie, was ich von meiner Forschungsreise aus Afghanistan mitgebracht habe, Kollege. Einen dort heimischen Virus.« »Hello, man«, sagt der Virus mit Zigarre und Zylinder. »Hm«, brummt Dexter, »so etwas gibt es bei uns nicht, aber einem Afghanen sieht er auch nicht ähnlich.« »Nice here, I want to have your land«, sagt der Ami-Virus. Den Afghanistan-Krieg zur Forschungsreise umzudichten, ist schon ziemlich bizarr, und man versteht sofort, warum Thomas Gilke von dieser sowjetischen Comic-Rarität aus Zeiten des Kalten Kriegs gepackt war und sich selbstmächtig zum Sequel entschlossen hat. Seine Version hat sich das Bizarre, Abseitige, Kryptische und – an dieser Stelle kommt man um das K-Wort nicht herum – Kafkaeske der Vorlage erhalten und in wunderschöne Colorationen getaucht.

Thomas Gilke: Leroy und Dexter. Avant-Verlag. Berlin 2009, 132 Seiten, 19,90 Euro